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22.03.2005 16:07

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
OHNE DICH - von E. Fried

Nicht nichts ohne dich
aber nicht dasselbe.
Nicht nichts ohne dich,
aber vielleicht weniger.
Nicht nichts
aber weniger und weniger.
Nicht nichts ohne dich
aber nicht mehr viel.

..... eine Fortsetzung von Gedanken, eine Fortsetzung von Austausch, der im
"Forum für Angehörige - Russisch Roulette" begann,und den ich gerne hier fortsetzen würde......
Briele

22.03.2005 16:34

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Alina,

Dieses Gedicht von Erich Fried (mit Ausnahme der letzten Zeile) drückt mein Empfinden nach Mamas Tod aus.

Ich hatte ein sehr inniges Verhältnis zu meinen Eltern, aber meine Mama war mein Lebensmensch. Wir haben wirklich tausende Briefe gewechselt, hunderte Bücher gemeinsam gelesen, mit niemanden bin ich so gerne verreist, mit niemanden konnte ich so gut lachen wie mit meinen Eltern.Wir haben auch viel gemeinsam gemacht.

Wie bei Dir, ist sie mir auch das große Vorbild - im Altern, im Umgang mit Krankheit und beim Sterben. Sie ist jetzt fünfeinhalb Jahr tot, mein Papa drei Jahre. Also viel, viel länger als bei Dir. Trotzdem gibt es Momente, in denen erscheint es mir unbegreiflich, daß sie nicht mehr da sind, ich ein altes Waisenkind bin!

Ich hatte in Saphir Thread einmal geschrieben, ich sei nicht mehr die Gleiche. Positiv empfinde ich meine gesteigerte Sensibilität anderen, - so oder so leidenden Menschen gegenüber. Ich bin auch dankbar, daß mein großer Wunsch - bei meinen Eltern zu sein, wenn sie sterben - daß sich das ausging und daß wir das so gut hinkriegten. Dadurch bin ich dem "Mysterium Tod und Sterben" einen Schritt näher gekommen.

Aber das Leben das ist hatte als meine Mama noch lebte, das ist vorbei. Diese Qualität ist vorbei.Mittlerweile kann ich wieder Dinge machen, von denen ich dachte, ich will das nie mehr tun. Ganz Banales, z.B. haben wir immer viel gebacken, neue Rezepte ausprobiert und ich dachte ich will nie mehr einen Kuchen backen.Sehr lange dauerte es bis ich wieder Opern hören konnte ohne beim ersten Ton in Tränen auszubrechen.

In den ersten zwei Jahren habe ich eifersüchtig und neidisch beobachtet wie alt andere Menschen werden, habe andere Töchter und Mutter beäugt. Mittlerweile habe ich sogar Kontakt zu einigen älteren Damen. Die sind kein Mutterersatz, ich will ihnen eher etwas von der Aufmerksamkeit einer Tochter schenken.

Einmal habe ich einen Ausspruch gelesen: die größte Tragödie im Leben einer Frau ist der Tod der Mutter, der Tod der Tochter. Für mich stimmt es, aber allgemein würde ich sagen, es kommt auf die Beziehung an.
Ich würde sagen, seit dem Tod meiner Mama ist viel von meiner Lebensfreude verschwunden, das Leben ist nicht mehr so voll, eben weniger Leben, weniger Freude. Zugleich weiß ich, daß genau dies ihre Sorge war.

Jetzt muß ich aufhören - Deine Frage bezüglich Hospizarbeit beantworte ich später.

Liebe Grüße
Briele

AndreaS 22.03.2005 18:40

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Briele,

sehr aufmerksam habe ich die Beschreibung deiner Empfindung gelesen und ich konnte spüren, wie nah deine Eltern und du euch gewesen seid. Und ich kann all das, was du beschreibst bestätigen, nicht als Tochter aber als Ehefrau. Genau diese Gefühle - positiv wie negativ - Dankbarkeit für die Zweisamkeit bis zur allerletzten Sekunde, ein gewisser Verlust der eigenen Todesangst, Furcht etwas alleine zu tun, was man so gerne gemeinsam gemacht hat, Eifersucht auf andere, die noch leben dürfen, was man selbst verloren hat - all das sind wohl Empfindungen, die man hat, wenn man einen wirklich geliebten Menschen verliert, wenn man das eigene Leben nach dessen Tod alleine leben muss, nicht immer schlechter, aber immer ungewollt anders. Ich habe mich in jeder deiner Zeilen wiedererkannt.

Liebe Grüße
Andrea

22.03.2005 20:58

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Briele,
danke für deine Antwort. Kann jetzt gar nicht viel schreiben, deine Worte gehen mir ans Herz und ich möchte mir jetzt ein paar Tränen gönnen.Meine Mama war mir auch so nah wie dir deine, wir waren nicht nur als Mutter und Tochter verbunden, sondern auch noch auf einer anderen seelisch geistigen Ebene.Sie fehlt mir in so vielen Lebensbereichen, das wird mir jeden Tag bewußter.Da haben wir wohl beide "Heimat" verloren, Briele und ich muss trotzdem auch lächeln über uns "alte Waisenkinder ". Genau so fühl ich mich trotz meiner 39 Jahre, trotz Freund und Freundeskreis. Mama und ich waren immer die starken Frauen in der Familie-jetzt bin ich halt alleine.

Melde mich auch wieder,
Liebe Grüße, Alina

Auch dir,Andrea liebe Grüße- da fühlen wir wohl alle gleich und es ist so schwer.Ob es wohl weitergeht nach dem Tod ? Wäre schon ein großer Trost !

Melli 23.03.2005 16:36

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
hallo zusammen,

eure zeilen rühren mich und erinnern mich an meine vergangenheit...es ist so schwer das leben ohne meine mama zu leben, sie fehlt so sehr....jede sekunde....sorry...muss aufhören...sonst weine ich gleich noch und da ich auf der arbeit bin wäre das nicht so gut.

ich grüsse auch ganz lieb!!

23.03.2005 20:09

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Andrea,

wenn Du magst dann erzähl uns doch einmal Deine Geschichte, von dir und Deinem Mann.

In der ersten Zeit meiner Trauer fand ich es schwierig und mußte ich mich immer bemühen die Dankbarkeit sozusagen über den Verlust zu stellen.Es war mir immer klar, daß ich in erster Linie um mich trauere, denn was meine Eltern betraf da mußte ich fast froh für sie sein, daß sie sterben konnten.

Auch mir geht es so wie Dir, die Angst vor dem eigenen Tod ist kleiner geworden. Aber ist nicht immer die Angst vor dem Sterben größer?

Wann ist Dein Mann gestorben?

Liebe Grüße
Briele

23.03.2005 20:20

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Melli,

das tut mir sehr leid, daß Eure Mama so früh sterben mußte, Ihr jetzt ohne sie leben müßt!

Ich habe mir die Homepage angesehen. Das ist wunderschön gemacht! Ich wollte ich könnte so etwas, aber ich wäre schon froh wenn ich so viele Fotos von meiner Mama hätte. Wir haben leider nie viel fotografiert. Die letzten sind vielleicht sechs Jahre vor ihrem Tod. Wenn ich im Bett liege, die Augen geschlossen habe, dann rufe ich in meinem Gedächtnis alles ab: ihre blitzblauen Augen, den Haaransatz, die kleine Narbe an der Stirn, ihre Falten, alles und denke, wenn ich schon wenig Fotos habe, so will ich das im Kopf gespeicherte für immer aufbewahren.

Liebe Grüße
Briele

23.03.2005 20:58

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Alina,

danke für Deine Zeilen. Das "alte Waisenkind" ist auch mit einem lachenden Auge gesagt. Meine Eltern hatten einen etwas schwarzen Humor, den vermisse ich auch schrecklich.

Es verbindet uns anscheinend einiges, so auch der Gedanke ehrenamtlich bei der Hospizbewegung mitzuarbeiten.

Schon vor Mamas Erkrankung habe ich den ersten Teil der Ausbildung für Sterbebegleitung gemacht. Dann hat mich das wirkliche Leben eingeholt. Mit all den Erfahrungen, die ich jahrelang gemacht habe würde ich heute sagen, ich wäre damals, eben ohne das Erlebte, ja gar nicht wirklich brauchbar gewesen.
Ich will nichts Schlechtes über diese Kurse sagen, aber sie waren für meinen Geschmack zu katholisch ausgerichtet.

Als mein Papa im Sterben lag, habe ich zwei Damen kennen gelernt, die Hospizarbeit machten. Ich habe noch heute Kontakt mit ihnen und werde ihnen immer dankbar sein. Es waren zwei ehemalige Krankenschwestern.
Ich habe für meine Eltern alles getan und es hätte nichts gegeben was ich nicht hätte tun wollen oder können. Aber ich weiß nicht, ob ich das für andere, mir nicht nahe stehende Menschen auch tun möchte. Ich glaube es ist nicht damit getan, daß man einen Sterbenden nur spirituell begleitet, da ist weder ihm, noch den Angehörigen gedient. Man muß auch bereit sein pflegerische Hilfestellung zu geben, zumindest sehe ich es so.

Ich habe mich in den letzten Jahren für "Trauerbegleitung" interessiert, sehr viel gelesen, einige Seminare besucht. Von der sogenannten "Ausbildung" her gesehen hat mich nichts wirklich zufrieden gestellt. Ich glaube auch nicht, daß es dafür eine Ausbildung geben kann. Mir war das alles zu sehr fest gefahren, ich hatte das Gefühl etweder läuft es nur auf der Kübler Ross Schiene (so sehr ich sie schätze) oder auf der Schiene des Griechen Canazakis (schreibt sich vielleicht anders). So wie fast jede Erkrankung anders abläuft, jedes Sterben, so ist es auch mit dem Trauern und ich glaube das Wichtigste ist die Bereitschaft einfach zuzuhören, seine Ohren, sein Herz offen zu halten und sicher auch die Arme um einmal jemanden zu halten.

Ich habe mir gedacht, eigentlich brauch ich mich keiner Organsiation anschließen.Um mich herum sind Kranke, Alte, Sterbende, Traurige, es gibt genug zu tun. Aber ich schließe nicht aus,daß ich mich auch einmal einer Bewegung anschließe, was ja mein ursprünglicher Gedanke war.

Für heute genug.
Liebe Grüße
Briele

23.03.2005 23:48

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Hallo Briele,
nur ein paar Worte zu späterer Stunde,die Frühjahrsmüdigkeit hat mich fest im Griff ! Danke für deine Gedanken und schön, dass du mit einem gewissen schwarzen Humor auch was anfangen kannst.Meine Mama hatte ihn auch,diesen Humor.Ich denke gerade an einen meiner Krankenhausbesuche bei ihr, der mit der Arztvisite zusammenfiel.Der Arzt sagte betont munter zu ihr, wie schön das Wetter heute sei - sie sagte ganz cool" Ja,Herr Doktor,heute wäre wirklich ein guter Tag zum Sterben".( Zitat der Hopi-Indianer). Der Arzt erstarrte förmlich und sah so unglücklich drein, dass Mama IHN tröstete mit den Worten
" Aber Herr Doktor, das ist ja nicht so schlimm, sterben müssen wir ja alle mal".Noch heute muss ich über sie und die Reaktion der anderen lächeln.

