Einzelnen Beitrag anzeigen
  #4  
Alt 02.11.2008, 08:27
Linde Linde ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 31.10.2008
Beiträge: 12
Standard AW: Aus Rücksicht "lügen"?

Liebe Maja,

ich kann gut nachvollziehen, wie das bei euch alles gelaufen ist. Jeder Patient hat eine andere Strategie, mit seiner Krankheit umzugehen. Die Vermeidungsstrategie "Ignorieren" ist nur allzu menschlich!

Wenn ich wüsste, dass mein Papa auch zu dieser Strategie neigt und die volle Wahrheit lieber gar nicht wissen möchte, würde mir das Schweigen leichter fallen...

Manchmal habe ich so Phantasien, dass wir ihn, so es sein Zustand irgendwie zulässt, aus dem Krankenhaus holen, dann versuchen, sämtliche Statistiken zu vergessen und einfach noch aus jedem Tag das beste rausholen, ohne allzu vorsichtig zu sein: Essen und trinken was Spaß macht (der Arzt hat sogar im Spital den Genuss von etwas Wein erlaubt ;-), Autofahren, kleinere Spaziergänge, auch wenn wir meinen Vater dabei "halb tragen" müssen...

Und dann kommen wieder Ängste vor plötzlichen Verschlechterungen, Zwischenfällen, und dass man dann "mitschuld" ist, weil man nicht auf intensive Spitalsbehandlung bestanden hat... Die Situation kann sehr rasch akut lebensbedrohlich werden, wenn er stürzt oder eine größere Blutung erleidet.
In der Anfangsphase ist man halt noch so unsicher, welchen Weg man einschlagen soll...

Auf jeden Fall danke ich dir für deine einfühlsamen Worte, die sehr gut getan haben!

* * *

Hallo Tina,

ich war bei dem Gespräch zwischen meinem Vater und dem Arzt nicht dabei, vermute aber nach den Aussagen des Arztes mir gegenüber und dem Verhalten meines Vaters, dass er sich sehr vorsichtig ausgedrückt hat. Also zwar die Krankheit patiententauglich erklärt, die beiden Behandlungsmöglichkeiten dargelegt, aber das Wort "unheilbar" vermieden, und kein Wort über die schlechten Lebenserwartungsaussichten.

Grundsätzlich bin ich auch für die Wahrheit, aber in diesem speziellen Fall ist die Entscheidung extrem schwer. Es gibt doch so etwas wie eine "sich selbst erfüllende Prophezeiung"... Die Worte "unheilbar", "tödliche Krankheit", "letzte Lebensmonate" (oder -jahre) - vielleicht schwächen sie manchen Patienten so sehr, dass er, selbst wenn er eine der Ausnahmen gewesen wäre, die die Statistik Lügen strafen, durch den Schock sich sofort aufgibt?

Ziel von Ärzten und Familie ist es, meinem Vater seine letzte Lebenszeit so schön wie möglich zu gestalten, die Leiden, so gut es geht zu mildern, kurz: alles für die bestmögliche Lebensqualität zu tun. Uns ist nur der richtige Weg dorthin noch nicht klar...

Es tut gut, sich mit euch hier auszutauschen, ich danke euch!
Liebe Grüße,
Linde
Mit Zitat antworten