AW: Stammtisch
Hallo Ihr da draußen!
Hallo Kati! - Danke für Deine e-mail hab mich sehr über antwort gefreut!
Vielleicht ist es gar nicht gut immer alles zur richtigen Zeit zu wissen. Ich bin mal Krankenschwester gewesen und habe genau auf der Station gearbeitet wo Andreas 3x Transplantiert worden ist.
Das bedeutet ich habe die 3 Jahre gewußt was los war, und außer den Händen der Ärzte wurde mein Mann nur von mir und meinen vertrauten Händen berührt. Ich habe ihm Spritzen, Medikamente und Infusionen gegeben.
Meine Freundinn hatte genau das was Andreas durchlebt hat schon 8 Jahre zuvor erlebt und ist leider nicht mehr von unserer Station gegangen.
Das heißt, Andreas und ich wußten dies, und über uns schwang immer dieses Damokelesschwert.
Ich will damit nur sagen, so schön alles zu wissen ist manchmal nicht ganz so gut, denn man beschäftigt sich immer mit den selben Bildern.
Desweiteren wurde mein Mann von meiner kompletten Verwandtschft behandelt. Mein Bruder ist Nuklearmediziner, meine Schwägerin arbeitete in der Klinik wo er bestrahlt worden ist, und mein Onkel Prof., gab uns die 2te ärztliche Meinung.
Und trotzdem hat es uns alle einfach überrascht und überwältigt. Obwohl wir alle in unserem Arbeitsleben dies täglich sahen.
Mit einem Schlag sind Lebensfreude, Mut, Zukunft und der Sinn meines Lebens dann weg.
Erst verfällt man in ein Meer von schlechtem Gewissen und Vorwürfen. Haben wir alles richtig gemacht, wir hatten jegliche Aufklärung, haben einige Kongresse besucht von Leipzig bis Texas, und trotzdem hat es nicht geklappt. Vielleicht waren wir auch "Betriebsbilnd"??
Jeden Tag bin ich aufgewacht und habe mir Vorwürfe gemacht, weil ich Ihm versprochen habe ihn zu beschützen und er brauche keine Angst haben vor dem künstlichen Koma, bis die Lunge wieder wird. Wir hatten es besprochen und kamen beide zu der Entscheidung das mit dem künstlichen Koma zu probieren. Also, obwohl alles ungewiss war und wir uns gegenseitig nicht ängstigen wollten, haben wir uns nicht auf endgültig verabschiedet. (Das wird immer in meinem Kopf bleiben, daß dieser letzte Kuß, welchen er noch aktiv erleben konnte nicht so sein konnte wie es unsere Angst hätte zulassen solllen, wir wollten uns ja nicht beunruhigen!
Jeden Tag vom 2. Weihnachtsfeiertag bis zum Februar waren wir zusammen nur wenn meine Schwiegereltern da waren habe ich Ihn mal verlassen. So habe ich alle hochs und Tiefs miterlebt. 2x sah es so aus er würde die Nacht nicht schaffen, und immer wieder habe ich die gleichen Rituale vollzogen. Erst Geschichten gelesen, dann Seine Musik vorgespielt und dann haben wir "uns" unterhalten (es war ein Monolog,- aber ich bin fest der Überzeugung er hat alles gehört)
Ende Januar fing leider die Lunge zu reißen an und das Herz setzte immer wieder aus. Zum Schluß wurde er bis zu 5x am Tag kardiovertiert. Und dann kam es mir mal so vor als würde er nicht mehr wollen und ich habe in seinen Augen und Gesicht gesehen er will Frieden. So habe ich angeordnet nur noch Wasser und Luft zugeben. Eine Stunde später verließ er mich für immer. Ich werde nun immer das schlechte Gewissen haben, vielleicht hätte ich nicht abschalten dürfen, vielleicht hätten wir es noch erzwingen können. Und trotzdem bin ich in einem steten Zweifel mit mir selbst ob es vielleicht auch genau das Richtige war. Ich habe mein Versprechen IHN zu beschützen nicht erfüllen können und in dieser Aufgabe schlichtweg versagt!
Wir hatten in der ganzen Zeit immer einen anderen Plan gehabt und wollten immer gemeinsam alle Wege gehen auch den letzten und ich konnte dies wegen meinen ganzen Aufgaben nicht mit meinen Gewissen verarbeiten. Außerdem war er doch so tapfer, also muß ich es doch auch sein. Aber macht es noch einen Sinn?? Wer ist dann noch Kind seiner Eltern und wer hilft und kümmert sich dann um sie?
Nun muß ich jeden Tag mit schlechtem Gewissen, Kummer und unendlicher Leere aufwachen und ganz alleine meinen Tag bewerkställigen.
Manchmal hilft es mir, daß ich Selbstständig bin und das Geschäft meines Mannes übernommen habe, aber manchmal bin ich einfach überfordert mit der ganzen Verantwortung für Angestellte, Erltern, Verwandte, Freunde,....
Ich habe all meine Hobbys aufgegeben und mache nur noch, wenn ich dazu komme, sein großes Hobby, in der Hoffnung er sieht es und freut sich daran, daß ich alles so weiteleben lasse wie es war.
Er könnte jeden Tag nach Hause kommen und es hat sich nichts verändert.
Bis auf das einige seiner Kleidungsstücke eingeschweißt sind damit der Duft von Ihm nicht verloren geht.
Vielleicht bin ich ein wenig schräg, aber ich bin meinen Mann so dankbar für alles! Dafür das ich seine Frau sein durfte, er mich durch meine schwere Krankheit getragen hat und 1 Jahr "gepflegt" und immer gestützt hat.
Wir sind ein so eingespieltes Team, beste Freunde, Kollegen und Ehepartner, ich habe keinen Vertauten mehr und kann mich niemanden öffnen, bei niemanden meinen Kopf anlehnen und muß alle Entscheidnungen nun selbst treffen.
Nein - ich habe natürlich Freunde die mir zuhören und auch meine Stimmungsschwankungen verstehen, aber mein tiefstes Inneres kann ich niemals mehr los werden.
Andreas, wenn du mich hier sehen würdest, es tut mir so leid, daß ich versagt habe! Ich bin einfach ein seelisches Frack, ich brauche Dich so sehr!!
Ich flüchte mich nur noch in Arbeit und jede Freie Minute ohne Aufgabe, Plan und Ziel quält mich. Ich habe in der Zeit von Februar 2 der Wohnungen in unserem Haus komplett renoviert, einen 2ten Laden eröffnet, in den Gemeinderat geschafft, in den Beirat, habe den Server mit Linus programmiert, unsere Buchhaltung 2004, 2005, und 2006 (bis Juni 06) gemacht und abgegeben. WM Parties mit Beamer und Zapfanlage gehalten, ganz nach Deinem Wunsch. Und so langsam geht mir die Puste aus und ich habe immer öfters, am Samstag, Durchhänger an denen ich das Bett nicht mehr bis Sonntag verlassen kann. Meine Lebensfreude, und Humor ist nicht verschwunden, aber nicht mal halb so groß wie damals. Zur Zeit überfährt mich alles.
Bitte helf mir!!
Sorry, daß ich Euch jetzt so vorgeheult habe, aber es fällt doch einfacher zu schreiben die ähnliches durchmachen und einen nicht kennen.
Vielen Vielen Dank das es Euch gibt!!!
Ich wünsche Euch viele Lebendige schöne Erinnerungen an Euere Lieben, Kraft, Durchhalten und Mut.
Inus
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