Ich werde mir deine Worte zur Sterbebegleitung durch den Kopf gehen lassen.Bin ja auch noch recht unsicher,warum ich diesen Gedanken bzw.Wunsch habe ! Ein großer Teil ist es wohl die Dankbarkeit dafür, was man dort für meine Mutter und mich getan hat. Dort fand meine Mama wirklich " einen guten Platz zum Sterben".
Bis bald,
liebe, müde Grüße Alina

25.03.2005 15:20

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Alina,

Danke für Deine Zeilen und ich wünsch Dir Frohe Ostern! Wie geht es Dir? Bei mir ist auch nach vielen Jahren jeder Feiertag irgendwie umwolkt.

Deine Indianerausspruch zitierende Mama ist bemerkenswert.Ich denke auch immer gerne an kritische, witzige,mutige Aussprüche meiner Eltern.

Heute mußte ich an eine eigene Erfahrung denken, die ich Dir erzählen möchte:
Nach Mamas Tod war ich eigentlich recht großzügig im Verteilen von Andenken. Die Großzügigkeit wurde gelenkt vom Wissen, daß sich Menschen schneller, leichter, öfter an einen erinnern, wenn sie etwas in den Händen halten können.Und es sollen doch viele an meine Mama denken! Einerseits konnte ich gut weggeben, andrerseits
schien jeder Knopf wertvoll, jedes Ding, von ihr benützt, war wie eine geweihte Reliquie.

Ich hab dann einmal ganz ernsthaft von Marmeladegläsern und Tuppergeschirren von ihr geschriebene Etiketten abgelöst, ganz vorsichtig. Das Ganze dann zum Trocknen auf ein Tuch gelegt. Dann bin ich vor diesen Zettelchen gestanden:Himbeermarmelade, Erdbeermarmelade, Geschnetzeltes ..... und war ein klein wenig ergriffen von meiner Sinnigkeit.
Plötzlich hörte ich meine Mama neben mir die Luft laut einziehen und mit einem lauten baahhhh ausstoßen, so wie sie das gemacht hat, wenn ihr etwas auf den Geist ging und ich hörte sie zischend sagen... ich bitte dich .... und dann mußte ich auch lachen und ich sagte zu ihr, Mama, das wird jetzt ein bißchen plemplem, nicht?

Na ja, dann hab ich die Zettelchen entsorgt.

Ich bin richtig froh über Saphirs Nachrichten. Was meinst Du, bleiben wir mit unserem Austausch hier?

Liebe Grüße
Briele

25.03.2005 22:29

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Hallo Briele,
dir auch schöne Ostern, trotz der Wolken. Ich höre gerade eine für mich neue CD von Rosenstolz und stell dir vor, sie singt gerade "Dunkle Wolken können auch schön sein, und die Trauer gehört zu mir" Tja,so ist es auch für mich. Ich habe jetzt ihren Geburtstag und Weihnachten ohne sie erlebt und jetzt will Ostern ohne sie gelebt werden.Und da sind sie natürlich,die Wolken auch für mich und eine große Sehnsucht nach ihr dazu.Aber so wie sie immer sagte, sag ich auch:"das ist halt so"
Aber ich dachte eigentlich, dass die Feste ( und die akute Trauer)im ersten Jahreslauf nach dem Verlust am stärksten sind und dass es dann leichter wird.Wie war/ist das bei dir ? Bekommen die Wolken ein andere Farbe, werden sie weniger, stehen sie nun höher oder verziehen sie sich nun wieder schneller ?

Deine Marmeladeetikettenerinnerung ist schön,ich kann mir das so gut vorstellen.Wir "haben" unsere Mütter sehr nah bei uns und können innerlich intensive Dialoge führen mit ihnen, das ist schön und tröstlich ( und nicht bedenklich,wie ich in einem Psycho-Trauerbuch der schlechten Sorte gelesen habe !)

Ich erlebe gerade auch die Wahrheit des Satzes "jeder neue Verlust belebt auch alle anderen wieder neu,die man in der Vergangenheit erlebt hat ".Meine Freundin musste gestern ihren Hund einschläfern lassen,auch wegen Krebs.Ich habe diesen Hund ebenfalls sehr geliebt,der Verlust schmerzt.Und als ich meine Freundin zum Tierarzt begleitete, war auch alles Leid und die Angst um Mama wieder da. Schwerarbeit ist das Trauern !

Zum Abschluss möcht ich aber auch noch was Positives zu Ostern sagen: Ohne dass ich (kirchen)katholisch bin,empfinde ich schon seitlangem in diesen Tagen immer dasselbe,nämlich Bedrückung am Karfreitag und ein Gefühl der Erleichterung und Freude am Auferstehungstag.Meine Mama habe ich auch nach ihrem Sterben drei Tage lang ganz intensiv und irgendwie physisch noch anwesend im Haus erlebt ( wir lebten in einem Haus mit zwei getrennten Wohnungen). Ende des dritten Tages war sie dann wirklich "fort".Ostern hat also für mich wirklich eine "Frohbotschaft", auch wenn mein Glauben manchmal ins Wanken kommt.Wie denkst du darüber ?

Zu deiner letzten Frage denke ich mir,dass es wohl doch gut passt, hier zu bleiben. Habe da einige Gedanken dazu,die ich dir ein anderes Mal schreiben möchte. Ich schaue auch immer nach,ob Saphir was geschrieben hat und werde mich weiter bei ihr melden.So schön, dass es wieder Hoffnung für Saphirs Mama gibt !

Jetzt wünsch ich Dir ( und allen,die da und traurig sind),dass zu Ostern Sonnenstrahlen durch die ( unsere)Wolken dringen !
Alles Liebe von Alina!

AndreaS 26.03.2005 09:34

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Briere,

mein Mann ist im Oktober 04 gestorber. 10 Tage vor seinem 50 Geburtstag, den wir ursprünglich gemeinsam mit Freunden auf Kreta feiern wollten. Ende 2003 begann er, sich nicht wohl zu fühlen und im Februar 04 mussten wir die Diagnose Nierenzellcarzinom zur Kenntnis nehmen. Ab da blieben uns noch 8 Monate, wobei ich, losgelöst von mir und meinem "Egoismus" sagen muss Gott sei Dank (ich hoffe, ihr wisst, wie ich das meine)

Wir waren 28 wunderbare Jahre zusammen, davon 23 verheiratet und haben vier tolle gemeinsame Kinder. Wenn ich auf unser gemeinsames Leben zurückblicke, denke ich manchmal, dass wir irgendetwas "geahnt" haben müssen, denn wir haben wirklich jeden Tag versucht zu leben, als wäre es der Letzte. Wir haben kaum etwas auf später aufgeschoben, sondern gelebt. Nicht nur in den Ferien, wir waren stets bedacht das "Urlaubsfeeling" auch zu Hause zu empfinden.Das ist etwas,was mich heute sehr glücklich macht und tröstet. Es gibt nichts, was ungesagt blieb (nicht erst in der Zeit der Krankheit, sondern schon vorher) Wie viel schlimmerwäre es, wenn Dinge unerledigt und ungesagt zwischen uns geblieben wären, jetzt da das NIEMEHR Einzug gehalten hat.

Was mich sehr erstaunt ist, dass die Zeit einfach weitergeht.Dass ich bereits seit fast 6 Monaten hier im Forum schreibe und lese, ist unfassbar. Und dass es dieses Forum gibt, ist ein unglaubliches Glück. Seinen Schmerz "rausschreien" können und wirklich zu wissen, dein "Gegenüber" weiß genau,wie es dir geht, ist unglaublich hilfreich. Denn auch mit der größten Anstrengung, keiner meiner Freunde weiß wirklich, was es bedeutet, sie können es nicht wissen...

Ich wünsche Euch allen eine erträgliche Zeit und ein sonniges,nicht zu trauriges Osterfest.

LG
Andrea

27.03.2005 20:25

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Danke für Deinen Brief.

Wie Du, habe ich mir in diesen Tagen auch Gedanken über die Bedeutung von Ostern gemacht. Ich bin, nicht durch meine Eltern, aber durch die Schule und das Umfeld katholisch - ich sage am besten - geprägt. Ich bin vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten und aus der Distanz heraus kann ich nun mehr mit der Symbolik, den Ritualen, anfangen als vorher. Mir wurde erst vor kurzem bewußt, daß für mich die Bedeutung des Karfreitags mehr Raum einnimmt, als die Auferstehung. Leider, oder vielleicht konsequenterweise ist es so, daß auch meine Karfreitage schwerer wiegen, als meine Auferstehungen. Aber ich denke, daß diese Erkenntnis auch ein Schritt ist.

Du fragst, wie es mit den Trauerwolken Jahre später ist. Auf den Punkt gebracht kann ich sagen, der Faktor Zeit ist das einzige was die Trauer mildert. In Deinen Beiträgen hast du Deine Mama zitiert, die sagte .....das ist halt so ,..... das paßt schon so.... Das haben meine Eltern beide auch so gesagt.Im ersten Jahr nach Mamas Tod empfand ich meine Trauer wie ein wildes Tier, das mich von der Seite anspringt, ohne Vorwarnung, von einer Sekunde auf die andere. Und im Laufe der Zeit sagte ich mir auch, ..das ist halt so, das muß ich einfach aushalten. Und nach dem fünfzigsten Mal hatte ich die Erfahrung, daß das kommt, aber auch geht.
Wenn ich bis in die letzte Pore angefüllt bin mit Traurigkeit, es vor Sehnsucht kaum aushalte, dann ist das jetzt so, aber morgen vielleicht nicht mehr. Und umgekehrt genauso.

Im Laufe der doch langen Zeit ist es mir gelungen daß die Dankbarkeit für das was war stärker ist als der Schmerz über das Verlorene. Man weiß nicht was kommt, aber das was ich mit und an meinen Eltern, vor allem an meiner Mama hatte, ist nicht ersetzbar.

Als ich - sicher ein Jahr nach Mamas Tod wieder einmal schrecklich weinte, mußte ich ins Badezimmer und da sah ich mein Gesicht im Spiegel. Ich war erstaunt. Das war das Gesicht, das plärrende Gesicht eines Kindes. Ich meine an sich sehe ich in meinem Alter anders aus wenn ich weine.

Einmal habe ich einen Fernsehbericht über Trauernde gesehen. Darunter war ein achtjähriges Kind, das um seine verstorbene Oma trauerte. Sie fand sehr gute Worte. Dann erzählten alle - Alte und Junge - was ihnen hilft bei der Trauer.Das kleine Mädchen sagte, manchmal wenns ganz fest weh tut, dann denk ich schnell an etwas anderes, z.B. an Erdbeeren mit Sahne. Solche Aussagen helfen mir oft mehr als ein kluges Buch. Ich dachte dann, ich kann meiner Trauer immer nachgeben,aber ich kann auch die Erdbeeren suchen. Ich habe auch die Möglichkeit der Wahl und das hat nichts mit Verdrängung zu tun.

Entschuldige bitte, ich muß jetzt etwas abrupt aufhören.
Liebe Andrea ich schreib Dir auch noch.
Einen schönen Ostermontag
Liebe Grüße
Briele

27.03.2005 20:26

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
naja, das war nicht von der lieben Alina sondern für die liebe alina
Briele

27.03.2005 21:57

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Andrea,

danke daß Du geschrieben hast, das hat mich gefreut. Ich habe erst in den letzten Tagen mehr im Forum gelesen, auch Deine Beiträge und hatte befürchtet Du findest es unaufmerksam von mir, wenn ich Dich frage, was du schon längst geschrieben hast.

