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  #1  
Alt 24.12.2013, 19:57
Benutzerbild von Schafschubser
Schafschubser Schafschubser ist offline
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Registriert seit: 24.12.2013
Ort: Niedersachsen
Beiträge: 24
Standard ...ich schäme mich in Grund und Boden...

Es ist Heilig-Abend und ich lese seit 2 Stunden Eure Zeilen - und heule seit 1 Stunde am Stück.

Ich bin über Gooogle zu Euch gekommen. Habe einen Bericht wg. meiner Mutter gepostet.

Ich bin 43 Jahre, habe nach einer kompletten Lähmung der Beine und Organe (Inkontinenz) 2 schwere Wirbelsäulen-OP's hinter mir. Was soll ich sagen - ich bin gesund. Habe mal hier und da Schmerzen, die ich mit Tilidin Tropfen behandele. Kann aber viele Stunden wandern - mit dem Sitzen ist es nicht ganz ok.

Ich wohne auf dem Land und habe eine schöne Wohnung. Darf allerdings wegen der OP's nur noch 3 Std. am Tag arbeiten. Bekommen Erwerb. Min. Rente und meine BU zahlt brav. Ich habe nichts zu klagen - bis auf meine Psyche.

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Selbstmord denke.

Jetzt habe ich Eure Zeile gelesen. Und was soll ich schreiben? Ich schäme mich - ich schäme mich und verneige mich vor Euch. Beim Lesen sind mir die Tränen über das Gesicht gelaufen. Wie haltet Ihr das nur aus?

Meine Probleme sind nichts gegen das, was Ihr mitmacht. Oh Gott, ich finde mich so unmöglich. Mich ärgern Sachen, über die Ihr wahrscheinlich lachen würdet. Ich bin in psychatrischer Behandlung, weil ich unter Antriebsschwäche leide. Oh wie schlimm.... ich sehe jetzt vieles aus anderen Augen.

Man liest die ganzen Geschichten einzelner Mit-Foris und freut sich, dass es ihnen besser geht - und dann dass sie gestorben sind.

Ich sende Euch viel Kraft und alles erdenklich Gute.

Liebe Grüße
Claudia
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  #2  
Alt 25.12.2013, 03:04
Norma Norma ist offline
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Registriert seit: 06.11.2005
Beiträge: 1.193
Standard AW: ...ich schäme mich in Grund und Boden...

Liebe Claudia,

schön, dass du uns gefunden hast!

Ich wünsche dir ganz besonders schöne Weihnachten!

Deine Zeilen berühren mich sehr! Du hast ja krankheitsmäßig auch schon viel mitgemacht und ich werde mich hüten, meine Krebserkrankung über deine Leiden zu stellen. Jede Krankheit ist schlimm und gerade Lähmungen sind unendlich belastend. Inkontinenz ebenso.

Das Einzige, was uns unterscheidet, ist die Tatsache, dass über meinem Kopf (über allen Köpfen von Krebskranken) das Damoklesschwert hängt und jeden Tag runter zu fallen droht.
Es gibt Menschen, die gerne dann argumentieren, man könne ja auch täglich verunfallen oder vom Bus überrollt werden.
Dieser Vergleich hinkt.
Wenn ein plötzliches Ereignis das Leben beendet, hat man keine Zeit mehr, sich Gedanken zu machen. Von einer Sekunde zur anderen ist es vorbei.

Eine schwere Op über sich ergehen lassen zu müssen (so wie du oder auch Krebskranke, die ebenfalls operiert werden müssen), ist für alle Menschen angsteinflößend.

Eine Krebserkrankung endet selten mit dem sofortigen Tod; weder nach einer Op noch während anderer akuter Therapien. Wenn, dann kommt er oft schleichend langsam; quasi in Zeitlupe.

Mit dieser Tatsache leben zu müssen, ist alles andere als leicht. Die Psyche spielt lange Zeit völlig verrückt (auch nicht bei allen, aber bei ganz vielen) und es dauert sehr lange, bis man einigermaßen wieder zum Alltag zurückfindet.
Trotzdem gibt es immer wieder Rückschläge und dann gilt es, sich irgendwie abzulenken und den Überlebenskampf nicht aufzugeben.

Ich habe in den letzten 12 Jahren unendlich vielen Foristen "Lebewohl" sagen müssen und es ist bei jedem einzelnen schwer gefallen. Daran kann man sich wohl nie gewöhnen.

Der Tod einer jungen Frau, die mittlerweile seit über 5 Jahren nicht mehr unter uns weilt, ist mir ganz besonders nahe gegangen. 34 Jahre alt, 3 kleine Kinder... der Schock saß unglaublich tief. Für sie habe ich gestern, am Heiligen Abend, wieder eine Kerze angezündet. Mehr geht leider nicht mehr... vergessen werde ich Manuela nie.

Nein, du brauchst dich nicht zu schämen, liebe Claudia! Du lebst DEIN Leben, mit allen Höhen und Tiefen, die jedes Leben mit sich bringt.

Freu dich, dass dich noch banale Dinge ärgern können (aber stimmt schon, die Prioritäten haben sich bei mir wirklich verschoben) und genieße einfach, dass du wieder gut laufen kannst und keine finanziellen Sorgen hast (auch das ist ein Privileg, welches -leider- längst nicht alle Krebskranken haben). Deine schöne Wohnung... alles prima, alles fein!

