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  #1  
Alt 05.03.2014, 23:18
sum1 sum1 ist offline
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Standard wenn es zum schlimmsten kommt...gehen oder bleiben?

hallo zusammen. mich beschäftigt da ein thema. ich habe krebs in der familie und mache mir seither sehr viele gedanken. habe einen kleinen sohn und eine sehr liebe frau. und ich versuche gerade herauszufinden, was ein für angehörige humaner weg sein könnte.

soll man z.b noch eine letzte gute zeit mit der familie verbringen (urlaub) und sich dann verabschieden? beispielsweise in noch einigermassen gesunden zustand in eine kleine wohnung / hotel etc. ziehen und den kontakt abbrechen?

oder soll man die familie beim zerfall zusehen lassen? ich würde es nicht ertragen wenn mich mein kind in einem zu schlechten zustand sehen müsste, die bilder würden ein leben lang bleiben.

was soll das letzte bild des vaters sein?
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  #2  
Alt 06.03.2014, 00:32
gilda2007 gilda2007 ist offline
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Standard AW: wenn es zum schlimmsten kommt...gehen oder bleiben?

Ich würde es nur schwer ertragen, wenn mich mein Vater ausschließen würde. Sterben gehört zum Leben dazu. Ich weiß auch, dass mein Vater ein Leben lang darunter litt, dass er beruflich bedingt zu spät kam, als seine Mutter starb. Meine Großmutter hat ihre Kinder alle noch mal zu sich gerufen und mein Vater war nicht da. Das ist eine Erinnerung, die offenbar viel schlimmer ist, als der "Zerfall".
__________________
lg
gilda
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  #3  
Alt 06.03.2014, 09:15
Caput Caput ist offline
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Standard AW: wenn es zum schlimmsten kommt...gehen oder bleiben?

Hallo Sum1,

meine Mutter wollte nicht über ihre Krebserkrankung und den möglichen Tod sprechen. Vor der OP war das Thema sterben absolut tabu. Ihre Einstellung war, dass sie die OP übersteht, dass sie die Chemo übersteht und sich dann noch eine restliche gute Zeit macht. Die Situation, dass irgendwas an diesem Plan nicht aufgehen könnte hatte sie nie angesprochen. "Darüber macht man sich Gedanken, wenn es soweit ist." "Weinen könnt ihr später, wenn ich tot bin - aber nicht jetzt und nicht hier vor mir." Außer meinen Vater, meinen Mann und mir wollte sie auch gar keinen Besuch empfangen. Die Leute (damit schloss sie selbst ihre Geschwister ein) sollten sie "so" nicht sehen. Es war keine Scham oder falscher stolz, sie sagte "ich kann die Trauer in den Gesichtern nicht ertragen. Trauern um mich soll man doch erst, wenn ich tot bin!" Die Traurigkeit der anderen würde ihr die Kraft rauben um gegen die Krankheit anzukämpfen und das könne sie jetzt nicht gebrauchen. Bis dahin konnte ich es noch nachvollziehen und akzeptieren, zumal die OP nicht erfolgreich war und sich eine Baustelle nach der anderen auftat.

Durch die vielen Komplikationen und aufgrund der Tatsache, dass sie keine Chemo mehr erhalten konnte (sie hatte in der OP einen Schlaganfall) verließ sie das Krankenhaus bzw. das Krankenbett nicht mehr. Es wurde natürlich immer deutlicher worauf das hinauslief. Ihre Geschwister gaben irgendwann nichts mehr darauf, ob sie sie sehen wollte oder nicht, sie besuchten sie einfach. Immer spielte meine Mama die Fröhliche, aber man merkte, dass es auch in ihrem Kopf arbeitete. Aber über den nahenden Tod sprechen das tat sie nie. Mein Vater ist froh dieses Gespräch nie geführt haben zu müssen - aber ich hätte mich sooooo gerne verabschiedet. So viele Dinge blieben ungesagt das belastet mich bis heute sehr. Ich hätte mir gewünscht das Ende auch einfach mal beim Namen zu nennen, ihre Hand zu halten und auch gemeinsam zu weinen. Aber auch ohne das gesprochene Wort war ich bis zum Ende bei ihr, durfte ihre Hand halten und mich in Gedanken verabschieden. Ihr Bruder und mein Mann haben sie in den letzten Tagen nicht mehr besuchen wollen (sie war auch nicht mehr wach), sie konnten den Anblick nicht ertragen und wollten sie anders in Erinnerung behalten. Auch das war in Ordnung.