Es tut mir leid, daß Dein Mann so früh gestorben ist und ich freue mich mit Dir, daß Ihr ein gutes Leben hattet.Ich glaube es ist eher selten, daß man in der Trauer nicht etwas zu bereuen hat, und ich bin trotz allem auch froh und dankbar, daß es so ist wie es ist, daß alles gesagt wurde, gelebt wurde. Natürlich gibt es einiges was ich bedaure: daß ich nicht viel mehr Fotos habe, daß ein paar wichtige Reisen nicht mehr zustande kamen, aber ich wußte schon lange vor der Erkrankung, egal was wir alles machen, es hätte immer noch mehr sein können. Darüber hatte ich auch mit meinen Eltern gesprochen.

Ich habe in dem Thread "Vorwürfe"gelesen, ich nehme an Du bist die Andrea, die mitschreibt. Das Gedicht ....du kannst Tränen vergießen .... habe ich heraus kopiert. Weißt Du wer der Verfasser ist?

Alles was Du sonst in diesem Thread schreibst, kann ich mit unterschreiben. Es tut mir in der Seele weh wenn ich von den Vorwürfen höre und lese, die sich Hinterbliebene machen. Ich will damit nicht sagen, daß die immer und in jedem Fall unbegründet sind, aber diese Vorwürfe die entstehen, weil in Büchern Situationen beschrieben und bewertet werden, und Leute sich dann als Versager fühlen weil ihre Situation eine andere war.

Ob in Büchern, ob bei Seminaren, es läuft so nach einem Schema ab. z.B. habe ich oft gelesen und gehört (auch gesagt bekommen) man müsse mit dem Sterbenden laut sprechen, weil das Gehör nachläßt und er doch wissen soll, daß ich bei ihm bin. Also ich hab nicht laut geredet, meine Eltern haben es nicht leiden können wenn jemand laut geredet hat, ich hab in ihr Ohr geflüstert und sie haben mich, meine Hände, meine Arme, meine Lippen, meine Wange, ihre Tochter gespürt.

Die Menschen verhalten sich in ihrer Krankheit ja auch ganz verschieden, warum sollen sie im Sterben alle gleiche Wünsche, Ansprüche, Ängste haben. Es ist nicht immer leicht sich darauf einzustellen, aber das muß man einfach versuchen.

Dieses Forum ist eine feine Sache. Schade, daß ich diese Möglichkeit nicht schon vor Jahren hatte.

Für heute- liebe Grüße
Briele

28.03.2005 01:56

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Hallo Briele,(hatte deinen Namen falsch geschrieben, wo kommt er eigentlich her?)

ich halte es ganz und gar nicht für unaufmerksam. Außerdem weißt du vielleicht selbst, dass man hin und wieder gerne die Gelegenheit hat, wieder erzählen zu dürfen. Nach fast 6 Monaten gibt es nicht mehr viele, die zuhören möchten.

Ich weiß leider nicht, wer der Verfasser ist. Eine langjährige gemeinsame Bekannte hatte mir diese Zeilen geschrieben. Später habe ich sie nochmal auf einer Hospizseite gefunden, leider auch ohne Verweis auf den Autor.

Mir ist es übrigens auch so ergangen nach dem Tod meines Mannes. Ich dachte, ich müsse unbedingt etwas tun. Es war solch ein Friede im Haus, sein Sterben hatte nichts Erschreckendes und ich wollte anderen Menschen helfen. Ich muss sagen, dieses Gefühl hat nicht lange angehalten. Nicht, dass ich nicht helfen möchte, aber ich kann dieses "Erlebnis" nicht mit Fremden teilen, es ist eine sehr intime Angelegenheit im Leben eines Menschen und ich bin glücklich und dankbar, dass ich teilhaben durfte. Aber ich glaube, es bedarf - jedenfalls bei mir - der wirklichen Liebe, um dieses Sterben so zu empfinden, wie meine Kinder und ich es empfunden haben. Wie du es sagst, die Menschen leben unterschiedlich und sie sterben unterschiedlich. Ich glaube aber, so wie man einen Menschen, den man liebt und gut kennt begleiten kann, ist es bei Fremnden nicht möglich
Schwer zu erklären. Allerdings werden wir die Hospizarbeit in jedem Fall unterstützen, besonders den ambulanten Hospizdienst, damit es mehr Menschen, die keine Familie haben, möglich sein kann, in vertrauter Umgebung zu sterben.
Vor Selbstvorwürfen ist keiner sicher. Egal wie alles war, du findest ein Eckchen, das dich zweifeln lässt. Ich lese auch nicht mehr im Nierenkrebsforum. Ich kann es nicht ertragen, wenn oftmals so gesprochen wird (ich halte mich jetzt nicht an den Wortlaut, sondern wie es angekommen ist), als ob es jeder selbst in der Hand hätte, wer stirbt hat nicht richtig gekämpft...Oder wer Krebs bekommt, hat wahrscheinlich seelische Probleme oder ist in seinem Leben unglücklich (liest sich toll, wenn man gerade den geliebten Partner verloren hat - natürlich kommen Zweifel, ob man wohlmöglich Mitschuld hat)

Dein Vergleich mit dem wilden Tier ist klasse. Der Schmerz fällt dich an. Wirklich toll beschrieben.

So, für heute lass ich es aber gut sein.
Liebe Grüße
Andrea

28.03.2005 23:19

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Andrea,

danke für Deine Zeilen - Du warst ja noch spät am Schreiben!

Um noch einmal auf eine Mitarbeit im Hospizdienst zurück zu kommen. Ich weiß auch nicht wie das kam, daß ich mich, je mehr ich mich damit beschäftige, davon entferne,mir das weniger zutraue.Ich glaube das ginge gar nicht, daß man dabei solche Empfindungen hat wie bei einem Angehörigen, das würde man nicht oft aushalten. Was ich in den letzten Jahren (mit der neuen Sensibilität und auch der Erfahrung) mache, ist in meinem Umfeld aufmerksamer sein. Wenn jemand krank ist, es schwer hat, trauert, nicht nur sagen daß ich gerne helfe,man mich anrufen kann, sondern wirklich etwas tun.

Du sprichst das Thema "Krankheit -Seele" an und das ist auch so ein Thema in das ich einmal viel an Zeit, Energie, auch Geld investiert habe und von dem ich mich immer weiter entferne. Begonnen hatte ich schon vor zwanzig Jahren mit verschiedenen alternativen Heilmethoden, einfach weil ich selbst ganz verblüffende Erfahrungen gemacht hatte. Als ich dann in die esoterische Ecke vordrang hab ich ziemlich bald erkannt, daß das harmlos sein kann aber auch ganz, ganz üble und böse Auswirkungen haben kann. Selbst als diese Fragen für mich rein theoretischer Natur waren - einfach weil niemand von mir betroffen war - dachte ich, daß kann es doch nicht sein, da ist jemand schwer krank , es wird ihm vermittelt irgend etwas in Deinem Leben läuft schief und das mußt du ändern, also das empfinde ich als Zynismus pur: man ist schon schrecklich krank und zermartert sich den Kopf was man in seinem Leben ändern müßte, könnte, damit man wieder gesund wird und dann fühlt man sich noch mit der ganzen Verzweiflung als
Versager.
Später hab ich Kranke kennen gelernt die auf so eine schiefe Ebene kamen. Es gibt Bücher, da kannst Du alphabetisch nachschlagen - Brustkrebs = Mutterproblem, linkes Knie, was weiß ich, vielleicht mangelndes Durchsetzungsvermögen. Das Traurigste was ich diesbezüglich erlebt habe war eine krebskranke Frau, die nach einer sogenannten Familienaufstellung fast ihre ganze Familie in den Abgrund gebracht hat. Dieses Thema regt mich wirklich auf.

Ich habe hier auch einige Male im Forum für "alternative Heilmethoden" gelesen. Warst Du da schon einmal? Oder bei "Sonstiges" oder "Vorschläge". Also da gibt es zum Teil diese besserwisserischen, verbissenen Texte, die dann ganz schnell aggressiv werden, wenn jemand anderer Meinung ist.

Was ich in diesem Zusammenhang nie gelesen habe ist, daß ein kranker Körper eine gesunde Seele schädigen kann. Aber das ist doch viel leichter der Fall, oder?

Gestört hat mich schon lange (Jahrzehnte) die Aussage: nur in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist. Nur weil er tausendmal geschrieben wurde, wird er ja nicht richtiger. Also das ist so ein Satz, da kann wirklich jeder Mensch in seinem Leben das Gegenteil erleben. Und dann hatte ich eines Tages wirklich das Glück mit jemanden darüber zu sprechen, der alte Sprachen kennt und der sagte mir, dieser Satz ist einmal falsch übersetzt worden und wird seitdem stur weiter falsch zitiert. Richtig soll es heißen: ES BLEIBT ZU HOFFEN, DASS IN EINEM GESUNDEN KÖRPER EIN GESUNDER GEIST WOHNT. Dasist doch ein Unterschied.

Ich bin sonst nicht so rabiat.

Liebe Grüße
Briele

30.03.2005 21:46

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Hallo Briele,
heute nur ein kurzes Hallo von mir- bin noch immer abends so müde-hatte in den letzten Tagen ziemliche Schlafprobleme, wahrscheinlich schlägt sich mein Unterbewußtsein mit irgendetwas herum. Ostern war für mich bis auf ein paar schöne Momente traurig, na ja, war ja auch das erste Ostern ohne meine Mutter. Alle Rituale ohne sie zu machen tat einfach nur weh.Also, fällt mir momentan nicht so leicht,Erdbeeren mit Sahne zu suchen.Eine Erdbeere war aber meine dreijährige Nachbarin, sie merkte, dass ich traurig bin,lief in ihren Garten zum Osternest,holte ein Schokoladenei und gab es mir mit den Worten"Wenn du Schokolade isst, bist du wieder fröhlich ".Das alleine zusammen mit ihrem besorgten Gesichtsausdruck brachten mich schon zum Lachen, sie hat also recht behalten.

Wie geht es dir so, Briele ? Erlebst du gerade Moll- oder Durtöne in deinem Leben? Träumst du manchmal von deinen Eltern ? Bekommst du irgendwelche Zeichen von ihnen?. Mam hat sich in der ersten Woche nach ihrem Tod so lebhaft bei mir "gemeldet" mit Schönem und Positiven, dass ich schon dachte,dass es so auch weitergeht.War aber leider nicht so, seit dem gab es keine "Nachrichten" mehr von ihr, bis heute nicht ( bis auf die Tatsache natürlich, dass sie in mir ganz lebendig ist).

Für heute alles Liebe, auch für dich, Andrea
von Alina

30.03.2005 22:07

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Alina,

danke für Deine lieben Zeilen.
Ich kann heute nicht viel schreiben,nur so viel, es geht mir gut, aber ich bin momentan zeitlich, gefühls- und verstandsmäßig stark eingebunden. Ein anderes Mal mehr.
Alles Liebe
Briele

01.04.2005 22:08

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Alina,

Du fragst mich nach meinen Träumen, diese Frage wollte ich Dir auch stellen. Also ich träume viel, weil ich aber hier im Forum ein paar flehentliche Bitten um Träume gelesen habe, will ich gleich sagen, daß ich das nicht als Privileg empfinde, ich auch nicht glaube einen besonders guten Draht zu meinen Verstorbenen zu haben. Ich habe vielleicht die Fähigkeit nicht nur viel und intensiv zu träumen, sondern mich auch an meine Träume erinnern zu können. Ich will niemanden neidisch machen, aber ich kann träumen, aufwachen, auf den Topf gehen und dann die Fortsetzung weiter träumen.

