Nach meinem Posting vom 16.01. hatte sich der Zustand meiner Mutter weiter verschlechtert. Ihre Kurzatmigkeit wurde immer stärker und sie konnte praktisch nur noch sitzen oder liegen. Schon ganz langsames Gehen in der Wohnung brachte sie völlig außer Atem und es dauerte auch immer sehr lange bis sie sich wieder "erholt" hatte. Sogar das Sprechen fiel ihr wegen der Kurzatmigkeit zunehmend schwer. Ich hatte ihr nach einigem Googeln empfohlen beim Onkologen bzw. Hausarzt das Thema EPO anzusprechen.
Am 19.01. wurde ihr Zustand dann so schlecht, dass sie direkt mit meinem Vater zum Onokologen und danach zum Hausarzt fuhr. Die Befürchtung hatte sich bestätigt und ihr Hämoglobinwert lag nur noch bei 9,6. Der Arzt verordnete sofort EPO 10.000 IU und sie bekam über die nächsten 10 Tage jeweils alle zwei Tage eine Spritze. Der Hämowert stieg wieder auf 11,6, aber ihr subjektives Befinden besserte sich nur geringfügig. Nachdem der Wert wieder auf diesem Niveau war und auch alle anderen Blutwerte eine weitere Chemo zuließen, bekam sie am 27.01. ihre 4. Chemo mit Herceptin und Vinorelbine. Der Onkologe hatte auf den 4. Zyklus Xeloda verzichtet, um die Blutwerte nicht wieder zu verschlechtern.
Nach dieser Chemo war zunächst alles wie bei den vorhergehenden (sehr müde, schwach, abgeschlagen und kurzatmig, aber keine Schmerzen). Am meisten Sorgen machte mir ihre Kurzatmigkeit, die sich in meiner Wahrnehmung immer weiter verschlimmerte. Das Absetzen der Xeloda hatte für sie zu keiner Verbesserung der Lebensqualität geführt.
Am 5. Februar, also letzten Samstag, wurde ihre Kurzatmigkeit dann so stark, dass sie Angst bekam und sich entschloss sich am Montag direkt zu ihrem Onkologen fahren zu lassen. Ich schlug ihr vor sich noch an diesem Samstag für ein paar Tage ins Krankenhaus zu begeben, aber das lehnte sie ab.
Da sie eine der "jungen" 71jährigen und völlig klar im Kopf ist, respektierte ich ihre Absicht, obwohl ich große Angst hatte, dass der Montag zu spät für sie ist. Ich empfahl ihr dringend mit dem Onkologen über die Notwendigkeit der Gabe von Sauerstoff zu sprechen, was sie auch tun wollte.
Am Montagmorgen rief sie mich dann an und sagte es ginge ihr besser und sie würde deshalb doch nicht zum Onkologen gehen, da er ja dann denken würde, dass ihr Besuch überflüssig sei
Am Dienstagmorgen überschlugen sich dann die Ereignisse.
Ihr Zustand hatte sich in der Nacht zuvor so verschlechtert, dass mein Vater einen NAW rufen wollte, was meine Mutter aber ablehnte. Meine Schwester, Arzthelferin, telefonierte mit meiner Mutter am Dienstagmorgen und tat ohne ihr Wissen das einzig Richtige: Sie rief einen Rettungswagen und meine Mutter wurde sofort stationär in die Uniklink eingeliefert. Der Notarzt hatte sie noch in der Wohnung mit Sauerstoff versorgt und ein deutliches Kammerflimmern festgestellt. Zudem bestand der Verdacht auf eine Lungenentzündung
Ich bin sofort zu ihr gefahren und sie hing am Sauerstoff, was dazu führte, dass sie nicht mehr hustete und die Atemnot deutlich nachgelassen hatte. Kurz nach ihrer Einlieferung wurden die Blutwerte gecheckt und eine Thorax-Röntgenaufnahme gemacht.
Abends hatte ich dann, zusammen mit meiner Schwester, eine längeres Gespräch mit einem sehr netten Arzt, der sich sehr viel Zeit für uns nahm und alle Blutwerte und auch das Röntgenbild ganz offen mit uns besprach.