Natürlich war es schlimm mitansehen zu müssen wie meine Mutter immer mehr zerfällt, unsere Leidensgeschichte war so rasant, alles passierte innerhalb von 9 Wochen. Aber selbst in der Geschwindigkeit wächst man da rein - es bleibt einem ja auch nichts anderes übrig. Ich hätte den Gedanken, dass sie alleine im Krankenhaus/Hotel/Hospiz ihren letzten Lebensweg bestreitet nicht ertragen. Man kann doch als Angehöriger sowieso nicht mehr tun (im medizinischen Sinn) als da zu sein und hier und da mal einen Handgriff zu erledigen. Selbst in den letzten Tagen bevor sie ins Koma gefallen ist, gab es immer wieder Momente wo man zusammen gelacht hat. Oder die Tatsache, dass ein Lächeln auf ihrem erschöpften Gesicht lag, wenn ich reinkam. Das sind Dinge, die möchte ich nicht missen.

Ich habe sie selbst sterben sehen aber angekommen, dass sie nicht mehr da ist, ist das lange nicht bei mir. Wenn ich die Phase von einigermassen "gesund" bis zum Tod nicht selbst mitbekommen hätte, wäre es für mich noch schwieriger gewesen zu akzeptieren, dass sie nicht mehr da ist. Ich denke, wenn man mir diese Erfahrung genommen hätte und irgendwann die Meldung käme Mama/Papa ist jetzt tot und kommt nie wieder und dann muss man auf eine Beerdigung und es wird "ein Kasten" im Boden versenkt, das hätte ich weder begreifen noch verarbeiten können. Bei einer Krebserkrankung ist der Verlauf ja häufiger doch etwas länger als ein paar Wochen, es ist für die Angehörigen auch ein schmerzlicher Weg aber irgendwie wächst man da rein, innerlich bereitet man sich auf Tag X vor und ich denke man kann auch daran wachsen.

Viel schlimmer als den letzten Weg meiner Mutter zu begleiten ist das Leben ohne sie. Und diese Situation kannst du deiner Familie nicht ersparen, im Gegenteil durch das Kontakt abbrechen lässt du diese Situation noch früher entstehen ohne dass deine Angehörigen die Möglichkeit hatten "reinzuwachsen", durch den "Zerfall" beginnt doch im Kopf auch der Prozess des Abschiednehmens. Und sorgen wird deine Familie sich immer machen, egal ob sie dich sehen oder nicht - den anderen dann nicht sehen zu können halte ich für sehr qualvoll.

Wenn meine Mutter das Krankenhaus noch verlassen hätte, wäre sie in ein Hospiz gekommen. Ich habe in meiner Patientenverfügung und meinem Testament geschrieben, dass ich gerne im Fall der Fälle ins Hospiz möchte und ich habe auch geschrieben, wie ich mir meine Beerdigung vorstelle. Wenn du deiner Familie Dinge im Ernstfall erleichtern möchtest, dann regele jetzt Sachen wie Patientenverfügung, Testament, Betreuungsvollmacht, Vorsorgevollmacht, schreib von mir aus Briefe, gib an wie du beerdigt werden möchtest, schließ eine Versicherung ab, dass deine Familie finanziell versorgt ist, erstelle Listen wo man was findet (Versicherungsdinge, Dokumente, Passwörter, was gekündigt werden müsste etc.), ... Die Patientenverfügung meiner Mutter haben wir nämlich nicht gefunden als wir sie brauchten (und sie hatte eine, was sie uns immer wieder sagte).

So jetzt habe ich mal wieder einen Roman hier verfasst. Vielleicht hilft dir meine Geschichte um dir eine Meinung zu bilden.

Liebe Grüße K.