Im ersten Jahr hab ich meine Träume aufgeschrieben. Vor einiger Zeit hab ich das gelesen und war erstaunt, daß ich einige nicht mehr im Kopf gehabt hatte. Also vielleicht ist es eine Empfehlung Träume aufzuschreiben,solche an die man sich immer erinnern möchte.

Es gibt allerdings einen Traum, der ist nicht schön und den habe ich wahrscheinlich jede Woche einmal: ich träume, daß ich ganz erschreckt und betroffen bemerke meine Mama schon länger nicht angerufen zu haben. Ich bin entsetzt, denn so etwas ist nie vorgekommen. Und dann gelingt es mir nicht die Nummer zu wählen. Die Nummer ist mindestens 40 Stellen lang, ich kann sie nicht entziffern, meine Finger rutschen beim Wählen ab, ich muß immer und immer wieder neu beginnen und werde immer verzweifelter. Irgendwann wache ich auf, mein Kiefer tut mir weh weil ich so gemalmt habe, die Schultern sind verspannt.

Seit Papas Tod träume ich so gut wie immer von beiden. Auch wenn ein Elternteil in dem Film die Hauptrolle hat, ist der andere im Hintergrund.

Ich könnte jetzt auf Anhieb nicht sagen, daß ich (deutbare) Zeichen erhalten haben. Wie Du, habe ich auch die Empfindung sie gut in mir zu haben. Seit dem Tod meiner Eltern habe ich so peu a peu eine andere Einstellung zu "Entscheidungen"
bekommen. Ich gehe das viel gelassener an, ich erlaube mir sogar einfach zuzuwarten, gar nichts zu machen weil in mir eine Art Urvertrauen ist, daß mit ihrer Hilfe das richtige zum richtigen Zeitpunkt geschehen wird. Obwohl zwischen mir und meinem Bruder im Umgang mit Trauer und dem Verlust der Eltern Welten liegen, gehen wir in diesem Punkt mehr oder weniger konform.

Um noch einmal auf die "Erdbeeren mit Sahne" zurückzukommen. Irgend wann bin ich an den Punkt gekommen, an dem ich mir sagte, ich habe jetzt die Wahl, ich kann mich in meine Trauer vertiefen, fallen lassen, weinen, hingeben, aber ich kann auch versuchen etwas anderes zu machen. Ich kann einen Brief schreiben, ein Fenster putzen, einen Kuchen backen und dann einen Besuch machen. Die Entscheidung ist einmal so und einmal so, aber es war wie ein Schlüsselerlebnis, daß ich auch ein bißchen mit entscheiden kann, daß ich nicht nur ein Bündel Trauer und Schmerz bin!

Im nachhinein wurde mir bewußt, daß das meine Eltern GELEBT haben. Es klingt nun vielleicht zu spitz, zu hart, aber ich glaube Du versteht was ich meine, wenn ich sage: etwas Diziplin haben. Ich glaube im Moment kann ich das nicht gut ausdrücken, es kommt so rüber, als ob ich mit Verdrängung versuche meine Trauer zu bewältigen. Das ist es aber nicht. Ich fühle mich jetzt auch ein wenig unter Druck, weil mein Mann zum Laptop möchte......

Für heute alles Liebe
Briele

07.04.2005 16:28

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
hallo Leute, ich bin kein Schreiber aber ich lese hier viel. Eure Texte find ich besonders gut. Warum schreibt ihr nichts mehr? Briele, deine Beiträge an ute im forum für Angehörige sind Spitze. also kommt bitte wieder.
gruß klaus

08.04.2005 08:45

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Hallo Klaus,

was könnte ich antworten ohne Dir nahe zu treten?

Ich denke es ist völlig in Ordnung wenn Du weiter nur liest und nicht schreibst.

mfg
Briele

08.04.2005 22:05

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Hallo Briele,
jetzt habe ich mich eine Weile nicht gemeldet. Mein Vater musste nämlich ins Krankenhaus , sein Zustand war nach langem Durchfall nicht gut. Er ist schon lange chronisch krank, war 8 Jahre Dialysepatient bis zur Nierentransplantation und hat neben etlichen Bypässen nun auch einen Herzschrittmacher.
Früher teilte ich immer seinen grundsätzlichen Optimismus,jetzt aber, nach Mamas Tod, erkenne ich mich selber nicht mehr. Ich hatte derartige Panik, nix ist´s mehr mit positivem Denken und Zuversicht.Ich fühle mich vielmehr wie ein geschlagener Hund, der beim geringsten Geräusch oderBewegung gleich ängstlich nach oben schielt, ob da wieder Schläge daher kommen.
Fazit: wenn einem noch nichts wirklich Schlimmes wie eben der Verlust eines wichtigen Menschens passiert ist, ist´s leicht zu glauben, dass man ein positiv denkender,optimistischer Mensch mit Zuversicht ins Leben ist. Das werde ich mir- wenn´s überhaupt gelingt, erst wieder langsam erarbeiten müssen, dafür ist es dann aber umso wertvoller und haltbarer.

Zu deinem letzten Eintrag: Danke dir besonders für deine Bemerkung über deine veränderte Haltung zu Entscheidungen. Das kam wie gerufen fürmeine jetzige Situation. Habe mich nämlich schon lange mit einer anstehenden Entscheidung herum geschlagen,nämlich der Trennung (oder eben nicht ) von meinem Lebensgefährten nach immerhin 12 Jahren. Er hat mich in der schwersten Zeit meines Lebens, also während der Krankheit und dem Sterben meiner Mama wirklich schwer im Stich gelassen, das lässt sich nicht beschönigen. Er und Mama haben sich nie gemocht,okay, aber ICH hätte ihn so gebraucht, einfach zum Anlehnen, Etwas Trost finden und auch bei praktischen Dingen.Kurz vor ihrem Tod hat er sich malgänzlich verabschiedet,weil ihn " das alles so hinunter zieht und ich ja eh keinen Sinn uind keine Zeit für ihn habe". Er kam zwar wieder und trennen konnte ich mich auch nicht, denn das wäre zuviel gewesen an Trauer und Kummer. Aber jetzt, jetzt habe ich es geschafft ( nach einem sehr klaren Traum,auch von Mama)und ich habe keine Zweifel mehr. Trotzdem es weh tut,weiss ich plötzlich, dass es richtig ist und da gab es Hilfe von "oben"dazu( Mam, darfst dich eh ein bisserl freuen, hast dich ja ganz heroisch nie eingemischt, dir aber immer gewünscht, dass es so kommt,weiss ich doch ).

So, Briele, jetzt möchte ich aber endlich mal was aussprechen,was ich mir immer dachte, auch,wenn du das vielleicht nicht hören willst: Deine Briefe, sowohl die an mich als auch die ,die du anderen hier geschrieben hast sind mir etwas ganz Besonderes ! Weißt du, viele erleben einen schmerzhaften Verlust und werden durch den Tod eines geliebten Menschen verändert, aber wenige werden wohl so wie du,nämlich herzensklug und weise( habe keine anderen Wörter dafür, sie sind die besten).Danke dir dafür, dass du hier dein Herz und dein Wissen zur Verfügung stellst, es bedeutet viel !

Ganz liebe Grüße an dich,
Alina
PS: habe gestern einfach mal so die Bibel "blind" aufgeschlagen, weil das Mama gerne so gemacht hat. Folgenden Spruch habe ich aufgeschlagen: Herr, hilf uns zu bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden im Leben ! Also auf zum Klugwerden !

09.04.2005 18:28

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Alina,

ich bin wirklich froh wieder von Dir einen "Brief" bekommen zu haben!
Wenn ich so lese was Dein Vater alles an Krankheiten und Operationen hat wundere ich mich was man auch alles aushalten kann. Hoffentlich geht es ihm inzwischen besser und man konnte ihm helfen. Ein Herzschrittmacher kann auch bei älteren Menschen ganz wesentlich die Lebensqualität verbessern, das weiß ich von meinem Papa.

Es heißt immer wenn ein Mensch einmal an Krebs erkrankt ist, dann ist die Unbefangenheit verloren. Mir ist jetzt erst bei Deiner Beschreibung (geschlagener, nach oben schielender Hund)klar geworden, daß dies für mich als Angehöriger auch gilt. Es ist so wie Du sagst.Es genügt ein Pups und man ist aus dem Häuschen, wobei die Umstände bei Deinem Vater ja kein Klacks sind.
Ehrlich gesagt kann ich mich nicht mehr erinnern ob ich früher ein positiv denkender Mensch war (was Krankheiten betrifft). Leider, und das empfinde ich wirklich schrecklich, ängstige ich mich nicht nur schnell, sondern nehme fast vorauseilend schon das Schlimmste an. Auch was mich selbst betrifft. Eine kleine Blähung wirft die Frage nach gefährlichen Erkrankungen auf, früher habe ich einen Fencheltee getrunken, und diese Liste könnte ich vom Scheitel bis zur Fußsohle fortsetzen. Dazu eine Geräuschempfindlichkeit die schon an Hysterie grenzt.

Du meinst man kann wieder anders werden?

Hast du die Trennung von Deinem Lebensgefährten bereits durchgeführt, oder ist es jetzt eine einmal im Kopf beschlossene Sache? Wenn Du auch nicht viel darüber schreibst, kann ich das gut verstehen. Allein der Satz "das alles zieht mich so hinunter" genügt eigentlich. Es ist nicht leicht dies in einer halbwegs gerafften Form in Worte zu fassen, aber es gibt solche Vertrauensbrüche und andere. Mit manchen kann man vielleicht fertig werden, sie verzeihen und andere nicht. Das ist dann eine individuelle Einschätzung und jeweils für andere schwer verständlich. Es ist für Dich bestimmt nicht leicht, 12 Jahre sind eine lange Zeit,jeder Abschied ist ein kleiner Tod aber ich bin sicher, daß Deine Mama Dir dabei hilft.

Danke für die Blumen, auch ich schick Dir welche! Deine Worte sind ebenfalls all das was Du mir zuschreibst, dazu voll Wärme und Verständnis.Wenn wir einander und anderen etwas Trost und Zuspruch geben können, dann ist das eine feine Sache.

Das Bibelzitat kenne ich aber es war gut es wieder einmal in Erinnerung zu bekommen.

Liebe Alina, ich wünsche dir alles Liebe und Deinem Vater hoffentlich baldige Besserung.

