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Suizid nach 1. Chemo-Block
Hallo,
ich weiß nicht, ob solch ein Thema hier richtig oder gewünscht ist, aber ich muss mir einfach mal alles von der Seele schreiben. Mein Vater hatte seit Anfang des Jahres starke Schmerzen im Bein. Anfang März begann die Suche nach der Ursache. Zig Arzt- und Krankenhaustermine musste mein Vater durchlaufen, bis wir Mitte Mai die Diagnose Knochenkrebs an drei Stellen (Rippe,Beckenknochen und Oberschenkelknochen). Zwischenzeitlich hat sich der Allgemeinzustand meines Vaters extremst verschlechtert. Nach der Diagnose fing die Suche nach der passenden Klinik und Behandlungsmethode an. Letztendlich haben wir uns für Chemo in einer Uniklinik entschieden. Nach erfolgreicher Chemo sollte dann in zwei großen OP´s die Tumore entfernt werden. Ende Mai ging es mit der stationären Chemo los. Die ersten zwei Tage ging es meinem Vater noch einigermaßen. Am dritten und vierten Tag wurde es so schlimm(Angstzustände, Wahnzustände, extremste Aggressivität und Übelkeit), dass die Chemo unterbrochen wurde. Nach Beratung mit den Ärzten wurde ein Wirkstoff aus der Chemo entfernt, der für diese extremsten Nebenwirkungen verantwortlich war. Allerdings verlor die Chemo dadurch auch an Wirkung. Nach zwei Tagen Pause bekam mein Vater den Rest des Chemo-Blocks. Zwar waren die Nebenwirkungen nun zu ertragen, aber sein Allgemeinzustand verschlechterte sich zusehends. Er konnte nun fast gar nicht mehr alleine laufen, er fiel quasi in sich zusammen. Nach Beendigung des Chemoblocks wurde mein Vater in ein heimischen Krankenhaus überwiesen, da er zuhause alleine (meine Eltern sind geschieden) nicht zurechtgekommen wäre. Die ersten Tage ging es aufwärts. Er erholte sich gaaanz langsam bis das Zelltief kam. Laufen ging gar nicht mehr. Teilweise war er nicht ansprechbar oder erzählte nur wirres Zeug. Leider musste er auch "Pampers" tragen, was ihn sehr mitnahm. Dann kamen zwei Tage, wo wir dachten, dass mein Vater es nicht überlebt. Ich würde es als Zustand eines leichten Komas beschreiben. Manchmal wurde er kurz wach, war sehr verwirrt und schlief sofort wieder ein. Nach diesen zwei Tagen kam ich morgens in Krankenhaus und war sehr überrascht. Es ging im merklich besser. Er saß sogar aufrecht im Bett. Zwar war mein Vater noch geschwächt, aber man konnte sich mit ihm unterhalten. Am nächsten Tag war es sogar noch besser. Er telefonierte sogar, als ich ins Zimmer kam. Allerdings hat sich an diesem Tag das verhalten meines Vaters verändert. Er war sehr kühl zu mir und hat gesagt, dass er nun wüsste, dass er bald stirbt. Ich habe natürlich versucht, ihn zu stärken und ihm zu sagen, dass wir das schon schaffen. Aber er hat gar nicht reagiert und mir noch gesagt, wo manche Sachen in seiner Wohnung zu finden sind. Dann meinte er, er wäre müde und wollte schlafen. Nachts bekam ich einen Anruf, dass mein Vater sich aus seinem Zimmer(5.Stock) des Krankenhauses gestürzt hat. Das ist nun 6 Wochen her. Die ersten Gefühle waren Fassungslosigkeit, unglaubliche Wut und Enttäuschung, aber vielleicht auch ein wenig Verständnis.Auch habe ich mich sehr geschämt, dass cih die Tochter eines Selbstmörders bin Inzwischen bin ich sehr traurig, dass er uns nicht wenigstens ein paar Zeilen hinterlassen hat. Hat er das schon länger geplant oder war es eine Kurzschlusshandlung. Hatte er so eine Angst vor dem natürlichen Tod,dass man sich aus dem Fenster stürzt? Ich weiß, dass es ein sehr povokantes Thema ist, aber vielleicht können einige hier mir helfen, die Gedankengänge meines Vaters zu verstehen. Schon mal vielen lieben Dank |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Liebe twinkle 80
Mein herzliches Beileid zu deinem Verlust. Ich bin sehr traurig und tief erschüttert über deine Zeilen. Ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Ich wünsche dir die kraft das geschehende zu verarbeiten. Ein stillen und traurigen Gruß evi |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Liebe twinkle 80,
mein herzliches Beileid zum Tod Deines Vaters. Sicherlich ist es schrecklich, wenn sich der Vater das Leben nimmt. Zu schämen brauchst Du Dich nicht. Man kann schwer sagen, was in Deinem Vater vorgegangen ist. Ein Abschiedsbrief wäre für Dich sicher hilfreich gewesen, Deinen Vater ein wenig zu verstehen. Vielleicht hatte er keine Hoffnung und Angst vor einem qualvollen Tod. Dies wird immer sein Geheimnis bleiben. Ich hoffe sehr, dass Du Dich nicht so sehr mit Fragen quälst, und wünsche Dir Kraft, das Geschehene irgendwann zu begreifen. Traurige Grüße von Heike |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
hallo liebe twinkle80,
suizidale menschen kann man oft nicht verstehen; sie haben es für sich entschieden und vielleicht keine kraft gehabt zu leben. das hat m. e. nichts mit ihrer umwelt, familie zu tun. du bist nicht die "tochter eines selbstmörders", sondern eine tochter die ihren vater verloren hat, in erster linie durch krankheit, denn sein wesen wurde dadurch ja auch verändert. ja, es ist traurig, das keine zeilen hinterlassen wurden, aber selbst dazu fehlte wahrscheinlich die kraft. denn das hiesse, sich noch einmal hinzusetzen und zu erklären und nachzudenken und fühlen, und das können diese menschen in diesen momenten ebend nicht. du hast deinen vater verloren, mein beileid für dich und deine familie. :knuddel: und: es passt in dieses forum! auch wenn es sicher nicht so oft vorkommt. oder niemand darüber schreiben mag. aber gedacht haben es manche bestimmt schon, weil die kraft zu ende ging, sie verzweifelt waren. liebe gruesse & viel kraft für die nächste trauerzeit, vintage |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Hallo liebe Twinkle, mein ehrliches Beileid zu dem Tod Deines Vaters.
