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AW: Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
Liebe Briele,
bitte leer mal deinen Briefkasten, du kannst keine pms mehr empfangen! LG Andrea |
AW: Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
Meine liebe Mama,
heute ist Dein Geburtstag. Ich würde gerne eine Zeitreise machen, dabei sein, sehen und hören wie alles war, als du kamst. Du warst das zweite Kind, Dein Bruder Egon wurde ein paar Tage nach Deiner Geburt zwei Jahre alt. Geheiratet haben Deine Eltern erst als Du unterwegs warst. So etwas war damals eine schlimme Sache und wird Deiner Mama viel Kummer gemacht haben. Er war ein gut aussehender Mann, Dein Papa, ich hab ihn noch gekannt, aber er ist früh gestorben. Weißt Du was mich immer gerührt hat? Oma hatte es ja wirklich nicht leicht mit ihm, aber jede Erzählung über ihn, wie kritisch auch immer sie sein mochte, endete mit der zufriedenen Aussage: aber er war ein fescher Mann! Ich weiß, du hörst das nicht gerne, aber ich hab den Verdacht, auch Dir war ein schöner Mann wichtig. Mama, ich sag`s jetzt einfach, aber ich glaub es war von Euch beiden ungeschickt, soviel Wert darauf zu legen. Mir fällt es nun nicht ein, war es der Qualtinger oder doch ein anderer, von dem der Ausspruch kam: Mann, was schöner ist als Aff, ist Luxus. Es gibt keine Fotos von Dir als Baby, als Kind. Ein einziges von der Erstkommunion, du stehst weit hinten. Ich hab Dein Gesichtchen vergrößern lassen, aber einen wirklichen Eindruck bekommt man nicht. Heute ist Dein Geburtstag, Mama, wir haben nie über Deine Geburtstage vor meiner Zeit gesprochen. Der 21.1. ist knapp vier Wochen nach Weihnachten, war wohl eher ein Nachteil in Bezug auf Geschenke. Wahrscheinlich hieß es dann oft, jetzt war ja erst Weihnachten. Dein großer Enkel wird bald vier. Zu Weihnachten rief er mich an und bedankte sich für die Geschenke. Seine Eltern erzählen ihm über das Christkind das, was Du uns erzählt hast. Daß die Eltern dem Christkind das Geld für die Geschenke geben. Ich denk so viel an Dich Mama, in der Weihnachtszeit bist Du in meinen Gedanken ein kleines Mädchen. Ein liebes, braves, kleines Mädchen, das gerne in die Schule geht, in die Kirche auch, daheim viel hilft bei den kleineren Geschwistern. Ihr wart arm. Du hast mir immer erzählt das war nie ein Problem, außer zu Weihnachten. Es war nicht zu verstehen, daß das Christkind reichen Kindern die eh schon alles hatten, sich nicht bemühten, nicht lernten, nichts tun mussten, daß die dann noch mit Geschenken überhäuft wurden. Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit war ein richtiger Kummer für dich. Sobald es mir möglich war hab ich Dir viele Geschenke gemacht, es war eine große Freude Dich zu beschenken. Kein Mensch konnte sich aufmerksamer bedanken als Du. Schon lange denke ich wir haben einander nicht nur so viel Liebe und Freude geschenkt, es war auch so ein tolles Gefühl, daß ich von Dir alles bekomme was ich möchte und Du von mir. Erinnerst Du Dich, einmal in Wien, als Du mich wieder fragtest, möchtest du das haben, ich kauf es dir? Und ich dann meinte, sag einmal, was würdest Du eigentlich machen, wenn ich immer ja sagte? Du hast gelacht und gesagt, dann würd ich dich nicht immer fragen. Dieses „alles bekommen, was man will“ erstreckte sich auf alle Gebiete – etwas tun für den anderen, Unangenehmes übernehmen, Wünsche erahnen, erkennen, sie erfüllen. Mit Werner findet diese Sache eine gute Fortsetzung, aber irgendwie springt er nicht an wenn ich sage, ich hätt so gern wieder einmal Tiroler Knödel. Ich hab dann immer Deine Antwort im Ohr, na die machen wir gleich morgen. Bis zu meinem 14. Lebensjahr war ich an Deinen Geburtstagen bei Dir und dann erst wieder bei Deinen letzten drei oder vier. Nicht immer, aber in den letzten 25 Jahren Deines Lebens, hab ich Dir zum Geburtstag meistens eine Reise geschenkt, die wir dann im Frühjahr unternommen haben. Manchmal war das eine Reise die Du dann alleine gemacht hast, oft sind wir gemeinsam verreist. Es gibt keinen Menschen mit dem ich lieber unterwegs war, als mit Dir. Es hat einfach alles gepasst. Ich danke Dir, dem Schicksal, auch meiner Initiative, daß wir viel unternommen haben, ich viele Erinnerungen habe. Immer war mir bewusst, daß es mir später einmal zu wenig erscheinen wird. Und eine wichtige, ganz wichtige Reise fehlt uns auch. Die Reise nach Südtirol, in den Ort Deiner Kindheit. Immer aufgeschoben und dann war es zu spät. Du bist mit Deiner Mama hingefahren als sie 80 war. Eigentlich war ich damals nicht zu jung um die Bedeutung dieser Reise zu erkennen, aber ich war zu blöd. Du hast nichts gesagt, Du hast nie zu etwas gedrängt. Ich bin nicht mitgefahren. Zu Deinem 60. Geburtstag sind wir nach Madrid gefahren. Es erscheint mir wie gestern. Es gibt ein Foto von uns. Bald bin ich so alt wie Du damals. Du warst begeistert und begannst Spanisch zu lernen. Danach warst Du einige Male mit einer Reisegruppe in Spanien, auch in Portugal. Ziemlich anstrengende Kunst-Kulturreisen, wie ich fand. Ganz hab ich diese Liebe zu Spanien, zu allem spanischen, nicht verstanden. In Dir war doch so viel Italien! Die Sprache hast Du ausgezeichnet gekonnt, warst oft dort, die italienische Oper war täglich in Deinem Leben. Aber nein, es zog Dich mehr nach Spanien. Einige Male sagtest Du, am liebsten würdest Du dort ein Jahr leben. Alleine. Diesem Wunsch bin ich irritiert gegenüber gestanden. Es war der erste Wunsch von Dir, bei dem ich nicht sofort ansprang. Dann wurdest Du krank. Ich dachte oft an Deinen Wunsch. Nach der Chemo ging es Dir wirklich gut. Ach Mama, ich bin so froh, daß wir über alles gesprochen haben. Über das Sterben, den Tod, aber auch über die Zeit vorher. Ich hab Dich gefragt ob Du das noch immer willst, für eine längere Zeit nach Spanien fahren und daß Du auf mich zählen kannst. Ich bei Papa bleibe, auf ihn schaue. Ich erinnere Dein kopfschüttelndes Nein, das mich nicht überzeugte, von dem ich wußte, es ist ein Nein wegen mir. Weil du weißt, mit welchen Sorgen ich Dich ziehen lassen würde. Wir haben anderes unternommen. Im Dezember 1998 stellte sich heraus, daß die zweite Chemo nichts gebracht hat. Es war ein herber Schlag. Doch ganz schnell hast Du Dich von der Therapie erholt und wir sind nach Hamburg gefahren. Ich bin sehr froh, Mama, daß Du in dieser Wohnung hier warst. Wenn ich in dem Lederfauteuil sitze, dann denk ich, vielleicht ist in einer Falte noch ein Molekül von Dir. Manchmal nehm ich von Stefan Zweig „Maria Stuart“, „Marie Antoinette“ in die Hand, die beiden Bücher, die Du hier gelesen hast. Ich befühle die Seiten. Die Flasche Metaxa steht noch da. Halb voll, halb leer. Die Hälfte haben Du und ich damals getrunken. Manchmal leg ich mich in das Bett, in dem Du damals lagst und sage leise vor mich hin: Mama, Mama. Ich gehe in Restaurants, in denen wir damals waren und setze mich nicht auf Deinen Platz, sondern daneben. In Museen stehe ich vor Vitrinen und höre Deine Bemerkungen. Hier in Hamburg war Dein letzter Geburtstag. Im Frühjahr, es ging Dir nach wie vor gut, sagtest Du zu mir, jetzt werd ich wohl nicht mehr nach Spanien kommen. Ich weiß nicht was in mir überwog: die Überraschung, oder das Erschrecken. Am liebsten hätte ich mich Dir zu Füßen geworfen, weinend, bittend, bleib bei mir, geh nicht fort. Aber ich bin auf Dich eingegangen. Wie so oft saßen wir einander gegenüber, einander an den Händen haltend, unsere Knie berührten sich. Und ich sagte mit ganz fester Stimme, Mama, wenn du das willst, dann kriegen wir das hin. Ich such etwas für Dich, ich helf Dir mit Geld, ich bleib da bei Papa und ich hol Dich wenn Du wieder heim willst. Und dann sagtest Du mit genauso fester Stimme und auch ganz fröhlich, nein, ich will das gar nicht mehr, ich will bei dir bleiben, was soll ich dort. Nun ist mir Dein Todestag fast wichtiger als Dein Geburtstag. Der 21.1. ist Vergangenheit, was der 4.10 wirklich ist, das weiß ich natürlich nicht. Für mich ist er Dein zweiter Geburtstag. Ob heute, ob gestern, ob morgen, ich hab Dich gut in mir, Mama. Liebe Mama. Deine Tochter |
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Meine liebe Briele,