Briele

13.04.2005 21:51

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Briele,
nach einigen hektischen Tagen habe ich nun endlich wieder Ruhe und Zeit,um hier zu sein. Habe dann nachgelesen und deinen Eintrag in einem anderen Thread gefunden,in dem du schreibst,dass du dir Sorgen um deinen Mann machst. Bin ganz erschrocken darüber ( weißt ja,der geprügelte Hund,der ängstlich nach oben schielt) ! Bei meinem Papa ist es gerade auch so,dass seine ???-Werte ( also die,die mit der Prostata zusammen hängen )sehr hoch sind,in einem Monat wird eine Gewebsentnahme gemacht.
Liebe Briele, ich halte euch ganz fest die Daumen,dass es nichts Schlimmes ist- jetzt mal durchatmen, beten, deine Eltern um ihre schützende Hand bitten ( die sie sicher eh schon über euch halten)und den nächsten Schritt in Angriff nehmen.Aber was schreibe ich denn da, du weißt das alles ja !

Ich bitte auch um einen Schutzengel für euch und denke an dich,
Ganz liebe Grüße und eine Umarmung für dich,
Alina

13.04.2005 23:04

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Hallo alle zusammen,
ich habe heute wieder viel im Forum gelesen, und kann so mit euch mitfühlen, wenn ihr über euere Mütter schreibt. Mein Vater ist in der Osterwoche für immer von mir gegangen!
Es hört sich vielleicht kommisch an, aber bei uns in der Familie haben die Eltern die Rollen vertausch. Mein Vater war wie eine Mutter für mich. Er hat uns 6 Kinder erzogen, hat für uns gekocht, und uns am Abend immer eine Geschichte vorgelesen. Er hatte eben die klassische Mutterrolle in der Familie übernohmen. Die Mutter ist eben der Vater, der sich um Finanzen kümmert....

Mein Vater erkrannkte letztes Jahr zu Ostern an Magenkrebs. Von Anfang an gab es keine Hoffnung. Ich weiß nicht warum, aber als er damals zum Arzt gegangen ist um eine Gastroskopie zu machen, wollte ich ihn unbedingt begleiten, uns seit diesem Tag war ich nur an seiner Seit. Wir haben im letzten Jahr so viel schöne Sachen erlebt, und ich bin wirklich dankbar für die Zeit die wir noch hatte.
Als ich mich entschieden habe, ein Jahr mit meinem Studium zu pausieren, hat mich keiner verstanden! Ich konnte aber nicht anders! Im nachhinein bin ich so froh, dass ich es so gemacht habe.
Jetzt stehe ich da, und muss wieder neu Anfangen. Ich weiß einfach nicht wo!
Mir feheln unsere Gespräche, sogar die langweiligen Stunden im Warteraum bei den Ärzten, die Minuten wo wir uns einfach angeschwiegen haben, die Spaziergänge, die Stunden in der Sonne, die Lebensfreude die mein Vater ausgestrahlt hat, die gelassenheit mit der er mit seiner Krannkheit umgehen konte.....
Ich könnte noch Stundenweiße über ihn meinem Vater (meine Mama) schreiben.
Ich kann einfach nicht akzeptiern, dass ich mit 23 Jahren schon so erwachen sein muss, und ohne ihm an meiner Seite weiter gehen muss.
Ich hoffe, dass es mit der Zeit erträglicher wird.

Ich wünsche uns allen viel Kraft, die erfahren mussten wie das Leben ohen einen geliebten Menschen weiter verlauft.
(Ich komme momentan nicht mit mit der Zeit, sie rennt mir davon)
Liebe Grüße Vesna

14.04.2005 10:04

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe, sehr liebe Alina,

mit Deinen Worten im Herzen bin ich gestern früh zu Bett gegangen und habe relativ gut geschlafen.

Mein Mann wird jetzt wohl durch die Untersuchungsmühle gedreht werden, heute ist schon der erste Termin. Leider ist es so, daß mit diesen Werten nach einer Prostataoperation, mit Sicherheit irgendwo irgendetwas ist. Mein Mann denkt, daß ihn sein Alter etwas schützt, ihm Zeit gibt und das hoffe ich mit. Und ich hoffe, daß auch Dein Vater an dieser Stelle seines Körpers durch das Alter geschützt ist.

Das geht ruckzuck und man ist ein Betroffener, oder Angehöriger eines Betroffenen.Manchmal, wenn ich mir abends die Zähne putze, in den Spiegel gucke, denke ich, heute ist noch alles in Ordnung, morgen kann alles anders sein. Das denke ich natürlich nicht täglich, aber das Wissen ist in mir. Ich weiß auch, daß es nun eine Zeit braucht bis man innen und außen Wege findet, damit umzugehen.

Danke für die Bitte um einen Schutzengel und die Umarmung. Im Herbeiflehen von Hilfen bin ich maßlos und schöpfe alle Möglichkeiten aus!!

Ist Dein Papa im Krankenhaus?

Gestern dachte ich, na, das ist doch sicher kein Zufall, daß ich vor einiger Zeit auf dieses Forum gestoßen bin.....

Liebe Alina, alles Gute Dir und Deinem Papa
und natürlich auch an Dich eine tröstende, schwesterliche Umarmung.
Briele

Unserem geprügelten, nach oben schielenden Hund füge ich noch etwas hinzu: er hat einen Klops im Magen.

14.04.2005 10:19

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Vesna,

willkommen hier!Es tut mir leid, daß Dein Vater so früh gestorben ist und es ist so, daß viel Liebe im Leben dann auch viel Trauer und Verlust beim Tod nach zieht. Aber vor die Wahl gestellt, jetzt weniger leiden zu müssen, möchte man nie auf das Erlebte,auf die Nähe, auf diese Erfahrung verzichten.

Ich bin für Dich und für Deinen Vater froh, daß Du bei ihm warst, daß Du Dir und ihm ein Jahr geschenkt hast, das vielleicht das wichtigste in Deinem Leben war. Es wird Dir helfen bei aller Trauer, allem Schmerz doch besser damit fertig zu werden, weil Du alles getan hast. Der Tod Deines Vaters liegt ja erst ein paar Wochen zurück und Du schreibst du könntest stundenweise über ihn sprechen. Das verstehe ich sehr gut. Ich hätte den ganzen Tag und die ganze Nacht, wirklich unentwegt darüber sprechen mögen. Wenn Du Gesprächpartner hast, dann mach es. Wenn Du keine hast, dann bist Du hier gut aufgehoben.

Ich würde Dir empfehlen Dich jetzt nicht gleich unter Druck zu setzen. Schenk Dir ein wenig Zeit, in der Summe des Lebens ist es bestimmt bedeutungslos noch ein paar Monate zu warten um dann - hoffentlich gefestigter - wieder das Studium aufzunehmen.

Alles Liebe
Briele

20.04.2005 22:05

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Briele,
wollte dir ja gleich wieder antworten, da streikte mein Internetzugang und ich stand "draußen vor der Tür".Es dauerte,bis ich ein privates Computergenie herlocken konnte !In der Arbeit habe ich aber ab und zu ein Auge riskiert und habe auch deine Einträge im Angehörigenforum gelesen.

Ganz fest denke ich jetzt an dich und deinen Mann, der ja gestern eine wichtige Untersuchung hatte. Meldest du dich,wenn´s passt für dich? Drücke ganz fest die Daumen für euch zwei !

Für die Fortsetzung unseres Hinterbliebenen-Austausches ist jetzt nicht die richtige Zeit-nur soviel zu deinem letzten Eintrag: Ja,Briele,stimmt, wie wir alle hier erlebt haben oder gerade erleben, kann an einem ganz normalen Tag plötzlich die Welt einstürzen und keiner von uns hat das Glück gepachtet,dass es ihm nicht passieren kann,durch Krankheit und Tod aus der Bahn geworfen zu werden. Was hilft da ? Wohl wirklich nur,jeden Tag für sich möglichst gut zu leben und aufmerksamer zu den Menschen (und Tieren) zu sein,die man liebt. Ich versuche es seit dem Tod meiner Mutter und es gelingt ganz gut.

Für heute ganz liebe Gedanken an dich,
Alina

21.04.2005 21:17

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Alina,

war richtig schön wieder von Dir zu lesen, Danke!

Bei meinem Mann wurde ein Rezitiv festgestellt. Nun stehen weitere Untersuchungen an und Überlegungen was die Therapie betrifft. Gestern hatte er einen Termin beim Arzt, der ihn operiert hatte. Ich war mit, nicht weil ihm so bang war, sondern so langweilig bei der Warterei. Das war der zweite Arzt der meinte, nur ruhig Blut, keine Panik und auch der zweite, der sagte, damit hätte er bereits zwei Jahre nach der Operation gerechnet. Es sind ja sieben einhalb inzwischen vergangen und wir sind beide heilfroh, daß sie ihre Prognosen für sich behalten haben. Mein Mann ist gut drauf und ist er es, bin ich es auch. Irritierend finde ich immer die Tatsache, daß man letztlich selbst entscheiden muß was man wo macht. Jetzt gilt es den Königsweg zu finden. Manchmal bin ich froh, daß wir, spät aber doch, den Schritt ins Computerleben geschafft haben und uns nun diese Fülle an Informationen und Austausch zur Verfügung steht. Manchmal schleicht sich ein leiser Zweifel ein, ob dadurch nicht alles komplizierter wird.

Doch, auch das ist eine Sache in die ich mit der bereits erwähnten Gelassenheit gehe, daß ich mit Hilfe und Schutz schon der richtige Beistand sein werde.

Wie geht es Deinem Vater? Das interessiert mich!

Ja, liebe Alina, ich sehe es wie Du und denke schon lange, wenn es so etwas gibt, wie DIE Frage am Ende des Lebens, dann kann es nur die Frage sein,wie hast du gelebt, wie warst du, zu dir und zu den anderen. Und daß dazu die Tiere zählen ist auch für mich selbstverständlich.

Ich versuche auch den guten Eigenschaften meiner Eltern Leben zu geben. Mama hatte die Eigenschaft alles mit großer Aufmerksamkeit zu machen. Egal ob sie einen Brief schrieb, jemanden zuhörte, etwas kochte, arbeitete, bastelte, ich hatte immer das Gefühl sie widmet sich der momentanen Tätigkeit, es geschieht nicht nur so nebenbei. Das gelingt mir jetzt auch ganz gut und es ist keine Überwindung so zu sein, sondern macht Freude.

Das fand ich übrigens nett, daß wir uns beide gestern abend an dergleichen Stelle einfanden und dann auch Kerstin dazukam. Sollte sie hier mitlesen, möchte ich an dieser Stelle einen lieben Gruß schicken.

Ich hoffe, liebe Alina, es geht Deinem Papa besser!
Alles Liebe
Briele

22.04.2005 21:11

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Hallo Briele,

Als ich las,wie deine Mama sich auch den lästigen Alltagsbesorgungen konzentriert und aufmerksam widmete ( ich könnte solchen Menschen stundenlang dabei zusehen !) musste ich schmunzeln. Da lese ich doch gerade in einem Zen-Buddismus- Buch,dass es eine der wichtigsten Lektionen auf dem Weg zur Erleuchtung ist, den täglichen Verrichtungen des Alltags volle Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken. Dann standen noch seitenlange Erklärungen und Anleitungen dazu .Deine Mama war nicht zufällig ein Zenmeisterin? *gg* Eine gute Lebenslehrerin war sie aber sicher allemal,denn sonst wäre auch ihre Tochter nicht so lebensklug geworden.

