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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Gemeinsame/einsame Wege bei Krankheit


16.07.2003, 10:45
Hallole,

ich schreibe hier als Neuling im Forum.

Mein Eindruck in Kürze:

Sehr einfühlsames Umgehen miteinander, Austausch von Informationen, Hoffnungen, Trauer.

Wenn ich darf, möchte ich etwas zum Umgang mit Hoffnung, Trauer
und Tod sagen.

Meine eigene Betroffenheit:

Vor genau 3 Jahren habe ich nach 30jähriger Ehe meine Frau
im Alter von 56 Jahren verloren (papilläres Mesotheliom). Nach einer kurzen Operation im April 1996 (Entfernung des betroffenen Rippenfells) wenig Beschwerden. Drei wunderbare Jahre in Hoffnung und Intensität, danach mächtige Rückkehr der Krankheit und nach 1.5 Jahren die Erlösung. Ich habe die medizinischen Details und den zeitlichen Ablauf in vielen Beiträgen sehr gut nachvollziehen können.

Unser Umgehen mit der Krankheit und dem Sterben:

1996 nach anfänglichem Schock (Krebs, aber welcher? Adeno oder Mesotheliom) und vielen medizinischen Untersuchungen der Hinweis in der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg 1999(!!),
daß es seit 1997 einen speziellen Tumormarker gibt, der Adeno-CA und Mesotheliom auseinanderhalten kann.

Sehr große Offenheit zwischen uns und dem onkologischen Chefarzt unserer Klinik im badischen Raum; Hoffnung trotz eingeschränkter Chancen durch Chemobehandlung; wir haben mit dem Chefarzt wirklich ALLES besprochen.

10 Monate vor ihrem Tod Beginn der vielen kleinen Abschiede von
Tätigkeiten, Hobbies; Klarheit verschaffen im Verhältnis zu ihren Geschwistern; schwer für mich: Meine Frau machte sich
Gedanken, daß ich glücklich weiterleben möge. Ich habe mich ganz darauf eingestellt, ihre Wünsche zu erkennen und zu erfüllen, ganz für sie dazu sein.

Enge Freunde haben uns sehr, sehr geholfen (seelisch) und
mit Taten ( z.B. 2 Wochen vor ihrem Tod 24 Stunden Tag-/Nacht Wachdienst im Krankenhaus ).

Wir sind wirklich Hand in Hand den schweren Weg GEMEINSAM gegangen bis zu der GROSSEN TÜR, sie ging hindurch, ich blieb zurück.

Nach ihrem Tod:

Systematisch bin ich die vielen (für Sie doch immer mühsamer werdenden) Spazierwege gelaufen: Alleine, mit vielen Tränen,
im lautem Gespräch mit ihr, obwohl sie nicht mehr bei mir war.
Aufsuchen von gemeinsam besuchten Orten und Plätzen incl. des Hospizes, indem sie die letzten zwei Tage ihres Lebens war.
Wenige Tage nach Ihrem Tod: Entfernen der Kleider, Schuhe. Hier half die beste Freundin meiner Frau. Entfernen der mfangreichen medizinischen Dokumente.

Mein Fazit ( Trauer,Krankheit, Tod):

Trauer braucht Zeit; der Trauer muß ich mich stellen; über
Trauer muß ich reden können; der geliebte Mensch lebt überall in Erinnerung weiter, aber man muß sich nicht jeden Tag Schmerzen zufügen durch Anschauen, Fühlen z.B. von Kleidung.

Da wir/ich vor/nach dem Tod meiner Frau viele Möglichkeiten zum offenen Gespräch hatten, bin ich nicht in eine der sich anbietenden Gesprächsgruppen für Angehörige von Krebskranken / Trauergruppen gegangen. Ich habe es mir aber überlegt, es zu tun.

Ich habe NICHTS verdrängt, ich habe keinen "SCHREIN" der Erinnerung aufgebaut.

Wenn überfallartig Szenen der Vergangenheit als "Trauerwolken"
über mich kamen: Ich habe Sie kommen lassen, die Wolken angeschaut, sie gefragt, wo sie denn gerade herkommen und sie wieder ziehen lassen.


Mit lieben Grüßen
shalom

16.07.2003, 11:18
Die Liebe, zu Deiner Frau, die Vorbereitung und die Zeit danach,
spricht aus jedem Deiner Worte.

16.07.2003, 11:41
Liebe Jutta,

es waren die schwersten, aber auch die schönsten gemeinsamen Jahre. Angst vor dem Tod habe ich nun nicht mehr, er ist Bestandteil des Lebens. Er ist unabänderlich, Fragen nach dem
WARUM hebn wir uns nur ganz am Anfang gestellt. Es war so vorbestimmt. Die verbleibende Zeit wurde sehr intensiv erlebt.

Nun genieße ich jeden Tag der eigenen Gesundheit, freue mich über das Leben, denke voller Dankbarkeit an das gemeinsam Erlebte. Das Leben macht Sinn, wenn man es mit Sinn füllt. Das tue ich.

Mit lieben Grüßen
shalom

16.07.2003, 23:14
Hallo

auch ich habe meinen Mann vor 4 Monaten am 10.03.2003 durch diese grauselige Krankheit "Pleuramesotheliom" Rippenfellkrebs verloren.Wir waren 31 Jahre verheiratet. Im Januar 2001 hat man bei ihm diese Krankheit festgestellt und ausser Röntgen und mal Ultraschall nichts gemacht- Im letzten Jahr im Juli haben die Ärzte hier in Norddeutschland meinen Mann aufgegeben. durch Zufall habe ich einen Bericht über die Thoraxklinik in Heidelberg gelesen und man hat uns dort aufgenommen, obwohl ich den Ärzten gesagt hatte, wie schlecht es meinem Mann zu der Zeit ging. Doch hier ist man noch Patient und nicht nur eine Nummer, in Heidelberg ist immer ein Arzt zur Stelle, die Schwestern sind mehr als hilfsbereit.
Ich hatte das Glück, dass ich meinen Mann in den letzten Monaten nach Heidelberg begleiten durften, so war ich immer bei ihm und wir haben eine wundervolle Zeit in Heidelberg gehabt.
Wir haben sogar Pläne gemacht für Urlaub und Renovierungsarbeiten an unserem Haus, obwohl er diese Sachen nun nicht mehr selbst machen konnte. Doch es gibt ja Handwerker.
am 31.12.2002 sind wir sogar mit beiden Sauerstoffgeräten - er hatte ein elektrisches und eine tonne zum auffüllen der tragbaren Geräte - zu meiner Mutter nach Wattenscheid gefahren, sie hat Sylvester immer Gerburtstag und es war sein Wunsch sie zu besuchen. Wie er das alles geschafft hat, ist mir heute oft noch ein Rätsel. doch es war ein wunderschöner Jahreswechsel. Unsere alte Dame hatte gar nicht mit uns gerechnet und hat sich auch sehr gefreut.
am 06.01.2003 hatte er Geburtstag und auch dieser Geburtstag war so schön, es haben so viele Freunde und Bekannte angerufen und sind auch vorbeigekommen. Als man uns dann am 16.01.2003 in Heidelberg sagte, dass bei dem Tumorwachstum ein Stillstand eingetreten wäre und auch die Lunge wieder mehr Volumen hatta, da haben wir uns so gefreut und gehofft, dass wir es nun geschafft hätten. Die nächste Kontrolluntersuchung sollte am 16.03.203 sein.
Leider kam alles anders. anfang Februar kam Wasser im Bauchraum dazu und auch die Tumore wurden wieder größer. Vom 27.02. bis 05.03.2003 waren wir noch einmal in Heidelberg. Doch auch hier konnte niemand mehr helfen. Mein Mann wußte, dass er mit dieser Krankheit nicht alt wird, doch hatte er gehofft, dass er noch ein paar Jahre damit leben würde.
Zum Glück hat er noch erlebt, dass die Berufsgenossenschaft seine Krankheit als Berufskrankheit anerkannt hat. so sagte er mir immer, bist Du einmal gut versorgt.
Seine sorge galt immer anderen, er war immer für andere da, hat immer allen geholfen.
Im Juni 2000 hatte er Altersteilzeit beantragt, um früher aus dem Berufsleben auszuscheiden. Im November 2002 hätte er mit der Arbeitsphase Schluß gehabt, es war alles so schön geplant. Doch der Krebs war stärker und in der Nacht zum 10.03.2003 um 3.15 Uhr ist mein Mann in meinen Armen verstorben. Er hat gekämpft bis zur letzten Minute, doch ein Körper mit nur noch 41 kg hat keine Kraft mehr. Jetzt ist es für mich sehr, sehr schwer ohne ihn auszukommen. Wir waren so ein super Team. An und in unserem Haus haben wir alles gemeinsam gemacht. Er war ein wunderbarer Handwerker und hat gerne gearbeitet. Er hat so viele schöne Sachen für und in unserem Haus gemacht.
Jetzt werde ich versuchen alles in seinem Sinne weiterzumachen, aber es fällt mir sehr, sehr schwer.
wir haben eine Tochter, die 24 Jahre alt ist und die ihren Vater sehr vermißt. sie ist von Beruf Gärtnerin und sein Grab ist eine wahre Pracht. Leider wohnt sie nicht mehr in unserem Haus, von daher bin ich viel alleine. Mein Bruder wohnt zwar mit seiner Familie gegenüber, aber das ist alles nicht das richtige.
Vor 14 Tagen hatte ich Geburtstag, mein erster Geburtstag ohne meinen Mann, ein ganz bescheidener Tag. Unsere Tochter hat zwar versucht mich zu trösten, aber es klappt nicht immer so richtig. Ich gehe sehr viel zum Friedhof und rede mit ihm. An manchen Tagen klappt gar nichts und dann sitze ich stundenlang vor seinem Bild und überlege, was er wohl tun würde.
Unser Haus ist sehr groß, Arbeit habe ich genug, die auch mache und gerne mache, denn ich will unser Haus, an dem er so gehangen hat unserer Tochter erhalten. aber manchmal klappt es einfach mit der Arbeit nicht. Es wollen mich zwar viele trösten, aber so manches mal ist es besser, sie lassen mich alleine.
anfang August fahre ich nach Heidelberg, wenn wir unsere 1. Jahrestag in Heidelberg haben, will ich noch einmal die Wege gehen, die wir zusammen gegangen sind, noch einmal auf die Station gehen, wo er immer gelegen hat. Vielleicht komme ich dann etwas zur ruhe und werde mit der Situation besser fertig. Ich weiss es nicht, aber ich will es versuchen.
Heidelberg war eine wunderbare Zeit und ich kann nur jedem empfehlen, der von dieser Krankheit betroffen ist, nach Heidelberg zu fahren.

17.07.2003, 05:09
Liebe Inge,

Trost zu spenden ist eine der schwersten Aufgaben. Die Menschen haben so sehr Angst die falschen Worte zu benutzen, so bleiben sie stumm.

So bleibt nur der Weg, den Trost in uns selbst zu finden, in den Erinnerungen, in einem Zwiegespräch mit unseren Lieben. Irgendwann Dinge betrachten zu können, die ein warmes Gefühl im Herzen geben, wieder ein Lächeln auf das Gesicht zaubern, dankbar zu sein, daß wir die Möglichkeit hatten mit ihnen ein Stück unseres Lebens verbracht zu haben.

Sei offen den Menschen gegenüber, die versuchen Dich zu trösten, sage ihnen, wenn Du lieber alleine sein möchtest, und sage ihnen aber auch, wenn Du das Bedürfnis hast zu reden. Bitte sie um ein paar Minuten ihrer Zeit.

Ich wünsche Dir auf dem Weg der Erinnerungen die Kraft zu finden,
die Du suchst.

liebe Grüße,
Jutta

17.07.2003, 08:06
Liebe Inge,

bei Deinen Schilderungen kommen sehr viele Erinnerungen hoch, die ich zulasse, weil sie zu mir gehören. Ich wünsche Dir viel Kraft.

Tue das, was Dir deine Seele sagt, tue es spontan. Es wird richtig sein.

Ich bin neben den vielen Spazierwegen, den Besuchen am Grab auch nochmals in den Krankenhäusern und dem Hospiz gewesen, bin quasi nochmals mit meiner nicht mehr lebenden Frau von Stockwerk zu Stockwerk gegangen. Der Start jeweils dazu war schwer, danach ging es mir deutlich besser. Wichtig war für mich, was sich in meiner Seele tat, welcher Druck sich jeweils löste und was sich Schritt für Schritt in mir tat und veränderte.

In den 4.5 Jahren nach Krankheitsausbruch bei meiner Frau habe
ich alles getan, um ihr das Leben zu erleichtern. Erst zwei Jahre nach ihrem Tod konnte ich es zulassen mir einzugestehen,
daß auch ICH Ungeheures geleistet habe, obwohl ich das doch für
selbstverständlich hielt. Nicht nur SIE hat Wunderbares geschafft bis zu ihrem Tod, sondern auch ICH als ihr Lebensgefährte. Auch diese Selbsterkenntnis, dieses Eingestehen, Du hast alles getan, was Du konntest, Du hast es
sehr gut gemacht, tat meiner Seele sehr gut. Wieder konnte ich
damit ein Stück Abschied leisten, meiner Seele sagen: Es ist gut.

Es ist gut alles zuzulassen, was mit Trauer, Tod und Abschiednehmen zu tun hat. Es ist gut, der Seele Raum zu geben, denn sie hat während der Krankheit des Partners sich für ihn verzehrt. Es ist gut zu weinen und laut zu sprechen, es löst die Spannungen der Seele. Es ist auch gut zuzulassen, etwas Neues zu beginnen, jetzt wieder etwas zu geniessen. Es ist auch im Sinne des nicht mehr vorhandenen Partners.

Es ist gut, der Seele Raum zu geben, nach vorne zu sehen, das Leben neu zu ordnen und vielleicht sich auch wieder anderen zu öffnen. Seele und Gefühl werden signalisieren, was zu tun ist und wann es zu tun ist.

Meine Frau und ich haben uns sehr lange auf den Abschied vorbereiten können, schmerzlich war es, aber notwendig: das Loslassen.

Nach ihrem Tod befand ich mich im Zustand des Losgelassenseins, ein wenig hilflos, orientierungslos. Jede Frau, die mir begegnete, wurde mit ihr verglichen. Ich habe das zugelassen, weil es wohl gar nicht anders geht als derartige Vergleiche anzustellen.

Es hat eine Zeit gedauert, bis meine Seele akzeptierte, was mein Verstand schon eher wußte: Behalte deine Frau in Erinnerung, das kann Dir keiner nehmen. Es war einzigartig mit ihr. Nun lasse sie bitte auch gehen, denn sie hat einen Bereich betreten, der für Dich nicht erreichbar ist. Du lebst hier weiter, Du darfst es, Du sollst es, Du darfst sogar Freude am Leben haben. Nimm Dein neues Leben nun in die Hand. Tue das, was Du für richtig hältst, Du bist frei.

Mit lieben Grüßen
Shalom

17.07.2003, 10:41
Lieber Shalom, liebe Inge

Wenn ich eurere Beiträge lese, berührt es mich sehr und ich lese daraus eine Grösse und Stärke von euch beiden, wie ihr mit der Erkrankung, dem Abschied, dem Loslassen und der Trauer danach umgegangen seid und immer noch umgeht. Ich finde ihr beide habt sehr wohl genau soviel geschafft, wie euere Lieben. Ich bin selbr betroffen, arbeite ehrenamtlich in der Hospiz und Krankenhausseelsorge und es ist eine wunderbare Berreicherung diesen Dienst zu tun und sich selber mit seiner eigenen Vergänglichkeit auseinander zu setzen. Danke für euere Offenheit, ich denke, euere Beiträge hier,können für viele Betroffene und Angehörige Berreicherung sein.
Ich wünsche euch weiterhin alles Liebe, viel Kraft, Freude, wärme, Licht und viele liebevolle Begleiter an euere Seite

LG von Geli

17.07.2003, 22:45
Liebe Jutta,
vielen Dank für Deine Zeilen. Ja, du hast recht, viele Menschen können mit meiner jetzigen Situation nicht umgehen. Nachbarn, mit denen wir sonst oft und gerne geredet haben, grüßen zwar freundlich vom Auto aus, gehen mir aber ansonsten aus dem Weg. Ich habe schon versucht ein Gespräch anzufangen, aber auch das scheint mir nicht erwünscht.. Wir wohnen in einem kleinen Dorf, es war schwer, vor 25 Jahren, als wir hier hergezogen sind, Kontakte zu knüpfen. Nach der Geburt unserer Tochter war es dann leichter bedingt durch Kindergarten und Schule. Aber jetzt wohnt unsere Tochter 40 km von hier entfernt, sie kommt zwar jeden 2. Tag her, weil sie im Nachbarort ihre Pferde untergebracht hat, aber sie hat auch ihre Arbeit und ihren Verlobten, den sie auch nur am wochenede sieht und muß ihr eigenes Leben meistern, was ihr bisher ganz gut gelungen ist,.
Ich werde mir auch wieder eine Arbeit suchen, aber wer stellt eine 53 jährige "alte Frau" im Büro ein. Ich habe meinen Beruf seinerzeit für meinen Mann aufgegeben und ich bereue keine Minute. Ich bin froh, dass ich es getan habe um immer bei ihm sein zu können. Zur Zeit geht es in meinem Leben noch eetwas chaotisch zu, an manchen Tagen klappt alles, an anderen Tagen gar nichts. aber ich denke, dass ich das alles wieder in den Griff bekomme - irgendwann -. Nochmals danke und viele Grüße von Inge

17.07.2003, 23:13
Hallo Shalom,
ich möchte auch dir ganz herzlich für Deine lieben Zeilen danken. Es ist gut zu wissen, dass es doch noch Menschen gibt, die mich gut verstehen. Ja, die Erinnerungen sind das schönste was wir von unseren Lieben haben und die kann uns keiner nehmen. Ich fahre oft zum Grab meines Mannes, es ist nicht weit, ich kann auch mit dem Fahrrad hinfahren. Denn wenn ich in den Nachbarort zum einkaufen fahre, ist der kürzeste Weg durch den Kirchweg am Friedhof vorbei. Ich halte jedesmal an und gehe kurz zum Grab, auch wenn ich nur die Blumen in der Vase ordne oder eine Blüte, die vielleicht abgefallen ist aufhebe oder aber auch nur einfach sage, "Hallo Ulli, wollte nur mal nach Die sehen". Danach geht es mir immer etwas besser und es kommt eine innere Ruhe und Zufriedenheit auf.
Mein Mann wußte, dass er mit dieser Krankheit nicht alt wird und wenn ich ihn dann gefragt habe, was wird dann aus mir, wenn Du nicht mehr da bist, dann sagte er immer: Du schaffst das schon, du mußt doch dann für unsere Tochter alles erhalten, wofür wir beide bisher gearbeitet haben. du weisst doch, jeder Tag ist für mich ein Kampf, ich werde es versuchen, aber ich kann diesen Kampf gegen diese Krankheit nicht gewinnen, aber Du wirst es schaffen, du wirst das Leben auch ohne meine Hilfe meistern, denn ich bin immer bei Dir, in all Deinen Gedanken und bei all Deinen Taten. Im Moment fällt es mir noch sehr schwer, dass alles zu glauben, doch ich möchte meinen Mann nicht enttäuschen und bemühe mich, alles in seinem Sinne weiterzuführen.
Ich wünsche Dir auch weiterhin alles, alles Gute, Gesundheit und Zufriedenheit.
viele liebe Grüße von Inge

17.07.2003, 23:23
Liebe Geli,
danke für Deine Worte. Ich bewundere Dich und all die Menschen, die in den Hospizen ihren schweren Dienst tun.
Mein Mann ist zu Hause in seiner gewohnten Umgebung in meinen Armen verstorben. Ich bin froh, dass ich bei ihm sein konnte. Wieviele Menschen liegen irgendwo allein in einem Krankenzimmer und niemand ist da, wenn sie sterben. Dann ist es gut, dass es solche Menschen wie Dich gibt, die es vielen Sterbenden leichter machen vom Leben loszulassen.
Ich wünsche Dir auch weiterhin viel viel Kraft für diese Arbeit.
Ganz liebe Grüße von Inge

18.07.2003, 08:10
Liebe Inge,

Du wirst es schaffen, das NEUE LEBEN, auf DEINE Weise. Überfordere Dich nicht, Du mußt jetzt keine Stärke mehr zeigen, Du darfst jetzt auch schwach sein und Dich mal ausruhen. Auch das ist in seinem Sinne, denn er möchte, daß es Dir gut geht.

Zeige das auch ruhig Deiner Tochter, erbitte ihr Verständnis, das viele Dinge nun etwas anders laufen werden: in Deiner Schrittgeschwindigkeit, auf Deine ganz besondere Weise. Er hatte seine Eigenart, Du hast nun von ihm die Verantwortung ganz übertragen bekommen.
Sieh das nicht als Last an, sondern als Chance, Deine Fähigkeiten neu auszuloten und neu erstrahlen zu lassen. Aber: Nutze die Chance und tue es Schritt für Schritt, halte inne, wenn Du müde dabei wirst.

Lebe nun Dein eigenes Leben.

Mit lieben Grüßen
Shalom

18.07.2003, 08:26
Liebe Inge,

Dein Mann hat Dir mit seinen Worten so sehr geholfen Deinen jetztigen Weg mit seiner Hilfe zu gehen. Ich finde dies sehr schön, denn es wird Dir tagtäglich die Gewissheit geben, er ist bei Dir und seine Worte werden Dich durch den Tag begleiten.