PS: Und noch etwas, ja ich habe die Bilder meiner Mutter im Sterbebett vor Augen, aber auch ihr Lächeln. Als Gegenpol habe ich mir eine Collage aus Bildern von verschiedenen Altersstufen meiner Mutter erstellt und auf Leinwand drucken lassen. Meine Mutter hängt jetzt neben meinen Hochzeitsbildern kerngesund in meinem Wohnzimmer. Ich sehe sie also jeden Tag in gutem Zustand vor mir.
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  #4  
Alt 06.03.2014, 11:51
simi1 simi1 ist offline
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Standard AW: wenn es zum schlimmsten kommt...gehen oder bleiben?

Hallo Sum,

der Tod gehört untrennbar zum Leben dazu, auch wenn wir uns, in unserer hochtechnisierten Welt, gerne der Illusion hingeben, alles beherrschen zu können. Wir können es nicht und der Tod eines Menschen beruht in den allermeisten Fällen weder auf technischem noch auf menschlichem Versagen (im Sinne eines Fehlers).

Ich denke, gerade auch für Kinder ist es wichtig, den Lauf des Lebens nachvollziehen zu können. Eine Sterbephase, Zeiten des Abschiednehmens sind nicht einfach. Aber sie sind wichtig und der Tod ist damit leichter zu akzeptieren und zu verarbeiten, als das plötzliche Verschwinden eines geliebten Menschen.

Sowohl die Sterbenden als auch die Angehörigen müssen annehmen, dass die Lebenszeit abläuft. Ein sehr schwieriger, aber unbedingt notwendiger Prozess - um einerseits in Frieden gehen zu können und um andererseits nicht daran zu zerbrechen.

Herzliche Grüße
Simi

Geändert von simi1 (06.03.2014 um 12:00 Uhr) Grund: Kommas
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  #5  
Alt 06.03.2014, 11:58
Benutzerbild von HeikesFreundin
HeikesFreundin HeikesFreundin ist offline
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Standard AW: wenn es zum schlimmsten kommt...gehen oder bleiben?

"Das letzte Bild eines Vaters" soll das Bild eines LIEBENDEN Vaters sein.

Deine Gedanken, die Du hast kommen aus Dir heraus - Du denkst für die anderen, weniger für Dich.
Schau mal in Dir, was genau es ist, dass Dich so etwas denken läßt?

Würdest Du Deinem Partner nicht auch gerne beistehen? Für ihn da sein wollen?

Wenn man sich ihnen entzieht, um ihnen die Bilder des kranken, evtl sterbenden Vaters und Partners zu ersparen - so nimmt man ihnen auch die Chance an der Seite zu sein.
Die Chance sich verabschieden zu können und vielleicht auch die Chance und Gewissheit, dass man friedlich eingeschlafen ist, sich nicht herumgequält hat.

Wenn man sie ausschließt, um sie zu schützen: werden sie dann nicht ihr Leben lang damit beschäftigt sein, sich zu fragen, wie es einem wohl ergangen ist? Wie einsam man war? Welche Ängste man hatte? Wie oft man geweint hat und verzweifelt war?
Und heißt es nicht auch: LIEBEN -in guten wie in schweren Tagen?

Für mich würde sich ein "Entziehen" so anfühlen, als hätte sich mein Vater das Leben genommen - ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen, der das "Warum" zu erklären versucht ... ich würde darüber nie mehr zur Ruhe kommen.

Diese Vorstellung finde ich persönlich viel viel schlimmer als das Bild in mir zu tragen aus der Zeit, als mein liebender Papa so krank gewesen ist.

Menschen werden im Verlauf ihres Lebens immer wieder mit Verlusten konfrontiert werden - mit Abschied, Sterben, Tod. Und den Umgang damit muss man lernen ....

Ich sehe im "Miteinander" diese Zeit zu durchstehen auch die Chance, dass der der zurückbleibt, besser akzeptieren lernt ....

LIEBE wird all das tragen lernen!


Zum Thema "akzeptieren lernen" fällt mir dazu dieser Spruch ein:

Vielleicht bedeutet Lieben auch lernen,
jemanden gehen zu lassen;
wissen wann es Abschied nehmen heißt;
nicht zulassen, dass unsere Gefühle dem
im Weg stehen, was am Ende wahrscheinlich
besser ist für die, die wir lieben.