du weißt, was passiert ist an meinem PC während ich deine Zeilen gelesen habe. Weißt du auch, dass ich gedacht habe: Bitte hör nicht auf! Erzähl mir noch ein bißchen von dieser wunderbaren Mutter und eurer tollen Beziehung, von dem wunderbaren Miteinander. Lass es noch nicht zu Ende sein, ich möchte noch ein wenig bei euch bleiben, als stummer Zuhörer, ich möchte noch eine Weile diese Wärme um mein Herz spüren. Wie stolz ist deine Mama, dort wo sie jetzt ist, eine Tochter wie dich zu haben. Und bestimmt wird sie von einigen Seelen darum beneidet. :pftroest: :knuddel: Deine Andrea |
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Liebe Briele,
mit Freude komme ich auch hierher, in "unseren" Thread, in den Thread unserer Mamas, um an Midi und ihren Geburtstag heute zu denken. Durch deine Erzählungen über sie habe ich mir Bilder gemacht, ich sehe euch zusammensitzen, ich sehe dich, wie du deiner Mama die Haare machst und wie sie auf die Tür des Geschäftes zugeht und du sie schon kommen siehst und lächelst. Ich hätte Midi gerne kennengelernt, liebe Briele. Sie ist mir schon durch deine Geschichten über sie so liebenswert und vertraut geworden, dass ich noch viel mehr über sie erfahren möchte, wenn ich sie schon persönlich nicht kennen lernen konnte. Wenn ich deine Zeilen so lesen, denke ich auch heute wie schon oft zuvor: Briele und Midi hatten so eine erfüllte, tiefe Beziehung zueinander, sie haben sich gegenseitig das geschenkt, was sie sich gewünscht haben. Weißt du, was ich u.a. auch so an deiner Mama bewundere: sie hat dir tiefe, verläßliche Wurzeln geschenkt, aber auch tragfähige Flügel. Sie hat dich sicher vermisst, als du in dein eigenes Erwachsenenleben gestartet bist, aber sie hat dich noch ermuntert dazu, zu gehen. Wenn ich an dich und deine Mama denke, fallen mir immer die Frauenfiguren aus Allendes Buch " Das Geisterhaus" ein. So starke, weise Frauen, Mütter und Töchter, die eine innige Beziehung über den Tod hinaus hielten und sich nicht verloren haben. Briele, du und Midi seid für mich auch solche Frauen. Wenn man sich so viel wert war, so viel zusammen gehabt hat, dann ist es wirklich so wie Fried sagte: Nicht nichts ohne dich, aber nicht mehr dasselbe.. Ach, vielleicht sitzen sie ja jetzt zusammen, Midi und Adele, stoßen zusammen an und lächeln uns zu. Eine innige Umarmung von Alina |
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Liebe Andrea,
danke für Deine lieben Zeilen und danke, daß Du gerne über meine Mama liest. Das tut gut, richtig gut. Solange ich lebe, meine Sinne beisammen habe, werde ich auch immer wissen, daß Claus zu Andrea gehört. Liebe Grüße und :knuddel: Deine Briele |
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Liebe Alina,
danke für Deinen Brief auch hier in „unserem thread“. Mamas siebter Geburtstag nach ihrem Tod war der erste, an dem so gut wie keine Wehmut war. Es überwog die Liebe, die Dankbarkeit, die Freude, und die Sehnsucht war natürlich schon da. Ich weiß nicht ob nun einfach die Zeit gekommen ist so zu empfinden, ich glaube, das letzte Jahr, das Schreiben und Lesen im Forum, der Austausch, hat meine Trauer irgendwie abgerundet. Der wichtigste und dauerhafteste Austausch war mit Dir, liebe Freundin. Aus vielen Gründen, ein ganz wichtiger war und ist bestimmt derselbe Verlust: die liebe Mama. Erst jetzt habe ich erlebt, ist mir klar geworden WIE wichtig der Austausch, die Resonanz ist. Über weite Strecken wird jeder seinen Trauerweg eh nur alleine gehen können, alle Ratschläge, Erfahrungen von anderen helfen nur bedingt. Je länger ich mich nun mit der Trauer beschäftige, desto weniger tauglich erscheinen mir alle geschriebenen Ratgeber. Es spielt so vieles mit hinein: die Biographie des Verstorbenen, meine eigene, das gemeinsam Erlebte. Das ist ungemein verästelt. Es ist schon toll wenn man einen Menschen hat, der einem zuhört. Aber noch viel besser ist es natürlich wenn man sich richtig austauschen kann, wenn der andere weiß wovon ich spreche, woran ich leide. Und es gibt mir ein Gefühl des Glücks und der Zufriedenheit, daß hier über meine Mama gelesen wird, es Menschen gibt, die über sie nachdenken. Sonst ist es ja wie bei Dir auch, liebe Alina – keiner redet mehr über sie. Wenn ich mich – nach langer Zeit – wieder einmal zu unserem thread begebe, dann tuts mir auch ein wenig leid, daß unsere, - Deine, Isa`s und meine - Gedanken was Trauer, Verlust, Weitergehen betrifft, nicht hier fort gesetzt wurden. Es wäre für andere, die ganz am Anfang ihres Verlust stehen, vielleicht ein weiteres Beispiel gewesen wie man mit gegenseitiger Hilfe dann doch recht gut weitergehen kann. Du weißt ja, daß ich Mamas Brauch an Geburts- und Todestagen eine Kerze anzuzünden, fortsetze, sie mir ein paar Monate vor ihrem Tod noch alle Daten aufgeschrieben hat. Und ich habe schon einige Male geschrieben, daß bei uns die alten Leute früher einander „eine gute Sterbestunde“ wünschten. Etwas sagen sie heute noch, sie sagen: denk manchmal an mich, zünd einmal eine Kerze an für mich. Zu Mamas Geburtstag hab ich ihr gesagt, daß ich nun Freundinnen habe, um vieles jünger als ich und ich ziemlich sicher bin, daß die dann für uns, für Midi und mich, einmal eine Kerze anzünden werden. Ich umarme Dich und meine liebe Isa Eure Briele |
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Liebe Briele,
es ist wie immer...ich lese eure Geschichten und fühle ein Gefühl von Frieden in mir! Du, und einige wenige andere ziehen mich immer noch in dieses Forum... Du und deine schönen Geschichten... Ich hoffe euch, dir und deinem Werner, geht es gut! Es ist wie es ist... Bis bald - liebe Grüße auch an Isa und Alina von der ehemaligen "Nachbarin" Petra P.S.: Es gibt uns immer noch und es geht uns gut! |
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Liebe Petra,
danke für Deine lieben Zeilen. Meine lieben Nachbarinnen vermisse ich nach wie vor, aber es ist auch ein gutes Gefühl zu wissen, daß sie ein neues Heim gefunden haben, noch dazu mit Zugbrücke. Liebe Petra, sag ihnen bitte, daß ich alles Gute wünsche und liebe Grüße sende. :knuddel: Briele |
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Liebe Petra,
habe mich auch sehr über deinen Eintrag gefreut, schön, dass du noch hier bist ! Mir geht es wie Briele, der Hühnerhaufen fehlt hier ! Sagst du ihnen bitte auch von mir schöne Grüße ? Alles Liebe für dich und die anderen, Alina |
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Lieber Gärtner,
im thread „ich zünde eine Kerze an“ , habe ich Deinen Beitrag gelesen – zu Roberts 17. Geburtstag. Es erscheint mir unpassend meine Gedanken dort rein zu schreiben, daher mach ich es bei uns. Lieber Gärtner, Du hast auch hier bedauert „nur der Fahrer“ gewesen zu sein. Darüber habe ich ein wenig meditiert. Ich glaube es gibt eine Phase im Leben, in der sich jeder glücklich schätzen kann, der einen „Fahrer“ hat. Einen Menschen, von dem ich weiß, er wird da sein, mich verlässlich wohin bringen, mich verlässlich abholen und sonst lässt er mich mein Ding machen, mischt sich nicht zu viel ein und hält es aus, daß ich alles andere mit anderen Menschen mache. Das Auto des Fahrers ist dann so etwas wie ein Hafen, steig ich ein, geh ich hinaus in „meine“ Welt, oder, komm ich heim. Der Fahrer wird manchmal gar nicht beachtet und doch weiß man was man an ihm hat. Ein paar Jahre später, und Robert hätte in Deine Richtung hin wahrscheinlich gesagt/gedacht: oh Captain! My Captain – nun ruft er es Dir zu, mach einmal die Ohren auf, lieber Gärtner ! Habe ich einen „Fahrer“ gehabt? Eigentlich nicht. Du hast recht – mit den Geburtstagen geht es immer weiter. Meine Oma wird nächste Woche 118 und so lange ich lebe hat sie immer weiter ihre Geburtstage. Ich habe hier eine Geburtstagskerze für Robert brennen. :knuddel: Briele |
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Liebe Briele
wie immer bewundere ich Deine Fähigkeit, andere aufzumuntern und unter die arme zu greifen. Du hast recht , ich habe mich zu diesem Zeitpunkt in meiner Rolle wohl gefühlt. Das es so nicht in Ordnung war , hab ich recht spät begriffen und es ist eben nicht mehr zu ändern. Ich habe teilweise sogar selber Mißmut und Unklarheiten provoziert bzw. nichts getan , um diese aus dem Weg zu räumen , weil ich dachte , dann hat Robert auch einen Kanal , wo er sich abreagieren kann, wo er vielleicht auch wütend ist und DARÜBER nachdenkt , und somit auch nicht über sich selbst und seine Krankheit grübelt. Auf die Idee , das uns die Zeit mal fehlen wird , dies aus der welt zu schaffen , bin ich nie gekommen. Montag werd ich mir eine Chaufeurmütze kaufen. :D :D Liebe grüße in deine richtung Gaertner |