Aus seinen Worten wirst Du immer wieder die Kraft finden, den nächsten Tag anzugehen. Durch den tiefen Schmerz und die Trauer spürst Du jetzt sein bei Dir sein noch nicht so stark.

Ich durfte die Erfahrung durch die Begleitung meiner Eltern, und die Schwestern meines Vaters, machen, und die Worte meines Vaters sind immer allgegenwärtig: "Es gibt nichts schöneres für einen Menschen in Liebe und Geborgenheit im Kreise seiner Lieben den letzten Weg gehen zu dürfen".

Jahrelang trug ich den Gedanken in mir, dieses Begleiten auch anderen Menschen zuteil kommen lassen. Doch der Alltag ließ mir nicht die Zeit dazu. Erst nachdem meine Mutter letztes Jahr von uns ging und ich von 2 Jahren meinen Urlaubsanspruch nahm (hatte aus dem Vorjahr noch den gesamten Urlaub gut), meinte mein Arbeitgeber, ist ja schön was sie da tun, aber können wir weiterhin mit ihnen rechnen und ließ mich in die allgemeine Umstrukturierung "fallen". Erzähle Dir das nur, da ich auch fast so alt bin wie Du und der Markt da draußen gnadenlos ist. So werde ich im Herbst meine Schulung zur Begleitung beginnen. Für mich zählt nicht mehr die Tretmühle des Stresses, sondern wieder die Menschlichkeit, die immer mehr verloren geht.

ganz liebe Grüße,
Jutta

19.07.2003, 15:51
Lieber Shalom,
ich habe gerade deine Beiträg gelesen! Sie machen mir wahnsinnig Mut!
Ich habe im Januar meinen Lebensgefährten verloren, und seitdem ist es bei mir ein ständiges Auf und Ab. Einerseits beginne ich ein "kleines" neues Leben, andererseits lebe ich noch voll und ganz in Erinnerungen.
Es war für mich sehr interessant, als du geschrieben hast, daß du nochmal ins Krankenhaus, Hospiz, und zu all den Orten gegangen ist, die dich an deine Frau erinnern.
Ich hatte schon die gleichen Gedanken, und diese Orte ziehen mich auch irgendwie magisch an. Irgendwie gehört es vielleicht ein wenig zum Loslassen dazu, daß man alles nocheinmal durchlebt.
Diese Orte habe ich in schlimmen aber auch irgendwie in schöner Erinnerung, weil wir die Zeit so intensiv miteinander erlebt haben.
Ich weiß nicht, ob ich es irgendwann einmal schaffen werde sie aufzusuchen, aber
es ist irgendwie schön zu hören, daß es dir inneren Frieden gebracht hat, dies zu tun.
Ich hoffe sehr, daß ich auch bald eine Einstellung bekomme wie du- das man nicht nur funktioniert und traurig in den Tag lebt, sondern das die Freude darüber und die Dankbarkeit an das Schöne bald wieder zurück kommen. Aber ich denke das kann man nicht erzwingen, sondern kommt von innen heraus.
Wahrscheinlich muß ich meinen Schatz mehr loslassen, aber es fällt sehr sehr schwer!

Liebe Grüße, Jenny

shalom
30.01.2006, 12:29
Wie sehe ich nach mehr als fünf Jahren nach dem Tod meiner Frau die damalige Trauersituation ? Was ist mir aufgefallen ? Was habe ich beobachtet ?

Mir hat ECHTES Mitgefühl sehr geholfen, denn das gab mir die Basis mich verstanden zu fühlen. Mir hat ECHTES MITEINANDER SPRECHEN UND NACHDENKEN sehr geholfen, meinen EIGENEN Weg zu finden.

Letztlich wußte ich jedoch für mich, Du mußt Dir selber helfen oder Dir helfen lassen, denn die mühsame Trauerarbeit kann Dir niemand abnehmen.

Was ich gar nicht wollte: den Stimmungen hilflos ausgeliefert zu sein. Ich wußte, ICH MUSS an mir ARBEITEN, weder ein Therapeut noch eine einfühlsame Trauergruppe oder eine Kur kann mir die Hauptarbeit abnehmen.

Der Therapeut würde mir zuhören, MICH REDEN LASSEN, WAS ICH EMPFINDE. Den Arbeitsweg zur Bewältigung hätte er mir nicht abgenommen.

Eine Trauergruppe wäre für mich wichtig gewesen, wenn ich meine Gefühle nicht hätte ausdrücken können und keine lieben Freunde gehabt hätte, um mich auszutauschen. Beide Dinge aber waren bei mir gegeben, sodaß ich mich mitten in meiner eigenen Trauerarbeit noch zusätzlich mit dem Leid anderer hätte intensiv auseinandersetzen müssen. Das wäre vielleicht gut gewesen, um meinen Gefühlsstand einordnen und mit anderen vergleichen zu können.

Dieses Forum hier hatte damals eine gewisse Funktion für mich, um zu sehen, wie andere Betroffene mit Trauer oder Krankheit umgehen. Das Forum ist für mich sehr wertvoll geworden. Was ich beim Forum nicht kann/konnte: Gefühls-Hopping durch die unterschiedlichen Threads. Mich haben ganz wenige Threads angesprochen und wenn ich meinte, etwas beitragen zu können, so habe ich einen Beitrag geleistet.

Jetzt habe ich die "Fremdhilfe" (Therapeut, Trauergruppe, Forum) angesprochen.

Was blieb nun für mich in meiner Situation übrig ?
(in eine Kur wollte ich nicht und brauchte sie vielleicht auch nicht)

Ich war bereit mich der neuen Situation zu stellen, aber wie ?

Ich kannte das große SCHWARZE LOCH, in das ich kurz nach dem ersten Krankenhausaufenthalt meiner Frau fiel. Ich wollte keine SCHWARZEN LÖCHER mehr haben, keine Ängste mehr vor der mit lieben Dingen meiner Frau gefüllten Wohnung, den geliebten gemeinsamen (zum Schluß sehr schweren) Spazierwegen.

Wäre ich meinen Ängsten nachgegangen, hätte ich unsere langjährige Wohnung verlassen müssen, ich hätte wegziehen müssen, um nicht auf Schritt und Tritt geliebte Wege betreten zu müssen, oder Bekannten antworten zu müssen.

Ich wollte NICHT, dass die Angst gewinnt.

Also habe ich versucht, die Angst beim Schopf zu packen und zu schauen, was die Angst mit mir macht.

Für Freunde und Bekannte hatte ich mir Sätze überlegt, mit deren ich fair und punktgenau auf die Standardfrage "Wie geht es DIR" antwortete. Ich bin dabei niemandem ausgewichen. Meist habe ich ich bei Interesse gefragt, was denn genau erzählt werden soll. Ich wollte mich schützen vor meiner eigenen Offenheit, um mich nicht verletzt zu fühlen.

Die ganze Wohnung war voller lieber Erinnerungen an meine Frau - überall - vor allem viele Bilder und Gegenstände unserer zahlreichen USA Reisen.

Was mir besonders nahe ging, waren die Kleider (Schuhe usw.), die noch ihren Geruch trugen. Ich wollte die wunderbaren Erinnerungen an Sie (meine Frau) behalten, mich aber von den stets Schmerz zufügenden Dingen trennen. Die beste Freundin meiner Frau hat dann kurz nach dem Tod meiner Frau die Kleider in Kisten gepackt und ich habe die verschlossenen Kisten an die Diakonie übergeben. Ich habe ihr Zimmer umgeräumt und eine leicht andere Gestalt gegeben, um nicht jedes Mal schmerzlich an die schweren Krankheitstage erinnert zu werden.

Die gemeinsamen Spazierwege habe ich fast alle nochmals alleine beschritten, es war mit viel Weinen, lautem Sprechen mit meiner verstorbenen Frau, auch mit Klagen (WARUM WIR usw.) verbunden. Jedes Mal habe ich mich NACHHER entlastet gefühlt. Ich bin nach Freiburg in die Klinik gefahren, wo sie AHB Maßnahmen erhielt, um die Krankenhausgänge zu durchlaufen. Ich bin an unserem Wohnort in die Klinik gefahren, in der sie ach so oft in fast jedem Zimmer der Onkologie lag. Ich habe dort im Laufe von Monaten mehrfach geschaut, was meine Seele sagt, wenn ich mich dort aufhalte. Ich bin an einem der Todestage in das Hospiz gefahren, in dem sie 2 Tage war, bevor sie starb.

Alle diese Gänge waren schwer, aber gut für meine Seele, denn ich wollte nicht, dass die Angst gewinnt.

Durch den Tod meiner Frau habe ich die Angst vor dem Sterben und dem Tod verloren. Ich bin dankbar, dass ich sie ein paar Wegschritte begleiten durfte. Es ist eine Bereicherung für mein Leben.

Ich habe vieles neu lernen müssen:

- Geduld mit mir selbst zu haben

- Unterscheiden zu lernen, wer wirklich mitfühlt /mittrauert

- Unterscheiden zu lernen bei Nachfragen wie es mir geht (Rein rhetorische Fragen, Höflichkeitsfragen, Interessensfragen)

- einzugestehen, daß ich selbst bis an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeiten gegangen bin und tatsächlich viel geleistet habe (das in mir zuzulassen hat etwa 2,5 Jahre gebraucht; ich war nur für meine Frau da, habe nur funktioniert, um alles für sie Erdenkliche zu tun; ich habe mich dabei selbst gar nicht wahrgenommen)

Shalom

shalom
01.02.2006, 15:40
Ich habe ein sehr einfühlsames Gleichnis gefunden, in dem Traurigkeit und Hoffnung einander begegnen (nachzulesen unter www.palverlag.de/Gleichnisse_Seite4.html). Damals hatte ich diesen Thread unter anderem auch mit den Worten Trauer und Hoffnung begonnen.


ZITATANFANG

Die Geschichte von der traurigen Traurigkeit

Als die glutrote Sonne am Horizont dem Tag langsam entschwinden wollte, ging eine kleine zerbrechlich wirkende Frau einen staubigen Feldweg entlang. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.

Fast am Ende dieses Weges, saß eine zusammengekauerte Gestalt, die regungslos auf den trockenen, ausgedörrten Sandboden hinunterstarrte. Man konnte nicht viel erkennen, das Wesen das dort im Staub des Weges saß, schien beinahe körperlos zu sein. Es erinnerte an eine graue aber weiche Flanelldecke mit menschlichen Konturen. Als die kleine zerbrechlich wirkende Frau an diesem Wesen vorbeikam, bückte sie sich ein wenig und fragte: "Wer bist du?" Zwei fast regungslose Augen blickten müde auf. "Ich? Ich bin die Traurigkeit." flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass man sie kaum zu hören vermochte. "Ach, die Traurigkeit !" rief die kleine Frau erfreut, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.

"Du kennst mich?" fragte die Traurigkeit vorsichtig? "Aber ja, natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast Du mich ein Stück meines Weges begleitet."

"Ja, aber ...", argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest du dann nicht und nimmst reiß aus? Hast du denn keine Angst vor mir ?" "Warum sollte ich vor dir davonlaufen ? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst. Man kann dir nicht entkommen. Aber, was ich dich fragen möchte: Warum siehst du so betrübt und mutlos aus ?" "Ich ... ich bin traurig", antwortete die graue Gestalt mit klangloser Stimme. Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. "Traurig bist Du also", sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. "Erzähl mir doch, was dich so sehr bedrückt."

Und die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören? Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht. "Ach, weißt du", begann die Traurigkeit zögernd, "es ist so, dass mich einfach niemand mag. Niemand will mich. Dabei ist es doch nun mal meine Bestimmung unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber jedesmal wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich." Die Traurigkeit schluckte schwer. "Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich verstoßen wollen. Sie sagen: Ach was, das Leben ist heiter und fangen an zu Lachen. Aber ihr falsches erzwungenes Lachen führt zu Magenkrämpfen. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: Man muss sich zusammenreißen. Und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken, im ganzen Körper. Verkrampft sind sie. Sie drücken die Tränen tief hinunter und haben Atemnot. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Dabei sprengen die aufgestauten Tränen fast ihre Köpfe. Manchmal können sie dadurch nicht mal mehr Sprechen. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie nicht fühlen müssen." Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. "Und dabei will ich den Menschen doch nichts Böses, ich will ihnen doch nur helfen. Denn wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen und zu heilen. Weißt du, wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut, und manches Leid bricht dadurch immer wieder auf, wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh. Aber nur wer mich zu sich läßt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden erst wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich Ihnen dabei helfe. Statt dessen schminken sie sich ein grellen Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit und ewiger Enttäuschung zu. Ich glaube, sie haben einfach nur unbändige Angst zu weinen und mich zu spüren. Deshalb verjagen sie mich immer wieder."

Dann schwieg die Traurigkeit. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz innig und verzweifelt und die vielen kleinen Tränen tränkten den staubigen, ausgedörrten Sandboden. Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkenen Gestalt tröstend in die Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte das zitternde Bündel. "Weine nur, kleine Traurigkeit", flüsterte sie liebevoll, "ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst nicht mehr alleine wandern. Ich werde auch dich von nun an begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr Macht gewinnt."

Die Traurigkeit hörte zu weinen auf. Sie sah zu ihrer neuen Gefährtin auf und betrachtete sie erstaunt: "Aber ... aber, wer bist du eigentlich ?"

"Ich ...", sagte die kleine und zerbrechlich wirkende Frau und lächelte dabei wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen, " ... bin die Hoffnung!

Copyright M.Schumann


Was wir daraus lernen können

Gute wie schlechte Gefühle gehören zum Leben und oftmals könnten wir etwas Schönes nicht genießen, wenn uns negative Gefühle fremd wären. Gewiss: negative Gefühle können schmerzhaft sein. Sie sind jedoch nur Wolken, hinter denen die Sonne scheint.

Entscheidend ist, dass wir die negativen Gefühle annehmen und sie als Lebensabschnitte ansehen, die vorübergehen.

Lebensweisheit

Solange wir uns die Hoffnung auf ein besseres Leben bewahren, haben wir die Chance, ein besseres Morgen, eine bessere Zukunft zu gestalten.
Wir wünschen Ihnen die Kraft und den Mut, Zeiten der Traurigkeit und der Verzweiflung anzunehmen und sich Ihre Hoffnung zu bewahren.


ZITATENDE

AndreaS
01.02.2006, 18:28
Lieber Shalom,

danke, dass du deinen Thread wieder nach oben geholt hast. Als Ergänzung für die Denkanstöße der letzten Tage hat es mir sehr viel bedeutet und ich glaube, ich habe noch ein wenig mehr verstanden.

Viele meiner Ängste konnte ich mittlerweile auch schon besiegen, manche noch nicht, aber wir wissen alle, es braucht Zeit.

Die Geschichte der traurigen Traurigkeit hat unsere Tochter übrigens an Claus Beerdigung vorgelesen, vielleicht weil wir sogar ganz am Anfang unseres Trauerweges trotz aller Verzweiflung wussten, wie wichtig die Hoffnung in unserem Leben bleiben sollte.

LG
Andrea

shalom
02.02.2006, 16:24
Nachdenkliches zum "Kampf" zwischen Gefühl und Verstand, Trauer und Hoffnung

Ich habe in früheren Jahren mühsam lernen müssen, die unselige Trennung von Gefühl und Verstand aufzuheben, Gefühle zuzulassen, eigene Gefühle und die Gefühle anderer stehen zu lassen, Wolken vorüberziehen zu lassen, vieles auszusprechen und gleichzeitig auch dem Verstand Raum zu geben.

Wenn deine todkranke Frau dir gegenübersitzt, die du so liebst und dir sagt, du mögest glücklich weiter leben auch vielleicht mit einem neuen Partner, das war sehr schwer für mich zu ertragen. Ich wollte doch, dass SIE bei mir bleibt und WIR zusammenstehen und alt werden.

Wir sollten nicht gemeinsam alt werden, sondern hatten die Aufgabe uns auf den schweren letzten Weg gemeinsam vorzubereiten mit unseren Gefühlen und unserem Verstand. Und diese Aufgabe haben wir von Anfang bis zum Schluß auch angenommen.

Ich konnte daher - wenn auch wie jetzt nur unter Tränen - meine Frau gehen lassen, es war für sie eine Erlösung und Befreiung von der kaum noch erträglichen Last ihrer Krankheit. Und es war gut so, warum sollte ich beklagen, dass sie nun nicht mehr leiden musste ? Ich hatte das Geschenk gesund zu sein, sie hatte es jedoch nicht. Von daher sehe ich auch jeden Tag in meinem "zweiten" Leben als ein Geschenk an, das ich als sehr wertvoll erachte und "hege und pflege".

Ich habe mich den Aufgaben zu stellen, eine Flucht hilft nicht, dann holt mich die Seele wieder ein ("Angst essen Seele auf").

anny
08.02.2006, 11:38
Hallo Shalom,
du bist auch ein Kämpfer ;-)

In meiner Arbeit im KH,in der Sterbebegleitung und in den Trauerseminaren wurde mir sehr Vieles klarer.
Manche Menschen möchten dieses Selbstmitleid in ihrer Trauer nicht missen,denn gerade dieses Mitleid erinnert sie an den Verstorbenen.
Dadurch haben sie Gewissheit das der Schmerz vorhanden ist....und nicht vergeht.
Denn es wäre für manchen garnicht auszuhalten ohne diesen Schmerz leben zu *müssen*

Diesen Menschen lasse ich auch in meinen Seminaren einen Freiraum,sie dürfen in ihrem Schmerz verharren niemand zwingt sie diesen abzulegen.
Nur weißt was ich beobachtet habe,je mehr andere auftauen,diese Phasen der Trauer bewußt durchgehen und auch vermehrt darüber sprechen desto mehr kommen auch die Anderen und beginnen zu sprechen.

Die Phasen wechseln sich ab,oft werden ein und dieselbe Phase mehrmals durchschritten.......das ist grundsätzlich verschieden.

Eines aber vergessen die meisten Trauernden,auch STERBENDE gehen durch diese Phase,dieselben Phasen zeit ihres letzten Lebensabschnittes.

Nicht nur ich bin der ARME......sonder auch derjenige der gehen MUSS.

Liebe Grüße und knuddel
anny

shalom
08.02.2006, 15:13
Liebe Anny,

danke für deine Antwort, ich kann jedes Deiner Worte bestätigen. Du schriebst insbesondere:

Eines aber vergessen die meisten Trauernden,auch STERBENDE gehen durch dieselben Phasen während ihres letzten Lebensabschnittes. Nicht nur ich bin der ARME......sondern auch derjenige der gehen MUSS.

Für das gemeinsame Durchlaufen einiger dieser Phasen während der langen Krankheits - und Abschiedszeit zusammen mit meiner verstorbenen Frau bin ich sehr, sehr dankbar.

Abschied nehmen : Für mich ein Frühbeginn der Trauer, aber noch gemeinsam, Hand in Hand.

Es war unerbittlich und schmerzlich für uns beide, aber wir konnten uns dem gar nicht entziehen. Es gab NICHT die Möglichkeit, es zu verdrängen. Es gab auch nicht die Möglichkeit voreinander die Situation, das Unabänderliche zu beklagen.

In Würde sterben zu können, dankbar für ein gelebtes Leben Abschied nehmen zu können, war ihr geschenkt. SIE hat sich dieser unendlich grossen Aufgabe gestellt und SIE hat die Aufgabe gelöst. Das hat sie bis zum Endpunkt ihres Lebens bei mir, unseren Freunden, dem Krankenhauspersonal ausgestrahlt: Würde in Krankheit/Sterben, Liebe, menschliche Größe.

Ich bin sehr dankbar, dass ich meine Frau damals ein Stück begleiten durfte. Auch wenn es immer wieder schwer ist, ich denke gerne an die vielen kleinen und großen Abschiede, sie zeigen mir immer wieder was "Würde" beim Sterben bedeutet und ordnen meine eigene Trauer um ihren Verlust dem entsprechend eher gering ein.

Anny, ich danke Dir für den Hinweis, in diesem Trauerforum nicht nur den Gesichtspunkt der überlebenden Betroffenen zu beleuchten, sondern auch den der Sterbenden.

Es kann uns "Überlebenden" durchaus helfen, Gedanken und Gefühle neu zu gewichten und zu hinterfragen.

Mit lieben Grüßen
Shalom

AndreaS
08.02.2006, 16:21
Anny, ich danke Dir für den Hinweis, in diesem Trauerforum nicht nur den Gesichtspunkt der überlebenden Betroffenen zu beleuchten, sondern auch den der Sterbenden.

... mir macht es eher Angst, dass ich gegebenenfalls etwas Wichtiges überhört oder übersehen haben könnte. Ich weiß nicht, wie sterben ist, ich war nur Begleiter so gut ich es konnte. Ich weiß nicht, was mein Mann tatsächlich gefühlt hat, aber ich hoffe sehr, dass er unsere Nähe und unsere Liebe bis zu seinem letzten Atemzug gespürt hat.

Ich weiß nicht, was tatsächlich nach dem Leben hier auf Erden kommt. Ich weiß nur, dass ich im Augenblick seines Todes ganz intensiv gespürt habe: Jetzt ist für ihn wieder alles ok.