Kennst Du das Buch "Abschied von Rune"?
__________________
... meine Freundin Heike ist am 24. Mai 2010 mit 48 J ganz friedlich für immer eingeschlafen ...

... meine liebe Freundin Lilli44 - auch Du hast für immer Deinen Platz in meinem Herzen ...


... I`ll see you when the sun sets!!!

Geändert von HeikesFreundin (06.03.2014 um 12:02 Uhr)
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  #6  
Alt 06.03.2014, 15:53
Benutzerbild von KimiKater
KimiKater KimiKater ist offline
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Standard AW: wenn es zum schlimmsten kommt...gehen oder bleiben?

Hallo ihr Lieben,

ich schreibe sonst nicht, lese nur mit aber hier liegt mir etwas auf der Seele.
Ich selbst habe mit gerade 50 die Diagnose BK erhalten, hatte zu dem Zeitpunkt Kinder mit 18 und 20, eines im Studium, eines kurz in der11. Klasse, 2 Jahre vor dem Abitur.

Derzeit bin ich "gesund". und noch in der Heilungsbewährung
Aber jeder der erkrankt ist, beschäftigt sich damit was wäre wenn, was kann kommen und wie geht es dann weiter.

Sterben gehört zum Leben, keiner weiß das besser als ich.
Mein Vater starb direkt nach der Entbindung meiner Tochter an einem geplatzten Aneurysma. Das letzte Positive was er gesehen hat war meine neugeborene Tochter. Und ich musste direkt aus der Klinik zur Beerdigung.

Ich finde die Diskussion die im Augenblick in der Politik vorherrscht schlecht, sie spiegelt nicht den Volkeswillen. Palliativ bis zum Ende. Warum darf ich nicht entscheiden wann ich genug gelitten habe? (wenn ich denn leiden muss). Warum darf ich nicht, wie z.B. in Belgien gehen wenn es genug ist.

Ich habe für mich entschieden, wenn ich wieder erkranken sollte und es gibt keine Heilung mehr, dann möchte ich den Stecker ziehen wann ich will, also so rechtzeitig, dass ich noch handeln kann. Und meinen Mann dazu verpflichtet, dass er mich dann ggf. in die Schweiz fährt.

Ich möchte dann freiwillig gehen und nicht dahinsiechen auf einer Palliativ-Station bis zum Ende. Auch wenn ich Hochachtung vor den Mitarbeitern einer solchen Einrichtung habe und schon viel würdevolles davon gesehen habe.
Ich halte es für unnötig, denn das am Schluss ist kein Leben mehr.

Ich weiss, meine These ist provokant aber ich habe das so für mich entschieden, denn ich habe keine Garantie mehr auf ein gesundes alt werden.

Ich halte sie auch nicht für allgemeingültig aber für mich ist ein gnädiges Ende besser.
Ich hatte das Glück, dass meine Eltern beide sehr schnell und unvorbereitet und ohne Pflege gestorben sind. Und auch ich möchte meinem Mann und meinen Kindern das nicht zumuten.

gemäß dem Titel bin ich für "Gehen".

LG
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  #7  
Alt 06.03.2014, 16:53
simi1 simi1 ist offline
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Standard AW: wenn es zum schlimmsten kommt...gehen oder bleiben?

Liebe KimiKater,

die Ausgangsfrage bezog sich nicht auf die verschiedenen Aspekte der aktiven und passiven Sterbehilfe. Sum1 hatte gefragt, ob man sich als Patient in der Endphase nicht zurückziehen sollte, um seinen Angehörigen den Anblick und das Miterleben des Sterbens zu ersparen.

Zu deinen Gedanken:
Ich habe auch Grenzen im Kopf, bei deren Überschreiten ich mir heute vorstelle, erlöst werden zu wollen oder mich selbst erlösen zu dürfen. Jedoch habe ich im Krankheitsverlauf meines Vaters erlebt, dass man in der akuten Situation oft ganz anders empfindet. Er war ein großer Befürworter der Sterbehilfe und wollte das für sich im Fall der Fälle auch in Anspruch nehmen dürfen - bis es eines Tages so weit gewesen wäre. Plötzlich hat er um jeden Tag und um jede Stunde gekämpft. Hatte nur ein Ziel: Überleben, bis ihn der medizinische Fortschritt heilen kann.