Ich schicke Dir mein tiefes Mitgefühl, habe aber auch genausoviel Mitgefühl für Deinen Vater. So, wie Du es schilderst, scheint er im Krankenhaus nüchtern Bilanz gezogen zu haben- vielleicht hat er seinen bevorstehenden Leidensweg geahnt, speziell nachdem die erste Chemo so katastrophale Nebenwirkungen hatte, vielleicht wollte er auch keinem- z.B. Dir- zur Last fallen (Du schreibst, Deine Eltern haben sich getrennt), vielleicht wollte er den Rest seines Lebens nicht in einem hilflosen Zustand verbringen, sehend, daß es nicht besser, sondern immer schlechter wird- keiner weiß das. Aber bitte schäme Dich nicht für Deinen Vater- es gehört viel Mut und Konsequenz dazu, auf diese Weise aus dem Leben zu gehen. Das ist jetzt nur meine persönliche Meinung- meist wird gesagt:Suizid ist feige- aber das ist es für mich nicht. Versuche mal, Dich in die Situation Deines Vaters hineinzuversetzen- vielleicht macht es Dir Deine Trauer dann sogar etwas leichter. Ich wünsche Dir viel Kraft Liebe Grüße |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Liebe Twinkle,
mein tiefstes Mitgefühl an dich und deine familie. Ich stimme Lyra zu und denke das selbe wie sie. Es gehört viel dazu um so aus dem Leben zu gehen. Dein Vater wollte dir bestimmt einiges ersparen. Aber denke dran, dein Vater wird immer bei dir sein und ein Teil von dir sein. Egal was ist. Ich grüße dich ganz Lieb und drück dich:knuddel: Artemis |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Liebe twinkle 80,
erst einmal möchte ich dir sagen dass ich tiefes Mitgefühl mit dir habe und mein Beileid zum Tot deines Vaters aussprechen. So wie dein Vater aus dem Leben gegangen dazu gehört sehr viel Mut so wie das lyra schon gesagt hat. Als mein Exmann mich vor 15 Jahren verlassen hat stand ich selber vor der Entscheidung will ich weiterleben oder mache ich Schluss. Damals fing ich an Schlaftabletten zu sammeln und habe mir dann gesagt wenn ich das Gefühl habe es geht nicht mehr mache ich Schluss. Ich habe danach öfter vor dem Gefühl gestanden es geht nicht mehr. Aber ich wusste ich habe die Schlaftabletten also kann ich ruhig noch ein wenig weitermachen. Irgendwann habe ich die Schlaftablettensammlung in der Apotheke abgegeben.Sicherlich wirst du dir auch gesagt haben der muss doch wissen das ich traurig bin, warum hat er denn bloß nicht an mich gedacht dabei. Ich hatte damal zwei Mädchen im Alter von 18 und 15 Jahren. Sie lebten da beide noch bei mir. Die hatte ich in meinen Selbstmordüberlegungen total ausgeblendet. Schämen musst du dich überhaupt nicht. Es war die alleinige Entscheidung deines Vaters. Ich denke es war dann schlussendlich eine Augenblicksentscheidung und darum hat er keinen Abschiedsbrief hinterlassen. Vielleicht hatte er auch Angst wenn er erst einen Abschiedsbrief verfasst dann verläßt ihn der Mut. Vielleicht schaffst dub es ja auch irgenswann an deinen Vater einen Brief zu schreiben in dem du ihn dann sagen kannst dass du ihn ganz lieb hast und dass du sauer bist dass er einfach so gegangen ist, dass du aber auch seine Angst verstehen kannst vor den Schmerzen usw. und er darum auch gehen konnte und du nun hoffst dass es ihm besser geht wo immer er auch ist. Ich persöhnlich glaube an ein Leben nach dem Tod. Und darum glaube ich dass dein Pappa jetzt auch auf dich aufpasst und nahe bei dir ist und er dich auch darum bittet ihn zu verstehen. Ich wünsche dir ganz viel Kraft für die Zeit die nun durchlebst http://www.animaatjes.de/bilder/t/trost/trauer00075.gif Traurige Grüße von Erika |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Vielen lieben Dank für Eure netten und aufbauenden Worte.
Es tut gut zu erfahren, wie "Außenstehende" über Suizid denken. Zur Aufsichtspflichtverletzung: Ich mache dem Krankenhaus keinerlei Vorwürfe. Wir haben hier so viel Wärme, Aufmerksamkeit usw. erfahren. Das Pflegepersonal und die Ärzte haben alles mögliche getan (im Gegensatz zum Uniklinikum) Mein Vater hat mit absoluter Sicherheit nicht so gewirkt, als ob er diese Absicht hat. Mir und auch allen anderen Personen wäre so was NIE in den Sinn gekommen. |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Liebe Twinkle,
ich möchte dir mein tiefes Mitgefühl aussprechen. Auch ich habe als mittelbar Betroffene eine ähnliche Situation erlebt. Mein Mann litt zum Schluss auch an Knochenmetastasen, ich habe hautnah mitbekommen, wie er sich physisch gequält und auf sein Ende gewartet hat. Dein Vater ist wahrscheinlich freiwillig aus dem Leben geschieden, weil er sich in einer ausweglosen physischen Situation befand, die es ihm verwehrte selbstversorgend weiterzuleben, dass es für sein freiwilliges Ende keine humanere Lösung gab ist traurig genug. Der Entschluss deines Vaters wird von gesunden Menschen hinterfragt. Haben die ein Recht dazu eine Situation zu beurteilen, die sie nicht selbst erleben? Was ist in diesem Fall ein natürlicher Tod: mit Medikamenten so lange vollgestopft zu werden bis der Körper aufgibt? Dein Vater hat sich mit den Nebenwirkungen dieser Medizin doch schon genug herumgequält. Psychologischer Beistand kann die Psyche stützen, die physischen Qualen aber bleiben bestehen, deshalb ist es fraglich, ob er hier wirklich hätte helfen könnte. Nicht ohne Grund ist Freitod ein aktuelles Thema der D.GH.S. Nicht jeder der sterben will (Selbsttötung ist kein Mord), hat das Bedürfnis oder besser die Kraft vor seinem Suizid noch einen Brief an die Hinterbleibenden zu schreiben und sich zu rechtfertigen – der Weg den dein Vater wählte war schon schwer genug für ihn, sollte er da in erster Linie an die psychischen Bedürfnisse anderer denken? Hier sollte es primär um das Mitempfinden für einen Menschen gehen, der an einer qualvollen Krankheit litt. Ich habe für den Wunsch deines Vaters nach Erlösung von seinen Qualen Verständnis. Liebe Grüße Geske |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Danke, Geske, für Deine mitfühlenden Worte an Twinkle. Sie entbinden mich einer längeren Antwort an Blaues Meer- aber soviel noch: ich weiß wie es ist, schwere Depressionen und Suizidgedanken zu haben- und das fast ein Leben lang. Ich fürchte, liebe(r) blaues Meer, Du siehst nur die Seite der Angehörigen- für die es meist ja unverständlich ist. Auch Dir rate ich, sich einmal in die Situation des Betroffenen hineinzuversetzen- die meisten können es nicht.
Liebe Grüße |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Liebe Twinkle,
mein herzliches Beileid zum Tod Deines Vaters. Habe Deinen Beitrag mehrmals gelesen. Was in Deinem Vater vorgegangen ist, welche Gedanken er sich gemacht hat, kann niemand wissen. Ich finde es mutig, dass er für sich entschieden hat, seinem Leben an dieser Stelle ein Ende zu setzen. Es war seine Entscheidung, seine Krankheit; noch dazu eine Krankheit, die schlimmer werden sollte statt geheilt... Auch wenn es für Dich schlimm ist. Ich habe Verständnis dafür, wenn ein Mensch seinem Leben ein Ende setzt, wenn er nicht mehr bereit ist seinen Krankheitsweg auf "natürliche Weise" zu Ende zu gehen. Für mich ist Freitod eine Handlungsoption, die jedem offen steht. Ich hoffe, dass Du in Deiner Trauer um Deinen Vater mit seiner Entscheidung irgendwann Frieden finden kannst :knuddel:. LG Morgana |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Moin moin twinkle,
dieser seltsame Gruß verbunden mit einem aufrichtigen Mitgefühl kommt aus dem äußersten Norden. Sicherlich ist es ein schmerzhafter Moment wenn einem der Nächste (Vater) genommen wird, aber es sollte einem jeden Menschen doch selbst zugestanden werden die Entscheidung zwischen einem nicht abzusehenden Dahin-siechen und einem selbst herbeigefügten schnellen Tod zu übernehmen. Dein Vater hat sich für diesen Schritt entschieden und damit allen eine eventuelle lange schmerzvolle und ungewisse Zeit erspart. Doch trauere nicht über etwas was verloren, sondern erinnere Dich an all die schönen Momente die ihr gelebt habt. Gruß Mullemaus26 |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Mein Beileid Twinkle80.......gut das du dieses Thema hier eröffnet hast,du siehst an der Resonanz - 18 Leser,bzw.Schreiber - sind es schon seit heute Vormittag.