Oh je, da gibt es nun wirklich ein Rezidiv bei deinem Mann, das tut mir so leid( Worte sind manchmal so ungenügend )Dass dein Mann einen wertvollen Beistand in dir hat,da bin ich - und sicher alle,die deine Einträge lesen,sicher. Du hast einfach, so mein Eindruck,durch den Verlust deiner Eltern so "willig" gelernt, auch wenn es immer wieder anders und neu ist.Kübler-Ross bezeichnet den Angehörigen, der mit seinem Kranken durch dick und dünn geht, als "Therapeut des Kranken". Und du bist sicher eine gute Therapeutin für deinen Mann,Briele !
Bei meinem Papa wird erst am 9.5. geschaut, wie es weitergeht. Er hat erhöhte PSA Werte, um die 5, er ist 67 Jahre alt und seine Prostata ist doch sehr vergrößert.Jetzt hat er Antibiotika genommen und per Blutbild wird geschaut,ob es nicht doch eine Entzündung sein könnte. Momentan verdränge ich noch, lese nun aber immer wieder mal im Prostata-Forum. Eine Biopsie werden sie wohl so oder so machen wollen, obwohl ich da auch schon gelesen habe, dass das wegen Streuungsgefahr nicht ungefährlich ist ? Sollte es ganz schlimm kommen, ja,dann mache ich mich auch auf die Suche nach dem Königsweg,mit Unterstützung von oben,wie ich hoffe.( Lustiges Detail am Rande:die Straße, in der ich wohne,heißt Königsweg).

So, Briele, du Zenmeisterintochter,melde mich wieder,muss jetzt noch zu einer Geburtstagsfeier ( das macht schön langsam wieder Spaß, es wird ein wenig leichter mit meiner Trauer um Mama ) und mit fast 40 dauerts schon ein wenig länger,wenn man sich "schön macht".

Liebe Grüße, auch an euren Schtzengel,
Alina

24.04.2005 21:27

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Alina,

hast Du schon etwas von THICH NHAT HAN gelesen? Er ist Buddhist aus Vietnam und versucht den Buddhismus Europäern nahe zu bringen, er hat auch ein Buch "Buddhismus-Christentum" geschrieben.

Geht es Deinem Papa mit seinen anderen Beschwerden besser? Ich glaube mit der Untersuchung der Prostata ist das wirklich ein Problem. Ob es Krebs ist kann man nur mit einer Biopsie feststellen, da werden von mehreren Stellen Proben entnommen und wenn dann Krebs festgestellt wird, dann muß man auch operieren. Es gibt aber auch die Meinung, daß man mit so einem Krebs leben kann. Ich glaube in so einer schwierigen Entscheidung ist man gut beraten wenn man eine zweite, dritte Meinung einholt.

Ach weißt Du, ob ich eine gute Therapeutin für meinen Mann bin, das ist fraglich, aber er hat keine andere! Ich habe, wie jeder Mensch sicher die eine, oder andere Tugend, um eine muß ich immer ringen, die habe ich nicht und das ist: die Geduld.
Meine Eltern hatten mich als Chef ihrer Krankheit eingesetzt, das war nicht immer leicht,es war eine große Verantwortung, aber irgendwie waren die Fronten klar, die Wege abgesteckt. Bei meinem Mann gibt es eine hauchdünne Linie, auf der einen Seite ist der Mangel auf der anderen das Zuviel. Gott sei Dank können wir aber lachen, uns selbst über die Schulter schauen. Als der Arzt von der Möglichkeit einer Hormontherapie sprach, meinte er dann zu mir, na gut, vielleicht bekommen dann deine Neffen zwei Tanten!

Wir haben einmal das Thema "Träume" begonnen, wie ist es bei Dir mit dem träumen?
Als ich von der Geburtstagsfeier las, erinnerte ich mich, daß nach Mamas Tod auch eine Geburtstagsfeier so eine Art kleine Initialzündung war. Erst wollte ich nicht gehen, es war eine größere Sache in einem Restaurant. Dann waren meine Vorbereitungen à la Mama und als ich aus dem Haus ging wußte ich,daß sie mit mir,meinem Äußeren, meinen Geschenken zufrieden war.

Eine andere Sache war ein Jahr nach Mamas Tod. Wieder eine kleine Wende und der Anlaß war so banal, ich verstehe eigentlich noch immer nicht, daß das ganze eine Auswirkung auf meine Trauer hatte. Es ging mir nicht gut, ich war bei einem Arzt, als er mich nach Streßgründen fragte, erzählte ich ihm von meiner Trauer. Er sagte, ja, das ist natürlich traurig, aber daß ihre Mutter tot ist, ist nun eine Tatsache an der sich nichts ändern läßt. Das wußte ich natürlich auch, aber so nüchtern, kühl und auch korrekt ausgesprochen, hat es in mir etwas bewirkt. Ich bin irgendwie weitergekommen in meinem Trauerweg. Ich konnte nicht nur vom Verstand,sondern auch vom Gefühl mir sagen, so wie meine Beziehung mit Mama war, kann sie nicht mehr sein, ich kann jetzt nur froh und dankbar sein für die Vergangenheit, die Gegenwart muß ich neu gestalten und auf eine Zukunft mit ihr will ich hoffen. Natürlich gab es und gibt es nach wie vor wildeste Sehnsuchtsattacken nach ihrer Körperlichkeit, ihrer Stimme, ihrem Lachen, ihrem Geruch.

Für heute, liebe Grüße, einen guten Wochenbeginn
Briele

26.04.2005 21:34

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Hallo,liebe Briele,

wie geht es euch,dir und deinem Werner ? Habe gerade auch deinen Thread im Prostataforum besucht und werde dort auch immer mitlesen.Versprichst du, dass du dich auch mal ein wenig ausweinst, wenn dir danach ist ? Dass du eine ganz Starke bist, Briele, ist mir sowieso klar.
Ganz schön finde ich, dass ihr beide auch mal lachen könnt. Werner,die Tante- das hat was.Habe überhaupt den Eindruck ( du hast früher mal deinen Mann zitiert),dass auch er ein ganz Reifer,Gescheiter ist!

Wie es meinem Papa geht,ist nicht so einfach zu beantworten. Er sagt ja immer:" Es geht schon ", will meinen Bruder und mich nicht beunruhigen und kann auch nicht gut über seine Gefühle reden. Wenn er aber kränklich und schlecht aussieht, schnürt es mir vor Angst das Herz zusammen. Mama war meine Seelengefährtin, er war immer der "Fels in der Brandung" und "Retter in der Not". Der Felsen bröckelt schon lange,und er kann uns "Kindern" kaum seine andere, verletzliche,ängstliche Seite zeigen.Habe halt große Angst um ihn und wir warten auf die Untersuchung am 9.Mai.

Von Mama träume ich schon so lange nicht mehr. Es hat bereits drei Wochen nach ihrem Tod aufgehört. Dafür waren es aber ganz besondere,sg.luzide Träume mit der Botschaft von ihr: Ich bin nicht tot !Nach diesen beiden Träumen dachte ich, dass es jetzt so weitergeht,dass sie sich sozusagen "ein Mal wöchentlich meldet"bei mir.Aber nein, nix war mehr- das tat weh !Anfangs hat mich das wieder so zweifeln lassen an meinem Jenseitsglauben, aber jetzt denke ich mir,dass sie wohl drüben andere Aufgaben gestellt bekommt und auch weiß, dass ich zurecht komme, ein Auge auf meinen Bruder ( ihr Sorgenkind) habe und dass es zwischen uns auch so "passt",weilwir uns rechtzeitig ausgesprochen und lieb gehabt haben.
Am 28.7. ist sie dann ein Jahr tot-ich kanns gar nicht glauben und die halbe Zeit davon verschwindet in meiner Erinnerung im Nebel.Es wird mit der Trauer einerseits leichter, aber ganz viel meiner Kraft und Lebendigkeit ist noch gebunden.
Aber eines bin ich ganz intensiv,nämlich meiner Mama so dankbar. Es war letztlich nicht ganz so schwer, einen Menschen wie meine Mama zu begleiten, denn sie war so tapfer und hat so genau gewußt, wann es zu Ende geht (obwohl es ihr doch relativ gut ging )Die letzten Tage hat sie "verwendet",um mich vorzubereiten,mir immer wieder zu sagen, dass sie keine Angst vor dem Sterben hat, dass sie neugierig ist auf "drüben" und dankbar,dass sie doch 62 J.alt geworden ist, wo sie doch auch so viele krebskranke Kinder und Jugendliche kennengelernt hat.Sie hat mir so viele trostreiche Worte gesagt, die ich mir nun wie ein Pflaster auf die Trauerwunde legen kann.

Jetzt habe ich aber vielgeschrieben. Danke für´s Zuhören, obwohl du doch momentan sicher sehr beansprucht bist.
Eine gute Nacht und einen lieben Gruß an Werner,
Alina

28.04.2005 13:42

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Alina,

um mit Deinem letzten Absatz zuerst zu beginnen: nein, ich bin (noch) nicht sehr beansprucht mit Werners Diagnose. Es ist jetzt in unserem Leben, aber das Leben ist noch breit gefächert. Gestern erhielt ich eine E-mail einer Freundin, die fragte, ob ich noch lesen könne, das hat mich nachdenklich gemacht. Lesen konnte ich eigentlich immer.Manchmal frage ich Werner, was denkst du, dann sagt er nichts und das hat mein Papa auch immer gesagt. Ich kenne keine Frau, die nicht ständig an etwas denkt und ich frage mich, können das nur Männer, sind die imstande ohne langjährige Übungen diesen Zustand der Leere zu erreichen?

Ist Dein Papa - abgesehen von der neuen Prostatasorge - sonst in einem besseren Zustand? Was das Prostataforum betrifft, da bin ich froh die Antworten bekommen zu haben, aber es ist ja nicht ein gerade häufig besuchtes Forum. Ich denke mir es liegt daran, daß die Erkrankung hauptsächlich ältere Herren trifft und die schreiben nicht unbedingt darüber.

Wenn ich lese daß Deine Mama erst 62 Jahre alt war, in der Krankheit und im Sterben so tapfer war, noch trösten konnte, dann bin ich voll Respekt und Bewunderung. Ich werde 58 und ich hoffe nur, daß ich das annähernd so hinkriege wie Deine Mama oder meine Eltern. Manchmal denke ich, in einem Punkt habe ich es leichter. Ich habe keine Kinder. Lange bevor Mama erkrankte sagte sie immer wieder, sie habe keine Angst vor dem Sterben, wenn ihr etwas Kummer mache, dann
mein Kummer, meine Angst um sie. Sie hat immer wieder versucht mich darauf vorzubereiten. Ich habe ihr dann - hoffentlich glaubhaft - gesagt, daß sie gehen kann.

Wir haben oft über das "Danach" gesprochen. Wir sind dann für uns zu dem Schluß
gekommen, wir wollen hoffen, daß es etwas gibt und wenn es nichts gibt, dann ist es auch nicht die schlechteste Variante.
Einerseits fühle ich mich, will ich mich von ihnen beschützt fühlen. Andrerseits sehe ich natürlich diese vielen unbeschützten Kinder, die ja auch Angehörige in der anderen Welt haben.Wenn meine Gedanken dann hin und her galoppieren, dann rufe ich mir zu, es ist wie es ist und was sein wird werden wir wissen.

Das ist so ein schöner Satz von Dir .... trostreiche Worte, die Du Dir wie ein Pflaster auf die Trauerwunde legen kannst ......