Meine heutiger Wille und Plan ist also möglicherweise in der konkreten Situation ein völlig anderer und ich muss das wohl ergebnisoffen auf mich zukommen lassen.

Herzliche Grüße
Simi
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  #8  
Alt 06.03.2014, 22:47
sum1 sum1 ist offline
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Standard AW: wenn es zum schlimmsten kommt...gehen oder bleiben?

hallo zusammen

ich danke euch allen ganz herzlich für eure zeilen und gedanken, sie helfen mir wirklich weiter, die dinge aus verschiedenen winkeln zu betrachten. gleichzeitig möchte ich betonen, dass ich nicht selber krank bin (falls dieser eindruck entstanden sein sollte) sondern ein elternteil von mir.

ich bin ja erwachsen und ich würde auch nicht wollen dass meine eltern sich zurückziehen, ich möchte sie auch begleiten. meine frage ging eher in die richtung, ob man kleinen kindern (meines ist 4 jahre alt) im fall der fälle sowas ersparen sollte. vielleicht war die frage auch doof, es gibt ja eh keine "richtige" antwort. aber es ist sehr schön verschiedene ansichten und einstellungen zu lesen. danke.
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  #9  
Alt 06.03.2014, 23:07
Cecil Cecil ist offline
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Standard AW: wenn es zum schlimmsten kommt...gehen oder bleiben?

Ich habe bisher nur meine beiden Omas in den Wochen bzw. Tagen kurz vor ihrem Tod gesehen. Sie sind an Altersschwäche gestorben. Die eine hatte in den letzten Tagen, so wie es aussah, ein schwaches Herz, zunehmend Wasser in der Lunge und lag auf der Seite. Sie wollte uns noch dringend irgendetwas sagen, konnte aber nicht mehr sprechen. Die andere stellte nach und nach erst das Essen und dann das Trinken ein.

Ich war erwachsen und wusste, dass es jeweils auf das Ende zu geht. Ich wusste auch oder durfte sicher annehmen, dass vor allem meine jüngere Oma es als Erlösung empfand gehen zu dürfen. Trotzdem war ich auch beim zweiten Mal von meinen Empfindungen überwältigt.

Daher würde ich Kinder zwar über das Unvermeidliche aufklären, mit dem Abschiednehmen aber nicht zu lange warten. So, wie Kinder bis zu einem gewissen Alter auch noch nicht bei einer Entbindung unmittelbar anwesend sein sollten. Der Anblick würde sie meiner Meinung nach emotional völlig überfordern.
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  #10  
Alt 07.03.2014, 11:48
simi1 simi1 ist offline
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Standard AW: wenn es zum schlimmsten kommt...gehen oder bleiben?

Hallo Sum,

ich denke, das kommt auf die Umstände und den Zustand des Sterbenden an. Generell sind junge Kinder sehr viel näher am Lauf des Lebens dran und viel pragmatischer als wir Erwachsene - wenn man sie denn lässt.

Natürlich muss man viel mit dem Kind reden und genau erklären. Fatal halte ich Aussagen, wie "der Opa ist krank und stirbt jetzt" oder "Opa war schon alt". Das muss man schon ausführlicher besprechen, denn sonst liegt eines Tages Papa krank (mit grippalem Infekt) im Bett und das Kind macht sich Sorgen. Auch der Begriff "alt" muss in ein Verhältnis gesetzt werden. Für unsere Kinder sind auch wir Eltern alt.

Unser Kleiner war sieben, als seine Schwester verstorben ist. Er war in ihren letzten Tagen immer für ein, zwei Stunden mit bei ihr und das hat beiden Kindern gut getan. Am Todestag selbst hatten wir die Brüder nicht mehr dabei. Aber weniger wegen des Anblicks, sondern mehr wegen des Röchelns und der Atemaussetzer in der Finalphase. Und ein gutes Stück auch aus "Eigeninteresse". Wir mussten uns ohne die Anwesenheit unserer Söhne nicht so sehr zusammenreißen. Hatten nämlich die Befürchtung, selbst die Kontrolle über die eigenen Emotionen zu verlieren und die Jungs damit zusätzlich zu belasten.