Es ist ein sehr sensibles Thema...jeder hat seine eigenen Gedanken dazu...ich würde keinen unheilbar Erkrankten seinen eigendst gewählten Weg blockieren...aber jetzt kann man das so sagen...nur wenn es der oder das Liebste ist ,hm wie soll man dann mit dieser Entscheidung umgehen ? Eine Antwort habe ich jetzt nicht. Ganz lieber Drücker von mir:pftroest: LG Frohsinn |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
hallo twinkle, mein beileid zum tod deines vaters. es tut mir sehr leid, was da in deinem leben geschehen ist.
ich bin mit all jenen einer meinung, die den freien willen deines vaters verstehen. niemand von uns weiß, wie ein lebensweg verlaufen wird. dein vater wollte seinen so nicht weitergehen, weil er wohl zu recht davon ausging, daß seine lebensqualität nicht erhalten werden würde. ein sehr mutiger schritt, den er da gegangen ist - für dich also kein grund, sich zu schämen. und ehrlichgesagt, der gedanke, daß ein geliebter mensch, nur weil er eine mit der umwelt nicht kompatible vorstellung hat, fixiert in einem klinikbett liegt, bereitet mir eine gänsehaut. ich wünsche dir für deine zukunft nur das beste und verständnis für den schritt deines vaters, denn verständnis hat er verdient. alles liebe, tina. |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Liebe Twinkle,
zuerst möcht ich mich gleich Lyra anschliessen: mein Mitgefühl für dich und auch für deinen Vater. Jemanden durch den selbst gewählten Tod zu verlieren ist ganz schrecklich, bei mir war es vor vielen Jahren der (fast) Schwiegervater. Es war schrecklich, er war nicht krank, aber es kamen wohl einige Faktoren zusammen, die ihn zu diesem - seinem - Entschluss brachten. Da war natürlich auch die grosse Hilflosigkeit (bei uns), das Hinterfragen, die Trauer. Dein Vater war krank. Er war an einer Stelle angelangt, die sicher viele schwerkranke Menschen in Gedanken irgendwie "durchgehen". WIE schnell geht es, WIE lange habe ich noch Zeit, für mich selbst Entscheidungen zu treffen? Schlägt die Therapie an, lohnt es sich für MICH? Dein Vater hat das getan, was für ihn das Richtige war. Es tut dir sehr weh, dass er keinen Brief hinterlassen hat, aber in seinem Entschluss war wohl einfach für nichts mehr Platz. Er ging seinen Weg und das ist für ihn gut so, er wollte und konnte entscheiden. Sei nicht enttäuscht, schäm dich nicht, denn du hast nicht den geringsten Grund dazu. Versuch ihn zu verstehn, aber das tust du ja schon irgendwie. Ganz lieber Gruss an dich Rosita |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
hallo, ich glaube, das es unterschiede bei selbstmörderInnen gibt: die einen, die psychisch krank sind, und deshalb suizidgefährdet sind (weil sie das LEBEN nicht "aushalten"), und andere, die in notlagen suizidal handeln (weil sie die SITUATION/ verzweiflung nicht aushalten).
wie auch immer: es ist kaum möglich, gefährdete davor zu bewahren, manchmal gibt es keine "vorzeichen". ich persönlich hatte zwei solche menschen in meinem umfeld und habe sie einerseits verstanden und andererseits auch nicht. mir tun auch immer die menschen leid, die diese menschen leblos auffinden oder wenn andere menschen mit reingezogen werden (lokführerInnen, autofahrerInnen, erweiterter suizid etc.). aber das ist wieder ein ganz anderes thema. ich denke, dies hier ist in erster linie ein persönlicher trauer-thread und für grundsatzdiskussionen wäre ein anderer angebrachter. deshalb ende ich hier mit meinen meinungsäusserungen. mit mitfühlenden grüssen an die hinterbliebenen! :knuddel: vg, vintage |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Liebe Twinkle,
erstmal möchte ich Dir mein Mitgefühl zum Tod Deines Vaters aussprechen. Ich schreibe schon etwas länger nicht mehr hier, aber zu diesem Thema würde ich mich doch gerne äußern. Leider ist Suizid kein gesellschaftliches Thema. Du wirst immer wieder merken, dass Du für andere Gesprächsstoff bist bzw. Dein Vater. Das tut weh, wird nach der Zeit aber weniger. Als ich 14 war nahm mein Onkel sich das Leben. Er war damals 28 Jahre alt und hatte einen 3jährigen Sohn. Die Mutter des Kindes war 6 Wochen nach der Geburt gestorben (natürlicher Tod). Mein Onkel hat alles für seinen Sohn getan sich liebevoll um ihn gekümmert, aber da gab es scheinbar auch Sorgen und Nöte mit denen er nicht klar kam. Er trat aus dem Leben und hinterließ sein Kind. Die Gründe die er in seinem Abschiedsbrief angegeben hat befriedigten uns Angehörige nicht. Es war nichts was man nicht hätte lösen können. Mein Vater hat seinem Bruder diesen Schritt glaube ich nie verziehen. Aber ob verstehen, verzeihen oder was auch immer. Du wirst nicht darum kommen, den Suizid Deines Vaters zu akzeptieren. Trauer um ihn. Du hast einen schweren Verlust erlitten. Übrigens gehören Fragen wie Warum?, oder auch Wut, weil Du Dich allein gelassen fühlst zum Trauerprozess. Sie sind natürlich. Wie auch hier, wirst Du eventuell in Deiner Umgebung unterschiedliche Meinungen hören aber reduzier Deinen Vater und Deine Gefühle zu ihm nicht auf den Suizid. Das hat er wohl nicht verdient. Ich habe irgendwann akzeptiert, dass mein Onkel den Freitod gewählt hat. Verstehen tu ich es bis heute nicht wirklich. Aber er hat ihn mir einen berechtigten Platz und ich tabusiere es heute auch nicht mehr. Vor fast einem Jahr hat sich unsere lieben Nachbarin das Leben genommen. Aufgrund Ihrer Vorgeschichte, die erst jetzt nach und nach rauskam muss sie wohl als psychich krank und suizidgefährdet eingestuft werden. Wir haben es nicht gemerkt. Letztendlich war es aber auch ihr Weg den sie gegangen ist. Suizid ist immer eine Entscheidung, manchmal auch eine kurzfristig Getroffene. Aber egal unter welchem Hintergrund sie getroffen wurde, so ist es ein Stückchen schwerer für die Angehörigen. Uns fehlt einfach die Akzeptanz. Wir können nicht mit dem Schicksal hadern wie wir es mit einer Erkrankung oder einem Unfall tun könnten. Und manchmal fühlen wir uns schuldig. Manchmal haben wir das Gefühl wir dürften gar nicht trauern... Und doch dürfen und müssen wir das. Liebe(r) Blaues Meer, auch Dir möchte ich Beileid zu Deinem Verlust den Du offensichtlich erlitten aussprechen. Ich denke, es ist noch nicht zu lange her und ich fürchte, Du wirst einige Erfahrungen in der Akzeptanz Deines Umfeldes - gepaart mit Deinem eigenen Gefühlschaos gemacht haben. Das tut mir sehr leid. Ich hoffe sehr, dass Ihr Beide einen für Euch gehbaren Weg mit eben dieser Situation findet (und auch wenn es wie eine Floskel klingt ist es genauso gemeint). Lieben Gruß Sandra |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Liebe Twinkle,
zunächst mein aufrichtiges Mitgefühl zum Tode Deines Vaters. Ich kann sehr gut verstehen, dass es Dich sehr belastet, dass er nicht wenigstens ein paar Zeilen hinterlassen hat. Vielleicht ging er davon aus, dass Ihr es nachempfinden könnt, dass er es vorgezogen hat, diesen Weg zu wählen, anstelle irgendwann an der Krankheit oder den Therapie-Nebenwirkungen zu sterben. Ich denke nicht, dass er überhaupt bedacht hat, was er bei Euch mit seiner Wahl bei Euch auslöst und ich denke vor allem nicht, dass er Euch irgendwie wehtun wollte. Ein paar Worte noch an Blaues Meer: Mit welcher Berechtigung gibt es eigentlich immer wieder Menschen, die sich anmaßen, angeblich zu wissen, was für andere gut oder schlecht ist, was richtig ist oder falsch? Es mag Ausnahmen geben, bei tatsächlicher Krankheit, z. B. schweren Depressionen, die erste Zeit nach einem schweren privaten Vorfall, usw. Aber allgemein gesehen hat jeder das uneingeschränkte Recht, über sein Leben selber zu bestimmen. Und wenn ich schon wieder lese von irgendwelchen "so wunderbaren" Psychiatriemaßnahmen, dann platz mir die Hutschnur. Der größte Teil dieser ach so herrlichen Psychiatrie-Mannschaft ist selber nicht ganz "Herr der Sinne" und meint mit seinem angelernten "Fachbuch-Wissen" die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Ich bekomme das hier immer wieder hautnah mit: Bei jedem Problem zublockern mit Antidepressiva oder Transqualizern, ganz egal ob Vogelphobie oder schwere Depression, Waschzwang oder Trauerproblemen. Vielen Dank, darauf kann ich verzichten. Ich frage mich, wo die allwissenden Leute denn sind, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Wo sind sie denn bei den Problemen, die man, wie Mae Geri schrieb, hätte lösen können? Ist es heute nicht eher so, dass jeder sich nur noch um sich selber kümmert und den Blick für das Leid der Menschen um sich verloren hat? Wie sonst erklärt man es sich, dass, eben gerade auch bei Krebskranken, plötzlich der Freundeskreis immer kleiner wird und sich viele total zurückziehen. Oder dass z. B. Hinterbliebenen so wenig Verständnis entgegen gebracht wird? Wer (Ausnahmen bestätigen die Regel!) will denn schon vom Leid der anderen hören? Nein, da fixieren wir doch lieber jemanden ans Bett, weil er nicht gemerkt hat, wie dankbar er sein muss, dass er leben darf! Seine Probleme sind ja alle so leicht zu lösen! Ich denke auch nicht, dass es richtig ist, wenn man immer davon spricht, dass jemand zum Leben zu feige ist, wenn er den Freitod wählt. Ganz im Gegenteil. Wie verzweifelt muss jemand sein, der das tut? Und ganz bestimmt ist er vorher in Gedanken alle anderen Möglichkeiten durchgegangen. Liebe Twinkle, Du musst Dich auch auf keinen Fall schämen, die Tochter eines Selbstmörders zu sein. Warum auch? Schämen sollen die sich, die der Meinung sind, dass Du Dich dafür schämen müsstest. Liebe Grüße, Mapa |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Liebe Mapa, damit sprichst Du mir aus der Seele- ich glaube, die Explosion war überfällig- wenn nicht von Dir, dann von mir oder Geske oder auch Dir, liebe Twinkle- ich möchte nicht, daß bei Dir der Eindruck entsteht, wir diskutieren hier über Deinen Kopf hinweg.