LG
Andrea, heute genau seit 16 Monaten verzweifelt dabei, den Berg zu bezwingen....

shalom
08.02.2006, 17:19
Liebe Andrea,

warum solltest Du etwas überhören oder übersehen haben, Du warst bei ihm und hast ihm Deine Nähe und Liebe angeboten und gespürt ,dass jetzt wieder alles für ihn o.k. ist.

Vielleicht war ich mißverständlich in meiner Ausdrucksweise, entschuldige das bitte. Wir können natürlich nicht wissen und sollten uns das auch nicht anmassen, was im Augenblick des direkten Sterbens sein wird oder bei unserem geliebten Partner war. Mit meinen Äußerungen (wahrscheinlich auch denen von Anny) war eher der monatelange PROZESS des Abschiednehmens vor dem Tod gemeint (ich habe das auf das Wort Sterben verkürzt).

Was ich durch den Beitrag von Anny meine verstanden zu haben, ist auch mal den Betrachtungsstandpunkt vom überlebenden Betroffenen zum sterbenskranken geliebten Menschen zu wechseln.

Vielleicht ergibt sich dann ja ein gradueller Gewichtungswechsel meiner Gedanken und Gefühle, wenn ich auf meine Trauer schaue. So habe ich es für mich gesehen.

LG
Shalom

Monika W.
13.02.2006, 19:54
Liebe Anny, hallo Shalom,

auch ich lese ständig mit Begeisterung Kübler- Ross und füge noch etwas hinzu. In einer Frage- Runde ( aus dem Buch " Was können wir noch tun " ) fragt eine Frau: " Ich möchte gerne Ihre Gedanken über die Trauer höre. Ist es möglich oder gar normal, um einen geliebten Ehemann, mit dem man viele Jahre verheiratet war und der nach sehr langer Krankheit erst vor kurzem gestorben ist, zu trauern, ohne ihn aber wirklich zu vermissen?"
Frau Dr. Kübler- Ross antwortet: " Ja, das halte ich für möglich. Nach meiner Meinung kann eine Frau, die ihren Mann in einer langen Zeit der Krankheit umsorgt und den vorbereitenden Schmerz durchlebt hat, um ihn trauern und braucht ihn trotzdem nicht zu vermissen. Das Gefühl des Verlustes ist gepaart mit einer starken Empfindung der Erleichterung wenn eine lange Krankheit und schweres Leiden überstanden sind."

Diese Worte sprechen mir aus der Seele. Natürlich vermisse ich meinen Mann, aber das Gefühl der Erleichterung ist immer noch da und tief im Innern habe ich deshalb ein schlechtes Gewissen- so als wäre ich eine Raben- Ehefrau, die froh ist, ihren Mann los zu sein- was ja nicht stimmt. Ich habe ein großes Bedürfnis, anderen Sterbenden zu helfen und werde dies demnächst auch tun.

Mein Mann blieb fast bis vor kurz seinem Tod in der Phase des Nichtwahrhaben- wollens und des Zorns. Leider konnten wir keine Gespräche führen über Tod und Weiterleben nach dem Tod. Vielleicht hätte es ihm Erleichterung gegeben.

Moni

anny
13.02.2006, 21:00
Hallo liebe Moni,

tief im Inneren diese Schuldgefühle,Moni auch das ist ein Teil DEINER Trauer.
Mir fiel ein Stein vom Herzen als Mum endlich ihren Weg gegangen ist.
Ich spürte eine Erleichterung die ich mir so nicht erklären konnte.

Obwohl ich auch geweint habe,obwohl ich auch durch verschiedene Phasen der Trauer gegangen bin,bin ich froh das sie es zu diesem Zeitpunkt geschafft hat.

Das hat nichts mit einem *Raben*Verhalten zu tun,weder bei dir noch bei mir,noch bei anderen denen es genauso ergeht.

Schwerkranke und Sterbende gehen nicht immer durch alle Phasen,genauso wie du geschrieben hast kann es vorkommen dass es nie zu dieser Akzeptanz des bevorstehenden Todes kommt.

Vielleicht hatte dein Mann Angst,seine wirklichen Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Dadurch verharrte er in diesem Nicht-Wahr-Haben-Wollen und in diesem *Zorn*.
Der Zorn richtet sich dabei oft gegen sich selbst....ich bin wütend dass ich meine Frau oder meinen Mann oder mein Kind zurücklassen muss,das darf nicht sein.
Wenn man wirklich lernt Zorn auch zu verbalisieren,zu schreien ihn einfach rauszulassen dann gelingt die nächste Stufe.
Weißt du Moni,dass ist ein gewisses hadern mit *Gott*.....warum erlaubt er dies,dass ich gehen muss,dass ich soviel leiden muss......

Darum ist dieses Verbalisieren von WUT so wichtig.

Zu Beginn hab ich das nicht gewußt,doch im Laufe der Jahre wurde es mir immer klarer.
Mum hat richtig um sich geschlagen und war zornig,sie hat geschimpft.....dann war sie bereit weiter zu gehen und ihre anderen Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

Dabei kannst du in der Begleitung sterbender Menschen hilfreich zur Seite stehen.

Als ich vor Jahren im Praktikum war begleitete ich eine ältere Frau.
Sie war ein Familienoberhaupt,immer stark und vorallem zeigte sie nie Schwäche.
Bevor sie starb befand sie sich in dieser Zorn---und Nicht-Wahr-Haben Phase.
*Holen sie mir den Herrn Primar,der wird mir helfen.*
*Gehen sie bitte raus aus dem Zimmer und holen sie mir sofort den Arzt,wissen sie nicht wer ich bin *

*ja,das weiß ich*
Ich nahm ihre Hand und begann mit ihr zu sprechen.
Ich sagte ihr ehrlich,dass auch der Herr Primar nicht mehr helfen kann.
Dann folgten lange Minuten des Schweigens,dann schrie sie wieder nach dem Arzt.
Das war das letzte Mal das sie ihrer Wut freien Lauf gelassen hatte.

*Werde ich sterben* fragte sie mich nach fast einer Stunde.
*Ja* sagte ich.....aber ich bleibe bei ihnen wenn sie es möchten.......

Innerhalb einiger Tage ging sie durch diese letzten Phasen und sie schlief in meinem Beisein ein......entspannt,ohne Zorn und ruhig.

Natürlich gelingt dies nicht immer,denn es hat generell mit dem Leben des Betroffenen zu tun.

Liebe Grüße
anny

Monika W.
14.02.2006, 06:30
Hallo Anny,

auch Hermann konnte seinen Zorn herauslassen, dadurch, daß er 8 Tage vor seinem Tod noch parenteral ernährt werden konnte, verbesserte sich seine Stimmung und er war nicht mehr ganz so aggressiv.
Erst kurz vor seinem Tod, als er sehr starke Schmerzen hatte und der Arzt bei ihm war, sagte er zum ersten Mal: " Ich will sterben! " Die Morphiumspritzen halfen ihm, sich gehen zu lassen und ich bin so froh, daß er nach der 2. Spritze nicht mehr aufgewacht ist, es wäre eine Quälerei ohne Ende gewesen.


Wurdest Du ausgebildet als Sterbebegleiterin oder machst Du das professionell?

Liebe Grüße

Moni

shalom
14.02.2006, 14:18
Es gibt den Satz, „Wer sich in Gefahr begibt, der kommt drin um“. Der Liedermacher Wolf Biermann hat diesen Satz umgewandelt in: „Wer sich NICHT in Gefahr begibt, der kommt drin um“.

In Bezug auf die Trauerarbeit läßt sich Biermanns Modifikation auch verwenden:

Wer sich NICHT an die Trauerarbeit macht, den frißt die Trauer auf.

Ein klein wenig kann ich jeden Tag selbst mit ganz kleinen Schritten tun, damit es wieder heller um mich wird und die Traurigkeit in meinem beengten Gefühlsraum nicht alles dominiert. Heller wird es aber nur, wenn ICH die Türe/das Fenster zum Licht einen Spalt ÖFFNE. Licht ist an sich wertfrei. Man kann sich vor ihm verbergen, man kann das Licht suchen/finden. Das Licht gibt Wärme und Orientierung für denjenigen, der es will und braucht.

LG
Shalom

shalom
21.02.2006, 08:23
Dietrich Bonhoeffers Gedicht, das er unter für ihn sehr schweren persönlichen Bedingungen schrieb, hat für mich eine besondere Bedeutung. Die letzte Strophe dieses Gedichts habe ich im Juni 2000 auf die Traueranzeige meiner Frau gesetzt. Es hat mich ganz einfach getröstet in meiner großen Verzweiflung.

Von guten Mächten

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last,
ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
das Heil, für das Du uns bereitet hast.

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört Dir unser Leben ganz.

Laß warm und still die Kerzen heute flammen,
die Du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Dietrich Bonhoeffer

shalom
01.03.2006, 14:58
Auf meinem Trauerweg gab es Phasen, da mochte ich nichts aber auch gar nichts ändern, weil alles mit unendlicher Mühe verbunden war und ich wollte generell entschuldigt sein für mein vielleicht augenblicklich seltsames Verhalten, weil ich eben so bin wie ich bin und meinte ich könne mich nicht ändern (zumindest bitte jetzt gerade nicht) und genauso und nicht anders mögen die anderen Menschen das doch bitte auch sehen. Ich bekam Zuwendung, aber weiter kam ich kaum, und ich fragte mich warum.

Durch frühere Erlebnisse gewarnt, versuchte ich mir auf die Schliche zu kommen. Ich KONNTE nichts ändern, weil ich nicht WOLLTE. Ich WOLLTE nicht, weil ich überall nur den Abgrund und riesige Berge ungelöster Gefühle und Probleme vor mir sah. Ich sah zunächst kein Ziel und auch keinen Weg, daher verhielt ich mich regungslos, unverändert, wie versteinert. Ich fühlte mich zwar unwohl dabei, aber das Gefühl war mir vertraut und gewohnt.

Manchmal brauchte ich dann einen Impuls von aussen (siehe das folgende Gleichnis), für mich bildhaft und überzeugend, einen ganz kleinen Neuanfang meiner Sichtweisen zu wagen, damit die Angst vor dem Leben und vor mir selbst nicht gewinnt.

ZITATANFANG:

Gleichnis

Der Frosch und der Skorpion
Ein Skorpion trifft am Ufer eines Flusses einen Frosch. "Lieber Frosch, nimmst du mich auf deinem Rücken mit ans andere Ufer?", fragt der Skorpion. "Ich bin doch nicht lebensmüde. Wenn wir auf dem Wasser sind, dann stichst du mich und dann sterbe ich", antwortet der Frosch. "Nein, wenn ich dich steche, dann gehe ich doch auch unter und sterbe", sagte der Skorpion. "Das leuchtet mir ein. Steig auf meinen Rücken", sagt der Frosch. Kaum sind sie ein paar Meter geschwommen, verspürt der Frosch einen stechenden Schmerz. "Verdammt, jetzt hast du mich ja doch gestochen. Jetzt sterben wir beide", sagt der Frosch. "Ich weiss. Tut mir leid, aber ich bin ein Skorpion, und Skorpione stechen nun mal", antwortet der Skorpion.


Wir Menschen sind keine Skorpione. Unser Denken, Fühlen und Handeln wird nicht von genetischen Programmen gesteuert. Wie wir denken, fühlen und handeln, haben wir gelernt. Wir müssen nicht das Opfer unserer Vergangenheit oder vergangener Erfahrungen sein. Was wir gelernt haben, können wir auch wieder verlernen.

Wenn wir mit uns, unserem Verhalten oder der Art, wie wir fühlen, unzufrieden sind, dann können wir heute beginnen, unser Denken, Fühlen und Handeln zu verändern. Voraussetzung ist jedoch, dass wir die Verantwortung für uns und unsere Gefühle übernehmen und nicht, wie der Skorpion, unser Verhalten damit entschuldigen, dass wir nun mal so sind und daran nichts ändern können. Wir können uns ändern. Wir sind unseren Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert.

....

Wenn wir etwas für schwer halten, dann tun wir uns schwer.
Wenn wir etwas als langweilig ansehen, dann langweilen wir uns.
Wenn wir etwas als lästig ansehen, dann fühlen wir uns belästigt.

Das heißt nicht, dass wir alles positiv sehen sollen. Das heißt nur, dass unsere Sichtweise über unser Befinden entscheidet. Manchmal können wir an einer Situation nichts ändern, was wir jedoch immer ändern können, ist unsere Einstellung zu ihr.

ZITATENDE

entnommen aus:
http://www.palverlag.de/Gleichnisse_Seite1.html

AndreaS
01.03.2006, 16:11
Nachfolgende Geschichte habe ich vor einiger Zeit hier im Forum gefunden. Ich halte sie für sehr passend und hoffe, dass sie auch euch ein wenig anspricht:

Als ich eines Tages, wie immer traurig, durch den Park schlenderte und mich auf einer Parkbank niederließ, um über alles nachzudenken was in meinem Leben schief läuft, setzte sich ein fröhliches kleines Mädchen zu mir. Sie spürte meine Stimmung und fragte: " Warum bist Du traurig?" "Ach", sagte ich "ich habe keine Freude im Leben. Alle sind gegen mich. Alles läuft schief. Ich habe kein Glück und ich weiß nicht wie es weitergehen soll."

"Hmmm ", meinte das Mädchen, "wo hast Du denn Dein rosa Tütchen? Zeig es mir mal. Ich möchte da mal hineinschauen." "Was für ein rosa Tütchen?", fragte ich sie verwundert. "Ich habe nur ein schwarzes Tütchen."

Wortlos reichte ich es ihr. Vorsichtig öffnet sie mit ihren zarten kleinen Fingern den Verschluss und sah in mein schwarzes Tütchen hinein. Ich bemerkte wie sie erschrak. "Es ist ja voller Alpträume, voller Unglück und voller schlimmer Erlebnisse!" "Was soll ich machen? Es ist eben so. Daran kann ich doch nichts ändern."

"Hier nimm," meinte das Mädchen und reichte mir ein rosa Tütchen. "Sieh hinein!" Mit etwas zitternden Händen öffnete ich das rosa Tütchen und konnte sehen, dass es voll war mit Erinnerungen an schöne Momente des Lebens. Und das, obwohl das Mädchen noch jung an Menschenjahren.

"Wo ist Dein schwarzes Tütchen?" fragte ich neugierig. "Das werfe ich jede Woche in den Müll und kümmere mich nicht weiter drum", sagte sie. "Für mich besteht der Sinn des Lebens darin, mein rosa Tütchen im Laufe des Lebens voll zu bekommen. Da stopfe ich soviel wie möglich hinein. Und immer wenn ich Lust dazu habe oder ich beginne traurig zu werden, dann öffne ich mein rosa Tütchen und schaue hinein. Dann geht es mir sofort wieder besser. Wenn ich einmal alt bin und mein Ende droht, dann habe ich immer noch mein rosa Tütchen. Es wird voll sein bis obenhin und ich kann sagen, ja , ich hatte etwas vom Leben. Mein Leben hatte einen Sinn!"

Noch während ich verwundert über ihre Worte nachdachte gab sie mir einen Kuss auf die Wange und war verschwunden. Neben mir auf der Bank lag ein rosa Tütchen mit der Aufschrift: Für Dich! Ich öffnete es zaghaft und warf einen Blick hinein. Es war fast leer, bis auf einen kleinen zärtlichen Kuss, den ich von einem kleinen Mädchen auf einer Parkbank erhalten hatte. Bei dem Gedanken daran musste ich schmunzeln und mir wurde warm ums Herz. Glücklich machte ich mich auf dem Heimweg, nicht vergessend, am nächsten Papierkorb mich meines schwarzen Tütchens zu entledigen.

Ich wünsche uns allen, dass unsere schwarzen Tütchen im Laufe der Zeit immer weniger werden.

LG
Andrea

Dieter1712
01.03.2006, 16:29
Einfach wunderschön!!!
Das hat mich so sehr berührt, dass mir die Tränen kamen.

Danke

Dieter

Jutta
04.03.2006, 05:01
Hallo Shalom,


ich bekenne mich schuldig ;) , das ist eines meiner Gedichte, das ich vor der Einführung der Registrierpflicht schrieb, bzw. noch nicht an das Copyright dachte.


Zusatz zu Zusatz von Shalom:
Guten Morgen Shalom, kein Problem, das Gedicht war ja *namenslos* :augendreh

shalom
07.03.2006, 14:38
Die folgenden Verse sind sicher schon mal im Forum irgendwo zitiert worden und umschreiben sehr gut, was meine Frau mir sagen würde, wenn sie noch direkt zu mir sprechen könnte.

Wenn ich am Grab meiner Frau stehe oder auf andere Weise mit ihr kommuniziere, frage ich mich manchmal, ob ich mich anders verhalte, als wenn sie mir direkt gegenüber stünde oder ob wir beide die gleichen geblieben sind. Manches bleibt, wie es immer zwischen uns war -- nur ich nun auf der einen Seite, sie auf der anderen Seite des Weges -- .

Auf der anderen Seite des Weges

Der Tod ist nichts,
ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen.
Ich bin ich, ihr seid ihr.
Das, was ich für euch war, bin ich immer noch.
Gebt mir den Namen, den ihr mir immer gegeben habt.
Sprecht mit mir, wie ihr es immer getan habt.
Gebraucht nicht eine andere Redensweise, seid nicht feierlich oder traurig.
Lacht weiterhin über das, worüber wir gemeinsam gelacht haben.
Betet, lacht, denkt an mich, betet für mich,
damit mein Name im Hause ausgesprochen wird,
so wie es immer war,
ohne die Spur eines Schattens.
Das Leben bedeutet das, was es immer war.
Der Faden ist nicht durchschnitten.
Warum soll ich nicht mehr in euren Gedanken sein,
nur weil ich nicht mehr in eurem Blickfeld bin?
Ich bin nicht weit weg, nur auf der anderen Seite des Weges.
( Charles Pegeay )




In früheren Beiträgen wurden Phasenmodelle der Trauer beschrieben. Doch läuft für jeden die Trauer anders und ganz persönlich ab. Modelle können meine Gefühle einordnen helfen, mehr aber auch nicht. Sie helfen mir jedoch leider nicht, meine Trauer zu bewältigen. Lösungswege aus der Trauer sind dort auch nicht enthalten, die muß ich mühsam für mich selber finden.

Damit setzen sich nachdenklich die folgenden Bemerkungen auseinander:

ZITATANFANG:

.....Andererseits sind solche Modelle aber nicht ganz unproblematisch. Durch das schematische Abbild können sie dazu verleiten, die Individualität und die ureigene persönliche Form der Auseinandersetzung aus dem Blick zu verlieren. Ein Modell darf niemals als vorgeschriebenen Marschroute, als ein Prinzip und ein "Muss" verstanden werden. Ein brauchbarer Umgang ist nur dann möglich, wenn Raum für Individualität bleibt.

Hinzu kommt, dass solche Modelle einen bestimmten Maßstab des "richtigen" oder vertretbaren Trauerns unterstellen können. So gewinnbringend ein Modell sein kann, um die eigenen Reaktionen einzuordnen, so irritierend kann es sein, wenn die eigene Einordnung scheinbar nicht gelingen will.

Modelle bieten Orientierung und erste Anhaltspunkte. Sie dürfen nicht missverstanden werden als Patentrezepte oder Vorschriften; Sie leisten lediglich den Versuch einer Darstellung - und dieser kann dann entlastend und hilfreich sein, wenn das eigene individuelle Erleben darin seinen Platz behalten darf.

ZITATENDE

(aus: http://www.ricardas-homepage.de/Dorothee/)

AndreaS
12.03.2006, 23:14
Ich habe heute auch wieder ein paar schöne Zeilen gefunden

Zwei Wölfe ...

Ein alter Indianer saß mit seinem Enkelsohn am Lagerfeuer. Es war schon dunkel geworden und das Feuer knackte, während die Flammen in den Himmel züngelten.
Der Alte sagte nach einer Weile des Schweigens: „ Weißt du, wie ich mich manchmal fühle? Es ist, als ob da zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen würden. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere hingegen ist liebevoll, sanft und mitfühlend.“
„Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen?“ fragte der Junge.
„Der Wolf, den ich füttere.“ antwortete der Alte.

gefunden auf:
http://radine.privat.t-online.de/index.html

shalom
13.03.2006, 08:46
Liebe Andrea,

diese kleine Geschichte macht Mut. Geschichten dieser Art lassen Spielräume für Phantasien, für Gefühle und für das Nachdenken. Sie drücken häufig etwas viel feinfühliger und feinsinniger aus, als ich es selbst nur holzschnittartig ausdrücken kann.

Mir sind spontan mal wieder die drei W-Fragen eingefallen, die mir helfen, kompliziertere Knoten (dieses Mal auf die Trauer bezogen) aufzulösen:


WAS HABE ICH in mir, wenn ich Trauer in mir trage ?
(Beides: Aggression UND Liebe.)

WOHIN WILL ICH überhaupt?

WIE ERREICHE ICH MEIN ZIEL ?

Die Antwort auf die erste Frage habe ich sofort in mir gespürt.

Die zweite Frage konnte ich auch bald beantworten: ICH WILL LEBEN. Meine Frau wünschte mir vor ihrem Tod, dass ich wieder fröhlich und glücklich werden möge. Das war schwer zu ertragen, wollte ich doch mit ihr glücklich vereint gemeinsam alt werden.