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16. April 2006
Lieber Papa, heute ist Dein Todestag. Schon der vierte. Du bist oft in meinen Gedanken und häufig besuchst Du mich in meinen Träumen. Ob das bis an mein Ende so bleibt, ich Deinen und Mamas Todestag ganz bewusst erlebe, durchlebe? Es geht mir gut, Papa. Ich hatte nach Deinem Tod nicht so lange, nie so schmerzhaft zu leiden wie bei Mamas Tod. Warum? Es ist nicht nur der eine Grund an den Du denkst und an den ich als erstes denke, die Art der Beziehung zwischen Mama und mir, nein, es sind mehrere Gründe. Ich hab viel gelernt in der Zeit nach Mamas Tod, ich konnte auf Erfahrungen zurückgreifen. Auch hatte ich bei Dir das Gefühl nun schließt sich der Lebenskreis. Ein langes, gutes, selbstbestimmt gelebtes Leben geht zu Ende. Aber vorher hatte ich viel Angst. Immer wieder Krankenhausaufenthalte, einige Stürze, einige Eingriffe und dann, zwei Monate vor Deinem Tod, da bist Du beinahe gestorben. Ein Herzinfarkt. Ich war gerade zu Dir gekommen. Es ging alles schnell, die Ärztin kam, gleich darauf die Rettung. Es gab dann eine Situation, eine, wie oft in unserem Leben, in der ich Dein Verhalten einerseits unmöglich fand, andrerseits stolz auf Dich war. Da lagst Du im Krankenzimmer, fertig, erschöpft, im Grunde genommen ziemlich angewiesen auf andere, denn seit vielen Jahren warst Du durch einen Schlaganfall teilweise behindert. Eine Schwester beugt sich über Dich, spricht Dich sehr laut an, fragt wie es Dir geht und Du sagst, gleich besser, wenn sie aufhören so mit mir zu schreien, ich bin nur alt aber nicht taub. Sie fragt, was dürfen sie essen und Du sagst, alles, aber ich esse nur was mir schmeckt. Ich dachte oh, oh, oh und brachte am nächsten Tag eine Bonbonniere für das Schwesternzimmer. Aber da hattest Du schon alle für dich gewonnen. Und dann kam es ganz schlimm. Du wurdest immer elender, wolltest sterben und nun passierte etwas Schreckliches: Du schicktest mich weg, sagtest, man schaut einem Menschen nicht beim Sterben zu, geh jetzt endlich. Ich war außer mir. Die Stationsschwester sagte, so etwas kommt vor, mein Kummer rührte sie an, sie weinte mit mir. Ich ging noch einmal zu Dir, Du hast die Augen aufgemacht und gesagt, jetzt bist du schon wieder da. Da hab ich mich verabschiedet und bin gegangen, aber in der Nähe geblieben. Zum Erstaunen aller, auch Deinem eigenen, hast Du Dich nicht nur erholt, es ging Dir bald richtig gut. Du konntest wieder in Deine eigene Wohnung im Heim gehen. Ach Papa, ich bin so froh, daß wir dann darüber sprachen. Wir konnten gut über Dein Sterben sprechen und Du wolltest mich nun dabei haben. Dabei hast Du mich so zweifelnd angesehen und ich wußte Deine Blicke zu deuten. So zweifelnd hast Du mich auch manchmal angesehen, wenn ich zu Dir sagte, ich brauch Dich, wenn ich sagte, ein Mensch muß nicht immer etwas tun, es genügt oft, ist schön, wenn er einfach da ist, man bei ihm sein kann. Es hat Dich wohl mit Zufriedenheit erfüllt, vielleicht sogar mit Freude, aber ganz konntest Du es nie verstehen, weil Du nie so gedacht hast. Dann fuhr ich weg, ließ Dich zurück, gut versorgt, und noch eine Umarmung, und noch ein Kuss und noch ein Blick wie Du da sitzt, eingehüllt in Zigarettenrauch. Wie immer telefonierten wir zweimal täglich und dann warst Du plötzlich im Bett, warum, einfach müde, halt so. Nun auch Telefonate mit der Ärztin, der Schwester, meinem Bruder, meinen Freundinnen, die Dich besuchen, alle sagen, da ist nichts, ich soll mich nicht beunruhigen. Das ging so ein paar Tage und ich sehe mich, wie ich hier an einem Sonntag in der Küche stehe, das Mittagessen koche. Plötzlich alles stehen lasse, zu Werner gehe und sage, bitte sag nichts, frag nichts, aber mach zwei Dinge für mich – geh bitte, und hol mir eine Bahnkarte für morgen und nimm mir dann ein Band auf mit Bruchs Violinkonzert Nr. 1. Mein lieber Werner stand auf, sagte nichts, fragte nichts, machte alles und war dann, ist noch heute, froh darüber. Ich rief Dich an und sagte, Papa, morgen komm ich und am nächsten Tag fuhr ich 1000km und dachte nur an Dich. An Dich und an mich, wie es so war mit uns. Nach mehr als 12 Stunden war ich bei Dir. Alle waren froh und erleichtert. Du strahltest mich an. Wirktest kräftig, etwas verwirrt. Eine Dame von der Hospizbewegung war bei Dir, wollte die Nacht über bleiben, ich könne ruhig heimfahren und schlafen. Das tat ich. Rückblickend betrachtet erscheint es mir leichtsinnig. Am nächsten Morgen fuhr ich zu Dir. Hatte meine Sachen mit, einen Recorder, war eingerichtet länger mit Dir zu sein. Als ich Dich sah wußte ich, es geht zu Ende. Du schliefst. Ich rollte den bequemen Stuhl vom Wohnzimmer zu Deinem Bett. Das ging gut, ich konnte meinen Kopf zu Deinem legen, ich hielt Deine Hand. Selten hast Du die Augen geöffnet und dann ging Dein Blick durch mich hindurch. Mehrere Male dachte ich nun setzt Dein Herz aus, aber verlässlich brachte Dein Herzschrittmacher den Takt. Die Schwestern, Dein Lieblingspfleger, sogar die Mädchen von der Küche und der Wäscherei kamen um sich von Dir zu verabschieden. Alle hatten Tränen in den Augen, manche weinten. Es hätte dir gefallen. Das war der einzige Tag in unserem Leben, Papa, an dem wir 10 Stunden ununterbrochen beisammen waren. Nicht nur beisammen. Es waren 10 Stunden, an denen es nichts anderes gab, keine Ablenkung, keine anderen Gedanken, es ging um das bloße SEIN, und wir hatten ständig körperlichen Kontakt. Einmal musste ich auf die Toilette und hatte Angst wegzugehen. Am Abend bist Du aufgewacht. Du warst vollkommen klar da. Ich stand über Dich gebeugt, hatte Deine Hand in der meinen, plötzlich hast Du sie unglaublich kräftig gedrückt, geschüttelt, sahst mich an, hast Deinen Mund zu einem Kuß geformt, ich hab meine andere Hand unter Deinen Kopf gelegt, Dich geküsst und Du bist gestorben. Du warst tot. Du warst sofort und auf der Stelle weg. So hab ich es empfunden. Ich hab Dir zweimal das Violinkonzert vorgespielt, Dir noch einmal alles gesagt und war froh daß es nur eine Wiederholung ist, Du meine Sätze bereits gehört hast als Du noch darauf erwidern konntest. Mein Bruder, Dein Sohn kam. Er weinte und sagte zu mir, ich bin so schrecklich froh, daß du da warst, du immer da bist. Das rechne ich ihm an, das vergesse ich nicht, das tat mir gut. Ich ließ Dich mit ihm allein. Ging auf den Friedhof, wo Mama nicht ist, aber ihre Asche und ein Stein mit ihrem Namen. Es begann zu regnen. Als ich dort war legte ich meine Hand auf den Marmorstein und sagte, Mama, Papa ist tot. Dann begann ich zu weinen. Als ich zurückkam lagst Du angezogen auf dem Bett. Du sahst beeindruckend aus. Das Wort „Patriarch“ kam mir in den Sinn. Du wärst zufrieden gewesen. Wir blieben noch ein paar Stunden bei Deinem Körper. Lieber Papa, es stimmt, ich habe nach Deinem Tod nicht so schmerzhaft lange getrauert, ich hab mir leichter getan. Aber mit Deinem Tod kamen andere, neue schmerzhafte Erfahrungen: Nun war meine lange Kindheit endgültig an ihr Ende gekommen, ich habe mich immer behütet gefühlt. Nie mehr sagt jemand „meine Tochter“ und meint dabei mich. Bereits ein paar Tage nach Deinem Tod durchfuhr mich ein anderer Gedanke siedend heiß: ich kann keinen Menschen mehr fragen. Ich habe hundert wichtige und weniger wichtige Fragen, wöchentlich kommt eine neue dazu. Dabei haben wir die Zeit nach Mamas Tod wirklich genutzt, es war uns beiden klar nun dürfen wir nicht so weitermachen als wäre die Zeit unendlich. Wir haben viel geredet, Bänder besprochen, ich war der Meinung an alles gedacht zu haben, aber nein, es fehlt viel. Und doch bin ich zufrieden, was heißt zufrieden, ich könnte vor Dankbarkeit in die Knie gehen, für die zärtliche, aufmerksame, liebevolle Nähe die wir hatten. Und daß wir immer gut gemeinsam lachen konnten. In meinen Träumen seid Ihr meistens beide, Du und Mama, auch wenn einmal Du, einmal sie die Hauptrolle spielt. Sehr oft sehe ich Euch als junges Paar. Im wachen Zustand habe ich dieses Bild nie. Es geht mir gut. Ich habe Euch gut in mir. Ich bin ein altes Kind, trotzdem finde ich es manchmal schwer mein Leben nun ohne Euch zu Ende zu leben. „Es ist nicht nichts ohne Euch, es ist aber alles weniger“. Dieses Mal fällt Dein Todestag auf den Ostersonntag. Ich hoffe wir treffen wieder aufeinander. Bis dahin fühle ich mich behütet. Von Dir. Von Mama. Und bin und bleibe Eure Tochter. |
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Liebe Briele !