Alles Liebe
Briele

30.04.2005 23:28

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Hallo Briele,

danke dafür,dass du mich immer wieder mal zum Lächeln bringst, dieses Mal mit deiner Bemerkung über die Männer, die wegen ihrer "gedanklichen Leere " alle Meister in Yoga und Meditationstechniken sind. (= nicht bös gemeint ).

Briele, du schreibst, es wäre nicht die schlechteste Variante, wenn es nach dem Tod nichts mehr gäbe.Wenn ich diesen Gedanken mal zulasse, bekomme ich Angst.Ich frage mich dann, was das jetzige Leben für einen Sinn hat ? Wonach soll man es letztlich ausrichten ? Vielleicht ist es auch eine Art von Eitelkeit, die den Gedanken nicht aushält, dass wir alle eben einfach verlöschen könnten wie eine ausgebrannte Kerze und dann gibt´s nichts mehr von uns ? Natürlich richte ich mein Leben auch nicht auf das "Danach" aus, ich versuche auch nicht, mir " den Himmel zu verdienen " und was die "Religion als Opium für das Volk " angerichtet hat, wissen wir. Aber ich versuche doch, möglichst viel zu lernen, die Lektionen des Lebens so gut es geht willig zu akzeptieren, ein halbwegs guter Mensch zu sein,u.a. weil ich glaube, dass es weitergeht, dass wir ev. sogar eben mehrere Leben haben, um dann reif zu werden für ??? das Licht, für Gott oder Göttin.
Es imponiert mir aber gewaltig, wenn dich die Möglichkeit des völligen Aus nach dem Tod nicht aus der "Mitte" bringen kann.

Spannend, dass auch du das Thema Kinder und Sterben angesprochen hast, weil ich auch darüber nachdenke.Ich habe es ja bis zu Mamas Erkrankung und ihrem Tod nie bereut, keine Kinder zu haben, es war einfach so und in Ordnung für mich.Jetzt beschleicht mich schon manchmal der Gedanke:" Wird auch jemand bei mir sein, wenn ich gehen muss ? Mir die Hand halten und Mut zusprechen ?" Sicher, Kinder zu haben ist keine Gewähr, dass sie dann auch da sind und ich darf/kann das als Eternteil auch nicht einfordern . Aber na ja,wenn ich hier im Forum dann so die Einträge von besorgten und liebevollen Töchtern und Söhnen lese, werde ich manchmal ein kleines bißchen traurig darüber, keine Kinder zu haben ( aber dieses Thema gehört nicht wirklich hier her und vielleicht habe ich ja "nur" eine Midlifecrises ?)

Ach ja,noch kurz was zum Leben danach und Zeichen. Gestern beim Einschlafen ging mir eben gerade dieser Gedanke, wer bei mir sein wird, wenn ich sterbe, durch den Kopf. In wirklich exakt diesem Moment fiel ein Buch aus dem Bücherregal, das gleich neben Mamas Gedenkecke steht ! Da dachte ich mir, aha, egal, ob und wer vor demTod da ist,Mama ist sicher die erste, die mich drüben begrüßt und darauf freu ich mich.Kann natürlich ein Zufall gewesen sein,komisch ist es trotzdem,dass mitten in der Nacht einfach so ein Buch herunterfällt, gerade bei diesem Gedanken.

Zum Schluß noch eine Anmerkung: Mein Bruder( der übrigens NIE über Mama spricht oder mal zum Grab geht) und manche Freunde können es gar nicht verstehen, dass ich hier im Krebsforum lese und manchmal schreibe.Sie meinen, dass ja nun alles vorbei sei und ich Abstand gewinnen soll- sie haben wirklich keine Ahnung. Ich lebe ja mein Leben,aber ich möchte eine Ecke davon reservieren für die Erinnerung an Mama,für das Verarbeiten und für das Bewußtmachen und hier schreiben Menschen ( Briele z.B.), die mir schon viel gegeben haben und die ich mag
( das geht auch virtuell ).

So,genug für heute, das waren wohl recht wirre Gedanken heute.

Briele,ich hoffe es geht dir und Werner gut und eure Tage sind " breite Fächer ",
Schlaf gut,
Alina

01.05.2005 23:23

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Alina,
der Gedanke, daß das NICHTS nicht die schlechteste Variante sein könnte ist Mama und mir gekommen wenn man über die verschiedenen Phantasien, Religionen, Vorstellungen liest. Da gibt es so ensetzliche Visionen,daß man gerne denkt, dann ist mir lieber das NICHTS.

In diesem Zusammenhang beschäftigt mich seit einigen Jahren eine Frage für die ich keine Antwort finde: wir Menschen in der westlichen Welt bekommen mehr und mehr die Vorstellung, eigentlich sogar den Wunsch und die Hoffnung, mehrere Leben zu haben. In jenem Teil der Welt, in dem das wesentlicher Teil der Religion ist, ist es das Letzte was sich die Menschen wünschen.
Manchmal denke ich das ist so gekommen weil wir plötzlich ein Leben führen, in dem alles wiederholbar ist. Früher hatte man eine Arbeit für das ganze Leben, oft auch nur eine Matratze und einen Kochtopf, nur einen Partner, es war nicht nur das Leben sondern bereits vieles im Leben endgültig und end-lich. Es ist so schnell gekommen, daß wir ganz anders leben. Mehrere Ausbildungen, mehrere Berufe, Entfernungen spielen keine Rolle mehr, mehrere Heime, ein neuer Partner, Lebensabschnitte werden neu inszeniert, sogar seine Erscheinung kann man immer wieder neu gestalten! Wenn alles wiederholbar wird, dann wird die Vorstellung, das Leben nicht auch wiederholen zu können, schmerzhaft.

Für mich habe ich jetzt einmal die Hoffnung, daß ich in irgendeiner Weise wieder mit meinen Eltern und anderen Lieben zusammen sein kann.
Unlängst habe ich von Papst Benedikt einen Ausspruch gehört, den ich schon einmal gelesen hatte: jeder Mensch ist ein Gedanke von Gott und wenn er stirbt kehrt dieser Gedanke zurück zu Gott.

So wie Du Dein tägliches Leben beschreibst, Deine Bemühungen, so versuche ich auch zu leben. Thats my way. Aber ich frage mich ob der Sinn des Lebens vielleicht viel einfacher ist, nämlich: zu leben?

Liebe Alina, der Gedanke wie wird das sein wenn ich sterbe, wer wird bei mir sein, der kommt mir schon auch. Ich kann es nicht begründen, aber ich habe (jetzt einmal, so etwas kann sich ja ändern) Zuversicht in mir, daß entweder jemand da ist, oder ich diesen einen Schritt gut alleine machen kann und dann aufgefangen werde. Was Kinder betrifft, meinte ich, daß mein "Gehen" leichter ist, weil ich nicht so viel Trauer hinterlasse.

Das ist schön, das Erlebnis mit dem herunter gefallenen Buch. Ich habe auch einen Altar!

Als Mama tot war und mir Leute ihr Beileid aussprachen, brachen viele Frauen in Tränen aus, die weder zu mir noch zu meiner Mama ein nahes Verhältnis hatten. Erst dachte ich sie sind angerührt von meiner Trauer, dann wurde mir klar, die weinen alle um die eigene verstorbene Mutter.Zum Teil lag das 20-30 Jahre zurück. Ich glaube man muß sich damit abfinden, daß Menschen verschieden trauern, gar nicht trauern, es wegschieben. Ich habe mittlerweile kapiert, daß viele Männer - ich sage es einmal so - anders trauern. Es macht mich aber traurig, wenn die Schwester meiner Mutter sie nie mehr in einem Brief erwähnt, oder eine Freundin von mir, die gleich alt ist wie ich und deren Mutter vor einem Jahr starb, mir schreibt ich solle vorausblicken, dabei hatte ich nur gesagt, heute ist Mamas Geburtstag! Aber das ist halt so.Und daher bin ich auch sehr froh und dankbar hierher gefunden zu haben und im speziellen Dich gefunden zu haben.

Alles Liebe
Briele

04.05.2005 23:44

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Briele,

wollte dir heute noch ausführlicher schreiben, jetzt fallen mir aber die Augen schon fast zu und ich schreib dir lieber, wenn ich wieder fitter bin.
Ist mir aber wichtig, dir eine ganz gute Nacht und morgen einen schönen,bunten Feiertag zu wünschen. Wie geht es Werner? Papa hat dann am Montag seinen Untersuchungstermin, weiß aber nicht,ob er gleich was erfährt oder ob wir noch auf die Wartebank müssen.Heute hat mir meine Arbeitskollegin anvertraut, dass ihr 41-jähriger Lebensgefährte an Prostatakrebs erkrankt ist,er weiß es erst seit gestern. Sie ist verzweifelt,wenigstens konnte ich sie für´s erste ein wenig mit Informationen versorgen.Irgendwie ist es schon auch seltsam, dass seit Mams Erkrankung das Thema Krebs so oft um mich ist bzw.in meinem Bekanntenkreis ( bei meiner Stiefschwester , so alt wie ich,wurde Brustkrebs diagnostiziert, 2 Wochen nach Mams Tod )Noch vor zwei Jahren kam Krebs in meiner Welt nicht vor.Ich freue mich aber, wenn all mein Lesen und Nachdenken und Informieren vielleicht anderen nun ein bißchen hilfreich sein kann.

So, jetzt aber wirklich ins Bett,melde mich wieder,
Schlaf gut,
Alina

08.05.2005 12:53

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Alina,

heute ist für Dich der erste Muttertag ohne Deine Mama und alle diese erstmals "ohne sie" durchlebten Tage fordern einen.
In letzter Zeit habe ich einige Beiträge von Dir gelesen, Du hast eine so liebe, achtsame, behutsame Art, daß mir ganz warm im Herzen wird. Ich habe auch wieder etwas über Deine Mama erfahren, ihren Umgang mit Krankheit und dem Tod. Ich glaube, ich wäre gerne still bei Euch in einer Ecke gesessen.

Welches Bild hast Du vor Dir, wenn Du ganz schnell an Deine Mama denkst?
Ich sehe meine Mama immer im vollen Leben und muß mir die Krankenbilder erst geistig heranholen.

Wie ist es Dir in den ersten Monaten beim Erwachen ergangen, hattest Du manchmal die Illusion sie sei noch da? Davor hatte ich immer ein wenig Angst, aber selbst wenn ich von ihr träumend erwache, weiß ich gleich, daß sie tot ist.

Als mein Papa - viele Jahre vor seinem Tod - einen Schlaganfall hatte, war ich erstaunt, wie viele Menschen mittelbar und unmittelbar davon betroffen waren. Nach einiger Zeit habe ich verstanden, daß es so ist, weil es auch MEIN Thema geworden ist. Was allerdings Krebs betrifft, da glaube ich wirklich, daß es nichts mehr mit meinem zunehmenden Alter zu tun hat, oder gesteigerter Sensibilität dem Thema gegenüber. Mich erschreckt, daß so viele junge Menschen daran erkranken, wenn allein in Deiner Nähe gleich zwei Fälle sind....In diesem Zusammenhang fällt mir aber auch ein kleines positives Beispiel ein: seit ich Tante von zwei kleinen Neffen bin, sehe ich plötzlich überall Kinder! Mit Sicherheit waren die vorher auch da!

