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Alt 01.07.2005, 19:25
Gast
 
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Standard Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......

So. Wenn euch jetzt in der Mitte die Augen schon weh tun, dann wißt ihr, daß ihr das selber über euch gebracht habt :-)

Diese Geschichte ist leicht zu erzählen, weil sie schon eine ganze Weile zurückliegt.

Ich war jung, aber nicht dumm, frauenbewegt, politisch sehr links (wie sich das gehört in diesem Alter).

Meine große Liebe. Intellektuell, nachdenklich, rebellisch, von vielen bewundert. Im Vergleich zu ihm waren fast alle anderen 'bieder' oder kamen sich zumindest so vor (ich meine, wer hätte bei der mündlichen Abiturprüfung gesagt: 'Ich heiße XYZ und sonst sage ich gar nichts mehr'?). Er war der Neue in der 11. Klasse, viel erwachsener als all die anderen Jungs, ein Exot inmitten von Gänseblümchen. Nach zwei Jahren wurden wir 'ein Paar'. Ich konnte mein Glück nicht fassen, daß er mich 'auserkoren' hatte. Schliesslich gab es viel hübschere Frauen, die auch ganz interessant (und interessiert) waren.
Wir hatten eine wundervolle Zeit, lebensdurstig, lebenslustig (ich jedenfalls, er war - in seinen eigenen Worten - eher 'schwerlebig' und 'liebesunfähig', ein Kopfmensch halt) , lebens-voll.
Träumten vom alternativen Leben, der Landkommune, wußten, daß wir nie 'Spießer' werden würden. Heiraten, Kinder kriegen, Tag und Nacht arbeiten, um das Haus abzubezahlen...NIEMALS. Wir wollten alles - oder nichts. Das war der Zeitgeist, Ende der siebziger Jahre. So sind wir auch in verschiedene Städte gezogen nach dem Abi, ganz unspießig, aber nicht genau das, was ich wollte. Hab ich damals aber nicht hinterfragt. Dennoch hatten wir weiterhin eine sehr intensive Liebesbeziehung. Er wurde in seiner Stadt in der Hausbesetzerszene aktiv (das 'in'-ste, was man in unseren Kreisen machen konnte), ich war in meiner Spießerstadt spießig arbeiten. Aber so oft wie möglich bei ihm zu Besuch. Ich muß noch erwähnen, daß er ein großartiger Liebhaber war. Da habe ich viel Entwicklungsarbeit geleistet (Pfarrerssohn: Kopf ist gut und wichtig, Körper ist bäh), die sich ausgezahlt hat ;-). Sex war ein nicht unwesentlicher Teil unserer Beziehung/seiner Anziehungskraft. Und natürlich hatten wir eine 'liberale' Beziehung. Mit der Vereinbarung, daß wir uns immer die Wahrheit sagen, also erzählen, wenn, wo, wann und mit wem wer eine Nacht das Bett geteilt hat. Tja, und da blieb es natürlich nicht aus, daß er sein Bett immer häufiger mit EINER anderen teilte. Und wißt ihr, was mich am meisten daran geärgert hat: sie war ein 'Weibchen'! Nix mit emanzipiert, konnte das aber gut vorspielen. Und er hat unemanzipierte Frauen immer verachtet. Hahaha. Eine Weile danach haben wir uns getrennt. Nach vier Jahren. Die 'Umstände' waren für mich traumatisch, aber darauf will ich jetzt nicht eingehen. Es genügt, zu sagen, daß ich im Innersten meines Herzens ein paar Wochen vorher wusste, daß die Beziehung vorbei ist. Und das habe ich auch für mich akzeptiert, so seltsam sich das jetzt im Zusammenhang mit dem Wort traumatisch anhören mag (wenn ihr jetzt ganz ganz aufmerksam gelesen habt, könnt ihr's euch zusammenreimen :-))