Danke. Liebe Grüße Lyra |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
@Blaues Meer: auch wenn Du das selbe mitgemacht hast. Für mich bist Du eine Außenstehende, so wie jeder andere hier auch.
Erst löscht Du alle Deine Beiträge in meinem Thread und dann wird sich wieder eingemischt. Sicherlich mag es richtig sein, dass psychisch labile und kranke Menschen medikamentös behandelt und vielleicht auch zeitweise vor sich selbst geschützt werden müssen. Aber mein Vater war weder labil noch psychisch krank. Er konnte lediglich nicht mehr diese unsagbaren Schmerzen, die einfach nicht in den Griff zu kriegen waren, ertragen. Er war so intelligent und realistisch,dass er wusste, dass es nicht mehr besser wird. Soll künftig jeder Krebspatient(und alle die an anderen schweren Krankheiten erkranken) bereits bei Beginn der Behandlung ohne irgendwelche Anzeichen psychologisch untersucht werden? Doch sehr realitätsfern!!! @all: nie hätte ich mit so einer Resonanz gerechnet. Vielen vielen Dank für Eure netten Worte. Es hilft mir sehr, eure Meinungen zu lesen |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
liebe twinkle,
ich wünsche dir von ganzem herzen, daß dich diese "schlacht" hier in DEINEM thread nicht völlig verunsichert. im allgemeinen geht es hier rücksichtsvoll zu, immer mit dem augenmerkt auf beistand, unterstützung, trost (soweit möglich). ich wünsche dir den nötigen abstand zu bestimmten äußerungen, wenn sie dich belasten. im moment bist nur du wichtig, was du denkst und fühlst. ich wünsche dir einen erträglichen weg und daß du wieder ruhe findest. alles liebe, tina. |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Hier noch ein Nachtrag, bevor wieder alles missverstanden wird. Wenn ich davon spreche, dass jeder seine freie Entscheidung über sein Leben hat, meine ich damit natürlich nicht bestimmte Personengruppen, wie z. B. Kinder, Teenager, Menschen in Ausnahmesituationen, schwer Depressive, usw. Ich rede von ganz normalen Menschen, die sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht haben, aber sich eben dafür entschieden haben. Ich denke, dass man sogar viele Menschen vom Suizid abhalten könnte, wenn man sich wirklich mit ihnen und ihren Problemen beschäftigt und liebevoll mit ihnen nach einer Lösung sucht. Die Betonung liegt auf liebevoll, was ich mit Gittern an Fenstern oder Fixierungen am Bett nicht gegeben sehe. Und was den Pflegenotstand betrifft: genau, warum setzt man denn dort nicht an?
Mapa |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Liebe Twinkle,
zuerst möchte ich dir mein tiefstes Mitgefühl aussprechen. Ich denke, du kannst ruhig auch ein bisschen stolz auf deinen Vater sein. Er ist ein mutiger Mann, der genau das getan hat, was andere nur aus Angst nicht getan haben. Viele, die in ähnlicher Sitaution sind, hatten die gleichen Gedanken (davon gibt es hier in diesem Forum sicherlich ne ganze Menge). Der/die Eine entscheidet sich so, der/die Andere eben anders. Beide Entscheidungen müssen wir als Angehörige akzeptieren!! Wenn auch nicht unbedingt verstehen. Wir, als Angehörige sind in einer vollkommen anderen Situation. Auch wenn wir mitleiden, helfen wollen: WIR sind NICHT an Krebs erkrankt. WIR stehen NICHT vor dem Aus. Unsere Gedanken decken sich in den seltensten Fälle mit denen unserer an aussichtslosem Krebs erkrankten Angehörigen. WIR können uns NICHT vorstellen, was in ihren Köpfen vorgeht, was und vor allem wie sie denken. Geschweige denn auch noch darüber urteilen. In diesem Zusammenhang (die Psyche) von gesund zu reden und den Krebskranken als krank hinzustellen, ist absolut behämmert. Dein Vater war psychisch mindestens genau so gesund wie all die sogenannten Gesunden, die sich zuerst den Mund zerreissen und dann ihre Beiträge löschen. Die sind feige, NICHT DEIN VATER. Vielleicht ist es tröstlich für dich: dein Vater hat euch sicherlich vieles erspart. Tagelang, nächtelang einen Sterbenden zu begleiten. Immer wieder Mut machen müssen. Ja, sogar anlügen. Sich um ihn kümmern, ihm helfen. Zuerst noch wenig und dann selbst bei den selbstverständlichsten Dingen. Zuschauen, wie das Leid immer grösser wird, wie er euch langsam und sicher aus den Händen gleitet. Um am Ende dann trotzdem mit leeren Händen da zu stehen . . . . . . . . . . . . . genauso traurig, genauso verzweifelt, genauso allein . . . . . . . . . . . . Ich weiss, wovon ich rede. Traure um deinen Vater, weine um deinen Vater, so wie er war und immer noch ist. Genauso, wie jeder andere um einen geliebten Menschen trauert. Er hat es verdient. Ich drück dich in Gedanken Helmut |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Hallo
Bisher habe ich nur still mit gelesen,aber das hier macht mich sehr traurig.Ich finde man sollte sich eine andere Plattform suchen als diese hier um über so etwas zu diskutieren oder viel mehr zu streiten.Es geht hier zu weit und eindeutig unter die Gürtellinie.Hier hat jemand seinen geliebten Vater verloren und das auf tragische Art und Weise.Ein wenig mehr Rücksicht und Feinspitzengefühl ist hier wohl angebracht.Dann streitet per Pn aber macht es nicht hier.Es geht hier nicht nur um Suizid sondern in erster Linie auch um die Trauer und der Verzweifelung von Twinkle. LG Steffi und Dich Twinkle nehme ich in den Arm. |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Liebe Twinkle,
erst hatte ich eigentlich vor hier nicht zu schreiben. Aber ich finde die Tat von Deinem Papa verständlich und nachvollziehbar. Er hat sich entschieden nicht zu leiden und vielleicht hat er auch entschieden durch seinen Tod andere besonders Dich nicht mit leiden zu lassen. Ich finde hier keinerlei Anstiftung zum Suizid. Und nebenbei bemerkt bin ich die Mama eines Kindes das schon zweimal von dieser Sch... Krankheit betroffen war. Oft habe ich gedacht was mute ich meinem Kind da zu und will es das überhaupt ? Sie war beim erstnmal erst ein halbes Jahr alt (Blasentumor mit 1,5 Jahren Chemo OP´s etc) und beim zweitenmal drei Jahre alt (Augentumor das Auge musste entfernt werden, aber keine Chemo) Ich habe soviel Leid und Elend gesehen bei den KIndern das ich mich oft gefragt habe was ich als Betroffener wohl tuen würde. Bei meinem Kind habe ich mich entschieden mit Ihr zu kämpfen, da die Chancen gut standen. (mittlerweile ist sie eine gesunde fünf Jahre alte junge Dame und hoffentlich bleibt sie das auch) Ich werde mir keine Wertung über die Gefühlslage eines Betroffenen anmassen, kann aber verstehen wenn jemand diesen Weg geht. Dir wünsche ICh, das Du lernst mit der Trauer umzugehen. Sei stolz auf Deinen Papa und denke an Eure schönen Zeiten. Fühl Dich gedrückt (Das ist wirlich so gemeint) und lass Dich nicht unterkriegen. Liebe Grüsse Susanne |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Hallo Twinkle,