Mein erster Gedanke nach dem Lesen deiner Zeilen war:wie schön, dass der Sterbetag deines Papas heuer auf den Ostersonntag fällt. Der Karfreitag mit seinem Blut und Schrecken ist schon vorüber, nun ist der Tag, der an ein Weiterleben nach dem Tod, an eine Erlösung hoffen lässt. Briele, ein kleines bisschen konte ich deinen Papa schon durch deine Erzählungen kennen lernen, sodass ich bei vielen Situationen, die du heute beschrieben hast, nicken und mitlächeln konnte. Ja, so stelle ich mir deinen Papa vor: wie er die schreiende Schwester mit trockenem Humor "zurecht gewiesen hat", wie er die Schwestern und Pfleger für sich gewinnen konnte, wie er sich auch über deren aufrichtige Trauer um ihn gefreut hätte ( oder gefreut hat, wer weiß schon, was ein Sterbender noch alles wahrnehmen kann ?). Ich bin so froh, dass sich alles so gut ausgegangen ist. Dass du deiner inneren Stimme vertraut hast und einfach losgefahren bist, dass Werner dich nicht entmutigt, sondern einfach akzeptiert hat: Briele muss nun zu ihrem Papa gehen, sofort und ohne Aufschub. Öfters haben wir schon darüber gesprochen, dass wir es als Gnade empfunden haben, dass wir beim Sterben unserer Eltern dabei sein konnten. Trotzdem glaube ich, dass es nicht nur Schicksal, Bestimmung war, sondern auch du selber, Briele, weil du an deinem Gefühl, deiner Vorahnung nicht gezweifelt hast, nichts aufgeschoben hast. Ach, dein stolzer Papa, der dich vorerst nicht beim Sterben dabei haben wollte ! Er durfte dann doch noch lernen und erleben, dass es gut ist, die Tochter bei sich zu haben, sich von ihr geliebt zu fühlen und begleitet zu werden auf dem unabwendbaren Weg, obwohl sie nichts an seiner Krankheit, an seinem Sterben ändern kann. Briele, ich hab´s schon öfters gesagt,aber auch heute finde ich keine Worte, die besser passen könnten: Das habt ihr gut gemacht, dein Papa und du ! Und noch jemand hat sich sicherlich sehr gefreut über euch beide, deine Mama,die ja nicht auf dem Friedhof war, sondern besonders in diesen Tagen ganz nah bei euch. Ich umarme dich, wie immer, Alina |
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Liebe Mama,
zehn Jahre her ist es in wenigen Stunden, daß Du tot bist, mein Herz klopft schneller während ich das schreibe, warum eigentlich? Dreitausendsechshundertfünfzig mal aufgewacht, schlafen gegangen mit dem Wissen Dich nicht hören, sehen, spüren, sprechen zu können und immer die Sehnsucht danach zu haben. Es geht mir ganz gut, Mama, ich hab mich arrangiert in dem Leben ohne Dich. Es wurde langsam leichter, so Schritt für Schritt, oft drei vor und zwei zurück. Und irgendwann habe ich dann kapiert, daß meine Sehnsucht für immer bleiben wird, nach Dir und Papa, dem früheren Leben mit Euch, und daß das gut so ist weil es wie ein Bindemittel wirkt, auf diese Art alles in Schwingung bleibt, die Verbindung nicht eintrocknet. ….. nicht nichts ohne Dich ….. aber….. Nun sind fast alle Verwandten und Menschen aus Deiner Generation tot und die noch leben, denen wünscht man fast, daß sie bald sterben können. Etliche Jahre habe ich neidisch und eifersüchtig nachgerechnet wieviele Jahre andere länger leben durften als Du und jetzt fühle ich oft so etwas wie Dankbarkeit, daß alles so war wie es war. Eine Zeitlang war ich hinter älteren Damen her, wollte mütterliche Zuneigung, wollte töchterlich sein, aber das habe ich aufgegeben. Das geht nicht, ist nicht ersetzbar, wiederholbar. Ich bin für immer Deine Tochter und Du meine Mama. Nach wie vor träume ich viel von Dir, das macht mich glücklich. Ich sollte die Träume immer aufschreiben, unlängst habe ich in dem Heft nachgelesen und bemerkt, daß ich einige schon vergessen hatte. Aber ein paar sind immer präsent, vielleicht weil ich sie anderen erzählt habe. Vor ein paar Tagen träumte mir, daß ich in einem großen Raum war mit mir bekannten, aber auch unbekannten Menschen. In der Mitte des Raumes war ein Stützpfeiler und an den gelehnt standest plötzlich Du. Ich war etwas entfernt, wir sahen einander lächelnd an, ich wußte Du bist tot, nur für mich sichtbar und daß Du das auch weißt. Dann dachte ich mir, ich muß Dir jetzt aber unbedingt zeigen, daß ich Dich wahrnehme, es egal ist, was die anderen denken und ich bin hin und habe den Stützpfeiler umarmt. Manchmal meine ich Dich neben mir zu spüren, fühle mich von Dir umfangen, es sind oft nur Sekunden, es kann in einem Bus sein, beim Kochen. Dann halte ich inne und wende mich Dir ganz zu. Aber Mama, es bekümmert mich, daß ich nun, je mehr Zeit vergeht, wieder weniger daran glauben kann, daß es vielleicht etwas nach dem Tod gibt. Ich wünsche es mir, ich wünsche es mir sehr und ich will so leben und mich verhalten als sei es der Fall. Aber ich halte es für unwahrscheinlich. Es hat sich einiges geändert, nicht mit einem Schlag, ich kann es an keinem Geschehen festmachen. Ich hatte z.B. ein „Trauerbüchlein“ angelegt, Sprüche, Gedanken, Texte, Geschichten hineingeschrieben die mich ansprachen, mir gefielen. Wenn ich jetzt darin lese finde ich höchstens noch ein Drittel gut, den Rest abgedroschen, verkitscht, nicht anrührend sondern rührselig. Nicht mit Dir meine Trauer, meinen Verlust, meine Sehnsucht besprechen zu können, die ganzen Gedanken dazu, das kann ich nach wie vor kaum fassen. Ich hab noch immer schrecklich viele Sachen von Dir, ich behalte sie weiter, aber es ist nicht mehr so, daß ich mein Andenken an Dich an Dingen festmachen muß, ich brauche diese Krücke eigentlich nicht mehr. Wichtig sind mir Deine Briefe in denen ich immer wieder ein bißchen lese und es ist schön den Rolladen des Schreibtisches hochzuziehen und in einem Fach Deine harmonisch runde Füllfederschrift zu sehen. Würde mein Haus brennen, ich würde als erstes den Karton mit den Fotos retten, an denen hänge ich. Auch nach zehn Jahren zünde ich an jedem Tag eine Kerze für Dich und Papa an, und – jetzt würden wir alle ein bißchen lachen – ja, manchmal bin ich selbst ein wenig gerührt über meine töchterliche Treue! Ich bin froh daß ich Menschen habe mit denen ich noch immer über Dich sprechen kann, die mir nicht mit Ungeduld und Verständnislosigkeit kommen. Das ist nicht selbstverständlich und oft wartet man in der falschen Ecke auf Zuwendung. Ich nehme sie wo ich sie bekomme. Wahrscheinlich sollte ich hier besser schweigen. Ich weiß ja, die meisten Mütter die im Forum von ihren Töchtern beweint werden sind in meinem Alter. Es ist auch nicht gerade tröstlich für andere zu lesen, daß es einem zehn Jahre später noch immer herum treibt. Ich schreibe hier weil ich möchte, daß vielleicht ein paar Leute heute über Dich lesen, wissen, daß es Dich gegeben hat. Es ist mein uralter thread, ich mußte lange suchen und habe dann darin gelesen. Es hat mir damals unwahrscheinlich geholfen zu schreiben, mich auszutauschen. Für eine gewisse Zeit waren hier Menschen ganz intensiv in meinem Leben. Es war wohl hier die Geburtsstätte des Trauertiers, das seither unendlich viele Kinder bekommen hat. Ich hätte es damals vielleicht abmurksen sollen. Du hast Dich immer für die Menschen in meinem Leben interessiert, Dich mit mir gefreut und Du warst mit mir traurig wenn etwas in Brüche ging. Bis jetzt habe ich keinen Menschen aus dem Forum persönlich kennen gelernt, aber es gibt nun schon im sechsten Jahr intensiven Austausch, ist das nicht schön? Es hat auch Enttäuschungen gegeben, aber so ist das halt im Leben, das gehört dazu. Und vielleicht war ich für andere auch eine Enttäuschung. Den heutigen Tag wollte ich ganz anders verbringen als er nun war, aber ich hatte keine Wahl. Ich wollte mich nur mit Dir beschäftigen, mit meinen Erinnerungen. Photos ansehen, Deine Musik hören, auf der Couch liegen und in meinem Kopf jede Einzelheit Deiner äußeren Erscheinung abrufen, am Abend meine Freundinnen zu einem Mama-Gedenkessen einladen, sie sprechen noch immer oft von Dir. Vor allem wollte ich versuchen Dir hier in aller Ruhe einen wirklich schönen Brief schreiben. Nun ist er wie er ist. Aber vielleicht ist es auch gut und richtig, daß mich gerade heute das Leben so richtig im Griff hatte, ich mehr beschäftigt mit Arbeit war also sonst. Ich war nicht abgelenkt, ich habe trotzdem immer an Dich gedacht, auf die Uhr gesehen, mich erinnert was an diesem Tag, um diese Zeit vor 10 Jahren war und mir zwischendurch gesagt, weder Du noch ich müssen das noch einmal durchleben. Irgendwie war dieser Tag exemplarisch für die Realität: ich lebe, das Leben hat mich, meine Liebe, Gefühle, meine Gedanken sind bei Dir, liebste Mama, was immer auch ist. Manchmal denke ich wie es wäre, kämst Du bei der Tür herein. Das denke ich jetzt immerhin seit 10 Jahren und die Vorstellung meiner Reaktion ist immer dieselbe: ich würde vor Glück und Erleichterung sterben. Gerne. Deine Tochter |
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Zitat:
ich danke Dir von ganzem Herzen für Deinen - wie immer - wundervollen Brief an Deine Mama. Besonders danke ich Dir dafür, weil Du ein Zeichen für mich setzt: Nein, es MUSS eben nicht gut sein. Es ist wie Du schreibst, die Bedeutung von Gedichten oder Zeilen verändert sich. Der Glaube, der anfänglich so unglaublich viel Kraft gibt durchzuhalten, er schwankt hin und wieder, ist nicht mehr so absolut. Nur eines hat sich nicht verändert (für mich): der Austausch mit Dir und anderen, die schon so lange Zeit meine Gefährten durch die Trauer sind, ich empfinde es nach wie vor als die einzig wirkliche Hilfe mit dem Verlust wenigstens einigermaßen zurecht zu kommen. Zuhören, erzählen, Blickwechsel... Nein Briele, gut, dass du unser Tierchen nicht abgemurkst hast... es ist mir ein treuer Freund geworden, noch immer nicht wirklich berechenbar aber ich hoffe, es bleibt für immer an meiner Seite Ich umarme Dich Deine Andrea |
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Hallo,
ich bin stiller Leser und möchte mich nur bei Euch von Herzen bedanken - vor allem bei Briele. Meine Mama ist vor 18 Wochen gestorben und es tut sehr gut von meinem "Schneckenhaus" aus die wunderschönen Briefe und Euren Gedankenaustausch still mitzulesen. Liebe Grüße Maria |
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Guten Abend …..