Die Beantwortung der dritten Frage ist noch nicht beendet. Es ist ein dauernder Prozess. Ich versuche jeden Tag das Glück ein wenig einzufangen, dazu habe ich alle meine Sinne auf Empfang gestellt. Nichts Wertvolles möchte ich versäumen. In Dankbarkeit und Wehmut blicke ich zurück und sehe jeden Tag ganz bewußt als Gabe an, aus der ich etwas Positives für mich machen möchte. Ich gebe zu, am Anfang meiner Trauer war es nicht leicht, Licht in den dunklen Wolken der Trauer zu erspähen, aber mit der Zeit bekam ich einen Blick dafür.

Danke Andrea

LG
Shalom

shalom
16.03.2006, 09:06
Einige Gedichte, die ein paar Mosaiksteine meiner Trauer beschreiben:

Schicksal:
Fragt man das Schicksal:
Warum, warum?
Schicksal gibt keine Antwort.
Schicksal bleibt stumm.
-----------------

Leben ist möglich.
Und nach Tagen der Trauer morgens aufwachen
und sich nicht wieder umdrehen
und sich nicht wieder in die Trauer einhüllen
sondern ganz laut schreien:
Steh auf und lebe!
-----------------

Wer Abschied wagt
bleibt lebendig
Im lebendigen
Kreislauf des Lebens
Wenn Ihr mich sucht,
dann sucht in Euren Herzen.
Wenn Ihr mich dort findet,
dann lebe ich in Euch weiter
-----------------

...es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines geliebten Menschen ersetzen kann;
und man soll das auch gar nicht versuchen,
man muss es einfach aushalten und durchhalten;
das klingt zunächst sehr hart,
aber es ist doch zugleich ein großer Trost,
denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt,
bleibt man durch sie miteinander verbunden.
(Dietrich Bonhoeffer)
-----------------

Von dem Menschen,
den wir geliebt haben,
wird immer etwas zurückbleiben,
etwas von seinen Träumen,
etwas von seinen Hoffnungen,
etwas von seinem Leben,
alles von seiner Liebe.
-----------------

Weinet nicht,
dass ich von Euch gehe,
seid dankbar,
dass ich bei euch war!

Alle Zitate stammen aus: www.trauergedichte.de.vu

shalom
17.03.2006, 11:17
Den Weg über die "Brücke" mußte ich selber gehen und Lasten hat mir auch niemand abgenommen, aber im Laufe der Zeit haben sich meine Sichtweisen der Trauer ein wenig geändert.


Der Engel an der Brücke

Ich traf auf meinem Weg einen jungen Mann, der ging auf und ab. Ich fragte, was er denn mache und er schaute mich an. Seine Augen waren voll Trauer und auch voll Wut. Sein Körper war geschwächt und doch konnte er nicht ruhen. Auf seinen Schultern lastete ein großes Paket - hier und da waren ein paar Löcher, wo wohl ein Stück des Inhalts fehlte; dennoch schien es dadurch nicht minder schwer.
Ich fragte, warum er denn nur ständig auf und ab gehe? Er sagte, dass er gerne über diese Brücke gehen wolle, um auf die wunderschöne Insel gegenüber der Schlucht zu gelangen, doch er wage es nicht, denn seine Last sei so schwer und die Brücke, die er passieren müsse, mache keinen stabilen Eindruck.
Ich fragte ihn, warum er denn die Last nicht ablegen würde, dann könnte er doch ohne weiteres die Brücke passieren. Er schaute mich entgeistert an - ohne sein Gepäck??? Nein, das ginge nicht!
Ich fragte ihn, was denn so Wichtiges in diesem Paket wäre, dass er es denn nicht hier lassen könne. Er lächelte und sagte stolz - es ist meine Vergangenheit.
Er ging auf und ab - sehnsüchtige Blicke folgten dem Weg auf diese wunderschöne Insel - mit Blumen und Früchten und frischem Wasser. Er war wirklich geschwächt, so bot ich ihm Wasser an - dankend trank er.
Ich fragte, ob er seine Last absetzen möge und auf die Insel gehen wolle. Vehement verneinte er - auf keinen Fall würde er seine so kostbare Vergangenheit absetzen, nur, um auf die Insel zu gelangen - es müsse doch schließlich auch einen anderen Weg geben.
Wir schwiegen.
Ich meinte, wenn seine Vergangenheit leichter wäre, so könne er sie vermutlich mit auf die Insel nehmen. Doch wäre sie leichter, so wäre sein Eigengewicht weitaus mehr und so könnte er sowohl mit, als auch ohne Vergangenheit diese Brücke nicht passieren. Dadurch jedoch, dass er nun so lange gegangen sei, mit dieser Last, sei er selber davon so leicht geworden, dass er die Brücke passieren könne, würde er seine Last absetzen.
Er schaute mich erstaunt an - "Es ist also die einzige Möglichkeit diese Brücke zu überqueren?" fragte er.
Ich schwieg. Er dachte nach.
Dann fragte er mich, ob ich denn kurz für ihn seine Vergangenheit tragen könnte, da er das Paket ungern in den Staub stellen wolle. Er würde jedoch gern einmal auf die Insel gehen, um zu schauen, ob sich denn der Tausch auch lohnen würde.
Ich sagte, dass er gern auf die Insel gehen könne, doch ich würde ihm seine Last nicht abnehmen. Ich zeigte auf den Haufen neben der Brücke und sagte: "All das ist Vergangenheit von vielen anderen, die auch zuvor wie du unentschlossen waren. Es ist deine Entscheidung - wohin es dich trägt."
Und seit er über die Brücke lief, ruht neben seiner Vergangenheit die Vergangenheit vieler anderer glücklicher, freier Menschen!


(gefunden in: www.zeitzuleben.de/inhalte/in/geschichten/index.html)

shalom
22.03.2006, 20:19
Aus der Gemeinsamkeit ging es damals (nach dem Tod meiner Frau) in die Einsamkeit, das Alleinesein, in eine nun eher verlassen wirkende Wohnung mit viel wehmütiger Erinnerung, in ein ANDERES Leben.

Ich stand (wie der Titel eines anderen Threads lautet )vor der Frage: Und nun ?

Ich wollte die Angst vor dem Alleinsein überwinden, wollte die Trauer mutig und schnell angehen, war aber eher verzagt und kraftlos. Ich wollte leben, wollte etwas tun. Viel Veränderung würde nun auf mich zukommen (dachte ich), aber wollte ich das eigentlich?

Wohin die Veränderung geht, wußte ich nicht. Warum nicht so viel wie möglich in alter Form lassen? Da kannten ich und meine Gefühle sich aus.

Einerseits gab es Zögern/Angst beim Tun/Verändern, andererseits hatte ich keine (oder wenig) Geduld mit mir und meiner Trauer.

Im eigenen Wohnort die immer wieder still fragenden Blicke: Wie geht es ihm nun?
An fremden Orten (wenn ich mich mal aufgerafft hatte): Was mache ich nun eigentlich hier ? Hier würde ich doch am liebsten mit IHR zusammen sein.

Ich konnte zwar der Trauer bewußt begegnen, sie aber (leider) nicht beschleunigen. Das geschah durch Nach-Besuch der Kliniken, des Hospizes; durch Nachwandern der vielen letzten, beschwerlichen, gemeinsamen, ganz mühsamen (weil kurzatmigen) Spazierwege.

Da es mir nach diesen (schweren) Besuchen und Spaziergängen besser ging, wurde ich etwas geduldiger mit mir. Meine Frau war mir in jenen Augenblicken sehr nah und das tat mir sehr gut. Oder: Sollte ich mir nichts Gutes tun, indem ich diese schweren Besuche und Spaziergänge vermied? Jedes Mal war es eine Überwindung, jedes Mal erlebte ich die Trauer und die Nähe zu ihr etwas anders. Jedes Mal war es gut.

Es waren viele kleine und große Wiederholungen von gemeinsam Erlebtem nötig, um mich nach und nach von ihr verabschieden zu können. Auch die Trauer und die schmerzlichen Gefühle tauchten ganz allmählich in ein milderes Licht.

Aus dem Rückblick heraus hat mir sowohl mein ETWAS-TUN-WOLLEN in kleinen Schritten geholfen, als auch die schmerzlichen (liebevollen) Gefühle kommen und auch wieder gehen zu lassen. Mit den kleinen Schritten kam irgendwie und irgendwann der Mut zur Veränderung meiner Trauer.

Anregungen zu Veränderungen bekam ich viele durch Lesen, Gespräche und eigenes Nachdenken. Alles war mir willkommen. Umsetzen in einen für mich geeigneten neuen Lebensweg war zwar mühsam, aber ich bin froh, dass ich die Herausforderung angenommen habe. Ich weiss es, es ist auch in IHREM Sinne.

Shalom

Ich fand ich eine ganz bemerkenswerte Geschichte dazu:

ZITATANFANG:

Nikos Kazantzakis, Autor von "Zorbas, der Grieche" beschreibt in seiner Autobiographie folgendes Erlebnis:
Er fand eines Tages in der Rinde eines Olivenbaumes einen kleinen Kokon, aus dem gerade ein Schmetterling zu schlüpfen begann. Fasziniert und voller Ungeduld wollte er den Prozess des Schlüpfens beschleunigen und begann den Kokon mit seinem Atem zu erwärmen. Tatsächlich erreichte er so, dass der Schmetterling schneller aus dem Kokon schlüpfte. Durch die Beschleunigung hatte der Schmetterling aber nicht die nötige Sonnenbestrahlung mit ihrer geduldigen Wärme und lebensspendenden Energie bekommen. So lag er auf der Handinnenfläche des Schriftstellers, die Flügel hoffnungslos am eigenen Körper verklebt und Kazantzakis konnte nur noch zusehen, wie das Tier wenig später starb.
Diese kleine Geschichte lehrt uns viel darüber, dass Entwicklungsprozesse Zeit und Geduld benötigen. Nehmen Sie sich selbst alle Zeit, die Sie brauchen und seien Sie nachsichtig, wenn dies auch andere Menschen tun.

ZITATENDE

entnommen aus:

http://www.zeitzuleben.de/inhalte/pe/aktiv_leben/handwerk_2_3g.html

P.S.:

Andrea schrieb einmal in diesem Thread:

"... mir macht es eher Angst, dass ich gegebenenfalls etwas Wichtiges überhört oder übersehen haben könnte. Ich weiß nicht, wie sterben ist, ich war nur Begleiter so gut ich es konnte."

So sehe ich es auch.

Im Internet suchte ich dann Hinweise, ob MEIN WEG IN MEIN GEÄNDERTES LEBEN FÜR MICH RICHTIG IST, oder ob ich es hätte anders machen sollen, oder etwas übersehen habe.

Daher war und bin ich stets auf der "Suche" nach Anregungen und Hinweisen, wie ich auch MIT Trauer meinen lebenswerten Weg neu erarbeiten kann. Die Einstellung, die in der folgenden URL beschrieben ist, ist gar nicht so weit von meiner eigenen Haltung entfernt.

http://www.zeitzuleben.de/inhalte/pe/aktiv_leben/handwerk_1_einstellungen_1.html


Übrigens:

Mir gefallen einige Dinge aus der oben angegebenen Internet-Quelle recht gut, obwohl ich die Autoren nicht kenne und auch keines der dort zitierten Bücher besitze.

AndreaS
22.03.2006, 21:24
Mein lieber Shalom,

All diese Einstellungen, wunderbar. Ich trage sie in mir, ehrlich. Aber wie gesagt, mit der Umsetzung will es derzeit überhaupt nicht gelingen. Nicht heute. Keinen dieser Punkte würde ich heute auch nur annähernd gerecht.

Nikos Kazantzakis hat auch folgendes geschrieben:

„Was ist Liebe, meine Brüder?“ sagte er, die Hände wie zur Umarmung ausstreckend und zurückziehend.
„Sie ist mehr als Mitleid und Güte. Beim Mitleid sind zwei, der Leidende und der Mitleidende.
In der Güte sind zwei: der Gebende und der Nehmende.
Doch in der Liebe ist Einer, zu dem zwei verschmelzen. Sie werden untrennbar. Ich und du verschwinden.
Ich liebe, das bedeutet, ich gehe verloren.“
(Nikos Kazantzakis: Mein Franz von Assisi)

Hast du Alexis Sorbas gelesen Shalom. Eine wunderbare Lektüre. Für mich besonders die Stelle, als Alexis beschreibt, wie er Gott zur Rede stellen wird. Keineswegs Blasphemie, aber es hat mich davon überzeugt, dass nicht nur ich eines Tages Rede und Antwort stehen werde, sondern dass einige meiner Fragen vielleicht auch Beantwortung finden.

Morgen, morgen ist ein neuer Tag.

LG
Andrea,Stand heute: 8. Oktober 2004

shalom
23.03.2006, 09:07
Liebe Andrea,

gib Deiner Seele Zeit, sie trägt Dich und Du trägst sie. Helft Euch gegenseitig.

Es gibt keinen Grund an den „Abers“ zu verzweifeln. Ich glaube fest daran, daß dasjenige, was Du tust, Du für Deinen Mann UND für Dich tust. Und nur das zählt.

LG
Shalom

shalom
28.03.2006, 09:33
Hilfe in Trauersituation erbitten und dann auch bedenken und annehmen ist gar nicht so leicht.

In der Anfangszeit gab es nur sehr wenige, von denen ich meinte, sie verstünden wirklich meine persönliche Situation. Mein diffuses Ziel weiter "leben" zu wollen meinte ich zu kennen. Es war aber nicht die "Schuld" derjenigen, die mir helfen wollten, daß ich nicht alles übernehmen konnte. Ich konnte auch nicht alle hilfreichen Hinweise verstehen und für mich nachvollziehen. Aber ich war doch eigentlich ganz froh, daß überhaupt Äußerungen meiner Trauerbegleiter kamen. Dasjenige, was mir gut tat, habe ich übernommen, das für mich nicht Verwendbare habe ich zur Seite gestellt. Dabei habe ich mich bemüht, sorgsam mit meinen Trauerbegleitern umzugehen, denn mit oder ohne deren konkrete Hilfen: Es waren Begleiter und ich war mit meiner Trauer nicht alleine.

Die Hauptaufgabe, mein Leben neu zu gestalten, lag ganz allein bei mir selbst, auch wenn so mancher externer Hinweis hilfreich war.

Dennoch im Rückblick auf meine damalige Trauer und die Kommunikation in diesem Forum jetzt:

In Trauersituationen Verständnis füreinander zu entwickeln und echte Kommunikation miteinander zu pflegen war/ist gar nicht so leicht.

Vielleicht läßt sich die folgende Geschichte auf die (zeitweilige) Haltung/Situation von uns Trauernden und unseren Begleitern übertragen.

Typisch !?

Ein Mann fliegt alleine in einem Heißluftballon bei schönstem Wetter durch die Wolken und realisiert plötzlich, dass er die Orientierung verloren hat.
Er reduziert seine Höhe und erkennt schließlich einen Mann am Boden. Er lässt den Ballon noch weiter sinken und ruft dem Mann am Boden zu: "Entschuldigung, können Sie mir bitte helfen? Ich weiß nicht mehr, wo ich mich befinde."
Der Mann am Boden sagt: "Ja sicher. Sie befinden sich in ca. 15 - 20 m Höhe in einem runden, gelb-rot gestreiften Heißluftballon. Ihre aktuelle Position ist zwischen 40 und 42 Grad nördlicher Breite, und zwischen 58 und 60 Grad westlicher Länge."
"Sie müssen Ingenieur sein", sagt da prompt der Ballonfahrer.
"Ja, das ist richtig", antwortet der Mann. "Woher wussten Sie das?"
"Sehen Sie", sagt der Ballonfahrer, "alles, was Sie mir eben gesagt haben, ist bestimmt technisch korrekt, aber ich habe keine Ahnung, was ich nun mit Ihren Informationen anfangen soll. Daher weiß ich immer noch nicht, wo ich nun wirklich bin."
Der Ingenieur sagt hierauf: "Sie müssen ein Manager sein."
"Ja, das bin ich", antwortet der Ballonfahrer, "Und wie haben Sie das herausgefunden?"
"Also," erklärt nun der Ingenieur, "Sie wissen nicht, wo Sie momentan sind oder wohin Sie gehen. Sie haben ein Ziel definiert, von dem Sie nun keine Ahnung haben, wie Sie es erreichen können. Und nun erwarten Sie, dass ich Ihnen dieses Problem löse. Tatsache ist daher: Sie befinden sich in exakt derselben Position, in der Sie waren, bevor wir uns getroffen haben, aber irgendwie ist jetzt alles meine Schuld."

entnommen aus: http://www.zeitzuleben.de/inhalte/in/geschichten

shalom
29.03.2006, 09:26
Nachdenken (Nachfragen) über mich als immer noch Trauernden, der sich und seine Umgebung (auch hier im Forum) betrachtet:

Wenn ich schon mein Leben neu gestalten will (muß), was ist dann meine Orientierung ? Wenn ich mich nur an dem Verlust orientiere, wird der Teufelskreis der Trauer mich gefangen halten. Orientiere ich mich an dem gemeinsam erlebten schönen Dingen, fühle ich Wärme und Licht. So suche ich Tag für Tag etwas, das Licht und Wärme für mich bedeutet.

Wenn ich selbst Wärme und Licht in mir spüre, werden auch andere mich vielleicht wieder als lebend empfinden. Trauern macht meist einsam, wirkt unnahbar und abweisend.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Umgebung dann wieder auf mich zugehen konnte, als ich - langsam ins Leben zurückkehrend - auf sie zugehen konnte. Das war nicht immer so ganz leicht, aber irgendwie stimmt der Vergleich mit dem Bumerang (siehe das Zitat unten).

Was Zorn, Aggression, Depression über den erlittenen Verlust betraf, wollte ich nicht, daß mich jeden Tag die unbändige Wut packt und so mein tägliches Handeln, meine Stimmung, meine Worte bestimmt. Eine Zeitlang hatten Zorn, Aggression eine wichtige Reinigungsfunktion für meine Seelenlage, aber dann ? Dann war alles ausgesprochen, Zorn und Aggression waren in der Wiederholungsschleife, Änderung meiner Seelenlage: Null.

Da blieb dann bald nichts anderes übrig, als mich mit mir zusammenzusetzen und den Start meines weiteren Lebens zu bedenken. Das war/ist die Hauptarbeit, ziemlich mühsam, aber aber nach einiger Zeit dann auch erfolgreich.

Die innere Stimme zu hören, zu begreifen und von Störgeräuschen zu befreien, war nicht immer so einfach. Den Gedanken überhaupt Raum zu geben, sie zu entwickeln, sie zu ordnen, sie tragfähig zu machen für meine Art des weiteren Lebens hat Zeit, Beständigkeit und das Aushalten von Frustrationen und Rückschlägen gekostet.

Jeden Tag ein klein wenig Licht und Wärme waren der Antrieb und Motor für kleine Schritte in mein anderes Leben.

Shalom

P.S.

Einige der folgenden Sätze habe ich im Krebsforum gefunden, andere an verschiedenen Stellen im Internet .

Es ist besser, ein kleines Licht zu entzünden, als über große Dunkelheit zu klagen.

Höre ich auf meine innere Stimme,
weiß ich, was gut für mich sein möge;
lausche ich aber den vielen Stimmen anderer,
vergesse ich meine eigene, die gewichtigsten aller Stimmen.
(Jutta)

Das Leben ist wie ein Bumerang: man bekommt zurück, was man gibt.
(Dale Carnegie)

Wenige sind imstande, von den Vorurteilen der Umgebung abweichende Meinungen gelassen auszusprechen; die meisten sind sogar unfähig, überhaupt zu solchen Meinungen zu gelangen.
(Albert Einstein)

Denken ist die schwerste Arbeit, die es gibt. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, daß sich so wenig Leute damit beschäftigen.

Achte auf deine Gedanken,denn sie werden deine Worte.
Achte auf deine Worte,denn sie werden deine Handlungen.
Achte auf deine Handlungen,denn sie werden deine Gewohnheiten.
Achte auf deine Gewohnheiten,denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter,denn er wird dein Schicksal.
(Talmud)

AndreaS
29.03.2006, 10:00
Hallo trotz der Wolken, die sich einfach nicht verziehen wollen.

Bei mir ist mir aufgefallen, dass oftmals die Geduld fehlt auf unserem Weg. Der Kopf sieht eigentlich ganz klar, wie es sein sollte, aber die Gefühle spielen nicht mit.

Als ich noch ganz am Anfang stand, machte sich oftmals Panik breit (heute eigentlich auch manchmal noch). Wie soll es weitergehen, wie wird mein Leben aussehen? Wie kann es aussehen ohne meinen Partner zu verraten (das war und ist eigentlich bis heute für mich die schwierigste Frage)

Gedanken rasten durch meinen Kopf, von denen ich heute sage: Sie waren zu früh. Noch nicht die Zeit dafür. Aber das zu erkennen, braucht sie auch wieder, die Zeit. Schritt für Schritt. Anders geht es tatsächlich nicht. Akzeptieren, dass es ZEIT braucht, unendlich viel Zeit und Geduld, vor allem mit einem selber. Ich bin heute nicht mehr die Frau, die ich noch vor der Erkrankung meines Mannes war. Ich kann sie nicht mehr sein. Ich habe weder die Power noch die Ausgeleglichenheit, die ich hatte, um so sein zu können, wie ich einmal war. Meine Traurigkeit ist dominant, sie gehört mittlerweile zu mir und sie bremst mich aus. Auch das wieder erkennen, akzeptieren und versuchen, die Wertigkeit zu verschieben, das Anderssein nicht unbedingt zu verdammen, sondern "das Päckchen neu packen" das Gewicht anders verteilen, bis man wieder ins Gleichgewicht kommt.