diesen thread habe ich erst jetzt gelesen, daher so spät... > Hatte er so eine Angst vor dem natürlichen Tod, > dass man sich aus dem Fenster stürzt? Ich weiss nicht, ob man Krebs als einen "natürlichen Tod" bezeichnen kann. Zumindest ist das Sterben mitunter lang und qualvoll. Meine Frau ist Anfang 2009 an BK gestorben. Und in der Rückschau würde ich das nicht "gestorben" nennen, sondern langsam und elendig krepiert. Trotz aller Palliativmedizin und immer höheren Morphium-Dosen. Es war nicht schön, es war nicht friedlich, und "natürlich" war es auch nicht. Es war schlimm, richtig schlimm :-( Zum Glück konnten meine Frau und ich immer über alles sprechen. Auch über Suizid bzw. aktive Sterbehilfe. Ich habe ihr versprochen, dass ich sie töten werde, falls sie das verlangt und es selbst nicht mehr tun kann. Die nötigen Hilfsmittel dazu lagen schon lange bereit. Zum Glück war das nicht notwendig; sie ist von sich aus gegangen. Egal, jedenfalls: aus der Erfahrung des langen und qualvollen Sterbens meiner Frau habe ich für mich beschlossen, dass ich nicht so enden werde. Ich werde im Notfall rechtzeitig den Zeitpunkt bestimmen, an dem ich gehe - und mich dann vom Acker machen. Das ist das letzte und wichtigste Selbstbestimmungsrecht des Menschen. Nicht nur über sein Leben, sondern auch über seinen Tod zu entscheiden. Was Christen und Moralphilosophen dazu sagen, ist mir völlig schnurz. Mit denen kann ich darüber im Jenseits diskutieren, falls es eins gibt. Insofern ist mir das Handeln deines Vaters sehr nachvollziehbar. Und ich finde es sehr mutig. Denn über Suizid zu reden, ist eines. Ihn zu begehen, ist zigtausendmal schwieriger. Da muss der Leidensdruck schon extrem hoch sein. Für dich gibt es keinen Grund zur Scham. Dein Vater hat sich entschieden, und du hättest daran so oder so nichts ändern können. Wut und Enttäuschung sind verständlich, aber: deinem Vater ging es mit seiner Krankheit sicher nicht besser als dir als Überlebende. Er ist seinen Weg gegangen, wie wir alle unseren Weg gehen müssen. Viele Grüße, Stefan |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Guten Morgen Stefan,
du hast Mut, das muss man dir lassen. Ich selbst habe noch nie so richtig darüber nachgedacht. Da muss ich mal draufrum denken. Nachvollziehen kann ich es, genau wie bei dem Vater von Twinkle. Twinkle, schaust du noch hier rein? Liebe Grüsse Helmut |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Hallo Helmut,
Zitat:
Meine Frau hatte fürchterliche Angst davor, im Krankenhaus (oder gar Pflegeheim) zu sterben oder als chronischer Pflegefall zu enden. Und sie wusste genau, warum sie davor Angst hatte: sie war im Erstberuf Krankenschwester und hat das allzu oft miterleben müssen. Von daher war völlig klar, als meine Frau im Spätherbst in der Klinik lag und nur immer wieder sagte "Hol mich endlich hier raus!", dass ich das tun werde, wenn ich kann. Und es hat ja zum Glück noch geklappt, aller bürokratischen Widrigkeiten zum Trotz. Sie konnte Weihnachten Zuhause sein, mit Hund, Katze, Papagei und Ehemann, ihre Familie und Freunde noch mal sehen, und - nachdem sie das alles erledigt hatte - auch hier in Frieden sterben. Ich habe meiner Frau nur versprochen, dass niemals das passieren wird, wovor sie so große Angst hatte. Nämlich "kurz vor 12" noch ins Krankenhaus gebracht zu werden. Zum Glück hatten wir hier eine verständige Hausärztin, mit der ich (bevor sie meine Frau erstmals gesehen hat) sofort Klartext geredet habe. Also der gesagt, das meine Frau zum Sterben nach Hause gekommen ist, und dass sie hier bleiben wird. Und dass ich, falls die Ärztin meint, den Notarzt rufen zu müssen, ohne vorher mit mir darüber zu sprechen, ich den am Hoftor wieder wegschicken werde; und die Konsequenzen auf mich nehmen. Einige Menschen haben mich gefragt, ob meine Frau Angst vorm Sterben hatte. Nein, die hatte sie nicht. Sie hatte Angst davor, unwürdig zu sterben. Ich weiss noch, 3 Tage vor ihrem Tod, als sie nachts plötzlich Alpträume hatte, dass die "Leute" kommen und sie "wegholen". Das war so bitter. Weil ich an ihrem Bett sass und sie sich an meiner Hand festgekrallt hat und mir xx mal das Versprechen abgenommen hat, dass ich es nicht zulassen dürfe, dass man sie "wegholt". Und dass ich immer bei ihr sein muss und sie niemals allein lassen darf, weil sonst diese "Leute" kommen... In der Nacht, als meine Frau Samstag früh um 4 gestorben ist, waren der beste Hund der Welt und ich bei ihr. Und Freunde fragen mich, ob ich daran denke und mich diese Erinnerung verfolgt. Ich denke an diese letzten Stunden mit meiner Frau jeden Tag, aber verfolgen tut mich diese Erinnerung nicht - auch, wenn das Sterben schon rein physisch unangenehm und schockierend war. Was mich verfolgt, ist die Nacht ein paar Tage vorher, als ich es nicht geschafft habe, meiner Frau die größte Angst zu nehmen, die sie hatte. Und ich ihr sagen musste, dass ich nicht rund um die Uhr bei ihr sein kann, weil ich doch auch mal schlafen, essen und aufs Klo gehen muss. Das nicht versprechen und leisten zu können, hat mir das Herz zerrissen. Und mit dem Versagen weiter zu leben, ist nach wie vor nicht so einfach. Viele Grüße, Stefan |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Hallo Stefan,