Ich wünsche Deinem Papa alles Gute, natürlich auch Deiner Stiefschwester. Übrigens ist in einem der letzten threads beim Prostatakrebsforum eine Adresse unter der man viele Informationen findet. Ich kann sie jetzt nicht hier hinschreiben weil ich nicht weiß wie ich aus meinem Text rauskomme und wieder rein ohne das alles weg ist!

Heute werde ich noch eine Bellinioper hören, für und mit Mama. Denk Dir, ich stehe heute noch oft vor Schaufenstern und in Geschäften und sehe mir ganz ernsthaft Textilien für sie an! Nach wie vor kaufe ich Bücher die mehr ihre Interessen abdecken als meine, lese sie sogar.

Am 12. Mai ist dann Werners Termin beim Onkologen. Es geht uns recht gut. Es erkranken und sterben viele Menschen. Es ist wie es ist, aber ich bin bei allem froh und dankbar, daß wir einander haben, in dieser Ecke der Welt leben und unter keinen existenziellen Sorgen leiden. Dazu und das will ich auch nicht vergessen,sind wir nicht mehr jung. Das hat nicht immer etwas mit dem subjektiven Empfinden zu tun, ist aber schlicht und ergreifend eine Tatsache.
Hie und da sag ich das meinem Werner und er sieht es auch so.

Alles Liebe und gute Wünsche
Briele

08.05.2005 22:48

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Briele,

du hast mir heute so eine besondere Freude gemacht damit, dass du an diesem doch schwierigen Tag an mich gedacht hast, danke dir sehr dafür. Und wie schön wäre es gewesen, wenn es das wirklich gegeben hätte,nämlich dich,mich und unsere Mütter zusammen beim Gedankenaustauschen ! Ich bin sicher,dass sich deine Mutter, so wie ich sie aus deinen Erzählungen kennengelernt habe und meine Mutter einiges zu sagen gehabt hätten.Das wäre eine tolle Frauenrunde gewesen und ein schönes Bild, das ich mir zum Einschlafen mitnehme. Weißt du,Mama und ihre 6 Schwestern, das waren/sind schon ganz tolle Frauen mit viel Power und alle haben/hatten einen Sinn für Mystik und ein Gespür für Dinge/ Situationen,die mit Logik nicht zu erklären sind.Ein gewisses "hexisches" Talent ( im positiven Sinn, Hexen waren ja ganz tolle, weise Frauen )haben/hatten sie alle !Deine Mama und du auch ?

Tja, Briele, momentan ist es noch nicht so, dass ich wie du schon gesunde Erinnerungsbilder von meiner Mutter habe.Ich bin doch noch sehr am Verarbeiten, das ganze Krankheitsjahr kommt in kleinen und großen Portionen über mich und will nochmal durchlebt und durchfühlt werden.Doch da waren ja so viele schöne, intensive Momente dabei, da fühl ich ganz viel Zärtlichkeit für meine kleine,tapfere Mama in mir- das ist schön und schmerzlich zugleich. Tapfer war sie wirklich- sie hatte nämlich eine Krebsart, die ihr Gesicht langsam entstellte und ihr linkes Auge zerstörte.Ihr Krebs war also für alle sichtbar,jeder starrte sie an. Manche Leute waren da besonders gefühllos, sie konnten sich von ihrem Anblick gar nicht losreißen. Das hat ihr so weh getan und ich,ich hätte sie so gerne beschützt vor diesen zusätzlichen Verletzungen. Ich gebe ehrlich zu,in solchen Situationen habe ich diese taktlosen Menschen wirklich gehaßt ! Mama ist trotzdem mit mir in die randvolle Krankenhauskantine marschiert, das hat sie sich bzw.uns Kaffeetanten nicht nehmen lassen. Einen so sichtbaren Krebs zu haben ist irgendwie doppelt schlimm,denn Mama konnte nicht wie andere mal die Krankheit verdrängen oder verleugnen, denn jeder Blick in den Spiegel erinnerte sie an ihren Krebs. Und sie musste ihm hilflos beim Wachsen zusehen, die "Beule" auf ihrer Stirn wurde immer größer und ich hatte solche Angst, dass die Haut platzen könnte und der Tumor durchbricht. Es war wie eine Zeitbombe, die wir beide, Mama und ich ticken hörten.
Das sind so Bilder, die mich doch immer wieder mal einholen und nur sehr langsam Schrecken verlieren.
Mama war letztlich auf das Sterben gut vorbereitet, sie schien es gut zu wissen, als nicht mehr viel Zeit blieb und hat sich selbst und mich darauf durch Gespräche " eingestellt". Ein Wunsch von ihr ging nicht in Erfüllung.Es war ihr irgendwie sehr wichtig, dass ich meinen Geburtstag groß feiere mit einer Gartenparty und all den Freunden, die mich- wie sie wußte- so toll unterstützt haben. Sie machte dauernd Pläne und freute sich darauf,mir bei den Essensvorbereitungen zu helfen.Ich habe mich sogar gewundert, dass ihr mein Geburtstag bzw. das Fest dazu so wichtig waren,mir war mein Geburtstag in dieser Situation völlig egal, feiern wollte ich schon gar nicht.Es kam aber ohnehin anders und an meinem Geburtstag war ihr Begräbnis ! Ich glaube, das hat sie ziemlich " gestört" da drüben ,deshalb sage ich ihr oft, dass das schon gepasst hat und dass sich halt mit ihrem Begräbnis an meinem Geburtstag der Kreis des Lebens geschlossen hat.

Ach,Briele, da schreibe und schreibe ich und es tut so gut, dir von meiner Mutter erzählen zu können. Es ist so schlimm, niemand spricht mehr über sie,nicht mal erwähnt wird ihr Name- es ist, als wäre sie nie gewesen ! Das tut mir so weh, ich habe kaum je Gelegenheit, über sie zu reden, weil es niemanden, nicht mal meinen Bruder zu interessieren scheint. Deshalb Briele,danke dir sehr für dein geduldiges, verständnisvolles "Ohr" !

Die nächste Woche, was wird sie uns bringen? Papa hat morgen Untersuchungstermin,dein Werner 4 Tage später. Ich habe Angst und gleichzeitig denke ich, dass wohl schon alles vom Schicksal beschlossen und vorbestimmt ist, was wird.Aber hoffen, wünschen und beten können wir.Und wenn es anders kommt bzw. schlimm kommt,dann beten wir, dass uns die Kräfte wachsen !

Ich denke fest an dich ( und sehe dich bei mir in der Küche sitzen zum Gedankenaustausch und Kaffeetrinken ),

Alles Liebe
Alina

10.05.2005 20:29

Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......
 
Liebe Alina,

danke für diesen schönen Brief den ich mehrmals gelesen habe. Wenn Du schon etwas über die Untersuchungen Deines Papas weißt, dann schreib mir das bitte. Werner meinte gestern ich mache ein bißchen viel Trara um den 12. Mai und er hat wirklich recht! Wir wissen ja schon alles und es geht nur darum wann, was, wie,
beginnt.

Liebe Alina, ich muß Dir sagen, daß ich nicht so "Kummerkastentantenmäßig" ein offenes Ohr habe, ich höre (bzw. lese) Dir wirklich gerne zu wenn Du über Deine Mama sprichst, über Euch beide und vor allen Dingen hoffe ich ehrlich noch viel mehr zu hören! Und ich hoffe, daß auch Du weiterhin über uns "Geschichten" hören willst.

Der Krebs den Deine Mama hatte, der hat all das Schreckliche was so eine Krankheit mit sich bringt wirklich noch überhöht. Umso mehr ist sie zu bewundern und auch Dich bewundere ich Dich, daß es Dich nicht verhärtet hat.
Meine Mama hatte Eierstockkrebs. Von der Diagnose an lebte sie noch drei Jahre. Die Operation steckte sie locker weg, es war unglaublich, immerhin war sie 78.

Ja, es ist schlimm, wirklich schlimm, es ist unglaublich, nicht zu begreifen, man ist fassungslos, daß es bald einmal so ist, als wäre der Mensch nie da gewesen. Ich habe ein paar Freundinnen die meine Mama sehr lieb gehabt haben, mit denen kann ich nicht nur über meine Mama reden, die vermitteln mir glaubhaft, daß auch sie meine Mama vermissen. Der Mensch, mit dem ich am liebsten über sie reden würde, verweigert sich mir wie auch Dir: der eigene Bruder. Als wir nach ihrem Begräbnis heimkamen sagte er, so für mich ist das jetzt abgeschlossen. Dabei war er ein lieber Sohn,er hat die Mama gern gehabt, aber wenn ich nur einen Satz sage wie ... ach, wenn doch die Mama ....dann reagiert er immer gleich. Er sei froh, daß die arme Mama sterben konnte, er würde ihr nicht wünschen, so weiterzuleben. Wir können kaum über sie sprechen und weil das so ist,kann ich leider auch nicht mehr viel mit ihm sprechen.

Als ich vor ein paar Monaten ein paar von Mamas Tischdecken bügelte war eine dabei von ihrer Tante, schöne Weißstickerei, mit Monogramm der Tante. Ich hab dann zurück gerechnet, also die Tischdecke ist gut und gerne 80 Jahre alt und wenn man aufpaßt ist sie noch ein paar Jahrzehnte zu verwenden. Es ist bizarr, daß jede blöde Tischdecke, jedes noch so sinnlose Ding einen nicht nur überlebt, sondern eine Geschichte erzählen könnte.

Mama hatte zu jedem Geburtstag und Sterbetag ihrer Toten eine Kerze angezündet. Das habe ich immer eine schöne Idee gefunden und ihr gesagt, das will ich fortsetzen. Ich bin froh, daß wir diese Idee nicht aufgeschoben haben. Ich hab ein hübsches Kalenderbücklein gekauft und sie hat mit ihrer schönen runden Schrift all die Daten hineingeschrieben. Leider mußte ich selbst schon einige neue dazuschreiben. Unlängst hatte ihr Bruder Erwin Geburtstag. Erwin, der als 21jähriger zu Kriegsende gefallen ist. Ein Foto habe ich von ihm, hinten steht in seiner Schrift... "als Erinnerung an deinen Bruder". Ich weiß nicht viel von ihm, ich weiß er war ein paar Monate vor Kriegsende auf Urlaub daheim. Soll am Fenster gesessen sein, hat zu seinen geliebten Bergen hingesehen, viel geweint und gesagt er wisse, daß er nicht wiederkomme.Ja und wenn ich dann an Erwins Geburtstag sein Foto zu meinem "Gedenkaltar" hinlege, die Kerze anzünde dann weiß ich, daß kein Mensch, wirklich kein Mensch an ihn denken wird wenn ich es nicht mehr tu.

In diesem Zusammenhang muß ich nun "Das Echolot" von Walter Kempowski erwähnen, in dem ich immer wieder lese. Wenn ich Kempowski sehe und höre, wenn er mit seiner leisen, etwas monotonen Stimme über seine Beweggründe schreibt dieses Wahnsinnswerk über 20 Jahre lang bearbeitet zu haben, dann weiß ich und verstehe ich was ihn dazu getrieben hat.

Nun liebe Alina werde ich zu einem Ende kommen. Ich muß ja nicht ALLESheute schreiben. Über die Hexen das nächste Mal. Heute möchte ich dazu nur sagen, Mama dachte das über mich, ich über sie, und keine von uns von sich selbst.

Alles Liebe und ich sitze gerne in Deiner Küche.
Briele


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