Einzelnen Beitrag anzeigen
  #882  
Alt 21.01.2006, 17:20
Briele Briele ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 15.08.2005
Beiträge: 192
Standard AW: Nicht nichts ohne dich, aber nicht dasselbe.......

Meine liebe Mama,

heute ist Dein Geburtstag. Ich würde gerne eine Zeitreise machen, dabei sein, sehen und hören wie alles war, als du kamst.

Du warst das zweite Kind, Dein Bruder Egon wurde ein paar Tage nach Deiner Geburt zwei Jahre alt. Geheiratet haben Deine Eltern erst als Du unterwegs warst. So etwas war damals eine schlimme Sache und wird Deiner Mama viel Kummer gemacht haben. Er war ein gut aussehender Mann, Dein Papa, ich hab ihn noch gekannt, aber er ist früh gestorben. Weißt Du was mich immer gerührt hat? Oma hatte es ja wirklich nicht leicht mit ihm, aber jede Erzählung über ihn, wie kritisch auch immer sie sein mochte, endete mit der zufriedenen Aussage: aber er war ein fescher Mann!

Ich weiß, du hörst das nicht gerne, aber ich hab den Verdacht, auch Dir war ein schöner Mann wichtig. Mama, ich sag`s jetzt einfach, aber ich glaub es war von Euch beiden ungeschickt, soviel Wert darauf zu legen.

Mir fällt es nun nicht ein, war es der Qualtinger oder doch ein anderer, von dem der Ausspruch kam: Mann, was schöner ist als Aff, ist Luxus.

Es gibt keine Fotos von Dir als Baby, als Kind. Ein einziges von der Erstkommunion, du stehst weit hinten. Ich hab Dein Gesichtchen vergrößern lassen, aber einen wirklichen Eindruck bekommt man nicht.

Heute ist Dein Geburtstag, Mama, wir haben nie über Deine Geburtstage vor meiner Zeit gesprochen. Der 21.1. ist knapp vier Wochen nach Weihnachten, war wohl eher ein Nachteil in Bezug auf Geschenke. Wahrscheinlich hieß es dann oft, jetzt war ja erst Weihnachten.

Dein großer Enkel wird bald vier. Zu Weihnachten rief er mich an und bedankte sich für die Geschenke. Seine Eltern erzählen ihm über das Christkind das, was Du uns erzählt hast. Daß die Eltern dem Christkind das Geld für die Geschenke geben.

Ich denk so viel an Dich Mama, in der Weihnachtszeit bist Du in meinen Gedanken ein kleines Mädchen. Ein liebes, braves, kleines Mädchen, das gerne in die Schule geht, in die Kirche auch, daheim viel hilft bei den kleineren Geschwistern. Ihr wart arm. Du hast mir immer erzählt das war nie ein Problem, außer zu Weihnachten. Es war nicht zu verstehen, daß das Christkind reichen Kindern die eh schon alles hatten, sich nicht bemühten, nicht lernten, nichts tun mussten, daß die dann noch mit Geschenken überhäuft wurden. Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit war ein richtiger Kummer für dich.

Sobald es mir möglich war hab ich Dir viele Geschenke gemacht, es war eine große Freude Dich zu beschenken. Kein Mensch konnte sich aufmerksamer bedanken als Du.

Schon lange denke ich wir haben einander nicht nur so viel Liebe und Freude geschenkt, es war auch so ein tolles Gefühl, daß ich von Dir alles bekomme was ich möchte und Du von mir. Erinnerst Du Dich, einmal in Wien, als Du mich wieder fragtest, möchtest du das haben, ich kauf es dir? Und ich dann meinte, sag einmal, was würdest Du eigentlich machen, wenn ich immer ja sagte? Du hast gelacht und gesagt, dann würd ich dich nicht immer fragen.

Dieses „alles bekommen, was man will“ erstreckte sich auf alle Gebiete – etwas tun für den anderen, Unangenehmes übernehmen, Wünsche erahnen, erkennen, sie erfüllen.

Mit Werner findet diese Sache eine gute Fortsetzung, aber irgendwie springt er nicht an wenn ich sage, ich hätt so gern wieder einmal Tiroler Knödel. Ich hab dann immer Deine Antwort im Ohr, na die machen wir gleich morgen.

