Einzelnen Beitrag anzeigen
  #845  
Alt 22.08.2005, 21:58
Briele Briele ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 15.08.2005
Beiträge: 192
Standard AW: Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......

Lieber Gärtner,

ich habe heute früh (als ich noch frischer war) schon einmal einen Beitrag für Dich geschrieben, dann war er weg. Diese Frust, Hau-drauf Erlebnisse hab ich nicht mehr so oft wie früher, aber ob ich das jetzt wieder so hinkrieg?

Ich will dir sagen, dass ich mich gefreut habe von Robert zu lesen, zugleich zögere ich das Wort „freuen“ auszusprechen. Und doch ist es so. Ich bin froh, dass Du beginnst uns Roberts Geschichte zu erzählen. Es ist gut für Dich, es ist gut für uns und es ist gut für Robert.

Wir haben uns hier zusammengefunden weil wir trauern. Und erst einmal geht es nur um die Trauer des Hinterbliebenen. Dann kommt der Verstorbene dazu, seine Geschichte und wenn wir einander ein Stück begleiten wollen, dann genügt es nicht, nur die Trauer anzusehen, sie von allen Seiten zu beleuchten, man muß etwas vom betrauerten Menschen wissen. Es hat nichts mit Neugierde zu tun, es ist Interesse.
Der eine wird gerne von seinem Menschen sprechen, einem anderen tut es weh. Aber es bewegt sich etwas und es bewirkt auch etwas.

So lange ich lebe, so lange ich meine Sinne beisammen habe, werde ich Robert in meinen Gedanken haben, auch Adele, Alinas Mama und andere. Ich habe hier Menschen kennen gelernt, die nicht mehr unter uns sind und doch habe ich sie auf eine Art und Weise in mir die man nicht mit einer gut beschriebenen Romanfigur vergleichen kann. Ich nehme nämlich Anteil, ich lasse mich ein, ich werde bewegt. Und so etwas hinterlässt Spuren.

Alina und ich haben manchmal beklagt, dass kaum noch jemand über unsere Mamas spricht. Es war uns ein Bedürfnis über sie zu sprechen und dann auch ein Trost, dass nicht nur wir, dass auch andere über unsere Mamas lesen, über sie wissen.

Eben kommt mir ein Gedanke: meine Mama konnte, so wie ich, intensiv träumen und oft erzählte sie mir ihre Träume. Manchmal so lebendig, d.h. ich konnte die Bilder sehen und nach einiger Zeit wußte ich nicht mehr zu sagen, war das nun mein Traum gewesen, oder der ihre? Was will ich damit sagen? Adele, Alinas Mama „kenne“ ich mittlerweile fast ein halbes Jahr. Im Kopf weiß ich wie alles begann, in meiner Seele ist das nicht so klar. Da sind andere Wirklichkeiten die Möglichkeit: Adele – Midi –(meine Mama) – Adele – Briele. Eines ist sicher: Adele ist auch in mir.

Auch ich wäre zu Sörens Begräbnis gegangen. Die Geschichte von Sören, seiner Familie, Deinem Eindruck hat in mir Erinnerungen an eigene Erlebnisse wach gerufen. Da ist schon was dran, an dem Apachenzitat:

... großer Geist, bewahre mich davor, über einen Menschen zu urteilen, ehe ich nicht einen Tag in seinen Mokassins gegangen bin.

Wenn man selbst angeschlagen ist, eine große Last schultert, dann denkt man logischerweise, nein, ich kann jetzt nicht noch .... andere Sorgen hören, zu einem Begräbnis gehen, trösten .... Es ist aber so, dass es einen nicht zusätzlich schwächt, Kraft kostet, sondern stärker macht, wenn man versucht anderen beizustehen.
Das ist wahrscheinlich das Geheimnis des Erfolgs bei Selbsthilfegruppen – denk ich mir.
Mein erster Brief an Dich war irgendwie klarer. Jetzt ist der halt so und ich schick ihn auch ab.

Liebe Grüße
Briele