@ CarlW – danke für das Denken an meine Mama und die Grüße an mich! @ Andrea, meine Liebe, da freu ich mich aber, daß Du mir hier auch reinschreibst. Beim Lesen hier, dem Schreiben des Briefes hab ich viel an unsere Zeiten im Forum gedacht und da ist direkt ein bißchen Wehmut aufgekommen. Das war damals schon ganz schön intensiv, nicht? Und was sich da alles daraus entwickelt hat !! Für mich wirklich ganz tolle – ja ich kann kein anderes Wort finden – als „Freundschaften“. Irgendwann werden wir uns auch bestimmt einmal sehen und wäre es morgen, dann dächte ich bestimmt, die kenn ich ja eh schon fünf Jahre, da ist alles vertraut. Ich drück Dich und lieben Gruß an den Steffen. @ liebe Sabishi/Maria – vielen Dank für Deine lieben Worte. Ich verstehe sehr gut, wenn Du in einem Schneckenhaus lebst, nur kurz herausschaust und Dich dann schnell wieder zurückziehst. Es tut mir leid, daß Deine Mama gestorben ist. Man braucht das Alleinsein, man braucht den Austausch, den Trost und es ist so schwer das rechte zum richtigen Zeitpunkt, vom geeigneten Menschen zu erhalten. Man weiß ja selbst kaum was einem gut täte, alles ist nur gebündelt in dem Wunsch den Menschen wiederzuhaben. Aber ohne seine Schmerzen, dem elenden Zustand. Ich hab damals auch lange im Forum gelesen bevor ich geschrieben habe. Vielleicht kommt für Dich die Zeit in der Du über Deine Mama, Dich, Deine Trauer schreiben magst und ich wünsche Dir dann Menschen mit denen Du hier ein Stück gemeinsam gehen kannst. Liebe Grüße und gute Wünsche Briele |
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Meine liebe Briele,
so wie bei dir ein wenig Wehmut angeflogen kam, so hat mein Herz einen kleinen Freudenhüpfer getan, als ich deinen / unseren alten Thread entdeckte. Die Anfänge, Begegnungen mit Menschen, die einem schnell über den Gedankenaustausch vertraut waren. Ich habe mich damals geborgen gefühlt, aufgefangen und getragen. Die Wehmut gilt somit natürlich nicht der Zeit, in der dieser und andere Threads bedeutungsvoll wurden - wir alle hätten allzu gerne darauf verzichtet, sie gilt dem Gefühl in der Einsamkeit nicht alleine zu sein. Alles hat seine Zeit, das ist absolut richtig, aber bestimmt ist es hin und wieder auch an der Zeit, unsere alten Ecken wieder aus den Abgründen hochzuholen, nachzulesen, sich zu erinnern und mal wieder zu schreiben: So geht es mir jetzt gerade hier und heute. LG Andrea |
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Liebe Briele,
deine Worte haben immer noch den selben Zauber auf mich. Schön von dir zu lesen. Übrigens finde ich es sehr wohl tröstlich, dass du auch ach 10 Jahren immer noch liebevoll an deine Mutter denkst und hierher kommst. So ab und an schau ich auch noch hier rein. Briele, es gibt uns immer noch...den Hühnerhaufen - die ehemaligen "Nachbarn". Wir teilen immer noch täglich Freud und Leid miteinander! Also - alles ist gut! Jeder braucht seine Zeit und manche brauchen halt ein Leben lang! "Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe...." Ich grüße dich ganz lieb auch im Namen meiner Mithühner!! Petra |
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Hallo Briele und Petra,
ich zähle mich einfach auch zu eurem "Hühnerhaufen", denn genau in "dieser Zeit" haben wir auch ab und an geschreiben, wenn vllt nicht so oft aber dennoch ! Ich kann nur sagen , Briele, Du sprichst mir aus dem Herzen, es ist einfach nur schön und ergreifend, Deine Zeilen zu lesen !!! Schön auch wieder was von Euch zu hören/Lesen. Liebe Grüße von dolores |
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Liebe Briele,
Ich bin froh von dir zu lesen und hoffe es geht dir soweit gut. Lang ist's her mit unserem Thread. Ich hab manchmal drin gelesen und Wehmut kam hoch. Auch ein wenig Scham, da ich damals doch sehr kindisch drauf war und es mir nicht besonders gut ging. Jetzt ist mein Vater 8 Jahre tot und ich bin immer noch sehr viel damit beschäftigt. Es hört nicht auf, es blieben Fragen offen und die versuche ich mir zu beantworten. Aber könnte ich mich doch nur noch einmal mit ihm aussprechen. Vermutlich wäre für ihn und mich mit einigen Worten alles ausgesprochen, da es nicht wichtig wäre. Er hat mich auf seine Art geliebt und ich ihn sowieso. Das zählt. Mein Opa ist jetzt 22 Jahre tot, unglaublich. Die Wunden sind verheilt, Erinnerungen sind verblasst, aber die tiefe Liebe zu ihm, unsere gemeinsamen Unternehmungen, sie sind noch da. Beide fehlen mir sehr, immer noch. Das Leben geht weiter, andere geliebte Menschen werden krank und man sorgt sich um sie. Die eigenen Zipperlein nehmen zu. Doch eins habe ich gelernt. Das Leben ist schön, wir sollten keinen Tag versäumen und das Jetzt geniessen und würdigen. Es kann alles so schnell gehen. An alle einen lieben Gruss Karanda (alias viv) |
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@Liebe Andrea,
ich meditiere nun schon länger über Dein …..“unsere alten Ecken wieder aus den Abgründen hochzuholen……“ Was mein Hochholen dieses Threads betrifft, da sag ich ganz rein und fröhlich JA! Andrea, ich war aber nun auch ein bißchen in den Abgründen meiner Seele und hab da Sachen in dunklen Ecken gefunden, Du ich weiß nicht …… Ein paar Worte zu meiner Wehmut die ich vor einer Woche empfand: Es erging mir ähnlich wie beim Betrachten alter Fotos von einem Klassenausflug, oder von einer gelungenen Feier. Man sieht da Menschen von denen man nichts mehr weiß und man erinnert sich, wie man sich in deren Gesellschaft wohl gefühlt hat. Es ist eine weitere Zeitspanne im Leben die vorbei ist. Ja, wir hätten alle gerne verzichtet überhaupt in das Forum zu kommen. Bei mir war es ja einige Jahre nach Mamas Tod und ich habe mich nachträglich selbst bedauert diese Hilfe nicht früher gehabt zu haben. Ich weiß nicht wie es bei mir weiter gegangen wäre, auf jeden Fall bin ich gottfroh Euch gefunden zu haben. @liebe Petra11, das freut mich sehr, sehr von Dir zu hören. Vergessen habe ich Euch nicht, das werde ich auch nie, aber ich habe den Kontakt zu Eurem kleinen, feinen Forum verloren als mein Computer kaputt ging. Meine kleine Wehmut hat Euch mit einbezogen, über eine lange Zeit waren unsere threads täglich mehrmals nebeneinander und liebe Nachbarn zu verlieren ist immer traurig. Ich hab mich öfter gefragt ob Ihr noch beisammen seid, es diesen lieben Hühnerhaufen noch gibt, Euch auch noch trefft von Angesicht zu Angesicht. Es macht mich richtig froh zu hören, daß das der Fall ist. Danke, daß Du geschrieben hast und ganz herzliche Grüße an alle die sich noch an mich erinnern. @liebe Dolores 2505, danke für Deinen Beitrag. Ich nehme an Du hast bei Petra11’ thread mitgeschrieben, oder ich stehe gewaltig auf dem Schlauch, oder ich kenne Dich unter einem anderen Namen? @liebe Karanda, liebe Viv, damals auch oft liebes Vivele genannt, also daß ich Dich auf meine alten Tage noch treffe ist wirklich eine große Freude! Ich weiß beim besten Willen nicht wann Du kindisch warst, wofür es was zu schämen gäbe, das ist einfach absurd. Als ich in meinem Mamabrief schrieb, daß ich vielleicht für Menschen hier eine Enttäuschung war, da hab ich an Dich gedacht, aber leider sind mir noch andere eingefallen. Ich hab versucht in Karanda-Beiträgen herauszufinden welcher Art Deine Sorgen sind, wer, welche Erkrankung hat, aber ich blicke da nicht ganz durch, habe den Eindruck, daß Beiträge fehlen. Vielleicht bin ich auch zu ungeschickt. Nun kann ich dazu gar nichts sagen, außer daß ich viele gute Wünsche schicke! Wahrscheinlich bleiben immer Fragen offen und neben der Sehnsucht das Bedürfnis sich auszusprechen, zu erklären, auch Fragen zu stellen. Das Wichtigste ist – wie Du schreibst – daß die Liebe bleibt und die hast Du in Dir, Viv. Und Deinen letzten Satz, daß ganz schnell alles vorbei sein kann und man im Hier und Jetzt leben soll, der ist so wichtig, ich sollte ihn wie ein Mantra jeden Tag vor mich herbeten. Ich weiß es ja, aber ich lebe es nicht (oft genug). Was die eigenen Zipperlein betrifft – ein abendfüllendes Thema! @ an alle: ich schick Euch ganz herzliche Grüße und gute Wünsche Eure Briele |
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Stammtisch oder hier? Die Entscheidung fiel mir leicht. Heute will ich hier schreiben, hier am "ersten Stammtisch"
