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Alt 15.04.2011, 03:36
scorer scorer ist offline
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Standard AW: Du fehlst mir, und ich möchte von Dir erzählen

Liebe Mama,

nun fange ich an, mich mit den Geschehnissen im Juni und Juli 2010 - unmittelbar nach meiner Hochzeit, die mein Leben nachhaltig veränderten, auseinander zu setzen.
Ich habe solche Schuldgefühle in mir, dass es mich fast zerreist. Ich kam am 25.6.2010 zu Dir ins Krankenhaus und Du wirktest verändert, schwammig in der Aussprache, nicht mehr klar, Du hast Dein rechtes Auge nicht mehr schliessen können und batest mich, Dich in unsere Heimat nach Bayern zu bringen. Zuvor wurde mir von ärztlicher Seite nur verraten, das es ein Tumor im BWS Bereich ist, den man gut bestrahlen könnte. Ich habe die volle Wahrheit über Deinen Gesundheits-, treffender: Krankheitszustand erst nach Deinem Tod erfahren.

Es begann alles 2008 im Sommer. Du hattest an dem Tag bereits mit meiner damals noch Freundin gesprochen und die Krebsdiagnose offenbart. Du wolltest abends zum Grillen kommen und mir, wenn ich aus dem Büro gekommen war, auch selbst davon erzählen. Ich erfuhr zuvor von meiner Partnerin, weil ich es ihr ansah, dass etwas gewaltig nicht stimmt. Als Du zum Essen in den Garten kamst, hast Du mir dann vom serösen Gebärmutterkrebs erzählt. Wir weinten viel und ich versprach Dir an diesem Abends, dass ich all Deine Wünsche hinsichtlich einer PV umsetzen werde.

Leider ich Dir in den Jahren meines Heranwachsens solche Probleme bereitet, Du warst mit Sicherheit geschwächt durch dieses anstrengende Großziehen zweier so starker männlicher Persönlichkeiten. In den Ehen hattest Du nie viel Glück. Papa starb viel zu früh. Der letzte war ein sozialer Krüppel, allerdings ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann, der Dir wenigstens die finanzielle Unabhängigkeit ermöglicht, nach den Jahren der Entbeehrungen und des Verzichts zugunsten Deiner beiden Söhne/Lausbuben.

Du hast beide prima hinbekommen, obschon viele Situationen hätten ausbleiben können.

Ich fing also an, Dich Ende Juni 2010 zu einer Bestrahlung zu überzeugen. Ich sah das erste Mal, wie stark abgemärgelt zu warst und wenig sportliche Mama noch in Dir war. Ich denke, ich hätte schon bei der 1. Bestrahlung abbrechen müssen...ich tat es dann nach der 3. Bestarhlung, holte sofoert meinen Bruder nach Berlin und am nächsten Tag wurde uns angeraten, Dich in ein Hospiz zu bringen, da ich mittlerweile die PV im Krankenhaus eingereicht hatte. So fuhren wir am nächsten Tagen zu 4 Hospizen, um immer wieder zu hören, dass es eine Warteliste gibt und sie sich melden, sobald ein Bett frei wird...nun begann die Schichtarbeit der Brüder im Krankenhaus. Ihre Schmerzen wurden immer größer, die Zyklen zwischen der Schmerzmedikamenten immer kürzer. Sie aß und trank noch bis Freitag bzw. Samstag. Dann war sie auf einmal auch nicht mehr ansprechbar - sie dämmerte, röchelte, aber verständigte sich per Händedruck mit uns. Sie griff des öfteren mit ihren Händen nach etwas, was nicht da war in der Luft und wirkte dabei total entspannt. Nun gab man Dir Morphium auf mein Bitten hin.

Ich war am Samstag mittags alleine mit ihr im Zimmer, als plötzlich eine Atempause entstand. Ich hatte wahnsinnige Angst und sagte ihr immer wieder: "noch nicht, nicht hier." - Sie blieb noch!

Tags darauf am Sonntag erhielt ich einen Telefonanruf vom Hospiz in unserer Nähe, morgen wäre ein Bett frei für Mama.

Am Montag sollte dann der Transport ins Hispiz sein. Nun stellten sich die Ärzte quer und wollten uns den Transport nicht erlauben, da Du im Sterben liegst. Ich habe mich durchgesetzt und Dich aus dem Krankenhaus in ein Hospiz gebracht. Mit 120 und Blaulicht über die Autobahn war die Fahrzeit kurz. Im Hospiz angekommen, bin ich erstmal zusammengeklappt. Diese letzten 10 Tage haben alles von mir abverlangt, mich um Dich zu kümmern, dafür zu sorgen, dass sie gepflegt wird, wenn ich nicht da war. Mich mit wildgewordenen Schwestern und Pflegern anlegen; bishin, die Direktorin des Pflegedienstes des Krankenhauses einzuschalten.

Um 11 Uhr kamen wir im Hospiz an und um 13 Uhr erhieltest Du Musiktherapie, wo die Therapeutin einfach nur Deine Schwingungen durch ruhige Töne der Gitarre aufnahm und abbildete. Mein Bruder und ich teilten uns wieder Wache auf. Abends war dann ich an Deiner Seite und spielte Dein Lieblingslied "River of Tears" von Clapton auf dem Telefon ab. Du wurdest ruhiger, die Atemaussetzer nahmen zu und draussen läutete die Turmglocke 23 Uhr und Du hast Deinen letzten Atemzug getan und bist in meinen Armen gestorben mit den Worten: "Geh, jetzt kannst Du gehen. Papa wartet und Deine Schwestern, geh zu ihnen!"
Die Schwestern und ich haben Dich gewaschen, Dir Deine Lieblingshose, Deine Lieblingsbluse und Lieblingsslipper angezogen. Ich hab Dich mit Deiner Creme eingecremt, die ich seit meiner Kindheit an Dir kannte und Dich mit Deinem Lieblingsparfum eingesprüht. Ich habe Deine Hände gefaltet, Dich auf die Stirn geküsst und Dir einen Strauß Deiner gelben Lieblingsblumen sowie ein Hochzeitsfoto von mir und meiner Frau in Deine Hände gelegt.

Ich liebe Dich und vermisse Dich!

Dein Sohn

P.S.: Dein Mann starb nichtmal 2 Monate nach Dir ebenfalls an Krebs...