Er hat mir danach noch des öfteren geschrieben. Daß er mit Tina (dem Weibchen) jetzt seine große Liebe gefunden hat, daß sie gemeinsam in die Großstadt gezogen sind und wieder in einem besetzten Haus wohnen, wie toll und revolutionär sein Leben ist.
Neid, Neid, Neid. Gott, war ich blöd!
Ich hab ihr lange nachgetrauert, meiner großen Liebe. Obwohl ich nach relativ kurzer Zeit eine andere Beziehung eingegangen bin, hab ich viel von ihm geträumt. Die Träume wurden zwar seltener im Lauf der Zeit, haben aber nicht aufgehört. Wunschträume und Alpträume. Das ging zehn Jahre!
Sieben Jahre nach unserer Trennung haben wir uns das erste Mal wieder gesehen. Uns privat verabredet, bevor wir auf unser Klassentreffen gingen. Es war sehr schön, aber die alte Anziehungskraft war plötzlich wieder da. Nicht, daß ich mir etwas anmerken hätte lassen, frau hat ja schliesslich ihren Stolz. War auch ganz schnell wieder weg danach.
Unser zweites Wiedersehen war vier Jahre später. Ich hab ihn angerufen, bevor ich zu einem Treffen/Kongress nach B. gefahren bin, er hat spontan vorgeschlagen, daß ich doch die drei Tage bei ihm wohnen soll. Eigentlich hatte ich schon eine Übernachtungsmöglichkeit, aber ich habe dann genauso spontan zugesagt. Den ersten Abend haben wir in seiner Küche verquatscht. Mein Bett war die andere Hälfte seines Doppelbetts. War ein bißchen komisch (s. o.). Vollkommen keusch, hätte vielleicht auch anders sein können, aber manchmal funktioniert mein Verstand. Wollte nicht aufs Spiel setzen, was die Zeit mühselig geheilt hatte.
Am zweiten Abend haben wir uns mit ein paar seiner Freunde in einer Kneipe getroffen. Wißt ihr, was ich auf den Tod nicht leiden kann: wenn zwei Leute, mögen sie sich noch so sehr lieben, in der Öffentlichkeit 'all over each other' sind. Das nervt mich auch dann, wenn ich sie nicht oder kaum kenne. An diesem Abend war es jedenfalls so, daß er neben mir saß, seine Freundin (nicht mehr Tina, aber auch bildhübsch - abgesehen von extremer Magerkeit, zehn Jahre jünger und ungefähr so interessant wie ein Stück Brot) saß auf seinem Schoß und hat ganz klar die Besitzverhältnisse demonstriert, war fast schon obszön. Ich glaube ich kann auch heute noch, im Rückblick, sagen, daß mich das nicht verletzt hat, aber es hat mich wahnsinnig genervt. Gut, daß ich mich mit meiner Freundin (wir sind zusammen nach B. gefahren) verabredet hatte, da konnte ich mich bald verkrümeln.
Wir hatten dann noch einen richtig guten Abend. Eher sollte ich sagen Nacht, denn es war schon fast sieben, als ich mich auf den Weg 'nach hause' gemacht habe.
Bin ganz leise ins Schlafzimmer. Er und Freundin engumschlungen im Bett. Es war das einzige Bett in der Wohnung! Er wußte nicht, daß ich die Nacht verquatschen würde!

Ich habe ganz leise meine Sachen zusammengesammelt, den Schlüssel auf den Tisch gelegt und ganz vorsichtig die Tür hinter mir zugezogen. Bin zur S-Bahn Station gegangen - es war ein sonniger Morgen - hab mich aufs Bänkchen gesetzt...
Und dann - ob ihrs glaubt oder nicht - musste ich lachen! Ich habe laut gelacht! Das war die 'cura'. Keine weiteren Träume!

Er hat sich übrigens nicht entblödet, mir sieben oder acht Jahre später einen Brief zu schreiben, mit Babyfoto seiner dreijährigen Tochter, und der Nachricht, daß das zweite Kind unterwegs ist.

Tja, das war meine große Liebe :-)
Was hab ich draus gelernt? Ich habe so manche Szene Revue passieren lassen, in der er mich, teilweise mit Hilfe seiner älteren Schwester, mit der ich mich angefreundet hatte, richtig 'klein' gemacht hat. Nicht intellektuell genug, nicht 'bewusst' genug, nicht 'radikal' genug...Ich lass mich nicht mehr klein machen.
Und heute kann ich aus tiefstem Herzen ein Wort sagen, wenn ich an ihn denke. Es fängt mit A an. Aber ich denke nur noch sehr selten an ihn.


So, das ganze ist jetzt vielleicht irgendwo zu kurz und woanders oder insgesamt zu lang geraten, möglicherweise etwas wirr und vielleicht nicht mal interessant oder relevant. ABER: ich merke, daß das schreiben (im wörtlichen Sinn) hier mir gut tut.
Normalerweise neige ich dazu, jeden Satz fünfmal umzuformulieren und wenn ich dann fünf Sätze zu Papier gebracht habe (nach Stunden!)...dann fang ich nochmal von vorn an.