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Alt 05.09.2005, 13:42
Briele Briele ist offline
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Standard AW: Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......

Liebe Andrea,

ich danke Dir sehr für Deine lieben Zeilen. Es ist alles so wie Du schreibst, und doch

....ach, schrittst du durch den Garten
noch einmal im raschen Gang.
Wie gerne wollt ich warten,
warten stundenlang.

Th. Fontane

Meine Mama lächelt in mir und ich lächle zurück. Das ist etwas was ich mir gewünscht habe, manchmal hatte ich die Hoffnung schon aufgegeben, dachte, es ist nun für immer das Weinen in mir.

Andrea, Du schriebst unlängst, dass Du wieder in ein Trauerloch gefallen bist. Als Dich jemand ansprach, der nicht wußte, dass Claus gestorben ist.

Ich habe darüber nachgedacht wie es kommt, dass die meisten von uns die wirklich schrecklichen Tage besser überstehen als befürchtet und einem anderes richtig umhaut. Vielleicht muß alles, wirklich alles im Leben den Anteil bekommen, der ihm zusteht, egal was es ist, sei es Aufmerksamkeit, Tränen, Liebe, Mitleid, Trauer, auch Wut. Bevor unsere Liebsten wirklich starben, sind wir ein paarmal fast mitgestorben, das Begräbnis erschien als kaum bewältigbar, das erste Jahr mit all den Jahrestagen ein einziger Schrecken. Und doch, in den meisten Fällen stellt man am Ende des jeweiligen Tages fest, dass es besser ging als gedacht.

Und dann kommt so etwas wie die Frau, die nach Claus fragte. Es wird noch öfter so etwas kommen, Andrea.
Nie vergessen werde ich ein Erlebnis an einem Spätnachmittag im Winter. Es war dunkel, ich stand an einer Kreuzung als sich von hinten eine Hand in meinen Arm schob und eine Stimme sagte, da bist du ja, ich hab dich überall gesucht. Als ich mich halb umdrehte, stand hinter mir eine ältere Frau, ich blickte in ein liebes Gesicht und sie sagte, ach Entschuldigung, ich dachte, sie sind meine Tochter!
Ich hab dann ewig lang geweint, es dauerte Tage bis ich mich wieder auf die Reihe brachte, das Hämmern .... ich bin keine Tochter einer Mama mehr .... in mir wieder verstummte.

Ein anderes Mal saß ich im Wartezimmer eines Arztes, auf den Knien ein Buch, ich las vornübergeneigt. Als ich geradeaus blickte, sah ich zwei warme Winterstiefel, darin steckten zwei Beine in Wollstrümpfen. Mamas Beine, Mamas Stiefel. Ich musste gehen.

Wenn man vorbereitet ist, dann leistet man Vorarbeit, man wappnet sich, man kann sich schützen. Aber das Unerwartete trifft einem schutzlos und dann dauert es. Man hat das Gefühl zurückgeworfen zu sein, aber ich glaube, das ist nicht der Fall. Es gehört einfach dazu, zu diesem langen Weg.

Nun möchte ich Dir noch etwas aufschreiben, aus „Gefährtin im Exil“ von Molnar.
Den ersten Teil kennst Du bestimmt, ich schreib ihn trotzdem.

.....es ist die Geschichte von Philemon und Baucis. Ovid schrieb diese Legende ungefähr zur gleichen Zeit, in der Jesus geboren wurde. Sie gehört zu seinen Metamorphosen.
Philemon und Baucis, ein phrygisches Ehepaar, gaben verschiedenen Göttern, die Phrygien als arme, einfache Wanderer durchzogen, Nahrung und Unterkunft.
Juptier belohnte sie, indem er ihnen die Erfüllung eines Wunsches versprach. Da sich die beiden innig liebten, baten sie darum, genau im gleichen Augenblick sterben zu dürfen. So geschah es.

Und dann schreibt Molnar weiter ......
Diese zeitlose Geschichte ist die Grundlage für meine oft wiederholte Klage, das schlimmste im Leben liege nicht darin, dass die Menschen einander hassen, einander töten, sondern dass Menschen, die einander lieben zu verschiedenen Zeiten sterben müssen.

Darüber könnte man lange philosophieren – ich lasse es jetzt einfach so stehen.

Ich hoffe es geht Dir wieder besser.
Liebe Grüße
Briele