leider muss ich dir in einem wiedersprechen: du hast Mut. Was verstehst du unter Mut? Du hast dich gegen die Bürogartie gestemmt für deine Frau. Du hast alles menschenmögliche getan, um ihr diesen einen letzten Wunsch zu erfüllen. Du hast zielstrebig alle Unwägbarkeiten auf dich genommen. Du hast nicht blind sondern überlegt gehandelt. Auch auf die Gefahr hin, dass du persönlich in Schwierigkeiten gerätst. Du hast aus Liebe zu deiner Frau gehandelt und nicht, weil du ihr mal vor X Jahren was versprochen hast. Du hast dein Bestes gegeben. Was verstehst du unter Mut? Sich blind in gewagte Abenteuer zu stürzen? Sich treiben lassen vom eigenen Schicksal und dem der anderen? Sich ohne Hirn in Gefahr zu begeben? Die Geschehnisse einfach so laufen lassen? Was verstehst du unter Mut? Du hast ganz sicherlich für dich abgewägt, ob du ihren Wunsch auch erfüllen kannst. Du hast ganz sicher auch mal daran gezweifelt. Du hast ganz sicher auch mal neben deiner Frau gestanden und glaubtest dich kurz vor dem Ende deiner Kraft. Du hast dich trotz aller Widrigkeiten von aussen UND von innen durchgebissen, hast durchgehalten bis zum Schluss. Du hast deiner Frau diesen Wunsch erfüllt. Der ist mutig, der zweifelt, Angst hat, die Gefahr sieht, sie einschätzen kann, seine eigenen Stärken und Schwächen nicht nur kennt sondern auch akzeptiert. Der mit offenen Augen und hellwachem Verstand an eine Aufgabe herangeht. Der Risiken abschätzen und bewerten kann. Der das eigene Wohl auch auch mal hinter das Wohl anderer stellt. Dass du deine Frau auch mal kurzfristig alleine lassen musstest, ist doch kein Versagen deinerseits. Essen, trinken, schlafen sind elementare Dinge, die du für dich gerade deshalb tun musstest, um ihr ihren Wunsch überhaupt erst erfüllen zu können. Du könntest dir einen Vorwurf machen, wenn du nicht geschlafen, gegessen usw. hättest, wiel du dann in dem Moment, wo sie dich am dringensten gebraucht hat, vielleicht garnicht fähig gewesen wärst ihr bei zu stehen. Hast du geglaubt, du könntest ihre Angst mit einem einzigen "Ich bleibe bei dir" überwinden? Du hast ihr bewiesen, das ihre Angst unbegründet ist: indem du zum Essen nach draussen gingst und wieder zurückgekommen bist und du im entscheidenden Augenblick bei ihr warst. Alles Liebe Helmut |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Hallo an alle,
und wer diese Thematik nicht ausführlicher mitlesen mag, bitte jetzt wegklicken. Zitat:
Diese Textpassage ist aus dem Zusammenhang heraus gerissen, aber es sind gerade diese Bedenken, die Angst bei uns begleitenden Angehörigen schüren. Was kommt auf mich zu, handle ich vielleicht fahrlässig? Genau das glaube ich nicht, das jemand fahrlässig handelt, auch wenn das gern als Gegenargument zum selbstbestimmenden Ende benutzt wird. Kein Angehöriger wird „irgendwie drauflos handeln“, das hält die Psyche gar nicht durch, viel eher kippt man um, d.h. in der Endphase bekommt der Begleitende Angst vor der eigenen Courage (StefanS nannte es „umfallen“), denn man steht auf einmal allein da, es gilt zu erfüllen, was der Betroffene entschieden hat als er sich noch nicht in der Endphase befand. Auch ich habe dem Wunsch meines Mannes entsprochen und ihn zu Hause begleitet, aber der Hausarzt und eine weitere Ärztin waren involviert und sie haben die Entscheidung meines Mannes mit akzeptiert. Wovor sich mein Mann sicher gefürchtet hätte, ist dieser in der Endphase bei Angehörigen immer wieder aufkommende Gedanke „wir schaffen es noch“ wider besseres Wissen, das belastet den Sterbenden mehr als es ihm nutzt, denn ich glaube die direkt betroffenen fühlen sehr klar ihre Situation – und sie wollen nicht mit Durchhalteparolen befeuert werden. Es ist für uns Laien auch schwer zu erkennen, wo der Punkt ist, an dem wir mit gutem Willen nichts mehr ausrichten können, die Kranken scheinen diesen Punkt klarer zu sehen. Zitat StefanS: „Was mich verfolgt, ist die Nacht ein paar Tage vorher, als ich es nicht geschafft habe, meiner Frau die größte Angst zu nehmen, die sie hatte. Und ich ihr sagen musste, dass ich nicht rund um die Uhr bei ihr sein kann, weil ich doch auch mal schlafen, essen und aufs Klo gehen muss. Das nicht versprechen und leisten zu können, hat mir das Herz zerrissen. Und mit dem Versagen weiter zu leben, ist nach wie vor nicht so einfach.“ Ich bin zwischendurch auch eingeschlafen, aber ich würde das nicht als Versagen werten, wenn man 24 Stunden oder gar noch länger in einem Stück für den Sterbenden da sein muss. Wenn wir uns so hohe Maßstäbe setzen, könnten wir den Wunsch unserer Angehörigen auf Nähe überhaupt nicht erfüllen. Zu wissen, die Freiheit zu haben, sein Ende selbst zu gestalten, würde manchem Betroffenen vielleicht das Grauen vor dem Sterben zumindest mildern. Beste Grüße Geske |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Hallo Ihr Lieben,
ich möchte euch nur kurz mal erzählen, wie es bei uns war: Mein Spatz war, bis auf eine Woche, gar nicht im Krankenhaus. Alles ambulant und die letzten Wochen mit Unterstützung eines Pflegedienstes, um den Tropf anzulegen, sonst haben unsere Jungs und ich alles alleine erledigt. Und wir sind heute zufrieden damit, wir sind eine Familie! Was mich ein wenig belastet hat, ist die Tatsache, dass mein Spatz genau in dem Moment endgültig gegangen ist, als ich nur kurz zur Toilette war! Unser jüngster Sohn(20) war gerade alleine bei ihm und ich kam wirklich mit dem allerletzten Atemzug wieder rein. Zuerst dachte ich auch, ich hätte versagt aber jetzt glaube ich, es war irgendwie "eine Sache unter Männern", von meinem Spatz ganz bewusst so gewollt. Ich hoffe, ihr versteht, wie ich das meine. Aber meine 3 Männer hatten immer ein ganz besonders inniges Verhältnis zueinander. Ja, und mit dem Abstand von einem halben Jahr weiß ich, wir haben alles getan, um es unserem "Baba" recht zu machen und uns auch, so, dass wir damit weiterleben können. Liebe Grüße Carmen |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Hallo Zusammen,
bitte beachtet das Thema: Suizid nach 1. Chemo-Block! Alle Themen (Begleitung bis zum natürlichen Tod), welche ihr anschneidet sind extrem wichtig, aber haben mit dem Ursprungsthema nichts mehr gemeinsam. |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Dazu möchte ich folgendes erzählen.