@Briele: Heute nun bin ich seit einem Jahr bereits ein "altes Halbwaisenkind" Wo ist die Zeit hin? Ein Jahr - und ich kann nicht sagen, ob ich wirklich in dieser Zeit einmal nur um den Verlust meines Vaters geweint habe. Geweint habe ich, aber die Gedanken galten nicht ihm alleine. Liegt es daran, dass ich leichter Frieden finden kann mit dem Gedanken daran, dass DIESER Abschied in der Reihenfolge "richtig" war? Es sollte so sein, dass der Vater vor dem Kind geht. Alles andere wirbelt den Lebensplan noch mehr durcheinander, lässt in allem noch weniger den Lebenssinn erkennen. Doch, ich habe geweint, an dem Abend, als er starb. Und ich frage mich noch heute: War ich wirklich so feige? Oder wollte ich instinktiv diesen Abschied alleine meiner Mama gönnen? Die Wochen zuvor waren wir wieder "Ursprungsfamilie" Stunden verbrachten wir an Papas Bett und ich sah, was geschah, sah es täglich deutlicher. Erinnerte mich an Worte von Bruni, die mir halfen, hoffentlich das Richtige für Papa zu tun. Anders als bei Claus, bewusster, behutsamer, bereit anzunehmen, bereit, ihn gehen zu lassen. Diese Stunden waren die schönsten seit Jahren. Er war so glücklich über seine Familie. Die Enkel kamen, um Abschied zu nehmen. Auch sie sahen diesmal mit anderen Augen. Und sie hatten die Stärke ihm zu zeigen: Wir lieben dich, egal wie du jetzt aussiehst, du bist in dieser Zeit ebenso unser Epa wie früher.. Und auf seinem letzten Weg machte er einen "Fehler" wieder gut. Er wollte Steffen sehen, fragte sehr oft nach ihm, um ihm seinen Segen zu geben, es hat so lange gedauert, bis Papa verstand, wie wichtig es gewesen wäre. Aber ich begriff auch, dass er diesen Segen nicht nur für die Gegenwart gab. Frieden schließen. Ja, wir haben ganz ehrlich Frieden geschlossen. Diese letzte Zeit war tatsächlich eine sehr intensive.Doch an diesem letzten Tag war ich unruhig, wollte nach Hause, wollte nicht dabei sein. Ja, das denke ich: Ich wollte in diesem letzten intimen besonderen Augenblick nicht dabei sein. Ich fuhr heim und hatte tausend Gründe, noch nicht wieder zu meinen Eltern zu fahren. Aufschub, noch ein wenig. Ich habe diesen letzten besonderen Augenblick vor fast 7 Jahren mit meinem Mann geteilt. Dieser letzte besondere Augenblick soll ihm alleine gehören, solange es möglich ist. Und es war gut so. Denn Mama konnte es ebenso als "schön" erleben. Sie erinnert sich nicht mit Schrecken, sondern eher mit Verwunderung: Wie kann man das Sterben eines geliebten Menschen als schönen Augenblick empfinden. Weil wir (wieder) Glück hatten. Sein Sterben war friedlich, sein Körper kämpfte keinen Todeskampf, es war alles gesagt und mit der Vergangenheit Frieden geschlossen. Ein Leben mit viel Leid, mit ebensoviel Freude, mit Streit und Liebe ging leise zu Ende. Für meine Mama natürlich dennoch zu früh, aber sie ist sich bewusst, dass sie gesegnet waren die beiden: 62 Jahre gemeinsamer Lebensweg und keine Stunde bereut. Ja, da kann man neidisch werden. Das war vielen von uns nicht vergönnt. Und heute greifen wir für Mama unsere liebgewonnene Tradition auf: Wir feiern Papas Regenbogentag, bei uns. Mit der Familie, weil sie ihm bis zum Schluss sehr wichtig war - wenn er es auch nicht immer so deutlich zeigen konnt. Wer weiß, vielleicht hat Claus ja dort wo sie jetzt sind ein wenig Einfluss auf unseren "Sturkopf", vielleicht kann er ja dort, wo sie jetzt sind, seine Prinzipien ein wenig loslassen und sie stoßen auf ein Wiedersehen an, an das ich ganz, ganz fest glaube. Denn sonst, nein, daran mag ich nicht denken. Auf dich Papa! LG Andrea |
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Es ist lange her seit ich das letzte Mal hier geschrieben habe. Mir ist schwer ums Herz, heute vor einer Woche ist mein Mann gestorben. Ich werde und wurde in all den Jahren immer mit ganz liebevoller, zugewandter Aufmerksamkeit von Menschen quasi betreut, die ich hier kennenlernen durfte, die Freunde geworden sind. Trotzdem möchte ich heute in meinem uralten thread darüber schreiben.
Die letzten 10 Tage seines Lebens verbrachte er in der Palliativen Abteilung eines Krankenhauses und mir war, als arbeiten dort keine Menschen, sondern Engel. Daheim ging es trotz Unterstützung einer ambulanten palliativ-care Einrichtung einfach nicht mehr. Er hat nie genug Medikamente eingenommen, war getrieben von der Sorge sie könnten am Ende nicht reichen und diese Angst konnte ihm nichts und niemand nehmen. Neben der Krebserkrankung war er ja geplagt von einem ausgeprägten restless-leg Syndrom, was er manchmal als die schrecklichere Krankheit empfand. Über die Wochen, vielleicht sogar Monate, hatte er mich mehr und mehr als seine Gegnerin empfunden, die seine Ängste nicht verstand, die nie Ruhe gab mit den Medikamenten. Und ich konnte keine Ruhe geben, bei dem Elend, das ich dauernd sah und erlebte. Neben all meinen Ängsten und Sorgen war es mir ein ganz großer Kummer, dass ich, wenn es so weitergeht, mir dann nur mehr wünschen würde, dass alles bald ein Ende hat. Eine Schwester der ambulanten palliativ-care Einrichtung übernahm dann die Initiative, fragte ihn ob er in ein Hospiz möchte und er meinte, er würde lieber daheim bleiben, sähe aber ein, dass es nicht mehr geht. Ich verhielt mich passiv, sagte nicht ja, sagte nicht nein, war wie paralysiert vor Entsetzen. Es ging dann schnell. Hospizplatz war keiner frei, doch bereits für den kommenden Tag einer in der Palliativen Abteilung. Es ist dann unmittelbar darauf, praktisch von einer Minute auf die andere etwas passiert, was ich nicht für möglich gehalten hätte, wofür ich unsagbar glücklich und dankbar bin: wir konnten augenblicklich wieder so zueinander sein, wie wir es immer waren - liebevoll, zärtlich, zugewandt. Nachdem die Nächte zuvor ohne Rast und Ruh waren, war es in der letzten Nacht daheim noch anstrengender für uns beide, dass am Morgen der schreckliche Abschiedsschmerz von der Wohnung in den Hintergrund trat. Wir waren fix und fertig und warteten nur mehr auf den Rettungswagen. Es würde zu weit führen über diese Palliative Abteilung zu schreiben. Sie war die Rettung für uns beide. Es gab nicht einen Punkt den ich kritisieren könnte. Wir hatten Glück. Man hat mit ihm die Medikamentation besprochen, ihn gefragt ob er mit den Vorschlägen einverstanden ist, und er akzeptierte alles. So konnte die schreckliche Unruhe eingedämmt werden, er war nahezu schmerzfrei, auch seine Panikattacken verbunden mit Luftnot konnten behoben werden. Man hatte auch mich immer im Blick, das tat gut. Ich war täglich viele Stunden bei ihm. Einmal dachte ich er würde sterben und blieb die Nacht bei ihm. Dann gab es drei Tage, in denen ich mir gut vorstellen konnte, dass er noch einige Monate leben wird. Wir waren in zwei Hospizeinrichtungen angemeldet. Doch letzten Mittwoch Morgen rief mich die Ärztin an, er sei kaum ansprechbar, völlig desorientiert und ich möge kommen. Ich saß dann 27 Stunden neben ihm. Er konnte nicht mehr sprechen, hat aber durch Hand- und Kopfbewegungen signalisiert, dass er versteht. Zweimal hat er mir gezeigt, dass er mich umarmen will. Nach den vielen Stunden hat man mir mehrfach gesagt, ich müsse jetzt einfach heimgehen und ein paar Stunden schlafen und ich wollte nicht gehen, konnte aber auch nicht mehr da sitzen. Sie versprachen mir ständig nach ihm zu sehen und ich fuhr heim. Ich hatte zweieinhalb Stunden geschlafen, neben mir war das Handy, das Festnetztelefon und ich habe beide nicht läuten gehört als man mich vom Krankenhaus angerufen hatte. Die Schwester sagte mir dann, sie war bei ihm gewesen als sie sah, dass es nun zu Ende gehen wird. Zu diesem Zeitpunkt rief sie nicht an, weil klar war, ich würde den Weg nicht schaffen, nicht einmal wenn ich nur im Krankenhauspark gewesen wäre. Er war im Schlaf gestorben, zu einem Zeitpunkt als ich auch geschlafen hatte. Es ist passiert, als wir beide schliefen. Man hat mir dutzendfach erklärt, dass Menschen oft sterben wenn der Angehörige weg ist, aber ich kann es mir noch nicht wirklich verzeihen. Nun muß ich ohne meinen Mann weiterleben. Er war der liebenswürdigste, warmherzigste, freundlichste, großzügigste Mensch den ich je kannte. Einen Tag bevor er starb, sagte er zu einer Schwester, dass er sich große Sorgen um mich macht, weil ich nun ganz alleine bin, hier niemanden habe und ob man sich auch nach seinem Tod noch ein wenig um mich kümmern würde. Es hat mich schon im Vorfeld bekümmert, dass mein Mann außer mir so gar keinen Menschen hat. Dann hat mir vor Monaten eine Freundin etwas erzählt, dass mir geholfen hat. Mit einem großen Freundeskreis hatte sie im letzten Jahr eine Freundin drei Monate lang in einem Hospiz begleitet. Sie erzählte, dass die sterbende Freundin nie alleine gewesen war, und sie alle zufrieden waren, das so gut hinbekommen zu haben. Nach dem Tod der Freundin fragte sie sich, wie sie es einmal haben wolle, wenn das Leben zu Ende geht. Und stellte mit Entsetzen fest, dass der Gedanke beim Sterbeweg nie alleine sein zu können einfach schrecklich sei. Das finde ich ehrlich gesagt auch. Mir scheint es gehört zur Trauer dazu, dass man ständig herum stochert um eigene Unzulänglichkeiten zu finden, etwas, was man sich vorwerfen kann, zu bereuen ist. Nachdem es mir nun ansatzweise möglich wird mir nicht zu sehr vorzuwerfen, dass ich gegangen war, quält mich etwas anderes. Werner war in letzter Zeit traurig und er hatte Angst. Einmal meinte er, er müsse nicht so traurig sein, wenn ich nicht so lieb wäre. Neben meiner eigenen Traurigkeit und Angst empfand ich die seine noch viel schmerzhafter. Ich habe natürlich versucht sie abzufedern, ihn aufzufangen, aber es ist mir nicht gelungen. Ich bin da gescheitert, habe versagt, war keine Hilfe. Das tut mir sehr weh. Verzeiht mir diesen langen Beitrag. Aber Ihr wisst wie es ist: man möchte in die Welt hinausschreien: Er ist nicht mehr, er ist nicht mehr. Eure traurige Briele |
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liebe briele..
es tut mir ganz doll leid, daß du deinen mann verloren hast. du schreibst so voller liebe..ihr müßt ein ganz tolles paar gewesen sein. ich weiß, ich kann dir hier ganz oft schreiben, daß du dir keine vorwürfe machen sollst... du wirst sie dir trotzdem machen. es ist aber wirklich so, daß der sterbende, wenn er die möglichkeit hat, sich raussucht, allein oder in begleitung zu gehen. das haben mir die hospizengel als meine mami ging, auch gesagt. sie erleben das sehr oft. ich wünsch dir ganz viel kraft für die schwere zeit der trauer. ich umarm dich unbekannter weise.. tine |
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Hallo Briele! Es tut mir sehr leid, dass du deinen Mann loslassen musstest. Auch ich musste vor kurzem meinen Papa loslassen, und auch ich habe mir Vorwürfe gemacht (und mache mir diese auch heute noch öfters) dass ich nicht dabei war und ihn alleine gelassen habe als er ging.