Fast alle Blutwerte waren im Normbereich. Aber 3 fielen aus dem Rahmen: Der CRP-Wert (Normbereich 0-0,5) lag bei 93

der LDH-Wert (Normbereich bis 250), der auch als Verlaufsindikator für eine Tumorerkrankung dienen kann, bei 685

, und der Hämoglobinwert wieder bei nur 10,6.
Aber das Schlimmste war das Röntgenbild. Ich war (und bin immer noch) zutiefst geschockt und mir kamen die Tränen. Die Lunge ist vollständig metastasiert. Die Metastasierung ist so weit fortgeschritten, dass das gesamte Bild fast völlig weiß ist. Aufgrund der Metastasen konnte der Arzt auf dem Bild nicht erkennen, ob eine Lungenentzündung vorliegt. Der CEA-Tumormarker liegt übrigens bei 0,1...
Meine Mutter bekommt jetzt 24h Sauerstoff sowie ein Antibiotikum über einen Zugang.
Ganz offensichtlich hat die Chemo, die am 25.11. begann, absolut keine Wirkung gezeigt. Die Metastasierung ist schnell und weit forgeschritten und ihr Zustand hat sich bis auf das Husten immer weiter verschlechtert.
Inzwischen ist sie so schwach, dass schon der Gang auf die Toilette (ohne Sauerstoff) sie kreidebleich werden lässt.
Obwohl sie Anspruch auf ein Zweibettzimmer hat, liegt sie noch auf einem Dreibettzimmer (sonst alles belegt) und hat eine Krebspatientin neben sich liegen, die die ganze Nacht stöhnt und letzte Nacht mehr als 15x die Nachtschwester bemüht hat. Meine Mutter konnte trotz Schlaftablette nicht schlafen.
Inzwischen hat sich ihre Atmung, trotz ständiger Sauerstoffzufuhr, wieder auf ca. 30-35 Atemzüge pro Minute beschleunigt. Hinzugekommen sind seit gestern Schmerzen im gesamten linken Rückenbereich, gegen die sie Schmerzmittel bekommt. Wahrscheinlich kommen die Schmerzen von den Metas.
Ich befürchte für die nächsten Tage das Schlimmste. Es ist unfassbar schwer zu ertragen die eigene Mutter so leiden zu sehen. Sie weiß das und versucht in meiner und meiner Schwesters Gegenwart "stark" zu sein, was mich noch mehr verzweifeln lässt. Sie ist völlig klar im Kopf, aber man merkt ihr diese Angst an, die aus der Ausweglosigkeit resultiert. Ich sitze hier und heule die Tastatur voll und meine Mutter kämpft gegen das Unausweichliche. Sie versucht bei allem ihre Würde zu behalten und bis zuletzt unsere starke Mutter zu sein. Das bricht mir das Herz. Ich werde jetzt zu meinem vierjährigen Sohn fahren, der bei seiner Mutter lebt, und ihm versuchen zu erklären, wie es um seine geliebte Oma steht. Geplant war, dass er sie mit seiner Mutter am 20. Februar besuchen kommt, aber ich glaube heute nicht, dass es dazu noch kommen wird. Er wohnt 230Km entfernt von hier und ich liebe ihn über alles.
Auch möchte meine Mutter im Moment so wenig Besuch wie möglich, weil es sie belastet. Mein Vater, meine Schwester und ich versuchen in Absprache mit ihr immer so lange wie möglich bei ihr zu sein. Wir haben versucht einen Hospiz-Platz für sie zu finden, aber bisher ohne Erfolg. Alles belegt. Und auch der Hospiz-Verein konnte uns keine Lösung anbieten, außer sie auf der jetzigen Onkologie-Station zu belassen.
Ich weiß im Moment nicht wie es mit uns allen weitergehen soll. Meine Familie zerbricht und unsere Machtlosigkeit ist unbeschreiblich.
Wie in meinem ersten Posting geschrieben, war sie laut Abschlussuntersuchung ihrer BK-Erkrankung (die Anfang 2009 entdeckt wurde) Mitte August 2010 wieder völlig fit, was auch ihrem subjektiven Empfinden entsprach. Lange Radtouren waren kein Problem für sie und sie war voller Power und Lebensenergie. Nur 4 Wochen später fing sie an zu husten.
Uli