Meine Frau sass vor mir auf dem Sofa, Elend, Angst, Schmerzen, qualvoll-rasselnde Atemzüge, die Augen weit aufgrissen: "Schatz, hilf mir! Tu was!" Ich hab ihre bodenlos-leeren Augen gesehen. Ganz unten schrie es: "Raus, nur weg von hier. Ich halt das nicht mehr aus!" Ich wusste nicht, was ich tun soll. Ich hab es ihr gesagt, dass ich am Ende bin, nicht mehr weiter weiss. Nicht mehr weiss, wie ich ihr helfen kann. Ich hab mich neben sie gesetzt, total erschöpft schlief sie ein um bereits nach ein paar Minuten wieder aufzuschrecken. In meinem Kopf hämmerte es: was tun? Kurz vor 16:00 Uhr rief ich auf der Rettungsleitstelle an: "Brustkrebs, Pleuraerguss, akute Atemnot". 4 Minuten später waren die Sanitäter da und begannen ihre Arbeit. Ein paar Minuten später der Notarzt. Die Polizei brachte ihn bis zum Haus, da der Hubschrauber etwas weiter erst einen Landeplatz fand. An dieser Stelle mal ein herzliches Dankeschön an die Menschen von der Leitstelle, die Sanitäter, den Notarzt, den Hubschrauberpiloten und die Polizei für ihren perfekten und professionellen und nicht zuletzt auch ihren menschlichen Einsatz. Danke. Auf der Intensivstation wurde das menschenmögliche versucht, ohne Erfolg. Sie wurde dann in's künstliche Koma gelegt, wohl wissend, dass sie daraus nicht mehr erwachen wird. Nur wie lange, das wusste niemand zu sagen. Was dann war hab ich an anderer Stelle bereits beschrieben. Nur 24 Stunden nach meinem Anruf verstarb sie in meinen Armen im Beisein unserer Kinder und ihrer besten Freundin. Warum schreib ich das hier? Damit man meine Entscheidung vielleicht besser versteht. Ich hab eine Entscheidung treffen müssen, für sie. Eine Entscheidung gegen das Sterben zu Hause. Nicht im allgemeinen sondern nur explizit in diesem Fall. Ich würde heute unter gleichen Bedingungen wieder so entscheiden. Vielleicht sogar gegen einen früher mal geäusserten Willen. Sie wusste in dem Moment, das es zu Ende geht. Alles, was sie wollte war, nur keine Qualen mehr erdulden, nicht elend ersticken sondern menschenwürdig sterben. Die Entscheidung hat sie mir überlassen. Wie gesagt: ich kann mit dieser Entscheidung leben. Ich mache mir deswegen keine Vorwürfe. Ich weiss, ich habe das Beste für sie getan. Das Gleiche will ich auch mal für mich. Ich habe mich entschieden. Ist es zu Hause möglich, ist das gut. Ist die Klinik besser, ist das für mich auch in Ordnung. Ebenso mich, je nach Umständen, selbst zu töten. Mir tut nur der oder die heute schon leid, der/die dann eventuell die Entscheidung fällen muss. Jedem die freie Entscheidung. Ich wünsche jedem die persönlich richtige Entscheidung für ein menschenwürdiges Sterben .......... bis hin zum Freitod. Alles Liebe Helmut |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Hallo Jutta,
du hast recht, entschuldige. Da ich aber so langsam bin :o haben sich dein und mein Beitrag überschnitten. Habs erst nach dem Speichern gelesen. liebe Grüsse Helmut |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Danke Helmut,
für deine Offenheit. An dich, Twinkle, solltest du hier noch unterwegs sein, wieder mal einen lieben Gruss. Rosita |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Liebe Twinkle,
nachdem das Thema anfänglich "etwas entgleist" ist, habe ich jetzt noch einmal Dein erstes posting gelesen. Ich denke, dass wir Angehörigen die Dinge immer von einer ganz anderen Seite sehen. Natürlich meinen wir es nur gut, wenn wir unterstützen, Ratschläge geben, uns überall erkundigen und schlau machen, was man alles tun kann, welche Chemos es gibt, welche anderen Optionen, usw. usw. Natürlich ist es unser Anliegen, dass die geliebten Menschen solange bei uns bleiben, wie es geht. Ich denke, dass auch die Betroffenen es selber so sehen am Anfang und dass sie "kämpfen" wollen, wie es immer heißt. Je nach den Begleitumständen klappt das oft auch ganz gut, aber eben nicht immer. Jeder Mensch hat seine Grenzen. Und wenn wir Angehörigen dann meinen: "Ach, die erste Chemo hat doch ganz gut geholfen, also probieren wir auch noch die nächste, es geht Dir doch jetzt ganz gut", dann ist das aus der Sicht des Gesunden. Für den Betroffenen ist es ganz anders. Durch seine Adern läuft das Gift, sein Körper wird durch CTs, MRTs, OPs, usw. usw. geschunden und gequält. Der Betroffene hat ständig die Nebenwirkungen zu ertragen, ihm ist es schlecht, er hat Schmerzen, usw. Und manchmal - ich denke bei Deinem Papa war es so - verliert man sogar seine Würde (diese Grenze ist eben bei jedem individuell). So, wie Du es geschildert hast, war Dein Papa kurz vorher ganz klar in seinem Denken. Ich denke, dass er "seine Grenze" erreicht hatte und sich bewusst für diesen Schritt entschieden hat, um eben seine Würde für sich zu behalten. Und nicht zuletzt eben auch für Euch. Er wollte bestimmt in Eurer Erinnerung so sein, wie er früher war. Erinnere Dich an Dein ganzes Leben vorher. War er nicht immer für Dich da, hat mit Dir gelacht, geweint, vieles unternommen, usw.? Hat er nicht immer für Euer Wohl entschieden? Ich gehe mal davon aus, dass es so war. Jetzt am Schluss hat er dann einmal in seinem Leben mehr für sich entschieden. Ich denke nicht, dass er sich das leicht gemacht hat. Aber so war es dann sein Wille und ich denke, dass Du ihm das verzeihen kannst. Der Verlust, der Schmerz und die Trauer sind groß, das ist natürlich so. Aber in Deinem Herzen wird Dein Papa immer weiterleben. So hätte er es bestimmt gewollt. Aber eben so, dass Du an das ganze Leben mit ihm vorher denkst und nicht die letzten Wochen, die er es so schwer hatte. Irgendwann einmal wird Dir das auch gelingen, da bin ich sicher. Irgendwann wirst Du ihm dieses eine Mal, wo er für sich entschieden hat, verzeihen können und vielleicht sogar verstehen können. Alles Liebe, Mapa |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Hallo,
Zurück zum Thema Suizid... Zitat:
Es waren genau solche "paar Zeilen", die twinkle vermisst hat. Ein paar Sätze, das Papier aus einem A5-Schreibheft rausgerissen. Sinngemäß: "ich liebe dich, aber ich kann nicht anders." Twinkle, du hast nichts verpasst ohne so einen Abschiedsbrief. Meine Frau hat den Suizid ihres Freundes ein Leben lang nicht verwunden. So wird es jedem gehen, deren Partner / Angehöriger / Freund sich das Leben nimmt. Mit der Schuld (wieso habe ich das nicht gemerkt, wieso konnte ich das nicht verhindern...) muss man leben. Und diesen Brief... ich, der 20 Jahre lang miterlebt hat, wie meine Frau unter dem Suizid dieses Menschen gelitten hat, empfand ihn eher als Verhöhnung, nicht als "beruhigende" Erklärung. Der Mann hätte besser die Klappe gehalten. Was ich am Thema Suizid so schlimm finde, ist die absolute Tabuisierung. In D nehmen sich doppelt so viele Menschen pro Jahr das Leben wie im Straßenverkehr sterben. Gut 10.000, also etwa jede Stunde einer. Aber es gibt ein stillschweigendes agreement, dass darüber nicht berichtet werden darf. Tun Fernsehen und Zeitungen auch grundsätzlich nicht. Angeblich, um "Nachahmungstaten" zu verhindern. Blödsinn, weil die Suizidraten in allen westlichen Industriegesellschaften etwa gleich hoch sind. Die Menschen tun es so oder so, wenn sie verzweifelt genug sind, unabhängig von der Berichterstattung. Berichtet wird nur, wenn es sich nicht vermeiden läßt, weil der Sprung vom Hochhaus so spektakulär war und ohnehin schon 20 Leute mit Foto-Handy vor Ort... Über Verkehrsunfälle wird hingegen täglich x mal berichtet. OK, Leichen dürfen nicht gezeigt werden, aber ein Autowrack oder ein einsamer, blutiger Turnschuh, der auf der Überholspur liegt, gerne. Das gruselt so angenehm. Ebenso schlimm finde ich, dass in D zwar das Selbstbestimmungsrecht des Menschen auch über den eigenen Tod ein hohes Gut ist, das unbestritten über moralisch-religiösen Fragen steht (auch wenn Kirchenvertretern das nicht gefällt). Nicht zufällig ist in D der Suizid(versuch) schon lange nicht mehr strafbar, und die passive Beihilfe dazu auch nicht. Aber dieses Selbstbestimmungsrecht ist eher theoretisch, weil es bei Todkranken oft nicht respektiert wird. Patientenverfügungen (die oft den Wunsch nach "passivem Suizid" festschreiben, durch Verweigerung von