DU bist DU! Nur Eines solltest du wirklich vergessen: Deine Selbstmordgedanken. Wenn sie dich quälen, geh raus in die Natur. Sie ist es, die dir zeigt, wie schön das Leben ist. Die Vögel, die auch im Winter hier zu beobachten sind. Oder die Bäume, die trotz kalter Temperaturen bereits erste zarte Knospen bilden. Nicht zu vergessen: Seit 3 Tagen werden die Nächte wieder kürzer und die Tage länger. Jeden Tag um eine Minute; ist das nichts?
Es geht immer wieder aufwärts... und wenn es abwärts geht, dann warte geduldig auf bessere Tage; sie werden kommen, versprochen!

Und was deine Antriebsschwäche angeht, so kann ich dir vergewissern: Die sollte man nicht immer mit aller Kraft bekämpfen. Lass sie ruhig zu, wenn es geht. Immer nur gegen etwas ankämpfen kann niemand. Ich auch nicht.
Aber lass nicht zu, dass sie dich völlig beherrscht. DU bist Diejenige, die bestimmt, wann es wieder gut ist... nicht die Antriebsschwäche.

Vergiss es bitte nicht.

In diesem Sinne:

Frohes Fest!

Liebe Grüße
Norma
Diagnose Brustkrebs Nov. 2001
Diagnose Darmkrebs Juni 2007 bei meinem Mann
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  #3  
Alt 30.12.2013, 19:22
Benutzerbild von Taziana
Taziana Taziana ist offline
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Ort: Ludwigshafen
Beiträge: 86
Standard AW: ...ich schäme mich in Grund und Boden...

Hallöchen Claudia,

ich habe auch manchmal ein schlechtes Gewissen wenn ich hier bin und von Menschen lese, die es sehr schlimm erwischt hat... Ich bin nur ein Angehöriger... Meine Mama hat ein Bronchialkarzinom im Endstadium. Viele Nächte konnte ich nicht schlafen und habe geweint. Auch heute gelegendlich noch.

Ich denke, wenn man in einer Situation ist, die schwer zu ertragen ist, fühlt man sich immer schrecklich... Dabei ist es unabhägig wer besser und wer schlechter dran ist. Das hier ist kein Wettbewerb, in dem der mit dem schrecklichsten leiden gewinnt.

Ich finde es sehr beeindruckend wie gut viele Betroffene mit ihrer Erkrankung umgehen, auch lese ich viel davon das sie Angst haben. Ich kann mir leider, oder gottsei dank, ich weiß es nicht genau... nicht vorstellen wie es ist zu wissen das man bald sterben wird, sich damit auseinander zu setzen und mit Therapien die Lebenserhaltend sind, aber nicht der Heilung dienen...

Als Angehöriger finde ich es schon ziemlich schwer, diesen kommenden Verlust zu akzeptieren und auch ich war den ein oder anderen Tag über die Erkrankung meiner Mutter depressiv, wütend, traurig, ohnmächtig, machtlos.

Ich finde, jeder Mensch hat das recht in seiner Situation ein Stückweit zu leiden und sich auch mal selbst zu bemitleiden, solange man aus diesem Loch auch wieder rausguckt und sagt: Heute geht's mir/Meinem Angehörigen super gut. Wie willst du denn eine Erkrankung oder den Verlust eines Menschen verkraften, wenn nicht durch Trauer, Reden, Wut, Hass.

Die Depressionen die du hast, kommen nur von der Ohnmacht in der du dich befindest, ob diese jetzt berechtigt ist oder nicht... Darüber urteile ich nicht.

Ich könnte auch sagen: Ich bin ja nichtmal krank... Nur meine Mutter. Und Claudia, die hat ständig schmerzen... Aber das liest sich total unsinnig...

Also sei ruhig wütend über deine Krankheit, setz dich damit außeinander, dann wird es dir vielleicht auch wieder besser gehen, nach jedem Regen scheint die Sonne...
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  #4  
Alt 30.12.2013, 20:00
wincon wincon ist offline
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Registriert seit: 29.12.2013
Beiträge: 8
Standard AW: ...ich schäme mich in Grund und Boden...

Hallo, ich finde das Du keinen Grund hast Dich zu schämen.
Denn jeder hat sein Päckchen zu tragen auch Du hast schon einiges hinter Dir.
Ich bekomme nun mit 33 Jahren auch erwerbsminderungsrente und bin so schwach aber wir schaffen das alles.
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  #5  
Alt 01.01.2014, 22:14
Sylvia Theodora Sylvia Theodora ist offline
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Registriert seit: 01.11.2013
Beiträge: 3
Daumen hoch AW: ...ich schäme mich in Grund und Boden...

Hallo Claudia,
Auch mich berühren deine Zeilen. Ich bin ebenfalls schon Jahre krank und nun seit Sept 2013 werde ich auch wegen Brustkrebs der leider schon Metastasen gebildet hat behandel.
Und ich kann, bei allem was auch gut für dich läuft, deine Selbstmordgedanken und deine Scham gut verstehen. Ich für mich weiß heute, dass wenn diese Gedanken kommen, icb sie kommen lassen kann. Ja ich begrüße sie inzwischen wie alte Bekannte, die mir zeigen, dass ich mich nach Ruhe sehne undbesonders liebevoll mit mir selbst sein sollte. Und soll man das einem chronisch Kranken verdenken. Immer konfrontiert zu sein mit Schmerz, Bewegungsschwierigkeiten etc. da will die Seele ab und an nicht mehr. Für Akutphasen habe ich mir ein Telefon Netzwerk aufgebaut. Ich rufe dann eine sehr gute Freundin an, die mir im Fall des Falles einen Schritt weiterhilft. Inzwischen weiß ich bei mir diese Welle vergeht. Das wichtigste wie ich meine ist, bleib nicht alleine damit!
Ich wünsche dir viel Kraft und Freude für 2014 und freu mich von dir zu lesen!
Alles Liebe
Deine Theo
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