AW: Nun gehöre ich auch dazu
Liebe Anja,
es tut mir leid, dass du deinen Papa verloren hast und er so viele Jahre gekämpft hat. Das ist einfach schrecklich, wenn man einen geliebten Menschen so leiden sieht und so hilflos und ohnmächtig ist. Das fühlt sich wahrscheinlich so an, als sei ein Teil von dir mit ihm gestorben...
Mein Vater starb letztes Jahr am 21. Februar daheim und es war auch ein Kampf, für uns nahezu unerträglich. Vieles von dem, was da passierte, habe ich auch erst später begriffen... Ich glaube, dass unsere Seele uns alles scheibchenweise vorgibt, so wie wir es ertragen können, denn der Schmerz ist einfach zu groß. Daher ist es auch kein Wunder, dass du jetzt beginnst, den Tod deines Papas zu verarbeiten. Es wird dauern und du solltest dir auch alle Zeit zugestehen, die du benötigst. Wir alle trauern unterschiedlich und da gibt es kein "falsch" und kein "richtig". In der ersten Zeit nach dem Tod meines Vaters habe ich seine Nähe noch sehr intensiv gespürt. Es fühlte sich für mich so an, als sei er noch da. Dieses Gefühl verschwand nach der Trauerfeier. Alles war so unwirklich und ich dachte immer, mein Papa käme jeden Moment zur Tür herein... Ich fühlte mich wie fremd gesteuert, habe eben funktioniert, nicht mehr und nicht weniger. Ziemlich bald musste ich auch wieder arbeiten und ich empfand diese "reale Welt" als schrecklich. Alles erschien mir so banal, so oberflächlich und der ganze Lärm und die Geräusche haben mich sehr gestört nach der Zeit der Stille.
Die Trauer kam mir vor wie ein reißendes wildes Tier, das mich hinterrücks anfiel und packte. In den "unmöglichsten" Augenblicken musste ich weinen, war tieftraurig und dachte, es würde mich zerreißen. Dazwischen gab es aber auch durchaus "normale" Tage, an denen ich sogar wieder lachen konnte. Dann bekam ich fast ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich dabei ertappte, dass mein Leben nun einmal weiter ging und ich mich sogar wieder freuen konnte. Für mich waren die letzten 10 Monate danach ein Prozess und der ist wohl auch noch nicht abgeschlossen. Mir hat es sehr geholfen, hier zu schreiben und mich auszutauschen. Zu lesen, wie andere mit ihrer Trauer und teilweise widersprüchlichen Gefühlen umgehen. Außerdem hat mir das Buch "Meine Trauer wird dich finden" sehr geholfen (von Roland Kachler). Ich habe für mich einen Weg gefunden, meine Trauer zuzulassen (das ist gut, wenn du das kannst, Anja), zu weinen, wenn mir nach Weinen zumute ist und froh und glücklich zu sein, wenn mir danach ist ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Denn ich weiß, dass mein Vater sich wünschte, dass unser Leben weiter geht. Er hat wie zu Lebzeiten einen sehr wichtigen Platz bei uns und wir reden oft und gern über ihn. Wir schauen uns auch gern Bilder an und tauchen in alte Erinnerungen ein. Und oft spreche ich auch mit meinem Vater, wenn ich seinen Rat benötige oder wenn ich ihm etwas mitteilen möchte. Manchmal laut und manchmal in meinem Inneren und wenn ich Glück habe, vernehme ich tief in mir seine Stimme.
Liebe Anja, die Trauer wird ab nun dein Wegbegleiter sein, aber sie ändert sich mit der Zeit. Bei mir hat sie sich von einem wilden ungestümen Tier entwickelt und sich sozusagen zähmen lassen, doch dieser Prozess hat gedauert. Also verzage nicht und lass alles zu, wenn du kannst. Ich hoffe, du findest hier einen geschützten Raum für dich.
Liebe Grüße
Miriam
__________________
Mein Papa erhielt am 18.04.11 die Diagnose Lungenkrebs mit Knochenmetastasen und ging am 21.02.12 ins Licht. Alles vergeht, aber die Liebe bleibt...
Hand in Hand - gemeinsam sind wir stark!
|