Bis zu meinem 14. Lebensjahr war ich an Deinen Geburtstagen bei Dir und dann erst wieder bei Deinen letzten drei oder vier. Nicht immer, aber in den letzten 25 Jahren Deines Lebens, hab ich Dir zum Geburtstag meistens eine Reise geschenkt, die wir dann im Frühjahr unternommen haben. Manchmal war das eine Reise die Du dann alleine gemacht hast, oft sind wir gemeinsam verreist. Es gibt keinen Menschen mit dem ich lieber unterwegs war, als mit Dir. Es hat einfach alles gepasst. Ich danke Dir, dem Schicksal, auch meiner Initiative, daß wir viel unternommen haben, ich viele Erinnerungen habe. Immer war mir bewusst, daß es mir später einmal zu wenig erscheinen wird. Und eine wichtige, ganz wichtige Reise fehlt uns auch. Die Reise nach Südtirol, in den Ort Deiner Kindheit. Immer aufgeschoben und dann war es zu spät. Du bist mit Deiner Mama hingefahren als sie 80 war. Eigentlich war ich damals nicht zu jung um die Bedeutung dieser Reise zu erkennen, aber ich war zu blöd. Du hast nichts gesagt, Du hast nie zu etwas gedrängt. Ich bin nicht mitgefahren.

Zu Deinem 60. Geburtstag sind wir nach Madrid gefahren. Es erscheint mir wie gestern. Es gibt ein Foto von uns. Bald bin ich so alt wie Du damals. Du warst begeistert und begannst Spanisch zu lernen. Danach warst Du einige Male mit einer Reisegruppe in Spanien, auch in Portugal. Ziemlich anstrengende Kunst-Kulturreisen, wie ich fand. Ganz hab ich diese Liebe zu Spanien, zu allem spanischen, nicht verstanden. In Dir war doch so viel Italien! Die Sprache hast Du ausgezeichnet gekonnt, warst oft dort, die italienische Oper war täglich in Deinem Leben. Aber nein, es zog Dich mehr nach Spanien.

Einige Male sagtest Du, am liebsten würdest Du dort ein Jahr leben. Alleine. Diesem Wunsch bin ich irritiert gegenüber gestanden. Es war der erste Wunsch von Dir, bei dem ich nicht sofort ansprang.

Dann wurdest Du krank. Ich dachte oft an Deinen Wunsch. Nach der Chemo ging es Dir wirklich gut. Ach Mama, ich bin so froh, daß wir über alles gesprochen haben. Über das Sterben, den Tod, aber auch über die Zeit vorher. Ich hab Dich gefragt ob Du das noch immer willst, für eine längere Zeit nach Spanien fahren und daß Du auf mich zählen kannst. Ich bei Papa bleibe, auf ihn schaue.

Ich erinnere Dein kopfschüttelndes Nein, das mich nicht überzeugte, von dem ich wußte, es ist ein Nein wegen mir. Weil du weißt, mit welchen Sorgen ich Dich ziehen lassen würde.

Wir haben anderes unternommen.

Im Dezember 1998 stellte sich heraus, daß die zweite Chemo nichts gebracht hat. Es war ein herber Schlag. Doch ganz schnell hast Du Dich von der Therapie erholt und wir sind nach Hamburg gefahren.

Ich bin sehr froh, Mama, daß Du in dieser Wohnung hier warst. Wenn ich in dem Lederfauteuil sitze, dann denk ich, vielleicht ist in einer Falte noch ein Molekül von Dir. Manchmal nehm ich von Stefan Zweig „Maria Stuart“, „Marie Antoinette“ in die Hand, die beiden Bücher, die Du hier gelesen hast. Ich befühle die Seiten. Die Flasche Metaxa steht noch da. Halb voll, halb leer. Die Hälfte haben Du und ich damals getrunken. Manchmal leg ich mich in das Bett, in dem Du damals lagst und sage leise vor mich hin: Mama, Mama.
Ich gehe in Restaurants, in denen wir damals waren und setze mich nicht auf Deinen Platz, sondern daneben. In Museen stehe ich vor Vitrinen und höre Deine Bemerkungen.
Hier in Hamburg war Dein letzter Geburtstag.

Im Frühjahr, es ging Dir nach wie vor gut, sagtest Du zu mir, jetzt werd ich wohl nicht mehr nach Spanien kommen. Ich weiß nicht was in mir überwog: die Überraschung, oder das Erschrecken. Am liebsten hätte ich mich Dir zu Füßen geworfen, weinend, bittend, bleib bei mir, geh nicht fort. Aber ich bin auf Dich eingegangen. Wie so oft saßen wir einander gegenüber, einander an den Händen haltend, unsere Knie berührten sich. Und ich sagte mit ganz fester Stimme, Mama, wenn du das willst, dann kriegen wir das hin. Ich such etwas für Dich, ich helf Dir mit Geld, ich bleib da bei Papa und ich hol Dich wenn Du wieder heim willst.
Und dann sagtest Du mit genauso fester Stimme und auch ganz fröhlich, nein, ich will das gar nicht mehr, ich will bei dir bleiben, was soll ich dort.

Nun ist mir Dein Todestag fast wichtiger als Dein Geburtstag. Der 21.1. ist Vergangenheit, was der 4.10 wirklich ist, das weiß ich natürlich nicht. Für mich ist er Dein zweiter Geburtstag. Ob heute, ob gestern, ob morgen, ich hab Dich gut in mir, Mama. Liebe Mama.

Deine Tochter