Tonsillenkarzinom
Hallo liebe, mutige Leute,
R., den ich 5 Jahre lang betreut habe als Krankenschwester in einem Heim, wurde in April notoperiert wegen der "geplatzten" Halsschlagader (Carotis). Er bekam ein Tracheostoma (Luftröhrenschnitt) und die Carotis wurde abgebunden. Neben der langen Bestrahlungstherapie, akzeptierte R. auch diese Komplikationen. Er sprach sehr schnell wieder deutlich, machte Zukunftspläne, freute sich auf jeden Besuch von uns, BetreuernInnen, meckerte nicht über Nebenwirkungen und hatte noch immer einen tollen Sinn für Humor. Ärzte und Pflegepersonal zeigten sich überrascht und mit Respekt über die Art wie R. alles "wegsteckte".
In Mai war es dann so weit. Die Bestrahlungstherapie war zu Ende und R. konnte entlassen werden. Er kam nach ca 4,5 Monaten wieder zu uns, zu seinen Kumpeln, die viel für ihn machten und zu seinem Hund, der ihm so viel bedeutete. Er kam mit PEG und Tracheostoma, worüber er Witze machte (sein Silberschmuck). Er wog ca 50 kg, bei einer Größe von 1,80 m, war sehr schwach, bekam Morphiumpflaster von 100 mikrogramm, die ihm nicht ausreichten, so dass er noch zusätzlich Morphiumtropfen bekam. In schmerzfreien Stunden blieb er der humorvolle und liebenswürdige Mann, wie wir ihn schon 5 J. sehr gut kannten. Er war dankbar für jede Minute, die wir bei ihm verbrachten, nicht nur um ihn zu pflegen, sondern um ein Pläuschen zu halten mit ihm. Auch seine Freunde (Mitbewohner) leisteten ihm Gesellschaft, brachten ihm Kaffee, drehten ihm Zigaretten, sind Gassi gegangen mit seinem Hund.
Nach 4,5 schmerzhaften Monaten in der Dortmunder Klinik war er endlich wieder bei uns, sein Zuhause seit 5 J.. Die lange Bestrahlungstherapie war sehr hart gewesen (das Tonsillenca inoperabel und keine Chemotherapie wegen schlechter Allgemeinzustand), aber er hatte sie überstanden und er lebte noch.
Nur 5 Tage wurden ihm gegönnt. Stehen diese 5 Tage in Verhältnis zu 4,5 Monaten Elend? Rhetorische Frage.
Er ist verblutet innerhalb von einigen Minuten, ist bei uns verstorben, einige Wochen vor seinem 48. Geburtstag.
Wir hatten ihm noch so viel gegönnt: Urlaub machen mit uns, was ihm so viel bedeutete, zu einem Fußballspiel gehen, Skatspielen mit den Freunden, einen Sonnenuntergang bewundern, wie an jenem Tag, als wir vom HNO-Arzt kamen mit dieser zerschmetternden Diagnose, Gitarre spielen, spazieren gehen mit seinem Hund, seiner Arbeit nachgehen in der Holzwerkstatt, eine Arbeit, die er liebte und zuverlässig machte, nochmals zu einem Bryan Adamskonzert gehen, dessen Lied "Clouth number nine" (so etwas wie auf "Wolke sieben sein") er so gerne mochte.
Wir denken, ihm einiges gegeben zu haben in seinen letzten 5 J., aber ER hat UNS auch viel gegeben. Und wir sind ihm dankbar dafür.
Er ist jetzt auf "Wolke sieben". Beim Abschied Nehmen haben wir geweint beim Lied "Morning has broken" von Cat Stevens und ja, natürlich auch bei "Clouth number nine" von Bryan Adams. Machs gut, R. und euch allen, viel, viel Mut und Lebensfreude.
Lütty
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