Thema: Myriam
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Alt 24.02.2010, 03:21
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HelmutL HelmutL ist offline
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Standard AW: Myriam

Mein Schatz,

seit 2 Stunden und 5 Minuten sind es auf den Tag 2 jahre her. Um diese Zeit sassen wir um dein Bett auf der Intensivstation. Du sahst so friedlich aus, der Monitor tickte gleichmässig und ruhig vor sich hin. Gleichmässig deine Atemzüge. Entspannt dein Gesicht, dein Körper auch. Keine Reaktion auf ein Händedrücken, keine Reaktion auf das, was wir zu dir sprachen.

Fünf Menschen sassen da, redeten, schwiegen, weinten, beteten. Manchmal, wenn wir uns an alte Geschichten erinnerten, sogar ein Lächeln, ein zaghaftes Lachen. Der Arzt, die Krankenschwester schauen herein, machen irgendwas an den Geräten, kontrollieren die Anschlüsse. Sie fragen nach uns: ob wir was zu trinken möchten, was zu essen?

Eine unwirkliche Welt, die sich für uns auftat. So unglaublich unwirklich und doch absolute, grausame Realität. Da sassen wir, konnten nicht das geringste für dich tun. Nicht mehr für dich tun als warten, einfach nur dasein. Hilflos, ohnmächtig. Was kommt noch? Wie lange noch? Wie kurz noch? Debora, Vanessa, Ingrid, Karl-Heinz - was denken, fühlen sie? Ich weiss es nicht, kann es nur erraten aus ihren Gesichtern. Sehe die Tränen in ihren Augen. Sehe auch die Müdigkeit, manchmal Entsetzen, Trauer, Wut, Verzweiflung ......... und die Liebe zu dir. Die Liebe zur Mutter, zur Freundin.

Wie erträgt man das? Die Welt da draussen, sie existiert nur noch am Rande. Geburt - Leben - Tod. Zwei Punkte, dazwischen eine Linie. Bald hast du deinen zweiten Punkt erreicht. Wir sitzen daneben und schauen zu. Ich weiss, dass ich das Richtige gemacht habe, als ich den Notarzt alarmierte und doch war das der augenscheinliche Anfang vom Ende. Unaufhaltsam, durch nichts zu verhindern. So weh es auch tut, es war die beste Entscheidung, die ich je getroffen hab und ich weiss, dass du es akzeptiert hast. Ich konnte dein Vertrauen nicht enttäuschen.

Gestern Abend wurde unten ein festlicher Tisch gedeckt. Essen vorbereitet, Platten gerichtet, Schüsseln gefüllt. Die Wohnung mit Blumen und Pflanzen geschmückt, auf Hochglanz poliert. Ein langer Tisch, wunderschön dekoriert. Neun Menschen werden heute Abend daran sitzen. Vier Menschen mehr als vor zwei Jahren. Unsere beiden Enkelinnen, deine Mutter, unser Schiegersohn. Wir werden miteinander reden, essen, ein Glässchen trinken, lachen .......... und uns erinnern. An die schlechte Zeit, an die guten Zeiten. Du wirst bei uns sein. Lachend, fröhlich, wie immer, manchmal auch ein bisschen traurig. Erst wenn wir uns nicht mehr erinnern, bist du wirklich gestorben. Solange auch nur einer von uns lebt, wird das nicht passieren. Das ist ein Versprechen, uns allen ein heiliges Versprechen!

Auch gestern Abend, unten, warst du da. Vergleiche haben wir angestellt, Parallelen gesehen zu dir in unseren Töchtern und unseren Enkelinnen. Sie alle vier haben so viel von dir. Ich bin froh darum, ich sehe dich in ihnen. So unterschiedlich sie sind, so gleichen sie sich auf der anderen Seite. Es verblüfft mich immer wieder aufs Neue.

Ich freue mich auf heute Abend. Wird es doch beinahe so sein wie früher. Beinahe ....... Wir alle lieben dich, jeder auf seine Art. Heute Abend wird nicht nur ein Zimmer für dich frei sein sondern ein ganzes Haus, gefüllt mit Menschen, die du geliebt hast.

Wie sagt Ingrid immer? "Ein Prosit auf die beste Frau der Welt!"

Dein Helmut
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