Wir, ich und meine Mum waren ganz oft und ganz lange bei ihm, an diesem Tag hatten wir sogar darüber nachgedacht bei ihm zu übernachten. Papa war aber an diesem Tag gar nicht so schlecht drauf. Leider kam in der Früh dann der schreckliche Anruf dass Papa nur schwer ansprechbar sei und wir kommen sollten. Das riesige Schneechaos an diesem Morgen hatte verhindert dass ich rechtzeitig kommen konnte. Wir haben Papa um ganz kurze Zeit, vielleicht sogar Sekunden verpasst. Auch ich habe mir Vorwürfe gemacht und habe immer gedacht ich hätte doch bei ihm übernachten sollen. Jetzt, nach ein paar Monaten ist zwar meine Traurigkeit noch viel größer geworden weil der Schock weg ist aber ich mache mir nicht mehr so oft Vorwürfe. Ich weiß dass mein Papa keine Mensch großer Worte war und dass mein Papa Abschiede ganz und gar nicht mochte. Und ich weiß dass uns Papa schützen wollte und es uns so leicht wie möglich machen wollte. Und das hat er geschafft und dafür bin ich ihm heute unendlich dankbar. Ich darf heute sagen dass mein Papa bis zum Schluss alles richtig gemacht hat und so wie er es gemacht hat ist es gut für uns. ICh weiß, ich kann dir nicht helfen und ich kann dir auch deine Vorwürfe nicht nehmen weil du sie dir sowieso machen wirst aber glaub mir, dein Mann wollte es so. Und denk daran, so wie er es gemacht hat, so war es richtig für ihn und so soll es für dich gut sein. Es ist gut wie es ist! ER wollte es sicher so, wie Tine auch schon geschrieben hat suchen sich Menschen aus ob sie alleine sterben oder ob sie jemanden um sich brauchen. Davon bin ich auch fest überzeugt! ICh wünsche dir ganz viel kraft für die nächste Zeit und ich weiß wie du dich fühlst! Auch ich breche noch ganz oft in Tränen aus wenn ich an meinen Papa denke und wenn ich alleine bin. Selbst wenn ich alleine am WC sitze rollen mir manchmal die Tränen runter. Wir schaffen das und unsere Liebsten sind trotzdem immer bei uns, wenn auch nicht in der Form wie wir es gewohnt sind! Alles Liebe und ganz viel Kraft, Nina:pftroest: |
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Liebe Briele,
weißt Du noch die Schuhe? Die Zickenschuhe die doch tatsächlich „Blasenpotenzial“ hatten? Ich habe sie immer noch…. So sitze ich hier, laß Deine Zeilen auf mich wirken und mmmh, ja, und jetzt? Ich bin mir sicher, es war alles „richtig“ für Deinen Werner. So wie Euer letztes Stückchen Weg war, konnte nur Euer Weg sein. Mit nichts vergleichbar. Es ist gut, so wie es war. Du bist nicht gescheitert und hast nicht versagt. Nein. Du bist soweit mitgegangen, soweit es möglich war und er hat Dir einen Schatz dagelassen. Eine wunderbare und aufrichtige Liebeserklärung – eben genau für diesen Moment. Wie wohl hat er sich doch bei Dir gefühlt…. Und jetzt? Einen Tag nach dem anderen, in Deinem Tempo. Ich drück Dich. Bruni |
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Meine liebe Briele,
ich bin froh, dass du deinen wunderschönen alten Thread hoch geholt hast. Vor über 8 Jahren hat mich die Überschrift tief berührt, habe deshalb hier gelesen und hin und wieder auch geschrieben. Und die Überschrift hat nichts von ihrer Aussagekraft verloren. Genauso ist es. Über so viele Jahre hast du mich und viele andere liebevoll begleitet. Immer die richtigen Worte gefunden. Ich erzähle oft von dir, meine Freundin, die mich nicht selten ganz liebevoll an der Hand genommen und ganz behutsam zur Seite geschubst hat. Das Schreiben hier hilft, du weißt es selbst. Das Chaos in Buchstaben packen, rausschreien in die Welt, was die Seele quält und wissen, jeder hier weiß, wie entsetzlich weh es tut, wie wund sich der ganze Körper anfühlt vor lauter Sehnsucht und Kummer. Du machst alles gut Briele. Bei allem was du mir erzählst denke ich: Sie macht es so gut! Ich bin stolz auf dich! Deine Andrea |
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Hallo Briele,
deine Worte drücken so viel Traurigkeit und Verzweiflung aus. Keine Ahnung, wie ich dich trösten soll. Nur eins möchte ich dir schreiben: Zitat:
Mehr kann man nicht tun. Auch wenn dich das nicht tröstet ... vielleicht kannst du drüber nachdenken. Du bist auch nicht alleine mit solchen Gedanken. Gerade in letzter Zeit ging mir ähnliches durch den Kopf. Liebe Grüße, Helmut |
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Liebe Briele,
es ist immer eine Gratwanderung und man hat oft das Gefühl, es ist nicht genug was man tut oder getan hat. aber ich glaube, es war mehr für dich und für ihn als man in Worte fassen kann. Liebe Briele, ich denke an dich. Ylva |
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Ihr Lieben! Ich danke Euch ganz herzlich für Eure tröstenden, Anteil nehmenden Worte, die mir sehr gut getan haben.
@Frau Nachbarin Es tut mir leid, dass Du Deine Mama nicht mehr hast. Meine ist vor 14 Jahren gestorben und ich vermisse sie nach wie vor. Auch jetzt würde ich gerne mit meinem Kummer zu ihr flüchten. Als ich 2005 ins Forum kam konnte ich im Austausch mit anderen langsam besser mit meinem Verlust, der Trauer, umgehen. Ich wünsche Dir alles Gute und danke, dass Du mir geschrieben hast. @Gina79 Auch Dir vielen Dank! Bei Tine dachte ich schon, es ist ja noch nicht lange her, bei Dir sind es grad mal drei Monate, dass Dein Papa gestorben ist. Tines Mama, Dein Papa und ja auch Deine Mama hatten in der ganzen schweren Zeit schon allein deshalb bestimmt ganz oft Gefühle von Glück und Stolz, dass sie so tolle Töchter haben, wie Ihr es seid. Mach es weiter so gut! @Blue Mensch Bruni! Daß wir einander hier noch einmal lesen! Viele Erinnerungen kamen hoch und vielleicht lese ich ja einmal in “unseren” alten threads. Du und Andrea, viele andere, waren so jung als Eure Männer sterben mussten. Wenigstens zu hadern gibt es in meiner Trauer nichts. Du hast Recht: ein Tag nach dem andern, der eine so, dann wieder ein anderer. Ich danke Dir und drück Dich zurück @AndreaS Meine liebe Freundin! Ich bin einfach froh Dich in meinem Leben zu haben, das ist richtig schön! Und was Du nun per Mail mit mir machst, ist im wörtlichen Sinn: Seelsorge - so wie sie im besten Fall sein sollte. Hab Dank, vielen Dank! @HelmutL In all den Jahren habe ich etliche Beiträge von Dir gelesen, Du schreibst sehr einfühlend und warmherzig. Und nun auch mir, wofür ich danke. Vom Verstand her kann ich alles was Du mir sagst annehmen, auch den Satz: “mehr kann man nicht tun”. Das ist wohl wahr. Nur von den Gefühlen her möchte man gerne die Fähigkeit gehabt zu haben, mehr zu tun. Letzten Endes kommt es darauf hinaus, dass man seine Lieben bewahren, beschützen möchte und es sind da halt einfach Grenzen gesetzt. Alles Liebe und Gute für Dich. @Ylva Hab vielen Dank für Deine Zeilen. Ich kenn Dich noch von früheren Zeiten und weiß um Deinen Kummer, Deine Sorgen um Deine Mama. Du bist eine tolle Begleiterin für sie und meine guten Wünsche sind bei Euch. __________________________________________________ _ Ich glaube, das “Trauertier”, das einen ohne Vorwarnung von der Seite her anspringt, hat damals mit mir Einzug in das Forum genommen. Dieses Mal empfinde ich meine Trauer anders. Sie kommt wie in Wellen, baut sich auf, ebbt wieder ab. Kommt und geht, kommt und geht. Meistens fühle ich mich umfangen von den Armen meines Mannes, auf jeden Fall behütet. Habt nochmals Dank und passt gut auf Euch auf! Eure Briele |
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Hallo Briele,
klar. Gefühl und Verstand, das sind sehr oft zwei konträre Dinge. Sie können im Einklang sein oder sich widersprechen. Hier widersprechen sie sich oft. Doch wenn man das Gefühl alleine walten läßt macht sich oft Verzweiflung breit, weil keine Lösung in Sicht ist oder scheint. Dann kann der Verstand Brücken bauen, Lösungen finden, mit welchen es möglich sein kann zu leben. Eine solche Lösung muß nicht immer der Wahrheit oder Wirklichkeit absolut entsprechen. Oft genügt auch eine Wahrheit, an die man glauben kann. Es gibt gerade in unserem Fall zu viele unlösbare Rätsel. Ob nun die objektive oder die subjektive Wahrheit für den Einzelnen jeweils richtig ist, ist zunächst egal. Hauptsache eine lebensfähige Lösung. Ein Rest an Traurigkeit, Zweifel und Rätsel bleibt immer übrig. Damit muss man lernen zu leben. Die eigenen Grenzen zu erkennen, ist nicht unbedingt die Lösung (wie du selber weißt und ich auch) und nicht jede Lösung ist von Dauer. Ein kleines Hätte/Könnte/Vielleicht bleibt. Das ist auch bei mir so. In der Trauer ist 1 plus 1 eben nicht unbedingt gleich 2. Die Rechnung kann auch 1.99 oder 2,5 ergeben und trotzdem für dich absolut richtig sein und so manche 5 ist dann halt mal gerade. Du schaffst das ... auch wenn es dauert. Alles Liebe, Helmut |
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Lieber Helmut,
