AW: Thread für junge Angehörige von Krebskranken
Hallo ihr...
ich habe in den letzten Tagen nichts schreiben können.
Mir geht es nicht gut. Und mir fehlen die Worte, um das zu beschreiben.
Ich weiß ja, dass ihr es versteht..., aber..., ich weiß auch nicht.
Eben habe ich eine Mail an eine Freundin geschrieben.
Ich werde sie einfach mal hier rein kopieren. Dann wisst ihr ein wenig, wie es in mir aussieht...
ich fühle mich so hilflos. Habe so eine Angst.
Übermorgen geht die Schule wieder los. Kurz vorm Abi.
Ich muss 4 Klausuren nachschreiben. Und weiß nicht wie. Ich möchte alles hinschmeißen. Ich kann nicht klar denken, geschweige denn mich auf die Themen konzentrieren... ich mag nicht mehr.
--- ich hatte hier noch nie erwähnt, dass ulli mein Stiefvater war, glaube ich. Weil viele damit negatives verbinden bzw. nicht glauben, was einem die Person trotzdem oder gerade deshalb bedeuten kann...
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ich wollte dir schon längst geantwortet haben. Doch fehlt mir die Konzentration und ich finde nicht die richtigen Worte.
Deine Mail hat mir sehr gut getan, danke!
Ich wollte dir sagen, dass es die „netteste“ Mail war, die ich überhaupt bekommen habe.
Du hast dir Zeit genommen und versucht, dich ein wenig in meine Situation hinein zu versetzen. Das tun nicht viele.
Du hattest sehr recht. Viele wissen nicht, was sie schreiben oder sagen sollen und melden sich deshalb lieber gar nicht.
Selbst, wenn ich es ihnen nicht übel nehmen kann, tut es doch weh. Man fühlt sich so unsagbar einsam.
Die Beerdigung war „okay“. Die Zeremonie in der Kapelle war genial. Die Worte des Pastors hätten nicht besser sein können. Und auch so hat alles geklappt, wie wir es geplant hatten. Ich bin mit meiner Mutter als erste hinter dem Sarg hergegangen. Es waren über 300 Leute dort. Mehr kann ich dazu nicht schreiben. Da fehlen mir die Worte. Und ich kann die Gedanken nicht sortieren.
Das macht alles so unerklärbar. Ich bin zu Tode erschöpft. Ich habe seit Wochen kein Privatleben mehr gehabt. Jetzt bin ich seit vorgestern wieder in Hannover.
Es ist so viel passiert. Ich bin nicht mehr die, die ich noch vor 3 Monaten war. Es hat einen verändert und man kann es nicht beschreiben.
Die Schule, an meinem Geburtstag war ich das letzte Mal da, kommt mir vor als wenn es Jahre her wäre. Es ist alles verschwommen. Ich weiß nichts mehr und ich weiß auch nicht, wie das weitergehen soll.
Ich habe Fotos von Ulli. Eins an meinem Geburtstag, mit ihm und mir. Und sein bester Freund hat auch welche in Heidelberg und Hamburg von ihm gemacht. Sie sind neben mir. Es ist so unvorstellbar. Es sind permanent so viele Ausschnitte vor meinen Augen. Alles ist so anders. Zuletzt war er ein ganz anderer Mensch. Und irgendwie auch nicht. Man wollte nur noch raus, es nicht wahrhaben. Und hat es sich nur noch, für ihn und für uns, gewünscht. Doch jetzt ist es vorbei. Und alles scheint so unwirklich. Der Mann, den ich habe sterben sehen, war doch nicht der Ulli, wie er noch auf den Fotos war. Und auf den Fotos von früher. Ich habe noch nie jemanden verloren. Man kann es sich nicht vorstellen. Ich habe Alpträume. Wo er, schon tot, doch wieder atmet. Und ich denke mir, das kann doch alles nicht wahr sein.
Er hat mir so viel bedeutet. Ich war schon mal ohne Vater. Und mein Erzeuger hat mir unglaublichen Schaden zugefügt. Und dann kam Ulli in unsere Familie, da war ich 13. Die kommenden 8 Jahre waren so prägend und ohne ihn hätte ich es nie so weit geschafft. Endlich hatte ich wieder einen Vater, der mich so geliebt hat, wie ich war und immer stolz auf mich war und an mich geglaubt hat. Ein junges Mädchen braucht so eine Person. Und jetzt ist er weg. Jetzt bin ich zu alt, um jemals wieder einen neuen Vater zu haben. Es macht mich umso wütender und der Hass gegen meinen Erzeuger wächst und wächst. Aber das ist ein anderes Thema.
Meine Mutter ist wieder allein. Sie hat es alles noch nicht begriffen. Sie konnte noch nicht einmal weinen. Für sie ist er immer noch um sie rum…
Ich habe Angst und es ist schwer zu sagen wovor. Vor der Zukunft, vor Allem. Ich weiß nicht, ob und wie mir jemand helfen kann. Ich glaube nicht, dass viele Menschen verstehen, was in mir vorgeht. Ich kann nicht einfach so tun, als wenn alles wie früher wäre. Denn das ist es nicht.
Es war so eine verdammte Anstrengung, die letzten Wochen. Nie zu wissen, wann, wie, wo er stirbt und wer dabei ist. Die Angst, dass es noch wochenlang so geht, dass es ihm immer schlechter geht und er noch mehr zu kämpfen hat. Ich weiß, dass es für ihn eine Erlösung war. Und dass es ihm jetzt gut geht. Doch ändert es nichts an der Trauer.
Eine Minute bin ich stark, denke positiv und weiß, dass ich es schaffen werde. In der nächsten Sekunde möchte ich einfach nur alles hinschmeißen und kann nicht mehr.
Ich verstecke mich hinterm Alkohol oder weine bis nichts mehr geht und habe Angst davor, mich jemandem anzuvertrauen.
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---Das Licht der Liebe ist stärker als die Schatten des Todes---
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