Sich selbst Zeit geben, wo der Druck von außen so stark ist, ist schon beinahe ein Kunststück. Aber ich sage es mir immer wieder: Nimm dir Zeit, du bist noch nicht soweit.

Als Dieter vom Aussortieren erzählt hat, dachte ich auch wieder darüber nach. Nein, ich konnte es nicht, nicht sofort. Bloß nichts verändern, alles sollte so bleiben. Wenn Claus schon nicht mehr da war, sollte alles andere unverändert als Mahnmal verbleiben. 17 Monate dauerte es, diese Zeit hab ich mir genommen. Nun haben seine Schuhe Platz geschafft für meine. Ein wenig "Ordnung" in meinem neuen Leben. Seine Schuhe brauche ich nicht mehr, ich habe andere, unsichtbare Dinge. Jetzt aber erst.

Auch sein Wasserglas, das an seinem Bett stand an seinem Todestag. Unverändert, 17 Monate lang, regelmäßig Wasser nachgeschenkt, damit es nicht leer wird. Seine Lippen noch als Abdruck daran. Ich konnte es nicht wegräumen, brauchte es als sichtbares Zeichen, dass er noch bei mir ist. Auch das habe ich nun "entsorgt" Dieses eine Glas ist weg, aber es steht ein neues an seiner Bettseite, eines, das mir meine Tochter geschenkt hat mit dem Aufdruck "Ohne dich ist alles doof" (vielleicht kennt ihr das ja). Dieses "neue" Glas steht nun da und auch das fülle ich regelmäßig mit frischem Wasser auf. Ja, diese Zeit brauche ich noch. Aber vielleicht kann ich eines Tages auch in mein Bett gehen, ohne nachzuschauen, ob mein Mann auch wirklich noch genug Wasser hat.

Und ansonsten bete auch ich mir täglich vor: Lass positive Gedanken zu, damit sie zu dir zurückkommen. Oftmals gelingt es, das sind die Tage, an denen es mir (dadurch?) auch gut geht.

Mein Buchtip an dieser Stelle: Bestellungen beim Universum von Bärbel Mohr, ein wunderschönes Buch, das genau das beschreibt: Schick das Positive auf die Reise, und du wirst es bekommen.

Ich wünsche euch allen, dass jemand die Wolken wegschiebt (@Danke an der Stelle an einen lieben Menschen :remybussi )

LG
Andrea

shalom
29.03.2006, 10:30
Hallo liebe Andrea,

lass Dich einfach mal in den Arm nehmen und nun schauen wir Dein neues Wasserglas an, denn das alte Glas hat seine Funktion erfüllt. Ist Dein Wasserglas halbvoll oder halbleer ? Es ist nun ein anderes Glas. Jedes Mal, wenn Du das Glas wechselst, wird sich etwas verändert haben. Das ist ein schönes Symbol für Wechsel UND Beständigkeit.

Zu Licht, Wärme, Dunkelheit, Angst vor Veränderung passt vielleicht (aus der von mir "so innig geliebten" Geschichtensammlung ;) ) die folgende Begebenheit.

LG
Shalom


Die Angst der Kerze

Eines Tages kam ein Zündholz zur Kerze und sagte: "Ich habe den Auftrag, dich anzuzünden." "O nein!" erschrak da die Kerze. "Nur das nicht. Wenn ich brenne, sind meine Tage gezählt! Niemand mehr wird meine Schönheit bewundern!" Und sie begann zu weinen. Das Zündholz fragte: "Aber willst du denn dein Leben lang kalt und hart bleiben, ohne je gelebt zu haben?" "Aber brennen tut doch weh und zehrt an meinen Kräften", schluchzte die Kerze unsicher und voller Angst. "Das ist schon wahr." entgegnete das Zündholz. "Aber das ist doch auch das Geheimnis unserer Berufung: Wir sind berufen, Licht zu sein. Was ich tun kann, ist wenig. Zünde ich dich aber nicht an, so verpasse ich den Sinn meines Lebens. Ich bin dafür da, das Feuer zu entfachen. Du bist die Kerze. Du sollst für andere leuchten und Wärme schenken. Alles, was du an Schmerz und Leid und Kraft hingibst, wird verwandelt in Licht. Du gehst nicht verloren, wenn du dich verzehrst. Andere werden dein Feuer weitertragen. Nur wenn du dich versagst, wirst du sterben."
Da spitzte die Kerze ihren Docht und sprach voller Erwartung: "Ich bitte dich, zünde mich an."

entnommen aus: http://www.zeitzuleben.de/inhalte/in/geschichten

AndreaS
29.03.2006, 15:58
Hallo Shalom

zu deiner Frage Ist Dein Wasserglas halbvoll oder halbleer musste ich ein wenig schmunzeln, denn speziell bei dem Wasserglas freut es mich immer, wenn ich sehe, dass es wieder halbleer ist, denn wie gesagt bekennend fast "verrückt" vor Schmerz, habe ich keinen Zweifel daran, dass mein Mann nachts da gewesen ist und einen ordentlichen Schluck daraus getrunken hat, ;) Deshalb achte ich auch peinlichst genau darauf, dass immer zumindest genügend drin ist.

Was den Rest betrifft, so wechselt meine Empfindung, mit Tendenz zu halbvoll.

LG
Andrea, die Sonne kämpft

shalom
31.03.2006, 14:44
In verschiedenen Threads des Hinterbliebenen-Forums wurde gesprochen von den Farben der Trauer, die eben nicht nur aus SCHWARZ und WEISS bestehen, sondern man kann in Liebe und Erinnerung auch weichere und hellere Farben zulassen:

" Man muss in der Seele wie bei den Farben auf einem Gemälde das Heitere und Leuchtende in den Vordergrund stellen."
(Plutarch)

Das Dramatische und Entgültige tritt in den verblassenden Hintergrund und das gemeinsam wunderbar Erlebte gewinnt immer mehr an Bedeutung, wenn ich an meine Frau denke, je weiter ihr Todestag zurückliegt.

Ich denke sehr gerne an sie, ihr Lachen, ihre Lebendigkeit. Dann ist mir warm und hell. Dann geht es mir gut.

LG Shalom

Elly
12.04.2006, 01:11
Hallo Seelenverwandte,

lange habe ich nicht in das Forum geschaut.
Es war einfach zu schmerzhaft zu sehen, wie immer mehr lieb gewordene Menschen es nicht geschafft haben.

Zu meiner/unserer Geschichte:

Im Februar 2005 wurde bei meinem Mann Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert.
Unsere ganze Hoffnung setzten wir in eine OP. Aber leider waren schon zu viele Metastasen vorhanden, so dass die Whipple-OP nicht durchgeführt werden konnte.
Auch eine Chemotherapie war erfolglos gegen diesen Krebs.
Mein Mann verstarb im Juni 2005 im Alter von 55 Jahren.

In den 5 Monaten der Krankheit sind wir alle Wege der Krankheit, des Hoffens und Bangens gemeinsam gegangen, unsere beiden Kinder immer mit dabei.
Ich hatte das Glück, bis zur letzten Minute bei meinem Mann sein zu können. Wir konnten uns voneinander verabschieden. Das betrachte ich als das größte Geschenk Gottes. Mein Mann war nicht allein und das ist trotz des großen Verlustschmerzes ein Trost und ein Halt für das "Weiterleben".

Zur Trauer:

Kurz, es geht mir ganz genau wie Euch.
Freunde und Verwandte standen uns lieb und hilfreich zur Seite. Es hat uns alle zusammengeschweißt.
Doch die eigentliche Traurigkeit kann sicher nur ein Betroffener nachempfinden.
Das "Thema" wird kaum noch erwähnt, weil es ja schon eine Weile vorbei ist und die meisten nicht verletzten wollen, indem sie es wieder erwähnen.
Bin manchmal richtig traurig und auch wütend geworden, wenn immer wieder Sätze, wie:"Denk an Deine Kinder...", "Das Leben geht doch weiter, Du musst jetzt an Dich denken...", Versuch doch, nicht immer daran zu denken..." und noch ähliches...
Jetzt bin ich versöhnlicher gestimmt, weil ich einfach nicht von anderen verlangen kann, sich in meine Gefühlswelt hineinzuversetzen. Es kam mir aber ganz automatisch aus der Seele, dass sich doch alle Welt nach meinem Mann erkundigen müsste und auch danach, wie es mir geht. Mit seiner Trauer ist man allein und das ist auch gut so.
Trost finde ich bei genau den Gedichten und Geschichten, die Ihr aufgeschrieben habt. E. Kübler-Ross war sehr hilfreich zum Verstehen der Gedanken und Gefühle von Sterbenden.
Besonders aber ist mir Dietrich Bonhoeffer ein wichtiger Trauerbegleiter.
Seine Gedanken und besonders auch "Von guten Mächten..." trösten und spenden Hoffnung. "Von guten Mächten" war auch der Abschiedsspruch, den unser Pfarrer am Grab gesprochen hat.

Da während der Zeit der Krankheit meines Mannes auch noch meine Mutter Ende April 2005 verstarb und im November 2005 noch meine Schwiegermutter, sah ich mich am Ende meiner Kräfte. Plötzlich waren alle Menschen, die noch ein Bindeglied in die Vergangenheit darstellten, nicht mehr da. Auch da hat mir ein Gedicht von D. Bonhoeffer so sehr geholfen, nicht zu verzweifeln:

Ich glaube

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er
Menschen, die sich alles zum Besten dienen lassen.

Ich glaube,
das Gott uns
in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.

Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.

In solchem Glauben müsste
alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht
vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen
fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass
er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Dietrich Bonhoeffer


Im Moment erlebe ich meine Trauer sehr intensiv. Tagsüber bin ich an der Arbeit abgelenkt, muss mich konzentrieren.
Doch oft kommt die Traurigkeit anfallartig. Kann gar nichts dagegen machen und will es auch nicht. Die Gefühle muss ich spüren, um sie verarbeiten zu können. Das habe ich jetzt begriffen.

Wie Ihr auch, gehe ich alte Wege nun allein und nur so kann ich Ruhe finden.
Viele Freunde raten mir davon ab, mich wieder bewusst in diese schmerzlichen Erinnerungen zu stürzen.
Für mich sind sie ein sehr wichtiger Bestandteil meiner Trauer geworden und nur so bin ich in der Lage, Schritt für Schritt die Gedanken zu ordnen.

Es ist so wohltuend, Eure Beiträge zu lesen.
Besonders die Worte von Dir, "shalom" , haben mir geholfen, indem Du schreibst, dass wir das Produkt unserer Gedanken sind.
Wenn wir es wollen, können wir unsere Gedanken beeinflussen. Daran glaube ich auch. Es fällt sehr schwer, sich nicht gehen zu lassen.
Dankbarkeit, dass wir den Partner (32 Jahre Ehe) bei uns haben durften, ist das Ziel, das die Traurigkeit mildern oder sogar besiegen soll.
Nicht zusammen alt werden zu können, ist sehr schmerzhaft. Aber es ist eben Gottes Bestimmung gewesen. Mit Gottes Hilfe wird es auch weitergehen. Darauf vertraue ich bei all der Traurigkeit im Herzen.

Euch allen herzlichen Dank für Eure Worte. Viel Kraft!

Elly

shalom
13.04.2006, 15:17
Kritische Nachbetrachtung meiner hier im öffentlichen Forum geschilderten Trauerarbeit.

Es wurde meine "Nüchternheit", das "strukturierte" Vorgehen, die "gefühlsmäßige Distanz" und diverse andere Dinge angemerkt.

Es wurde die systematische Gliederung meines Erfahrungswegs hinterfragt, die dann zum Teil als "absolut setzend" und "missionierend" ankam. Dabei ist zu bedenken , daß ich nur den (gedanklich geordneten) Ablauf meiner Erfahrung, weniger die Rückschritte, Seitwärtsschritte usw. aus der zeitlichen Distanz beschrieben habe. Ich bin zudem erst drei Jahre nach dem Tod meiner Frau zum Krebsforum gestossen und habe dann im eigenen Thread meine Erfahrungen aus der Rückschau geschildert. Jetzt nach sechs Jahren ist die Bearbeitung meiner Trauer wieder ein Stück fortgeschritten.

Vernunft und Gefühl in Balance zu halten, war (ist) für mich schwierig. Neben anderen wichtigen Richtschnüren ist das Nachdenken, das Hinterfragen (das Einschalten der Vernunft) jedoch eine wesentliche Leitlinie in meinem beruflichen und auch privaten Leben. Gefühl und Vernunft miteinander wirken zu lassen war(ist) ein sehr mühsamer Prozeß. Ja, manchmal eilt die Vernunft dem Gefühl weit voraus, dann war es Zeit für mich, die Seele nachkommen zu lassen.

Die öffentliche Darstellung der eigenen Erfahrung mit Krankheits- (Trauer)erfahrungen und -konflikten (das habe ich wohl hier im Krebsforum lernen müssen) trifft Menschen in den unterschiedlichsten (und oft äußerst sensiblen und labilen) Seelenzuständen. Die konnte ich jedoch nicht in jedem Fall erahnen. Daher auch nachträglich meine Entschuldigung an die Teilnehmer in diesem Hinterbliebenenforum, daß ich durch die Darstellung MEINER Erfahrungen eventuell die Befindlichkeiten anderer "überrannt" habe.

Hier im Trauerforum sind eher Betroffene, die frisch trauern. So wie es mal in meine Richtung beschrieben wurde, lag mein Antrieb nicht darin, zu "missionieren" oder ein "Trauergesetz zu verkünden", sondern eher MUT zum Leben zu machen, geschildert an meinem Erfahrungsweg.

Wo und wie sich jeder hier wiederfindet (wenn überhaupt) um ein paar dieser persönlich geschilderten Schritte nachzuvollziehen, muß jedem selbst überlassen bleiben. Keiner muß sich durch die Erfahrungen anderer eingezwängt fühlen. Was für einen Trauernden geeignet erscheint, muß es für andere jedoch nicht unbedingt sein. Die Trauerexperten sprechen von Trauerphasen, aber diese Phasen gestalten sich für jeden Trauernden wohl ganz individuell oder auch mal ähnlich zu einem "Nachbartrauernden".

Es wurde meine "Nüchternheit" oder "Coolness" angesprochen.

Nüchternheit und systematische Gliederung meiner Aussagen sind sicher bei mir auch beruflich bedingt. Ich bin sensibel, aber nicht empfindlich. Wie man in verschiedenen Threads merken konnte, weiche ich auch Konflikten nicht aus, sondern spreche sie an. Dabei wurde von mir nicht die Art der Trauer, wohl aber die zeitweilige Art des öffentlichen Umgehens miteinander im Forum kritisiert. Ich habe ein Gespür dafür, wenn in der Kommunikation eine Schieflage auftritt. Da war ich auch nicht ganz alleine mit meiner Ansicht.

Die außerordentlichen Chancen in dieses Forum liegen darin, uns austauschen zu können, mitnehmen zu können, was wir benötigen, beiseite zu legen, was uns nicht geeignet erscheint.

Es ist doch eine gute Seite dieses Forums, sich zur Seite zu stehen. Dabei braucht Trauer sehr viel Zeit: für die Nachbearbeitung des bisherigen gemeinsamen Lebens mit unseren Verstorbenen, aber auch für das Nachdenken und für die Vorbereitung auf das weitere Leben nach dem traurigen Ereignis.

LG
Shalom

Alles hat seine Zeit

Es gibt eine Zeit der Freude,
Es gibt eine Zeit der Stille,
Es gibt eine Zeit des Schmerzes, der Trauer,
und eine Zeit der dankbaren Erinnerung.

shalom
15.04.2006, 09:32
Vielleicht lassen sich die folgenden Geschichten auch auf die Trauer und die Beobachtung(sweisen) der Wege aus der Trauer übertragen. Überall spielt die Zeit eine Rolle und damit die Veränderung.

Bis die Seele nachkommt

Ein europäischer Biologe hatte für eine Himalaja- Expedition eine Gruppe indischer Träger angeheuert. Der Forscher war in großer Eile, denn er wollte schnell an sein Ziel kommen. Nachdem die Gruppe den ersten großen Pass überschritten hatte, erlaubte er ihnen eine kurze Rast. Nach einigen Minuten rief er aber wieder zum Aufbruch. Die indischen Träger blieben aber einfach auf dem Boden sitzen, als hätten sie ihn gar nicht gehört. Sie schwiegen und ihr Blick war zu Boden gerichtet. Als der Forscher die Inder schärfer aufforderte, weiterzugehen, schauten ihn einige von ihnen verwundert an.
Schließlich sagte einer: "Wir können nicht weitergehen. Wir müssen warten, bis unsere Seelen nachgekommen sind."

Über das Sehen

Die Schüler hatten den Meister bereits eine Weile beobachtet und wollten nun von ihm wissen, welche Art der Meditation er denn jeden Morgen im Garten praktiziere. Der Meister antwortete ihnen: "Wenn ich aufmerksam schaue, sehe ich den Rosenstrauch in voller Blüte." Darauf fragte einer seiner Schüler:" Aber warum muss man denn aufmerksam schauen, um den Rosenstrauch zu
sehen? Die Blüten sind doch wirklich auffällig."
Der Meister lächelte und sagte dann: "Damit man wirklich den Rosenstrauch sieht, und nicht die eigene Vorstellung davon."

Die Schnecke und der Kirschbaum

Der Meister wurde einmal gefragt, ob er es nicht manchmal leid sei und sich entmutigt fühle, wenn all seine Mühe kaum Früchte trägt. Da erzählte er die folgende Geschichte: Es war einmal eine Schnecke, die sich an einem nasskalten, grauen und stürmischen Frühjahrstag aufmachte, am Stamm eines Kirschbaumes hinaufzuklettern. Die Spatzen, die überall im Garten saßen, lachten über die Schnecke und zwitscherten: "Du bist ja ein Dummkopf - schau doch, da sind überhaupt keine Kirschen am Baum! Warum machst du dir die Mühe, da hochzuklettern?" Die Schnecke kroch unbeirrt weiter und sagte zu den Spatzen: "Das macht mir nichts - bis ich oben angekommen bin, sind Kirschen dran!"

entnommen aus: http://www.zeitzuleben.de/inhalte/in/geschichten

shalom
02.05.2006, 15:11
Nachdenkliches zum Wechselspiel zwischen Verstand, Gefühl, Trauer und Glück

Wer meine Beiträge in diesem und anderen Threads verfolgt hat, konnte herauslesen, daß Gedanken UND Gefühle aktiv gewesen sind, wenn ich meine Beiträge schrieb.

Wer (Denken, Gefühl), Wann und Wie mal die augenblickliche Überhand hat und mein Verhalten damit steuert, ist nicht einfach vorher zu sagen.

Vielleicht ist eine "abgeklärtere" Darstellung nicht so leicht zu akzeptieren wie eine augenblickliche sehr gefühlsbetonte Stimmung.

Ich habe versucht in meinen Beiträgen offen und ehrlich dasjenige darzustellen, wie es mir aus jetziger Sicht und einer offenen Nachschau nun erscheint.

Ich will die Chance weiter zu leben NUTZEN. Das tue ich im Blick zurück in Liebe und nach vorne in Liebe.

Wege zum Leben (nach dem Tod meiner Frau) zu finden hieß auch MICH ZU ÖFFNEN ohne mich der Vergangenheit zu verweigern oder mir die Zukunft zu verbieten.

Es waren (sind) die kleinen Dinge, die mich glücklich machen konnten (können), wenn ich sie denn sehen (wollte) will. Es hing (hängt) sehr viel davon ab, wie ich die Welt sehe und erlebe. Vielleicht konnte (kann) ich mich durch meine Haltung zum Leben sogar für Glück öffnen und "vorbereiten" wieder zu LEBEN.

Glück ist gar nicht mal so selten,
Glück wird überall beschert,
vieles kann als Glück uns gelten,
was das Leben uns so lehrt.

Glück ist jeder neue Morgen,
Glück ist bunte Blumenpracht
Glück sind Tage ohne Sorgen,
Glück ist, wenn man fröhlich lacht.

Glück ist Regen, wenn es heiß ist,
Glück ist Sonne nach dem Guß,
Glück ist, wenn ein Kind ein Eis ißt,
Glück ist auch ein lieber Gruß.

Glück ist Wärme, wenn es kalt ist,
Glück ist weißer Meeresstrand,
Glück ist Ruhe, die im Wald ist,
Glück ist eines Freundes Hand.

Glück ist eine stille Stunde,
Glück ist auch ein gutes Buch,
Glück ist Spaß in froher Runde,
Glück ist freundlicher Besuch.

Glück ist niemals ortsgebunden,
Glück kennt keine Jahreszeit,
Glück hat immer der gefunden,
der sich seines Lebens freut.

(Clemens von Brentano)

Aus dem Zusammentreffen von
Vorbereitung und Gelegenheit
entsteht das, was wir Glück nennen.

(Anthony Robbins)


Mit lieben Grüßen
Shalom

AndreaS
02.05.2006, 16:20
Hallo Shalom

und da wir gerade vom Glück reden, möchte ich mal wieder PeWerner zitieren, die in einem ihrer Lieder ganz einfach sagt:

Glück ist im Grunde
nur eine Frage der Balance.

Ich finde, diese Aussage trifft es genau auf den Punkt. Die Balance wiederzufinden, wenn das Schicksal dir den Boden unter den Füßen wegzieht, ja, ich denke, das ist Glück!

