Thema: Myriam
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Alt 14.05.2010, 03:06
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HelmutL HelmutL ist offline
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Daumen hoch AW: Myriam

Liebe Mollie,

aus deinem Beitrag spricht viel Trauer, Verzweiflung, Angst und vor allem eins: die Wut! Diese Begriffe sind wohl niemandem von uns unbekannt. Natürlich gibt es wahre Meister im Verdrängen. Diese schieben einfach alles in den Hintergrund, nichts wird abgearbeitet. Ein blödes Wort. Aufbereitet wäre vielleicht besser. Ob diese Menschen jedoch wirklich besser leben mit ihrer Verdrängung? Weiss ich nicht, ich bezweifle es jedenfalls sehr stark. Da auch ich in niemanden hineinschauen kann, kann ich nur das schreiben, was mir selbst durch den Kopf geht.

Zuerst steht da die Trauer. Abgrundtief und schmerzhaft. Der geliebte Mensch ist nicht mehr da, ist verstorben, ist tot. Dann die Verzweiflung: wie soll ich das schaffen ohne ihn oder sie? Alle Pläne sind Vergangenheit, sind geplatzt wie Seifenblasen. Die Löcher sind tief und schwarz. Wenn dann die Scherben so einigermassen sortiert sind und der Blick sich auch mal wieder nach vorne richtet kommt die Angst hinzu. Die Angst, das alles eben nicht zu schaffen. Eine ganz schlimme Zeit. Ich finde, die schwerste überhaupt. Denn hier spielen Trauer, Verzweiflung und die Angst zusammen in einem perfekten Orchester.

Kann es noch tiefer gehen? Wohl kaum. Im Allgemeinen heisst es: die Trauer lässt nach, sie wird ertragbar. Das stimmt. Wer es noch nicht selbst erlebt hat, vergisst dabei jedoch etwas: die Verzweiflung und die Angst. Es wird eben nicht besser mit der Zeit. Im Gegenteil, es wird schlimmer. Auch wenn die Trauer nicht mehr so im Vordergrund steht. Denn irgendwann akzeptiert man den Tod, weil Vergangenes nicht zurückgeholt werden kann. Doch das, was an Trauer leichter wird, wird durch die anderen beiden Faktoren weit mehr als aufgewogen. Die Löcher werden nicht mehr nur durch die Trauer über den Tod des geliebten Menschen aufgerissen sondern Verzweiflung und Angst graben sich noch tiefer in den Boden.

Tja, und was ist mit der Wut? Die schmerzt doch auch? Sicher, tut sie. Ich weiss jetzt nicht, ob das stimmt, was ich jetzt schreibe, doch ich kann es mir so vorstellen. So wie die bittere Pille des Doktors zuerstmal Unbehagen auslöst, so ist es auch mit der Wut. Sie kann uns helfen, auch wenn sie zuerst mal zusätzlich drückt. Sie kann uns helfen klare Gedanken zu fassen: sie zwingt uns zum Handeln. So nach dem Motto: "Jetzt erst recht!" Was ist die erste Reaktion auf diese Wut? Man sucht nach Schuldigen oder zumindest nach Menschen, gegen die man glaubt sich wehren zu müssen. Ziemlich schnell erkennt man, dass das falsch ist. Nicht die anderen sind "schuld", niemand ist schuld ausser einem: man selbst.

Du, ich, Monika, Andrea und all die anderen: wir sind selber schuld daran, so tief im Loch zu sitzen. Versteht das bitte nicht falsch. Wir sind nicht schuld daran, in diese Löcher geraten zu sein sondern schuld daran, dort sitzen zu bleiben. Diese Wut ist also gegen uns selbst gerichtet. Das passiert selten im Leben und ist eine vollkommen neue Erfahrung in dieser Situation.

Diese Wut ist also die bittere Pille, welche wir schlucken müssen. Was hilft also? Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, absolut und ungeschminkt! Das geht. Bekommt ja sonst keiner was mit davon. Zum Glück! Da kommen Gedanken ans innere Tageslicht, die nicht für fremde Ohren gedacht werden. Wie hilft diese Wut? Sie lässt erkennen, wo der Hase wirklich im Pfeffer liegt. Nämlich in uns. Nur aus eigener Kraft schaffen wir es aus diesen Tiefen heraus. Fremde können da nur Hilfestellung geben. Als Fremde bezeichne ich dabei alle anderen, auch die besten Freunde und die eigenen Kinder. Da geht es nämlich um Dinge, welche vorallem auch Letzteren absolut fremd sind. Solche Hilfsangebote sollte man jedoch trotzdem annehmen.

Die Wut ist diese bittere Pille, die hilft oder helfen kann. Sofern man es erkennt und auch zulässt. Sie lässt uns denken: "Jetzt erst recht!" Sie kann uns helfen, unser Leben wieder in den Griff zu bekommen. Mehr oder weniger, langsamer oder schneller und Rückschläge wird es immer wieder geben. Was sie nicht kann und niemals können wird: sie wird niemals die Trauer besiegen. Jedoch Verzweiflung und Angst. Die Trauer lässt sich dann viel leichter tragen. Das ist doch schon was. Oder?

Kann es so sein? Ich hoffe es! Ich versuche es.

Liebe Monika,

meinst du das ernst? Jammern? Um Hilfe rufen würde es eher treffen. Auch wenn man viele und auch liebe Menschen um sich hat, die helfen. Deine Sorgen. deine Trauer, deine Angst, das alles kann dir niemand abnehmen. Nicht ein einziges, winziges Stückchen. Ich finde also nicht, dass du jammerst. Trauer ist nicht vergleichbar oder bewertbar. Die äusseren Umstände, das vielleicht.

Liebe Andrea,

ich benutze mal einen Vergleich. Gegen eine Krankheit gibt es eine Pille, mag sie noch so bitter sein. Die ist bereits erfunden und erprobt. Das kann ich nachlesen und mich darum kümmern, wo ich sie bekomme. Und ich gebe dir recht: die Pille gegen Trauer, Verzweiflung und Angst muss immer wieder für jeden einzelnen neu erfunden und von ihm selbst gefunden werden. Das geschieht in diesem Teil des Forums immer wieder aufs neue im Dialog miteinander. Leider gibt es keine Trauermarker und Biopsie und Pathologie helfen da auch nicht weiter.


Alles Liebe

Helmut
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