Liebe Vanilla,
ich kann deine Ängste und deinen Zwiespalt sooo gut verstehen. Das ist doch der erste Gedanke, der einem durch den Kopf schießt, wenn man von einer Krankheit bedroht ist: Was wird aus meinen Kindern, wenn?
Ich bin dieses Mal noch mal mit dem Schrecken davon gekommen, aber das wusste ich ja nicht, als meine Ärztin mich nach einer Routine-Mamo mit sehr ernstem Gesicht in ihr Behandlungszimmer rief und von drei auffälligen Strukturen in meinen Brüsten sprach.
In den Wochen, bis sich herausstellte, dass es sich um nichts Schlimmes handelte, habe ich alle Höhen und Tiefen durchlebt, die jede Mutter durchlebt. Ich sah meine beiden wunderbarenK Kinder, 10 und 14, schon auf meiner Beerdigung stehen.
Ich sah sie, emotional völlig verlassen, denn mein Mann ist zwar ein wunderbarer Versorger, sehr zuverlässig und nett, aber er kann mit heftigen Gefühlen gar nicht umgehen. Er muss alles verharmlosen, und da machen kinder schnell zu und sagen gar nichts mehr - manche nie wieder im Leben.
Aber, was dich angeht, glaube ich zwei Sachen:
Erstens ist es für dein Gesundwerden sehr sehr wichtig, dass du deine Verzweiflung, Angst und Trauer irgendwo rauslassen kannst. Wenn das hier im Forum geht, ist es gut, aber zusätzlich wäre eine erwachsene Person sehr sehr wichtig. Das kann man nicht schaffen: den ganzen Tag funktionieren und sich unter Kontrolle halten. Das raubt dir zuviel Kraft. Deine Ängste sind ja berechtigt. Und jeder weiß ja, dass es einem besser geht, wenn man mal richtig hemmungslos geweint hat.
Ich weiß nicht, wie deine finanzielle Situation ist, aber in so einer Situation ist Sparen völlig fehl am Platz. Ich weiß, es gibt viele Scharlatane auf dem Markt, Leute, die an Krebspatienten verdienen wollen. Deshalb würde ich nicht über diese Schiene gehen, sondern z.B. einen Termin bei einer ProFamilia Beratungsstelle machen und die fragen, wie du einen verständnisvollen Therapeuten findest, bei dem du alles rauslassen kannst, bei dem du dich so, wie du bist, angenommen fühlst und keine Angst haben musst, die Person zu überfordern. Weil es ein Profi ist, der allen Schmerz der Welt kennt. Und weil der oder die schließlich dafür bezahlt wird. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie gut das tut!
Denn es ist ja richtig, dass das Abladen bei den Kindern nicht geht. Ich glaube zwar nicht, dass man ihnen was vormachen soll, aber die Heul- und Verzweiflungsanfälle kriegt man doch besser, wenn sie in der Schule sind. Die haben in dem Alter ja selbst massenhaft Probleme und trauen sich dann nicht, die anzusprechen, wenn sie merken, dass Ihre Eltern eh schon vollkommen überfordert sind. Und auch unsere Männer - so verständnisvoll und besorgt sie auch sein mögen - haben meist ihre Begrenzungen, wenn es um das Auffangen von richtigem, tiefem Schmerz geht.
Und dann noch was: ich kenne in meinem Bekanntenkreis zwei Frauen, die richtig schwer krebskrank waren und wie du Kinder hatten, die sie noch brauchten. Alle beide haben es geschafft.
Ich glaube, die Kombination aus "Schmerz nicht unbegrenzt in sich reinfressen" und eisernem Überlebenswillen ist d i e Chance von Müttern. Und den Rest legt man in die Hand von Ärzten, denen man vertraut. Ich habe gelesen, dass für keine Bevölkerungsgruppe ärztlicherseits so viel investiert wird - zeitlich und geldlich - wie für junge Frauen mit Kindern. Die begreifen, bei aller Krankenhausroutine, dass es da um mehr geht als bei vielen anderen. Hört sich zwar brutal an gegenüber den anderen, aber jetzt mal ehrlich: Ist doch so! Und wenn es einem dann noch gelingt, auf Gott zu vertrauen - um so besser.
Alles Liebe
Deine Titane