LG
Andrea

shalom
08.05.2006, 10:52
Im Krebskompass auf der Seite "Gedenkseite - Place of Memory" für TinaNRW habe ich folgendes Gedicht gesehen und als sehr tröstlich empfunden, denn das Leben meiner verstorbenen Frau war nicht umsonst.

Nichts war umsonst

Nichts war umsonst
Wenn wir einmal gehen müssen - was bleibt?
Ist es die Liebe,
die wir in andere Herzen gelegt haben;
ist es die Hoffnung,
die wir anderen Menschen geschenkt haben;
ist es der Glaube,
der uns auf ein Wiedersehen hoffen lässt;
ist es der Trost,
den wir verbreitet haben;
ist es der Gedanke an unsere Arme,
die uns beschützt haben;
sind es die schönen Worte,
die wir gesprochen haben?
Das alles bleibt - nichts war umsonst.

(Hildegard Peresson)

shalom
10.05.2006, 08:57
Nach meiner damaligen Trauer eine stabile Einstellung zum LEBEN zu finden war nicht einfach, aber es war möglich. Und irgendwie stimmt er schon der denkwürdige Satz:

Du wirst so werden, wie Du Dich siehst.

Irgendwann habe ich mich entschlossen, freundlich mit mir zu sein.

Und das Surfen im Internet scheint es zu bestätigen:

Wenn du nicht freundlich zu dir bist, wer soll es dann sein? Die anderen? Die haben genug mit sich selbst zu tun. Also mußt du schon selbst anfangen.

Hast du einmal darauf geachtet, wie oft du negativ oder abfällig oder kritisierend über andere sprichst? Und wie oft sprichst du auf die selbe Weise mit dir selbst! Achte einmal darauf, was du so den ganzen Tag lang zu dir selbst und zu anderen sagst, im stillen wie auch laut; wenn du einen Tag lang ein Aufnahmegerät bei dir trügest und es abends abhörtest, wärst du sicherlich sehr erstaunt - oder gar erschrocken.

Wandel geschieht; Veränderung geschieht - Leben geschieht. Du kannst dich dagegen wehren und mitgerissen werden. Und du kannst es annehmen, dich darüber erheben und mitfließen. Es ist deine Wahl.

Willst du zufrieden sein, dann finde drei Dinge, für die du dankbar bist; willst du glücklich sein, dann finde 10 Dinge, für die du dankbar bist; willst du erleuchtet sein, dann sei für alles dankbar.

gefunden in: http://daily.joy4u.net/

LG Shalom

shalom
15.05.2006, 09:36
Warum nicht nochmals zurückblicken ?!

Warum nicht nochmals zurückblicken, wie es damals während der Zeit der Krankheit war (Ich habe die folgenden Sätze in einem ganz anderen Thread dieses Forums mal auf eine Nachfrage geschrieben.):

Durch eine Krebserkrankung wird so etwa alles einer Belastungsprobe unterzogen, was vorher selbstverständlich und stabil war. Es ist auch so, daß einem der Boden unter den Füßen entzogen wird. Meine Frau und ich haben damals sehr viel nachgedacht, sehr viel geschwiegen, sehr viel miteinander gesprochen. Es klingt so banal, aber jeder von uns mußte erst neu herausfinden, wie mit der Krankheit und wie miteinander umgehen. Nichts war mehr so, wie es vorher war. Jeder war auch sehr viel mit sich selbst beschäftigt, oder anders ausgedrückt: auf sich focussiert.

Das Meiste mußte neu austariert werden: Kontakte zu Verwandten und Freunden, die Selbstgestaltung des Tagesablaufs meiner Frau (jeden Tag aufs Neue mit sehr viel Zeit zum Grübeln), die Neugestaltung von Nähe und Distanz (im allgemeinen täglichen Umgang, im Erotischen, im Sexuellen) zwischen uns beiden mit häufiger emotionaler Rückversicherung. In den beschwerlichen Phasen ihrer Krankheit und bei den Nachwirkungen der schweren Chemos versuchte ich ihr alles Erdenkliche abzunehmen, sie jedoch wollte aus verständlichen Gründen nicht die Kontrolle über sich und ihre Umgebung komplett abgeben. Sie hat mir liebevoll signalisiert, daß sie sich ein wenig "overprotected" fühlte, und dies oder jenes selbst wieder in den Griff bekommen wollte.

Es gibt so viele Dinge, die ich als Gesunder mal eben schnell gemacht habe, für sie war jedoch jede kleine Aktion eine selbst vollbrachte Leistung und machte ihr Mut: Das kann ich schon wieder.

Es sind die vielen kleinen alltäglichen Dinge und der neue Umgang mit ihnen gewesen, die zeigten, ob ich/wir sensibel füreinander waren. Die "großen" Fragen standen dabei immer im Raum: Wie geht es weiter ? Was ist wenn ? Auch das haben wir nicht ausgeklammert. Zeit zum Nachdenken gab es ja viel, aber auch wunderschöne unbeschwerte GEMEINSAME Erlebnisse trotz Krankheit. Und genau die sind es, von denen ich jetzt noch zehre.

Es (war) ist eine sehr intensive, schwere und dabei sehr schöne Zeit, füreinander da zu sein. Diese gemeinsam erlebte Zeit (war) ist nicht wiederholbar, also lohnt(e) es sich bewußt und intensiv gemeinsam zu leben.

Vieles mußte neu austariert werden NACH der Krankheit, in der Zeit der Trauer, in der Zeit des Wieder-neu lebens-Wollens. Dabei hat mir die gemeinsame Zeit während der Krankheit sehr geholfen.

Liebe Grüße
Shalom

shalom
23.05.2006, 11:25
Nachdenkliches aus verschiedenen Quellen zum "Tod als Freund" und zur Schwierigkeit zu uns selber zurück zu finden nach dem Tod eines geliebten Menschen.

Anfang der Zitate:

Nach Henri J. M. Nouwen besteht unsere Aufgabe darin, uns mit dem Tod anzufreunden.

"Menschen, die sich mit dem Tod angefreundet haben, können der eigenen Sterblichkeit ins Gesicht sehen und sich für das Leben frei entscheiden".
(Henri Nouwen, "Sterben um zu leben", Herder-Verlag, Freiburg)

Diese Menschen bekommen einen neuen Blick auf das Ziel und laufen "befreit auf". Ich kann mich mit dem Tod anfreunden, wenn ich von Menschen höre, die in Würde ins Ziel gelangt sind. Das gibt mir Kraft, selber weiter zu laufen. Ich kann mich mit ihnen freuen und sie als Vorbilder für mein eigenes "Rennen" nehmen.

Der Psychoanalytiker Erich Fromm hat vor Jahren das Buch "Authentisch leben" verfasst. Seine Kernaussage kann man kurz auf den Nenner bringen, "dass wir nur dann zu einem glücklichen und erfüllten Leben finden, wenn wir authentisch leben." Das geschieht laut Fromm, "wenn wir aus uns selbst heraus leben und Entscheidungen treffen, und nicht bloß die Erwartungen von außen erfüllen."

"Nicht was man gedacht hat hält, nur was man gefühlt hat. Jeder Dank und jedes Gefühl bleiben gebunden an mich. Alles kommt auf mich zurück.

Authentisch sein (Ich selbst sein) heißt zur Ruhe kommen."

Ende der Zitate

shalom
09.06.2006, 15:16
Zum "Zu-mir-selber-finden" während/nach Krankheit und Sterben meiner Frau gehörte für mich das "Sich-Zeit-nehmen", denn ich habe die Möglichkeit weiterzuleben als Chance angesehen und nicht als Last.

Es ist (war) schwer, aber für mich ist es sehr lohnend, sich auf das neue Leben einzulassen, wenn ich die Zeit, die ich habe (mir verbleibt) nutze. Zurückblicken und Nach-vorne-Schauen wechseln sich dabei stetig ab. Das Zurückblicken bringt immer mehr die unauslöschlich wertvollen gemeinsamen Ereignisse zurück, während die schweren und traurigen Ereignisse zwar immer präsent sind, aber an Dunkelheit und Schwere abnehmen.

Trauer zulassen können, Glück an mich heranlassen, den neuen Lebensschwerpunkt suchen/finden brauchte ZEIT, viel ZEIT.

Vielleicht ist auch das mit der Suche nach einem neuen "authentischen" Leben gemeint.

Ich denke in grosser Dankbarkeit an die gemeinsame mehr als 30jährige Zeit zurück, die ich mit meiner verstorbenen Frau erleben konnte. In wenigen Tagen jährt sich zum 6. Mal der Tag der unerbittlichen und endgültigen Trennung.

LG
Shalom



Ich wünsche Dir Zeit


Ich wünsche Dir nicht alle möglichen Gaben.
Ich wünsche Dir nur, was die meisten nicht haben:
Ich wünsche Dir Zeit, Dich zu freu'n und zu lachen
und wenn Du sie nützt, kannst Du etwas d'raus machen.

Ich wünsche Dir Zeit für Dein Tun und Dein Denken,
nicht nur für Dich selbst, sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche Dir Zeit - nicht zum Hasten und Rennen,
sondern die Zeit zum Zufrieden-sein-können.


Ich wünsche Dir Zeit - nicht nur so zum Vertreiben.
Ich wünsche sie möge Dir übrigbleiben
als Zeit für das Staunen und Zeit für Vertrau'n
anstatt nach der Zeit auf der Uhr nur zu schau'n.


Ich wünsche Dir Zeit, nach den Sternen zu greifen,
und Zeit, um zu wachsen, das heißt, um zu reifen.
Ich wünsche Dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.
Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.


Ich wünsche Dir Zeit, zu Dir selber zu finden,
jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.
Ich wünsche Dir Zeit, auch um Schuld zu vergeben.
Ich wünsche Dir Zeit: Zeit haben zum Leben!


(Elli Michler)

entnommen aus dem Thread "Gedanken und Gedichte"

shalom
21.06.2006, 15:02
Nach der Trauer und mit der Trauer;Nachdenkliches zum Umgang mit dem Glück und der wichtigen Aufgabe des Neu-Zu-sich-selber-Findens.


Glück


Glück - sag mir was ist das denn nun?
Glück - tut das vielleicht weh?
Glück - hat das was mit Pech zu tun?
Glück - erklär’s mir doch, damit ich’s versteh.

Glück, das kann man nicht beschreiben,
man muss es einfach spüren.
Glück, das kann man nicht betreiben,
man kann es höchstens fühlen.

Glück, manch einer will es buchen,
doch das geht leider nicht.
Glück, du kannst es ja versuchen,
doch scheitern wirst du sicherlich.

Glück, manch einer hat es schon,
ohne es zu wissen.
Glück, das ist ein hoher Lohn,
und niemand will ihn missen.

Glück liegt meistens in dem kleinen,
wo man es nicht erwartet,
Glück, ja es wird so scheinen,
dass es dort auf dich wartet.

(unbekannt (Brecht?))
aus: www.schreibart.de



Einstimmung und Vorbereitung auf das Glück

Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen", sagte der Fuchs.

"Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein, je mehr die Zeit vergeht, um so glücklicher werde ich mich fühlen. Um vier Uhr werde ich mich schon aufregen und beunruhigen; ich werde erfahren, wie teuer das Glück ist.

Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll... Es muß feste Bräuche geben."
"Was heißt fester Brauch' ?" sagte der kleine Prinz.
"Auch etwas in Vergessenheit geratenes, sagte der Fuchs.
"Es ist das, was einen Tag vom andern unterscheidet, eine Stunde von den andern Stunden.
Es gibt zum Beispiel einen Brauch bei meinen Jägern. Sie tanzen am Donnerstag mit den Mädchen des Dorfes. Daher ist der Donnerstag der wunderbare Tag. Ich gehe bis zum Weinberg spazieren.

Wenn die Jäger irgendwann einmal zum Tanze gingen, wären die Tage alle gleich und ich hätte niemals Ferien.

aus: „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry


Alles wandelt sich

Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.
Aber was geschehen, ist geschehen. Und das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten.
Was geschehen, ist geschehen. Das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten, aber
Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.
- Bertolt Brecht

Morgens und abends zu lesen

Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht.
Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg und
Fürchte mich vor jedem Regentropfen
Daß er mich erschlagen könnte.
- Bertolt Brecht

aus http://www.worte-projekt.de/brecht.html

Der folgende Text stammt aus:

Der träumende Delphin

Es kommt eine Zeit im Leben, da bleibt einem nichts anderes übrig, als seinen Weg zu gehen.
Eine Zeit, in der man die eigenen Träume verwirklichen muß.
Eine Zeit, in der man endlich für die eigenen Überzeugungen eintreten muß.
Gerade in der größten Verzweiflung hast Du die Chance, Dein wahres Selbst zu finden. Genauso wie Träume lebendig werden, wenn Du am wenigsten damit rechnest, wird es mit Antworten auf jene Fragen sein, die Du nicht lösen kannst. Folge Deinem Instinkt wie einem Pfad der Weisheit, und laß Hoffnung Deine Ängste vertreiben.
Die meisten von uns sind nicht in der Lage, über ihre Mißerfolge hinwegzukommen; deshalb gelingt es uns auch nicht, unsere Bestimmung zu erfüllen. Es ist leicht, für etwas einzutreten, das kein Risiko birgt.
Vielleicht bedeutet Liebe auch lernen, jemand gehen zu lassen, wissen, wann es Abschiednehmen heißt. Nicht zulassen, daß unsere Gefühle dem im Weg stehen, was am Ende wahrscheinlich besser ist für die, die wir lieben.
Neue Welten zu entdecken wird Dir nicht nur Glück und Erkenntnis, sonder auch Angst und Kummer bringen. Wie willst Du das Glück wertschätzen, wenn Du nicht weißt, was Kummer ist? Letztlich liegt die große Herausforderung des Lebens darin, die Grenzen in Dir selbst zu überwinden und so weit zu gehen, wie Du Dir niemals hättest träumen lassen.
Träume bedeuten vielleicht ein hartes Stück Arbeit. Wenn wir versuchen, dem auszuweichen, können wir den Grund, warum wir zu träumen begannen, aus den Augen verlieren, und am Ende merken wir, daß der Traum gar nicht mehr uns gehört. Wenn wir einfach der Weisheit unseres Herzens folgen, wird die Zeit vielleicht dafür sorgen, daß wir unsere Bestimmung erfüllen.
Denk daran:
Gerade wenn Du schon fast aufgeben willst, gerade wenn Du glaubst, daß das Leben zu hart mit Dir umspringt, dann denk daran, wer Du bist.
Denk an Deinen Traum.
Es gibt Dinge, die Du mit den Augen nicht sehen kannst. Du mußt sie mit dem Herzen sehen, und das ist das Schwierige daran. Wenn Du zum Beispiel in Dein Inneres blickst und spürst, daß dort ein junges Herz schlägt, werdet ihr beide mit Deinen Erinnerungen und seinen Träumen losziehen und einen Weg durch jenes Abenteuer, das man Leben nennt, suchen, stets bestrebt, das Beste daraus zu machen. Und Dein Herz wird niemals müde werden oder alt .............
Durch unsere Entscheidungen definieren wir uns selbst. Allein durch sie können wir unseren Worten und Träumen Leben und Bedeutung verliehen. Allein durch sie können wir aus dem, was wir sind, das machen, was wir sein wollen.
Dort, wohin Du gehst, gibt es keine Wege, keine Pfade, Du kannst nur Deinem Instinkt folgen. Du hast die Zeichen beachtet und bist endlich angekommen. Nun mußt Du den großen Sprung ins Unbekannte wagen und selbst herausfinden:
Wer im Unrecht ist.
Wer im Recht ist.
Wer Du bist.
Einige Dinge werden immer stärker sein als Zeit und Raum, wichtiger als Sprache und Lebensart. Zum Beispiel, Deinen Träumen nachzugehen und zu lernen, Du selbst zu sein. Mit anderen das wunderbare Geheimnis zu teilen, das Du entdeckt hast.
(von Sergio Bambaren)

gefunden in: www.gomah.de

AndreaS
22.06.2006, 09:48
Lieber Shalom

vielen Dank für die wunderbare Geschichte vom "träumenden Delphin"

Ich habe sie ausgedruckt und werde sie meiner Tochter mitgeben, wenn sie nächste Woche für 4 Monate ins Ausland geht. Eigentlich steht dort alles drin, was ich ihr noch zu sagen hätte. "Geh wohin dein Herz dich trägt", eigentlich ganz einfach, oder?

LG
Andrea

shalom
05.07.2006, 10:00
In Trauer und in Freude kann ich den Gedanken von Jörg Zink zustimmen, mich sensibel zu halten für von mir nicht beinflußbare Veränderungen, sie zuzulassen und mich ihnen zu stellen.

Die Gedanken von Jörg Zink helfen mir, den Tod meiner Frau und die Chance meines Weiterlebens gelassener einzuordnen in eine übergeordnete Richtschnur für mein Leben.

LG
Shalom


Wie ein Morgenlicht

"Ich wünsche dir nicht ein Leben
ohne Entbehrung,
ein Leben ohne Schmerz,
ein Leben ohne Störung.
Was solltest du tun
mit einem solchen Leben?

Ich wünsche dir aber,
dass du bewahrt sein mögest
an Leib und Seele.
Dass dich einer trägt und schützt
und dich durch alles,
was dir geschieht,
deinem Ziel entgegen führt

Dass du unberührt bleiben mögest von Trauer,
unberührt vom Schicksal anderer Menschen,
das wünsche ich dir nicht.
So unbedacht soll man nicht wünschen.

Ich wünsche dir aber,
dass dich immer wieder etwas berührt,
das ich dir nicht recht beschreiben kann.
Es heißt Gnade.

Es ist ein altes Wort, aber wer sie erfährt,
für den ist sie wie ein Morgenlicht.
Man kann sie nicht wollen und erzwingen,
aber wenn sie dich berührt, dann weißt du:
Es ist gut."

- Jörg Zink -

aus Nina Hopes Thread: Worte, die gut tun"

shalom
25.07.2006, 09:10
Wer meine Beiträge zu meiner eigenen Trauerbewältigung kennt, weiß, daß ich vieles (auch die Trauer) aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet habe und noch immer betrachte.

Geholfen haben mir ganz sicher eine positive Lebenseinstellung, mein Bestreben AKTIV Situationen bestehen zu können und der Wunsch/Wille Situationen (auch der Trauer) nicht restlos ausgeliefert zu sein.

Beim Lesen eines kleinen Artikels über Wut und Aggression

http://www.zeitzuleben.de/go?tk348

kam mir der Gedanke, diese Überlegungen auf TRAUER zu übertragen.

Im Sinne dieses Artikels wurde ich zwar in die Trauersituation hineingeworfen, aber es lag an mir, wie ich damit umging und welche Entscheidungen und aktiven Handlungen ich unternahm, um mit der Trauer umzugehen.

In der Nachreflexion habe ich wohl in der ersten Zeit nach dem Tod meiner Frau instinktiv für mich Aktivitäten ergriffen, die mir weitergeholfen haben. (Zur damaligen frischen Trauerzeit habe ich ganz gewiß nicht an Reflexion über meine Handlungen gedacht!) Ich habe mich wohl Eingebungen folgend daran gegeben, Plätze (Kliniken, Hospiz) und die für sie inzwischen mühsamen Wege aufzusuchen, die wir in sehr schwerer Zeit beschritten haben. Ich habe sehr viel geweint, sehr viel Nähe zu ihr gespürt, sie war unsichtbar bei mir.

Einserseits war ich in großer Trauer, ich wollte nichts verdrängen und andererseits sollte die Trauer mich nicht absolut beherrschen. So habe ich für mich den Schritt gewagt, mich "kontrolliert" in Situationen zu begeben, die mit Schwermut und Tränen verbunden waren. Dabei konnte ich gut verfolgen, was und wie meine Seele die Trauer aufnahm und wie es mir dabei ging. Jedes Mal war es schwer, jedes Mal wurde jedoch auch ein wenig Erleichterung spürbar.

Oder wenn mich einmal Trauerwolken überkommen haben, so habe ich sie betrachtet, mich gefragt, wieso sie jetzt gerade über mir sind, habe geweint und irgendwann war die Wolke weitergezogen. Als Wolkenschieber wollte und konnte ich mich nicht betätigen.

Es eröffnete sich mir ganz allmählich die Einsicht, daß wir alles getan hatten, was WIR tun konnten und das es gut für sie war, die zerbrechliche Hülle verlassen zu dürfen. Wir haben unser gemeinsames Leben als zeitlich befristetes Geschenk ansehen können. Wir wären gerne gemeinsam alt geworden.

Die Entscheidung und Freiheit meiner Frau während der Krankheit und während des Abschieds beistehen zu können war schwer für meine Seele, aber selbstverständlich. Die AKTIVE Entscheidung und Freiheit aus/in der Trauer für mein eigenes weiteres Leben war/ist eine große Herausforderung für mich. Ich lebe bewußt die mir geschenkte Zeit, die mir zusammen mit meiner Frau leider nicht vergönnt war.

LG
Shalom

shalom
01.08.2006, 16:12
In einer zentralen zeitlichen Phase eines anderen Threads im Hinterbliebenenforums
http://www.krebs-kompass.org/Forum/showthread.php?t=15469
wurde neben anderen wichtigen Punkten heftig diskutiert, ob und wie religiöse Sichtweisen der Sterbe- und Trauerbegleitung, sowie Rituale, Trauerphasen eine Bedeutung nur für die Bearbeitung der Einzelschicksale haben oder etwa sogar generalisierbar sind.