Behandlung oder künstlicher Ernährung), werden gerne und häufig ignoriert. Sogar bis zum BGH wurde darüber schon vor ewigen Zeiten prozessiert (mit faulem Kompromiss als Urteil). Und wenn jemand noch physisch in der Lage ist, Suizid zu begehen, dann wird es ihm verwehrt, in Würde zu Sterben. Natürlich darf sich jeder das Leben nehmen. Sich aus dem 4. Stock stürzen, erschiessen, erhängen, vor den nächsten Baum fahren... Aber in Würde heisst für mich, dass eine humane Art der Selbsttötung möglich ist, mit der auch die Angehörigen besser leben können. Das ist nunmal die Überdosis Nembutal / Seconal - die Tötungsart, wie sie in Holland und der Schweiz bei der aktiven Sterbehilfe praktiziert wird. In D und weiten Teilen der "zivilisierten" Welt ist dieses Medikament nur noch zum Einschläfern von Tieren erhältlich. Und wer keinen korrupten Landtierarzt kennt, der sein Giftbuch fälscht und einem eine Ampulle abgibt, kommt da nicht ran. Über die nächstbesten humanen Methoden (Medikamente, Helium, Plastiktüte) wird in D auch sorgsam geschwiegen. Fachliteratur wie das "Suicide Handbook" sind in D zwar nicht verboten. Noe, aber sie werden ignoriert. Trotz internationaler ISBN bei Libri nicht gelistet und bei Amazon.de nicht zu kaufen. OK, diese Art der Zensur ist für den versierten Internet-Nutzer kein Problem. Bestellt er halt bei Amazon USA, die liefern weltweit. Aber traurig bezeichnend für den Umgang mit diesem Thema in D finde ich das schon. "Humane" Selbsttötung heisst für mich möglichst friedlich, schmerzfrei, einfach praktizierbar, legal - und für die Angehörigen "erträglich". Meint u.a., dass ein Toter so aussehen sollte, dass die Hinterbliebenen ihn bei Aufbahrung noch ansehen und von ihm Abschied nehmen können. Und im besten Fall, dass die Angehörigen gar nicht merken, dass ein Suizid vorliegt, damit sie ohne Schuldgefühle weiter leben können. Das ist in D praktisch verboten, weil die Mittel dazu verboten sind. Die Alternativen? Eine habe ich gerade vor ein paar Wochen erlebt, Freitag morgen um 9.20 Uhr, als ich bei uns im Hof sass. Wir wohnen direkt am Bahnübergang, und die Strecke verläuft so 100 m lang direkt an unserem Grundstück lang. Da hupt der Lokführer ein paar Sekunden, dann eine Sekunde Stille, und dann dieses dumpfe Aufprallgeräusch - wie wenn man gegen einen Pappkarton tritt. Dann Bremsen kreischen, Stillstand, und mein Hund, der völlig durchdreht. Mit eingekniffenem Schwanz und in die Luft gereckte Nase in den Garten läuft, direkt am Zaun Richtung Bahn Sitz macht und jault ohne Ende. Dann Polizei, Bahnpolizei, Rettungswagen, Leichenwagen, usw. Ich habe mir das nicht im Detail angesehen, sondern meinen Hund zurückgerufen und das Tor zum Garten zugemacht. Ich weiss nicht, wie weit Leichenteile fliegen, wenn jemand mit 150 km/h vom Regionalexpress zermalmt wird. Aber die 5 m von Gartenzaun bis Geleis waren mir zu wenig, um nachzusehen. Und ich habe den Garten auch danach tagelang nicht betreten, obwohl die Polizisten, die ihn gründlich nach Überresten durchkämmt hatten, meinten, da wäre ganz sicher nichts. Erschiessen ist auch lustig. Meine Jugendliebe hatte einen WG-Mitbewohner, der sich im Sommer, als er am Wochenende allein war, in der Wohnung den Kopf mit der Schrotflinte weggeschossen hat. Man muss kein Pathologe sein, um sich vorstellen zu können, wie groß die Fliegenmaden schon sind, wenn man jemanden findet, der bei 30°C zwei Tage lang tot in der Wohnung liegt. Diesen Anblick vergisst kein Mensch, lebenslang nicht. Über ähnlich "humane" Tötungsarten wissen alle Bescheid, die damit zu tun haben. Wie mein Cousin als Polizist oder meine Schwester als Krankenschwester in der Intensivmedizin. Die freuen sich immer wieder besonders auf Dienst an Weihnachten... Was bleibt, human und selbstbestimmt? Nicht viel. Wenn man noch kann, ist der vorgetäuschte Autounfall eine gute Wahl. Da können sich alle vormachen, dass es sich um einen Unfall handelt. In Zeiten moderner Sicherheitstechnik im Auto allerdings immer schwieriger (die Airbags in meinem Auto sind deaktiviert, befreundete KFZ-Bastler sei Dank). Für Todkranke bleibt wohl nur der passive Suizid durch Nahrungsverweigerung. So wie meine Frau die parenterale (künstliche) Ernährung abgelehnt hat. Wäre der Krebs nicht schneller gewesen, wäre sie halt (nachdem sie schon > 30 kg abgenommen hatte) spätestens in 3 Monaten verhungert. Diese Methode ist legal. Aber ob sie für den Sterbenden humaner ist als eine rechtzeitige Überdosis Nembutal, möchte ich doch sehr bezweifeln... Viele Grüße, Stefan |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Hallo Carmen,
Zitat:
Und da gibt es halt Menschen, die lieber allein sterben möchten. Was für die Hintzerbliebenen oft richtig bitter ist. Eine gute Freundin von uns (Krankenschwester von Beruf) hat ihre Mutter jahrelang gepflegt, aber sie hat schon vorher gesagt: ich weiss genau, dass meine Mutter allein sterben wird. Und das tat sie dann auch, wie dein Mann, als ihre Tochter nur kurz mal weg war. Woran unserer Freundin trotzdem lange zu knabbern hatte. Für deinen Mann war das gut und richtig so, und hoffentlich kannst du damit in Frieden leben. Meiner Frau bin ich im nachhinein sehr dankbar, dass sie das nicht so gemacht hat. Sie wollte mich offenbar dabei haben. Viele Grüße, Stefan |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Hallo Mapa,
Zitat:
Was das "Kämpfen" und die guten Ratschläge betrifft, wurde meine Frau auf ihre alten Tage, kurz vor ihrem Tod, noch richtig kämpferisch. In dem Sinne, dass sie Leute, die solche dummen Sprüche abgesondert haben, damit es ihnen selbst besser geht, konsequent abgelehnt hat. Sie hat mir gesagt, dass sie sowas nicht mehr hören will, und ich habe sie dagegen abgeschirmt. Telefonate und Besuche von Menschen mit bestimmter Geisteshaltung einfach abgeblockt. Meine Frau hatte BK mit Metastasen in Nebennieren und Lymphsystem. Die schneller wuchsen, als man gucken konnte. Schon vor dem Chemo-Versuch war fast klar, dass sie sterben muss. Bei ihrer Befundlage war die Statistik eindeutig: die Chemo wird nur mit einer Wahrscheinlichkeit von unter 10 % ihr Leben verlängern (und nur die Dauer - nicht die Lebensqualität). Als die Chemo nach einigen Terminen erfolglos abgebrochen wurde, weil die Metas so schnell wie vorher weiter wuchsen und sie körperlich immer schneller abbaute... da war endgültig klar, dass sie sterben muss. Und ab da, das muss man meiner Prinzessin lassen, hat sie im Angesicht des Todes in ihren letzten Monaten plötzlich mehr Selbstbewusstsein und Durchsetzungsfähigkeit entwickelt als in vielen Jahren zuvor. Sie wollte weder "alte Bekannte" sehen, die sich seit Urzeiten nicht gemeldet hatten, aber plötzlich bei der Todkranken nochmal Händchen halten wollten. Auch keine "Ratgeber", die von den und den neuen Behandlungsmöglichkeiten schwätzen mussten. Schon gar keine "Gesundbeter", ob religiös motiviert oder nicht, die an Gottvertrauen, Zuversicht und da-darf-man-doch-den-Mut-nicht-verlieren appelliert haben. Auch nicht den Stationspsychologen, und auch nicht ihre Onkologin, die die wirklich unbegreifliche Instinktlosigkeit besessen hat, meiner Frau ins Gesicht zu sagen, dass man ja "medizinisch noch lange nicht am Ende" wäre, aber dass es dabei sehr auf den "Kampfeswillen" meiner Frau ankäme. Mit dieser Onkolgin (die meine Frau seit 2 Jahren kannte und soviel Menschenkenntnis hätte zeigen müssen, meiner Frau spätestens zu diesem Zeitpunkt so einen Dummschwatz über medizinische Möglichkeiten und "Kampfeswillen" zu ersparen) hatte ich dann noch in Abwesenheit meiner Frau ein sehr direktes und ausgesprochen unschönes Gespräch. Manche Ärzte vertragen es nunmal nicht, wenn man ihnen sagt, was man von ihrer sozialen Kompetenz hält. Zitat:
Viele Grüße, Stefan |
AW: Suizid nach 1. Chemo-Block
Hallo Stefans,
ich kann Deinen Auführungen nur zustimmen. Ich hatte das Wort kämpfen bewusst in Anführungszeichen gesetzt, weil es eben etwas zwiedeutig ist. Aber es wird eben gerne benutzt, wie Du an den Worten der Onkologin bei Euch auch sehen konntest. Zitat:
Zitat:
Liebe Grüße, Mapa |
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