Danke für Deine Gedanken! Du hast völlig Recht, nicht jede Lösung ist von Dauer und die aufgestellten Rechnungen haben am Ende andere Ergebnisse als sonst im Leben. Ich erlebe gerade wie relativ schnell sich auch Meinungen oder Beurteilungen von Situationen ändern können. Heute vor zwei Wochen war mein Mann am Beginn der 30 Stunden bis zu seinem Tod. Während dieser Stunden und die ersten Tage nach seinem Tod dachte ich öfter, mein Gott, wie schwer ist er gestorben, wie lange hat es gedauert. Da haben mich auch die beruhigenden Worte des Fachpersonals nicht erreicht, die meinten es sei kein schweres Sterben. Und nun sehe ich es anders. Mein Mann konnte bis auf diese letzten 30 Stunden seine sanitären Dinge alleine erledigen, er hat stets am Tisch sitzend essen können, er hat gelesen, Musik gehört, sich mit mir unterhalten. Darüber kann man nur froh und dankbar sein. Und das bin ich. Vor Jahren habe ich hier einmal geschrieben, dass ich als Jugendliche bei meiner Großmutter öfter Abschiedsworte von betagten Gästen und Besuchern hörte, die ich damals schon sehr merkwürdig fand. Sie sagten unter anderem: …”ich wünsche Dir eine gute Sterbestunde”…. Du kannst Dir denken, dass ich diesen Worten mit zunehmendem Alter immer mehr Bedeutung und Sinn beigemessen habe. Ich kann jetzt sagen, mein Mann hatte eine gute Sterbestunde. Gestern war ich auf der Palliativstation und konnte mit der Schwester sprechen die dabei war, als er sein Leben aushauchte. Sie sagte er habe die zwei Stunden in denen ich nicht neben ihm, so ruhig und entspannt gelegen wie er war, als ich ihn verließ. Die Beileidsbriefe bringen mich jedes Mal zum Weinen. Nicht nur, weil ich für mich so traurig bin, es macht mich auch traurig, dass er sie nicht lesen kann, dass er wahrscheinlich nicht wirklich wusste was er anderen bedeutete. Dies dachte ich mir schon beim Tod meiner Eltern. Schon damals habe ich die Lehre gezogen den Menschen nicht nur bei Lebzeiten mehr Blumen zu schenken, sondern ihnen auch zu sagen, dass sie mir wichtig sind, was ich an ihnen schätze und mag, wofür ich sie bewundere. Meistens fühle ich mich von ihm umfangen, beschützt. Er hat immer gesagt …..”ich will es dir leicht machen”….. Ich bin zuversichtlich was meine Zukunft betrifft und weiß ja, dass eines das andere bedingt: viel Nähe und Liebe ist dann halt viel Trauer und Verlust. Dazu kommt die Sehnsucht. Beides wird bleiben und das ist auch in Ordnung. Leicht ist es nicht, aber es war auch schwer als ich die großen Sorgen um ihn hatte, den Kummer, die ohnmächtige Hilflosigkeit, die Angst. All dies muß ich nicht mehr haben. Liebe Grüße und alles Gute für Dich Briele |
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Eigentlich ist es für mich ein Tag wie jeder andere auch, ich bin ja der größte Silvestermuffel den man sich vorstellen kann. Aber der 31.12. gehört dann doch zu meinen Rückblickstagen im Jahr und ich werde still für mich sein. Laut ist es ja draußen.
In diesen Tagen hat man mir mehrfach gesagt, geschrieben “das nächste Jahr kann nur besser werden” und ich frage mich ob ich zuviel, oder die anderen zu wenig Phantasie haben, denn ich kann mir noch Schrecklicheres vorstellen. Es war nicht schrecklich, dass Werner gestorben ist, das Schicksal war ihm doch noch gnädig gewesen, denn ein Weiterleben wäre für ihn schrecklich gewesen. Nun ist er mehr als 7 Monate tot. Manchmal bin ich erstaunt wie schnell die Zeit vergangen ist, dann ist mir wieder, als müsste ich schon sieben Jahre ohne seine Liebe leben. Im Sommer war ich in meiner österreichischen Heimat, alle meinten es würde mir gut tun, das Gegenteil war der Fall. Als ich mich endlich halbwegs eingerichtet hatte, fuhr ich zurück und es war sehr schwer. In mir war immer ein Gefühl von Heimatlosigkeit. Mittlerweile habe ich ein Gefühl von Geborgenheit in dieser Wohnung finden können und auch in mir. Das erste Mal in meinem Leben bin ich ein “alleinstehender Mensch”, ich bin nicht nur Witwe, ich bin ein altes Waisenkind. Als mir dieser Gedanke zum ersten Mal kam, musste ich doch ein wenig lächeln, aber es ist schon so, die drei wichtigsten Menschen sind für immer weg und manchmal kommt mir kurz der Gedanke “ihr musstet nur sterben, aber ich muss ohne euch weiterleben”. Ich werde froh sein wenn jetzt bald der 2. Januar kommt, diese Wochen, die für sich alleine betrachtet schon sentimental sind, hinter mir liegen. Je älter man wird, desto mehr ist die Weihnachtszeit mit Erinnerungen an vergangene angefüllt und die meisten der für mich wichtigen Beteiligten sind leider tot. Es ist bestimmt anders wenn man Kinder und Kindeskinder hat. Gleich zu Beginn der Adventszeit las ich etwas bei Hermann Hesse, das mich etwas durch die Zeit begleitet hat: zu Weihnachten 1917......Weihnachten soll uns darum wie jedes Fest nicht bloß eine Rückschau, sondern ein inneres Aufraffen und Zusammenfassen allen guten Willens sein. Denn denen, "die eines guten Willens sind" gilt die Verheißung. Eines guten Willens sind wir nicht, wenn wir nur um Verlorenes trauern, uns nur des Unwiederbringlichen erinnern. Wir sind es nur, wenn wir des Besten, Lebendigsten in uns selber bewußt werden und der Stimme dieses Bewußtseins folgen. Wer daran ernstlich denkt, wer in sich das Gelöbnis erneuert, seinem Besten treu zu bleiben, der ist in der rechten Stimmung das Fest zu feiern.......... Herrmann Hesse Und seit mehreren Tagen ist es ein Absatz in einer Geschichte von Alice Munro, den ich hier einfügen möchte: ....... wichtig ist nur, glücklich zu sein, sagte er. " alles andere ist egal. Das musst du versuchen. Du kannst es. Es wird immer leichter. Es hat nichts mit den Umständen zu tun. Du glaubst gar nicht, wie gut das tut. Nimm alles hin, und die Tragödie verschwindet. Oder sie wird jedenfalls leichter, und du bist einfach da, gehst entspannt durch die Welt ... Datumsmäßig geht etwas zu Ende, ich habe versucht den Übergang mit einer äußeren und inneren Ordnung halbwegs hinzukriegen. Was das nächste Jahr für mich bereit hält, wird sich zeigen. Ich wünsche Euch alles Gute, auch Mut und Zuversicht. Briele |
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Heute vor 13 Jahren ist mein Papa gestorben. Das ist lange her, andere Verluste hatte ich seither zu verkraften. Aber heute ist „sein“ Tag, wobei ich auch sonst immer wieder an ihn denke. Mit viel Liebe und Dankbarkeit. Ein Rest Trauer wird für immer bleiben. Nicht weil er gestorben ist, sondern weil ich ihn nicht mehr habe, ihn nach wie vor vermisse, weil es traurig ist, traurig bleibt, dass wir Abschied nehmen müssen von Menschen die wir lieben, die für immer weg sind, man nie mehr sehen wird.
Er hatte ein langes, gutes Leben, immer viel Glück gehabt, sogar sein Sterben war gut und ich hatte das Glück bei ihm sein zu dürfen. Meine Bereitschaft dabei zu sein war groß, aber es gehört ja das Quentchen Glück dazu. Warum schreibe ich also nach so vielen Jahren über ihn? Eine alte Tochter über einen alten Vater der schon lange tot ist? Ich weiß es auch nicht. Vielleicht weil außer mir kaum mehr einer an ihn denkt. Briele |
AW: Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
Damals.....
weisst Du noch..... ein lächeln im Gesicht....... ich bin sicher Dein Papa hat auch im Leben anderer Menschen Spuren hinterlassen, hatte Freunde , Kollegen- die AUCH immer noch mal an ihn denken. Denn irgendwo sind immer Spuren seines Lebens. Keine Mensch geht aus dem Leben ohne in irgendeiner Form irgendwas zu hinterlassen. Du bist sein Kind, und was Du tust hinterlässt auch Eindrücke- Papas Kind . Ich weiss wie es ist jemanden zu verlieren, ihn zu vermissen- nicht ständig, aber immer wieder mal. Du alte Tochter eines alten Vaters- lass Dich mal ganz herzlich drücken von mir. Ich vermisse auch schon viele Menschen in meinem Leben. |
AW: Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
Liebe Monika,
Vielen Dank für Deine Worte die mich ehrlich gefreut haben. Das war echt lieb von Dir! Ich wünsche Dir, sowie Deiner Schwester Sandra von Herzen alles Gute. Alles Liebe Dir und eine Umarmung zurück. Briele |
AW: Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
Meine liebe Freundin,
durch Zufall noch kurz hier reingeschaut. Und wenigstens hier ein Piep von mir. Nicht böse sein, werde ganz bestimmt in Kürze Lagebericht schicken.... Vor langer Zeit hast du viel erzählt von deinen Lieben, deinem Papa, deiner Mama. Und durch die Zeilen, durch dein wunderbares Erzählen sind sie für mich lebendig geworden. Es müssen wunderbare Eltern gewesen sein, die einen Menschen wie dich erzogen haben. Wunderbare Menschen, die du auch heute vermisst, mal mehr, mal weniger. Je nachdem, wie das Leben gerade verläuft, je nachdem, welche Erinnerungen geweckt werden. Unvergessen, noch immer geliebt, gemocht auch von jenen, die sie nicht kannten, sondern erst hier von ihnen erfahren haben. Meine liebe Briele eine feste Umarmung von mir!!! LG Andrea |
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