Für meine diesbezüglichen Beiträge bin ich kritisiert worden, obwohl es klar ersichtlich war, daß ich nur für mich selbst sprechen kann und Vorzüge oder Nachteile einer religiös orientierten Lebenshaltung nur für mich ersehen kann und andere Menschen das vielleicht ganz anders sehen.

Entsprechend sensibilisiert habe ich einen anderen Thread hier verfolgt, der sich damit befasste, wie Kranke/Betroffene mit ihrer Sondersituation umgehen:

http://www.krebs-kompass.org/Forum/showpost.php?p=224855

Da hat es mich dann getrieben, mich doch zu äußern. Leider gibt es meines Erachtens KEINE eindeutige WENN - DANN Beziehung von Handlungen , die hinreichend wäre, um aus der Krankheit wieder Gesundheit und aus der Trauer wieder Lebensfreude zu machen.

http://www.krebs-kompass.org/Forum/showpost.php?p=303138&postcount=51
http://www.krebs-kompass.org/Forum/showpost.php?p=306495&postcount=57

Wir - Kranke, Betroffene, Trauernde - können gegebenfalls durch Religion, Psychologie, Esoterik usw. schwierige Situationen besser bewältigen, diese Handlungsoptionen nehmen jedoch nicht aus sich heraus Krankheit und Trauer fort.

Es liegt nicht in unserer Macht wieder gesund zu werden, aber manchmal können wir feststellen, was uns krank macht. Psychologie (auch Psychoonkologie) kann vielleicht helfen, unsere Einstellung zu uns selbst (damit auch zu Sondersituationen wie Krankheit, Tod, Trauer, schwere Konflikte) zu überprüfen und eigene Verhaltensänderungen zu erleichtern oder zu beschleunigen.

Neue Erkenntnisse dabei über uns selbst zu gewinnen ist schon nicht einfach, geschweige denn unsere Haltungen trotz/wegen der neuen Erkenntnisse zu ändern. Aber es lohnt sich, an sich zu arbeiten, um vielleicht wieder Lebensqualität zu erreichen, oder unabänderliche Situationen besser zu ertragen.

NUR: Arbeiten an/für mich kann ich nur für mich selbst, es wird mir niemand etwas abnehmen. Tue ich das in ganz kleinen Schritten, ist es vielleicht möglich, jeden Tag für mich einen Lichtblick geschenkt zu bekommen. Und Licht/Wärme möchte ich schon in mein Herz lassen.

LG
Shalom

shalom
19.08.2006, 11:17
In Modifikation eines meiner Beiträge aus dem Thread "Trauernde Männer":

Aus trauernden Männern können auch wieder glückliche Männer werden, wenn sie es denn zulassen.

Vergangenes zu bewältigen, Jetziges zu gestalten und Zukünftiges vorzubereiten: all das schließt sich nicht aus und ist ganz sicher nicht gegen die geliebten Menschen gerichtet, die wir verloren haben. Ich vermute mal, es wäre sogar im Sinne unserer Verstorbenen, uns wieder lebensfroh und glücklich zu sehen (in meinem eigenen Fall, weiß ich es ganz sicher). Wir können können nun nichts mehr aktiv für unsere geliebten Verstorbenen tun, wohl aber für uns, die wir weiterleben. Es fällt anfangs sehr schwer, einen neuen Lebenssinn zu finden. Es stehen zu viele WARUMs im Raum und im Wege. Auch die Beantwortung der WIEs gelingt nur ganz allmählich. Aber es lohnt sich, den eigenen neuen Weg zu suchen und zu gestalten.

Aus eigener Erfahrung: Ein Spagat der Gefühle bedeutet es schon und Arbeit ist es ganz gewiß auch, sich für neues Glück zu öffnen. Es lohnt sich doch sein eigenes Leben mit dem Geschenk der Gesundheit zu gestalten, oder etwa nicht? Es braucht Zeit sich zuzugestehen, daß man es (z.B. das Leben, neue Liebe usw.) genießen darf, auch ohne Schuldgefühle zu haben. Als ich mir zugestand jeden Tag zu genießen zu dürfen, konnte ich mich auch wieder eher öffnen und am Leben teilnehmen.

Um es mal anders und profan auszudrücken: Mein persönliches Koordinatensystem wurde durch die große Trauer, ein wunderbares neues Glück, die gleichzeitige Bearbeitung von beidem (Trauer UND Glück) ganz ordentlich durchgerüttelt, aber der innere Schwerpunkt ist mir trotz aller Stürme nicht verloren gegangen. Deshalb kann ich mir auch vertrauen, daß der Weg, den ich nun eingeschlagen habe, für mich der richtige ist.

Daher wünsche ich auch jedem die Zuversicht, Beständigkeit und Zufriedenheit, sein Glück (leben zu dürfen) genießen zu können in kleinen Abschnitten: Schritt für Schritt.

LG
Shalom

shalom
11.09.2006, 15:55
Nachdenklich lasse ich die verschiedenen Aspekte meiner Trauer und auch der später wiederkehrenden Lebensfreude in meiner Seele vorbeiziehen. In der Zwischenzeit fällt es mir immer schwerer die Abläufe in eigene verständliche Worte zu fassen. Aspekte meiner Verarbeitung werden aber ganz gut wiedergegeben in Geschichten, die andere viel besser schreiben können.

Auch wenn ich den "Stammtisch" als stiller Mitleser begleite und manche Ähnlichkeiten zu meinen Abläufen sehe, so kann und will ich hier in diesem Thread einfach nur für mich selber sprechen. Bei manchen Geschichten ist die Nähe zum eigenen Trauer- und Lebensverhalten wirklich nicht von der Hand zu weisen.

LG
Shalom

Die Insel der Gefühle

Vor langer Zeit existierte einmal eine wunderschöne, kleine Insel. Auf dieser Insel waren alle Gefühle der Menschen zu Hause: Der Humor und die gute Laune, die Traurigkeit und die Einsamkeit, das Glück und das Wissen und all die vielen anderen Gefühle. Natürlich lebte auch die Liebe dort.

Eines Tages wurde den Gefühlen jedoch überraschend mitgeteilt, dass die Insel sinken würde. Also machten alle ihre Schiffe seeklar, um die Insel zu verlassen. Nur die Liebe wollte bis zum letzten Augenblick warten, denn sie hing sehr an ihrer Insel.

Bevor die Insel sank, bat die Liebe die anderen um Hilfe.

Als der Reichtum auf einem sehr luxuriösen Schiff die Insel verließ, fragte ihn die Liebe: "Reichtum, kannst du mich mitnehmen?"

"Nein, ich kann nicht. Auf meinem Schiff habe ich sehr viel Gold, Silber und Edelsteine. Da ist kein Platz mehr für dich."

Also fragte die Liebe den Stolz, der auf einem wunderbaren Schiff vorbeikam. "Stolz, bitte, kannst du mich mitnehmen?"

"Liebe, ich kann dich nicht mitnehmen", antwortete der Stolz, "hier ist alles perfekt und du könntest mein schönes Schiff beschädigen."

Als nächstes fragte die Liebe die Traurigkeit: "Traurigkeit, bitte nimm du mich mit."

"Oh Liebe", sagte die Traurigkeit, "ich bin so traurig, dass ich allein bleiben muss."

Als die gute Laune losfuhr, war sie so zufrieden und ausgelassen, dass sie nicht einmal hörte, dass die Liebe sie rief.

Plötzlich aber rief eine Stimme: "Komm Liebe, ich nehme dich mit."

Die Liebe war so dankbar und so glücklich, dass sie ganz und gar vergaß, ihren Retter nach seinem Namen zu fragen.

Später fragte die Liebe das Wissen: "Wissen, kannst du mir vielleicht sagen, wer es war, der mir geholfen hat?"

"Ja sicher", antwortete das Wissen, "das war die Zeit."

"Die Zeit?" fragte die Liebe erstaunt, "Warum hat mir die Zeit denn geholfen?"

Und das Wissen antwortete: "Weil nur die Zeit versteht, wie wichtig die Liebe im Leben ist."

Entnommen aus:
http://www.zeitzuleben.net/artikel/geschichten/gefuehle.html

weitere Geschichten:

http://www.zeitzuleben.net/artikel/geschichten/ueber-das-glueck.html
http://www.zeitzuleben.net/artikel/geschichten/dunkelheit.html
http://www.zeitzuleben.net/artikel/geschichten/korb.html
http://www.zeitzuleben.net/artikel/geschichten/zufriedenheit.html

shalom
05.10.2006, 15:58
Immer wieder die Frage nach der Verarbeitung der Trauer und dem Loslassen.

Meine persönliche Erfahrung ist es, daß ich schmerzhaft lernen mußte, Abschied zu nehmen und auch loszulassen und zwar schon VOR dem Tod meiner Frau. Für uns beide gab es geschenkte Zeit, uns auf das Unabänderliche vorzubereiten.

NACH ihrem Tod haben mir Rituale der Trauer und des Loslassens geholfen:

Zum Beispiel
- Kleider/Schuhe entfernen
- Aufsuchen gemeinsamer Wege und Orte (auch Krankenhaus, Hospiz) während der Krankheit
- Besuch des Grabes und viele Zwiegespräche mit ihr
- Immer wieder Reden über das Erlebte mit mitfühlenden Menschen
- Immer wieder das eigene Hinterfragen (auch hier im Forum)

und einiges andere mehr

Ich habe mir auch Rituale der kleinen Schritt-für Schritt-Veränderungen für mein Leben NACH dem Tod meiner Frau erarbeitet, denn ich will leben.

All das sieht nach Arbeit aus und so ist es auch, aber die langsam aufhellenden Lichtblicke haben mir dann schon gefallen. Ich mußte allerdings auch erst wieder Zutrauen zum Licht gewinnen, die Angst vor den dunklen Wolken akzeptieren und Zutrauen in mich selbst finden.

Was mich bis dahin tröstet, ist die Hoffnung auf ein Wiedersehen und der Blick zurück in Liebe.

Ich glaube auch, daß der Zeitpunkt des Abschiednehmens ("Loslassens") vom Hinterbliebenen-Forum für mich naht. Das Forum hat mir sehr geholfen und mir einige Menschen sehr nahe gebracht.

Danke an alle, die verständnisvoll mitfühlten und zuhörten.

Liebe Grüße
Shalom

P.S.

Ich habe mal wieder im Internet gestöbert zum "Abschied nehmen"

Besonders angesprochen haben mich die Worte von Erhard Blanck, Richard Bach und Sergio Bambaren

Abschiednehmen, sich trennen
aufgeben, einen Teil von sich selbst etwas dem Wind überlassen, den Fluten, dem Wasser das Sterben lernen - jeden Tag ein wenig, für das Neue das folgt.
(Quelle unbekannt)

Wer nicht stets Abschied nimmt, ist noch nicht zu sich gekommen."
(Erhard Blanck)

Aus: www.spruecheportal.de/abschiedssprueche.php kommen die folgenden Weisheiten:

Erinnerungen sind das Land,
aus dem wir nicht vertrieben werden können.
(Verfasser unbekannt)

Lebe wohl! - du fühlest nicht,
was es heißt, dies Wort der Schmerzen,
mit getrostem Angesicht
sagest du's und leichtem Herzen.
Lebe wohl! - Ach, tausendmal
hab' ich es mir vorgesprochen
und, in nimmersatter Qual,
mir das Herz damit zerbrochen!
(Eduard Mörike)

Laß mein Aug den Abschied sagen,
Den mein Mund nicht nehmen kann!
Schwer, wie schwer ist er zu tragen,
Und ich bin doch sonst ein Mann.
(Johann Wolfgang von Goethe)

Sei nicht verzweifelt, wenn es um´s Abschiednehmen geht.
Ein Lebewohl ist notwendig, ehe man sich wiedersehen kann.
Und ein Wiedersehn - sei es nach Augenblicken,
sei es nach Lebzeiten - ist denen gewiß, die Freunde sind.
(aus "Illusionen" von Richard Bach)

Glücklich sind wir zwei gegangen, immer gleichen Schritts,
was Du vom Schicksal hast empfangen, ich empfing es mit.
Doch nun heißt es Abschied nehmen und mir wird so bang,
jeder muss alleine gehen seinen letzten Gang.
(Verfasser unbekannt)

Vielleicht bedeutet Liebe auch lernen, jemanden gehen zu lassen, wissen, wann es Abschied nehmen heißt.
Nicht zulassen, dass unsere Gefühle dem im Weg stehen,
was am Ende wahrscheinlich besser ist für die, die wir lieben.
(Sergio Bambaren, "Der träumende Delphin")

Nur die fehlende Hoffnung auf ein Wiedersehen macht einen leidvollen Abschied.
(Achim Schmidtmann)

shalom
03.11.2006, 18:35
Hallo,

in einigen meiner früheren Beiträge zum Krankheitsgeschehen meiner verstorbenen Frau und zu unserem Umgang mit Krankheit, Sterben und Tod war sicher zu erkennen, daß unser Glauben geholfen hat, das Unabänderliche anzunehmen.

Dabei weiß ich, daß jeder mit unausweichlichen Schritten und Lebensabschnitten ganz persönlich und individuell umgehen lernen muß.
Glauben, hoffen, dem Schicksal ausgeliefert sein: Jeder geht mit Krankheit, Sterben und Tod anders um.

Sowohl im Hinterbliebenforum wie auch im Unterforum zum Umgang mit Krebs hat es eine Reihe von recht kontroversen Beiträgen zum Einfluß von Glauben oder Nichtglauben auf das Krankheitsgeschehen bzw. Sterben gegeben.

Forums-Beiträge von "Nicht-Glaubenden" lehnten häufig und heftig eine Einfluß von höheren Mächten ab, die "Glaubenden" wiesen hingegen mit besonderer sprachlicher Eindringlichkeit auf die Einflußnahme höherer Mächte hin und stellten in einzelnen Fällen sogar kausale Abhängigkeiten zwischen religösem Wohlverhalten und Krankheitsverlauf her und/oder warfen Schuldfragen auf.

Wenn ich die vielen Beiträge (z.B. im Thread "AW: Annehmen, glauben, kämpfen! Mein Weg ... im Unterforum Umgang mit Krebs) mal Revue passieren lasse, fallen mir als früher sehr religiös erzogenem und von ehemals sehr vielen Bibelworten umgebenem Menschen auf:

Beiträge der sich als gläubig bezeichnenden Menschen arbeiten ausgesprochen viel mit Bibelzitaten, mit einer ganz besonders eindringlichen Sprache und einem besonderen Wortschatz und mit vielen "Du musst" und "Wenn, dann" - Vermutungen und mit einem besonders spürbaren moralischen Anspruch an sich selbst (und vielleicht auch an andere).

Es erscheint mir so, als wenn man durch diese gewählte besondere Eindringlichkeit meint, man könne eine eindeutige kausale Beziehung herstellen zwischen Glauben, Krankheit und Heilung. Diese Glaubenshaltung wirkt auf mich verkrampft und zwingt geradezu zum Widerspruch.

Wenn ich davon (für mich) ausgehe, daß mein Leben von einer höheren Warte begleitet wird, so kann ich das (inzwischen nun wieder) fröhlich tun, ohne dass ich an meinem Glauben gezweifelt habe, als meine Frau verstarb. Unser Glauben hat jedoch geholfen, das Unabänderliche anzunehmen. Die eigene Lebensorientierung und auch der neu zu definierende Lebenssinn wurde durch meinen eigenen Glauben eher gestärkt. Andere Menschen, die nicht glauben können, finden sicher einen für sie geeigneten anderen Weg, sich in ihrem Leben zurecht zu finden.

An meinem Verhalten, mich neu im Leben zurecht zu finden, musste ich allerdings hart arbeiten, denn ich bin der festen Überzeugung, Glauben ersetzt nicht nicht die tägliche Notwendigkeit, sich aktiv durch eigenes Handeln und Nachdenken neu zu bewähren. Eines ersetzt nicht das Andere, und durch den Glauben alleine tut sich auch nichts.

Mein Verständnis von Glauben ist inzwischen eher befreit, fröhlicher und mutiger als früher, da ich auch in für mich sehr stürmischen Zeiten erlebt habe, was es heißt: Mut zu haben zum Leben ,Mut zu haben zum Sterben, Mut zu haben zum Loslassen.

(Dies ist eine leichte Modfikation meines Beitrages aus http://www.krebs-kompass.org/Forum/showpost.php?p=303138&postcount=51)


Religion kann es erleichtern schwierige Wegstrecken im Leben besser zu bewältigen und zu ertragen.

Eine ganz große Rolle spielen wir aber auch selbst mit unseren Einstellungen, Haltungen, Taten, unseren Gefühlen, unserem Verstand. Hier gibt es unendlich viele Möglichkeiten, wie wir uns selbst im Weg stehen können oder auch nicht. Wir können die Hände in den Schoß legen und alles ertragen, wir können aber auch aktiv und verantwortlich etwas tun. Das schließt eine religiöse Haltung ja gar nicht aus. Nur gibt es weder im religiösen Glauben noch durch Psychologie eindeutige kausale Abhängigkeiten: "Weil ich dies und das getan habe, muss das und jenes die Konsequenz sein oder haben"; das gilt auch für das religiöse Beten oder ein psychologisches Imaginationstraining.

Nachdenkenswert sind religiöse oder auch psychologische Betrachtungsweisen von Krankheit, Heilungsmechanismen bzw. Konflikten und deren Auflösungen jedoch allemal, das kritische Hinterfragen der eigenen Haltung sollte aber dabei ein steter Begleiter sein.

Krankheit und Konflikte muß man nicht in Demut ertragen, ich darf und (könnte) vielleicht auch AKTIV damit umgehen lernen.

Während der Frühphase der Krankheit meiner Frau spielte die sogenannte "positive Psychologie" von Dr. O.C. Simonton (USA) für sie eine wichtige seelisch aufbauende Rolle. Wir konnten diesen "frühen Vater" der Psychoonkologie sogar während einer Vortragsreise in Europa in Stuttgart selbst erleben.

Für Kranke wie Gesunde kann die von O.C. Simonton angeregte Betrachtung nützlich sein, wie wir mit unseren Gefühlen (z.B. auch mit Konflikten und Trauer) umgehen.

Psychoonkologie kann helfen, die stürmischen Umwälzungen der Gefühle durch z.B. eine Krebserkrankung zu hinterfragen, die "positive Pychologie" selbst bietet aber aus sich heraus keine Garantie für die Heilung von Krankheiten oder für eine Konfliktlösung.

(Dies ist eine leichte Modfikation meines Beitrages aus http://www.krebs-kompass.org/Forum/showpost.php?p=306495&postcount=57)


Liebe Grüsse
Shalom

Blue
07.01.2007, 11:18
In jeder Verfassung lese ich immer mal wieder etwas anderes für mich heraus. Auch um eigene Handlungsweisen zu verstehen. Und so ziehe ich jetzt meine Runde mit dem schwarzen Tütchen.

Bruni

shalom
07.01.2007, 12:13
Liebe Bruni,

Dank für deine positive Rückmeldung, das tut gut.

Ich wünsche Dir die Kraft, die Du brauchst, erneut Mut und Zuversicht für Dein Leben zu finden.

Mein langes Verweilen hier im Forum ist mein kleines Dankeschön für viele gemeinsame Jahre mit meiner verstorbenen ersten Frau. Wir haben viele Stürme gemeistert, sehr viel Schönes erlebt.

Die erlebte Gemeinsamkeit hat uns beiden damals sehr geholfen, uns auch dem schwersten aller Stürme Hand in Hand zu stellen.

Meine Beiträge sollten Mut machen, auch in schwersten Stunden zueinander zu stehen ohne WENN und ABER.

Andererseits lag es nahe (wie es viele andere hier im Hinterbliebenforum auch tun), meinen ganz persönlichen (manchmal doch recht unbequemen) Weg der Trauerbearbeitung zu beschreiben. Diesen Weg der Trauer und aus der Trauer muß jeder selbst lernen zu beschreiten. Auch hier stand neben der seelischen und verstandesmäßen Trauer-Auseinandersetzung das "Mutmachen" für andere Betroffene im Vordergrund, sich das an Anregungen anzueignen, was für den eigenen neuen Weg sinnvoll und persönlich möglich erscheint und das andere Ungeeignete unbeachtet zu lassen.

Mit liebe Grüßen
Shalom

AndreaS
07.01.2007, 16:07
Und so ziehe ich jetzt meine Runde mit dem schwarzen Tütchen.


schau mal genau hin, mein Liebes , meine Bruni - Blue. Ist es tatsächlich ein schwarzes Tütchen? Irgendwie glaub ich nicht recht daran. Es ist ein Tütchen mit rosaroten, zärtlichen Erinnerungen. Es ist scheinbar verlorengegangen, zumindest nicht mehr sichtbar, deshalb hast du vielleicht den Eindruck, es sei schwarz. Was meinst du, könnte es so sein? Dein rosa Tütchen ist immer da. Du trägst es in dir. Kein schwarzes Tütchen, und wenn doch, sollte ich mich iirren, hoffe ich, du hast deine Haken geschlagen, einen Papierkorb gefunden und es entsorgt.


LG
Andrea

shalom
25.03.2007, 19:43
Hallo,

die Beschäftigung mit Trauerarbeit ist eigentlich VORWÄRTS gerichtet für mein weiteres Leben gewesen, allerdings mit sehr schmerzlichen Rückblicken.