Ich wünsche euch alles Gute und viel Kraft
Simi
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  #11  
Alt 07.03.2014, 12:17
Cecil Cecil ist offline
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Standard AW: wenn es zum schlimmsten kommt...gehen oder bleiben?

Zitat:
Zitat von simi1 Beitrag anzeigen
.... Aber weniger wegen des Anblicks, sondern mehr wegen des Röchelns und der Atemaussetzer in der Finalphase. ...
Das war es, was ich eigentlich mit "Anblick" meinte. (Wortfindungsstörungen meinerseits.)
Das gab es auch schon die Tage davor. Entrücktheit.
Danke, Simi. Bewundere Deine Kraft beim Schreiben dieser Sätze.
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  #12  
Alt 07.03.2014, 13:31
simi1 simi1 ist offline
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Standard AW: wenn es zum schlimmsten kommt...gehen oder bleiben?

Zitat:
Zitat von Cecil Beitrag anzeigen
Danke, Simi. Bewundere Deine Kraft beim Schreiben dieser Sätze.
Ach Cecil,
danke, aber heute ist es die Kraft der pharmazeutischen Produkte.
Nach den Ereignissen und Erinnerungen der letzten Tagen war etwas "Wolke 7" einfach notwendig.

Liebe Grüße
Simi
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  #13  
Alt 18.03.2014, 18:46
hierfalsch hierfalsch ist offline
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Standard AW: wenn es zum schlimmsten kommt...gehen oder bleiben?

... als meine Mama mit der Nachricht "nicht mehr lange zu leben" nach Hause kam, wollte ich es einfach nicht wahr haben. Sie war SO stark. Sie hatte IMMER alles gekonnt. Das sollte sie jetzt einfach weiter so machen...
einfach "trotzdem nicht sterben..."

Mit dem Fortschreiten der Krankheit begriff ich ganz langsam: Menschen sterben, wenn sie einen Zustand erreicht haben, in dem sie nicht leben können. Und als meine Mama diesen Zustand erreicht hatte "musste" auch sie sterben...

Wäre meine starke lebenslustige Mama mit einem Lächeln aus meinem Leben spaziert - ich hätte das Gefühl gehabt, dass sie mich verlassen hat. Dass sie gegangen ist, statt bei mir zu bleiben. Erst als ich mit meinen eigenen Augen sah, wie sich die Haut und die Augen gelb färbten, wie der Körper sich aufblähte, als ich hörte, dass sie wirres Zeug redete und sie kaum noch ansprechbar war, da verstand ich: sie ist so lange geblieben, wie es möglich war. Jetzt ist es nicht mehr möglich...

Ich hatte nie das Gefühl, sie hätte mich verlassen. Weil sie nicht "gegangen" ist... sie ist so lange weniger geworden, bis nichts mehr da war...

Manche Dinge muss man sehen. Sie sind hart und man vergisst sie nie wieder. Aber man lernt dadurch ein Stück mehr, was das heißt: "Leben" -

Meine Meinung: Beschütze Deine Kinder nicht vor dem Leben. Es wird nicht leichter und jetzt haben sie Dich, der sie liebt und ihnen hilft...
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  #14  
Alt 18.03.2014, 19:38
Enya09 Enya09 ist offline
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Standard AW: wenn es zum schlimmsten kommt...gehen oder bleiben?

Hallo Hierfalsch,

mich haben Deine Worte tief berührt.
Meine Eltern sind schon seit 10bzw. 11 Jahren nicht mehr bei uns.
Ich habe nie aufgehört zu trauern.Diese Trauer hat mein Leben vergiftet.
Ich wünsche mir sehr das Deine klugen Worte anderen Menschen helfen.

Liebe Grüße
Andrea
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  #15  
Alt 22.03.2014, 15:39
hierfalsch hierfalsch ist offline
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Standard AW: wenn es zum schlimmsten kommt...gehen oder bleiben?

Liebe Andrea,

seit Tagen warte ich darauf, dass mir die "passenden" "klugen" Worte auf Deine Antwort einfallen... bisher vergeblich.... So danke ich Dir "nur" ganz herzlich für Deine liebe Antwort, die mich sehr gefreut hat!

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