AW: Ich weiß nicht mehr weiter...
Hallo Nici,
ja, ihr geht einen sehr schweren Weg, dessen Verlauf jetzt noch nicht absehbar ist.
Ich habe meinen Vater verloren, da war er 46 Jahre alt - ich 24. Meinen Freund mußte ich nach 8 Jahren sehr intersiver und liebevoller Beziehung gehen lassen (4,5 Jahre davon mit Krebs) - er war 41 Jahre. In dieser Beziehung, in der Zeit der schlimmsten Krankheitsphasen, war es trotz absolutem Vertrauen nicht möglich bis ins Detail über all den Schmerz, über all die Angst zu reden. Manchmal war er wie versteinert, bemüht überhaupt noch irgendwie die Haltung zu bewahren. Ich habe gelernt das es auch eine rege nonverbale Verständigung gibt. Warum ist es dir so wichtig, dass er es sagt, dass er Angst hat? Wortlos in den Arm nehmen, wenn er nicht reden will/ kann oder ihm über den Rücken zu streichen ist manchmal mehr Wert als 1000 Worte oder gar Ratschläge. Woher willst du denn den Rat nehmen? Du warst noch nie in einer solchen Situation, du kannst nicht aus Erfahrung sprechen. Du kannst ihn nur ermutigen, ihn fragen ob es ihm gut tut, wenn du ihm den Rücken einreibst, dies oder jenes... Sicher wollt ihr mehr machen, aber man kann auch Menschen bedrängen - meinst du nicht, dass er sich meldet, wenn er wirklich etwas möchte? Vielleicht kann man das auch so ähnlich formulieren "Papa, ich will dir nicht auf die Nerven gehen - deshalb sag mir bitte, wenn ich was für dich tun kann!"...oder so. Ich habe auch mal einen Rüffel eingesteckt, dass ich gemacht und gamacht habe und mein Freund dann sagte "Du kannst ja alles allein, du brauchst mich ja gar nicht, bringe ja so wieso nichts mehr fertig...!" Das spiegelt die große Verzweiflung wieder, die einher geht, wenn man immer schwächer und "unfähiger" wird und es zeigt aber auch, dass die gut gemeinten Bemühungen ganz anders ankommen können und den Kummer sogar verschlimmern können.
Ja, wenn der Kehlkopf raus müßte, das wäre natürlich sehr hart. Raten ist kaum möglich und auch mit Mut machen ist das in diesem Stadium schwierig. Man könnte sagen oder Beispiele aufführen, wie andere Menschen auch ohne KK wieder froh leben lernen. Aber das ist es nicht, das Stadium welches dann dran ist heißt Trauer..., Trauer das Leben zu verlieren, welches man hatte, die Fähigkeiten, die Leistungsfähigkeit und die Sorglosigkeit... Das ist zum heulen und genau das sollte man tun : weinen, zusammen... - auch mal weinen und dann kann man auch wieder aufschauen nach dem nächsten Schritt. Doch ich glaube in unserer Gesellschaft hat man Angst jede Form von Trauer auszuleben. Trauer = "negatives Gefühl" muss "weggemacht" werden.
Mein Freund hatte ein Peniskarzinom - Amputation mit 37 Jahren!!! Da konnte ich nicht raten, ich konnte nur davon reden wie ICH umgehen kann mit dieser Tatsache und ich wußte - ich werde da sein. Ich war da. Und es betrifft eben nicht, wie medizinisch beschrieben, alte Männer und z.T. hervorgerufen durch mangelnde Hygiene - mit diesem Schwachsinn muss man sich dann auch noch auseinandersetzen.
So, nun habe ich dich genug zu geschüttet, versuch die Kraft zu behalten - wie du schreibst ein Tag nach dem anderen ist ein gutes Rezept (vielleicht das einzig wirklich praktikable). Wenn gar nichts mehr geht im Kopf, versuch es hier im Forum zu formulieren, hier wird sich immer einer finden, der dich versteht.
Gruß Petra
Geändert von Petra_S (20.11.2008 um 07:45 Uhr)
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