Viele Fragen haben sich mir gestellt, auch die nach WARUM, WIESO, LEBENSSINN und GLÜCK.

Im Nachhinein kann ich die unten stehenden Tipps aus (www.zeitzuleben.de) für das Stellen von wirklich weiterbringenden Fragen ganz sicher unterstützen. Man kann ja über den Artikel (der sicher nicht für die Trauerarbeit geschrieben wurde) aus der Distanz nachdenken und für sein eigenes Leben modifizieren und interpretieren.

Wenn ich aus dem Tal der niederdrückenden Gefühle herauswollte, musste ich mich auch dem Leben wieder stellen und damit auch für ein tägliches kleines Quantum Glück öffnen.

Das habe ich versucht, die Suche nach dem Glück war nicht umsonst. Vielleicht haben mir auch meine mir selbst gestellten Fragen auf die Sprünge in ein neues Leben geholfen.

Mit lieben Grüßen
Shalom

Zitatanfang:

aus:http://www.zeitzuleben.de/blog/1/das-leben-in-die-hand-nehmen.html

"Derjenige ist am erfolgreichsten, der die besten Fragen stellt".

Obwohl das vielleicht zuerst ziemlich banal klingt, hat diese Erkenntnis mein Leben nachhaltig beeinflusst. Ich habe angefangen

* mir schriftlich immer wieder Fragen zu stellen, die mich weiterbringen,
* meine Fragen zu verbessern und
* gezielt und systematisch Antworten auf meine Fragen zu finden.

Und was soll ich sagen – es stimmt wirklich. Je besser meine Fragen werden, desto mehr bekomme ich von den Dingen, die ich mir wünsche.
Hier einige Beispiele für Fragen, die mich persönlich wirklich weiter gebracht haben:

* Was brauche ich, um wirklich glücklich zu sein?
* Was brauche ich nicht, um wirklich glücklich zu sein?
* Wie kann ich meinen Lebensunterhalt mit Dingen verdienen, die mir wirklich Spaß machen?
* Macht mich das glücklich? (Anzuwenden auf beliebige Dinge im Leben)
* Was kann ich heute tun, um dieses Ziel zu erreichen? (Anzuwenden auf meine Ziele)

Jetzt wäre natürlich interessant zu wissen, was eine gute Frage und was eine schlechte Frage ist. Leider ist das nicht so einfach zu beantworten, denn das hängt sehr von Ihnen persönlich ab.

Als Daumenregel gilt vielleicht, dass die Fragen besser sind, die sich auf Ziele konzentrieren und weniger auf Probleme. Also eher Fragestellungen, die danach fragen, wie ein Ziel erreicht oder ein Problem gelöst werden kann und weniger darauf gerichtet sind, warum ein Problem existiert oder warum etwas gerade mir passieren muss.

Zitatende

Dieter1712
25.03.2007, 20:05
Hallo Shalom,

mir hat diese
http://www.zeitzuleben.de
sehr geholfen und hilft mir immer noch!
Eine andere hilfreiche Seite ist
http://www.joy4u.net/

Viele Grüße

Dieter

shalom
11.04.2007, 11:03
Gedanken zum Leid, zum Loslassen können, zur Freude

Auch wenn es seltsam klingt, die lange und schwere Zeit der Erkrankung meiner Frau war für unsere Partnerschaft eine sehr intensive und schöne Zeit. Wir sind uns nahe gekommen, wie nie zuvor, wir haben Erfahrungen gemacht, wie nie zuvor. Wir haben haben uns weiter entwickelt, wie nie zuvor.

Es waren ALLE Elemente darin enthalten:

Panik, Verzweiflung, Zorn, Freude / Glück über geschenkte Zeit, Verständnis ohne Worte, unendliche Nähe, unendliche Ferne, das Lernen endgültig loslassen zu müssen u.v.a.

Wenn ich es in der zeitlichen Nachschau bedenke, wurde der Prozess des aktiven Loslassens von meiner Frau schon eine geraume Zeit vor ihrem Tod DURCH SIE gestaltet, während ich ihre Situation noch unermüdlich positiv umdeutete. Dabei war bei mir sicher Angst vor den gewaltigen Veränderungen im Spiel, ich wollte an IHREM Leben, an der NICHTVERÄNDERUNG hängen. Bis auch ich eingestehen musste, das ihr Weg unerbittlich vorgezeichnet war. Ich habe sie schließlich bewußt loslassen können. Erst dann war sie bereit, endgültig zu gehen.

Unser gemeinsames Loslassen geschah also eigentlich schon VOR dem Tod meiner Frau. Mein eigenes Loslassen von schmerzenden Erinnerungen NACH ihrem Tod wurde überlagert von der dankbaren Erinnerung, dass wir beide gemeinsam über alles sprechen konnten und auch gemeinsam Schritt für Schritt Abschied nehmen konnten. Wir haben dasjenige getan, was uns möglich war und das war sehr viel.

Ich danke meiner Frau für die unendliche Liebe, die sie mir gegeben hat.

Shalom

NACHDENKENSWERTES:

Freude trotz(t) Leid ; Leid - Der größte Meister des Lebens

Die Leiden und Unsicherheiten unseres Lebens, so schmerzhaft und bedrückend sie auch sind, lehren uns und führen uns zur Reife. Wir ordnen Leid viel zu schnell ein unter Verzicht, Lebensfeindlichkeit oder Strafe. In Wirklichkeit ist das Leid die Voraussetzung von Reifen und Wachsen.

Niemand kann uns so trefflich lehren. Nichts hilft uns im Leben so weiter, wie das Leid. Das klingt für manche Ohren negativ, doch es ist die Wahrheit.

Wir müssen aus dem Mutterschoß, um Mensch zu werden - das ist leidvoll.

Wir werden entwöhnt - das ist leidvoll.

Wir müssen aus dem Elternhaus in die Schule und Ausbildung.

Wir haben das Altern anzunehmen - das ist leidvoll.

Wir haben Krankheit anzunehmen - das ist leidvoll.

Wir haben den Tod anzunehmen - das ist leidvoll.

Wer loslassen kann, gewinnt etwas Neues und Größeres. Wir können nicht im Mutterschoß bleiben, wenn wir Mensch werden wollen. Um das Neue zu gewinnen, müssen wir Altes oft loslassen. Vieles kann im Laufe des Lebens daher nur unter Leid losgelassen werden.


Dazu gehört auch:

Die Kindheit, die keine Forderungen an uns stellt;

Das Allmächtigkeitsgefühl der Jugendjahre;

Die sexuelle Attraktivität und Potenz der jungen Jahre;

Die Autorität der Eltern über die Kinder;

Verschiedene Formen zeitweiliger Macht über andere;

Die Unabhängigkeit von physischen Krankheiten;

Und letztlich das Ich und das Leben selber;

Wenn wir die Pein des Loslassens nicht annehmen, verbauen wir uns die Gele*genheit zum Wachsen und Reifen.

Die meisten Menschen bleiben lieber in ihren alten Mustern und versäumen die Chance und die Freude eines Neuanfangs in eine größere Dimension. Es gilt immer wieder die falsche Identität abzulegen und zu seinem wahren Wesen, zu seiner eigentlichen Identität zu findet.

Das Leid des Lebens ist der große Meister, der den Menschen zu sich selbst und damit zur Reife bringt. Es lehrt uns, loszulassen, um Neues zu gewinnen. Die kontinuierliche Weiterentwicklung braucht oft einen radikalen Sprung ins Neue. Das fällt uns so schwer, doch genau dies führt in die Freiheit.

Meister Eckehart sagte deshalb: "Leid ist das schnellste Pferd zu Gott."

Wodurch leiden wir so sehr?

Wir hängen uns daran fest, wie die Dinge zu sein hätten.

Wir hängen fest, an etwas Schönem, das wir nicht hergeben wollen, aber doch hergeben müssen.

Wir haben Angst, das Schöne, das wir erlebt haben, könnte sich nicht wiederholen.

Wir hängen fest am Verlorenen und jammern und klagen.

Dass wir so viel klagen und lamentieren, liegt nur an unserem Festhängen und Nicht-Loslassen-Können.

Die Leiden unseres Lebens, die Schmerzen unseres Lebens sind der Weg. Erlebt den Schmerz, dem ihr nicht entkommen könnt. Erlebt ihn nicht fatalistisch und masochistisch, erlebt ihn in der Gewissheit, dass er etwas Neues bringt. Lasst gehen, was nicht zu halten ist.

Wenn die Angst kommt, nehmt die Angst an und bekämpft sie nicht.

Bleibt gegenwärtig im jetzigen Augenblick, wie auch immer er sich zeigen mag!

Lasst aus der Hand fallen, was gerade genommen wurde, damit sie neu gefüllt werden kann. Dann trotzt die Freude dem Leid.

Je mehr Übung wir im Loslassen und im Annehmen haben, desto erträglicher wird das Jetzt.

Das Leid zwingt uns zur Entwicklung und zur Reife, ob wir wollen oder nicht. Schneller geht es, wenn wir einverstanden sind.

Natürlich gehe ich zum Arzt, wenn es nötig ist. Natürlich hole ich mir Hilfe in schwierigen Situationen. Aber es gibt so vieles, was wir nicht ändern können, sondern nur annehmen können, bis hin zu unserem Tod.

Auch unseren Tod anzunehmen, in der Gewissheit, es ist ein Gewinn, es geht in eine größere Freiheit. Es geht in eine neue Seinsebene, es ist ein weiterer Schritt in die Fülle. - Auch das Sterben ist Gewinn.

Wie oft höre ich, dass jemand sagt: Es war ein schlimmes Leid. Aber heute bin ich dankbar, dass ich hindurchgehen durfte. Ich möchte es nicht missen.

Eine Frau schrieb mir: "Ich habe Leiden gehasst und sie zu meiden sucht. Ich war erbittert über einen sogenannten Schicksalsschlag. Jetzt aber habe ich entdeckt, dass ich niemals diese Fähigkeit zur Verzückung im Geiste und in meinem Herzen spüren würde, wenn ich nicht durch Leid dahin getrieben worden wäre."

Wir streben nach Balance. Wir möchten alles Schmerzhafte umgehen, aber das Herausfallen aus dieser Balance ist der Grund, warum Neues entstehen kann. Daher gehört Leid zum evolutionären Prozess. Und es gehört zur Transformation.

Wir können über Leid einen Klagegesang anstimmen oder wir können versuchen, es zu unserem Wachsen und Reifen zu nutzen. Erste Voraussetzung dafür ist Annahme. Annahme der Situation, die ich momentan nicht ändern kann. Das Leid wird uns verwandeln.

Die wirkliche Freude des Lebens kommt durch das Aufgeben und Loslassen von letztlich unhaltbaren Positionen. Wer loslassen kann, wird gewinnen. Leid ist der Preis für Reife und Weisheit.

Jede Neugeburt ist mit Leid verbunden. Die Pein des Sterbens ist die Pein einer Neugeburt.

Tod und Geburt sind nur zwei verschiedene Seiten einer Münze.

Petrus nahm Jesus zur Seite. "Dass Du in Jerusalem leidest, das darf nicht geschehen". - "Geh weg von mir Satan", erwidert Jesus. "Ich werde vieles leiden, aber ich werde auferstehen."

Wir haben vieles zu leiden, aber wir werden auferstehen.

Leid ist der größte Meister des Lebens. Die Freude trotzt daher dem Leid, wenn wir loslassen können.

(entnommen aus: http://www.willigis-jaeger.de/vortrag/freude.html)

.....

So gut wie nichts kann dagegen den Abschiedsschmerz dämpfen, wenn der Tod unwiderruflich zum Loslassen eines geliebten Menschen zwingt. "Diejenigen, die gehen, fühlen nicht den Schmerz des Abschieds. Der Zurückbleibende leidet", heißt es bei dem amerikanischen Schriftsteller Henry Wadsworth Longfellow (1807-1882). "Besonders schwer fällt der Abschied, wenn es mit dem Verstorbenen noch etwas zu klären gegeben hätte", sagt Elke Simon, Theologin bei der Deutschen Hospiz Stiftung in Dortmund.

Schwierig sei auch die sich häufig über einen langen Zeitraum ziehende Trennung von einem Todkranken: "Todkranke haben oft ein Gefühl dafür, wann sie sterben werden", erklärt Simon. Dadurch könnten sie den Tod früher akzeptieren als ihre Verwandten. "Die machen es den Kranken allerdings oft ziemlich schwer, indem sie nicht loslassen können." Häufig quält den Sterbenden dann die Frage, ob der Partner allein zurechtkommen wird.

"Angehörige sollten die Signale wahrnehmen, die der Kranke ihnen gibt", rät Elke Simon. Dann bleibe wenigstens Zeit für den Abschied. Doch oft kämpfen Angehörige mit Schuldgefühlen, die sie davon abhalten, den Sterbenden gehen zu lassen. Dahinter stehe die Befürchtung, den Kampf gegen Krankheit und Tod zu früh aufgegeben zu haben. Nicht loslassen zu können ist nach Simons Ansicht allerdings auch ein kulturelles Problem der heutigen Zeit: "Wo die Familie eine wichtige Rolle spielt, fällt es Betroffenen oft leichter, mit dem Tod eines Angehörigen umzugehen". Die Hinterbliebenen fänden hier mehr Beistand.

(entnommen aus: http://www.psychotherapie.de/report/2000/11/00110101.htm)

stef777
11.04.2007, 15:45
lieber shalom,

deine beiträge helfen mir oft...vielen dank! es ist tröstlich zu lesen, wie jemand, dessen verlust schon länger zurückliegt, mit der eigenen trauer umgeht....

liebe grüße
stef.

shalom
07.05.2007, 09:24
Hallo,

wieder mal ein paar Gedanken aus der "Fundgrube" :

http://www.zeitzuleben.de/blog/entry/1/4242.html#comment


Dieses Mal zum "Abschied nehmen".

Wer nicht stets Abschied nimmt, ist noch nicht zu sich gekommen.

Erhard Blanck



Aus dem Kommentar zum Eingangs-Essay erschien mir dort besonders bemerkenswert der Beitrag von <joysea>:

Zitatanfang:

Loslassen als Unterstützung für den Abschied? klingt auf den ersten Blick sinnvoll, jedoch auf den zweiten nicht mehr.

Denn genaugenommen bedeutet es ja, dass ich dafür erst einmal etwas zu meinem Besitz gemacht habe, und ich meine, die meisten Schmerzen beim Verabschieden kommen vom Festhalten an diesen Dingen oder Menschen, die mir tatsächlich nie gehört haben.

Wenn ich mir das bewusst mache, kann ich schauen, wie die Dinge oder Personen mein Leben bereichert bzw. beschenkt haben und dann kann ich mich dafür bedanken.

Bedanken würde ich sagen ist eine funktionierende Möglichkeit um Abschied zu beschleunigen. Was die Sache verzögert ist evtl. die Annahme, ich hätte zu wenig oder nicht das richtige bekommen. Eigentlich zeigt sich da aber nur, daß ich das eigentliche Geschenk übersehen und nicht gewürdigt habe.

Sobald ich das klar sehen kann ist Abschied leicht, jedoch ist mir kein Weg bekannt, Trauerzeit abzukürzen, sie ist mal länger mal kürzer und hat sicher ihre Berechtigung und ist notwendig für das seelische Wohlbefinden, so als würde man eine Pflanze gießen. Wenn man da zu sparsam ist, würde die Blume verwelken, insofern finde ich Trauer gut und wichtig. Und wenn ich weiß wozu die Dinge geschehen sind, und ich mich dafür bedankt habe, ist es auch leichter durch die Trauer hindurch zu gehen.

Wenn danach die Erinnerungen ihren Platz im Herzen gefunden haben und ich begreife, welche Entwicklung ich dadurch gemacht habe, kann ich vorfreudig neuen Wachstumschancen entgegensehen.


Zitatende

Ja, genauso ist es.

Loslassen steht im Gegensatz zu Festhalten; Wachsen /Öffnen steht im Gegensatz zu Verharren /Sich verschliessen; Leid bewältigen und Freude zulassen ergänzen sich.

Mit lieben Grüßen
Shalom

shalom
10.06.2007, 14:57
Hallo,

als ich damals mit Tod und Trauer konfrontiert wurde und mich mit dem Leben DANACH beschäftigen musste, war ich zunächst ziellos und eher rückwärts gewandt (den Erinnerungen folgend).

Neue Lebensziele suchen? Alte gewohnte und bewährte Wege verlassen? Glück nur erinnern oder auch nach neuem Glück und Zufriedenheit suchen dürfen? Was wollte (will) ich eigentlich jetzt überhaupt und warum war ich zunächst so chaotisch in meiner Orientierungsphase? Was kann und darf ich mir zumuten oder von mir fordern?

Wieder einmal fassen Texte (ganz gewiß für einen anderen Zusammenhang geschrieben) aus http://www.zeitzuleben.de/newsletter/386.html für meine persönliche Rückschau (fast genau sieben Jahre nach dem Tod meiner Frau) dasjenige ganz besonders zusammen, was wohl wesentliche Bestimmungselemente sein können, um ERFOLGREICH WEITER LEBEN ZU KÖNNEN, ohne sich verbiegen zu müssen, und ohne den bisherigen inneren Lebensschwerpunkt aufgeben zu müssen, wenn er sinnvoll und tragfähig war.

Zitatanfang aus : http://www.zeitzuleben.de/newsletter/386.html

……

In meinen Augen bin ich erfolgreich, wenn ich mir das Leben schaffe,

* das zu mir passt,
* in dem ich ich selbst sein darf und mich nicht verstellen muss,
* in dem ich tun darf, was ich gerne tue und was mir Kraft gibt
* und wo ich das bekomme, was ich brauche - sowohl materiell als auch immateriell.

Das ist meine Erfolgs-Philosophie. Ein hoher Anspruch? Vielleicht. Einfach zu erreichen? Eher nein. Aber in meinen Augen trotzdem machbar.

Manche von uns haben Glück und zu stoßen per "Zufall" auf einen Platz im Leben, der die Kriterien von oben erfüllt. Für alle anderen ist es ein bisschen komplizierter und es hat seinen Preis.

Und was ist der Preis? Was braucht man dafür? Für mich sind es diese 4 Dinge:

* Mut
* Klarheit
* Durchhaltevermögen
* Flexibilität

Ich brauche Mut, um überhaupt erst einmal zu träumen und mir zu erlauben, im Kopf ein Leben zu skizzieren, das noch besser zu mir passt. Dann brauche ich Mut, um meine Angst vor neuen und unsicheren Situationen und meine Angst vor Veränderung zu überwinden. Genauso brauche auch Mut, um mich meiner Angst vor dem Scheitern und dem Versagen zu stellen.

Dann benötige ich Klarheit - Klarheit über mich selbst, darüber wer ich bin, was ich will, wo ich hin will, was ich kann und was ich brauche. Ohne Klarheit jage ich vielleicht den Träumen anderer hinterher oder lasse mich von den Glücksversprechen unserer bunten Medienwelt verführen. Klarheit heißt, sich selbst wirklich zu kennen und zu verstehen.

Und dann brauche ich Durchhaltevermögen, um angesichts von Rückschlägen, veränderten Umständen oder neuen Einsichten meinen Weg weiter zu gehen. Ich brauche Durchhaltevermögen, um wieder aufzustehen, wenn ich einmal hingefallen bin (und ich kenne keinen, der nicht mal gefallen wäre).

Zuletzt brauche ich Flexibilität im Denken und im Handeln. Wenn ich trotz allen Durchhaltevermögens auf dem Weg zu meinem Ziel nicht weiterkomme, stimmt etwas mit meinem Denken und Handeln nicht. Dann muss ich so flexibel sein, meine Sichtweise auf die Welt zu ändern und andere Dinge zu versuchen. An der Stelle muss ich mir erlauben, flexibel neue Ideen auszuprobieren und neue Wege zu gehen (auch dazu braucht es wieder Mut).

Erfolg ist ein Leben, das zu mir passt. Und auf dem Weg dahin braucht es in meinen Augen Mut, Klarheit, Durchhaltevermögen und Flexibilität.

4 kleine Wörter, in denen doch so unendlich viel drinsteckt.

......

Zitatende


Mit lieben Grüßen
Shalom

AndreaS
12.06.2007, 23:13
4 kleine Wörter, in denen doch so unendlich viel drinsteckt

Lieber Shalom, mein Berater in zwiespältigen Tagen ;)

Dass ich deinen tollen Beitrag gerade heute lesen kann, da ich kopfschüttelnd und verwundert über ein bemerkenswertes Wochenende mit zwei Freunden nachdenke und überlege, wie kann es möglich sein, lässt mich schmunzeln. Zufall? Oder hast du mir einfach die Erklärung liefern "müssen"?

Mut, Klarheit, Durchhaltevermögen und Flexibilität. Ja, absolut auf den Punkt gebracht. Nur, wir alle, die schon eine Strecke hinter uns haben, wissen auch, dass man es nur rückblickend erkennen kann. Denn am Anfang steht nichts als Chaos, weit weg von irgendeiner Klarheit, ebenso wie Mutlosigkeit und den Wunsch, aufgeben zu dürfen. Festgefahren im Wunsch festzuhalten, was nicht mehr da ist. Päckchen neu schnüren, immer und immer wieder, hinfallen, aufstehen, innehalten, weitergehen bis irgendwann die vier kleinen Wörter auf uns zutreffen. Und das braucht sehr viel Zeit.

Hab Dank für deinen wunderbaren Beitrag.

LG
Andrea

shalom
12.08.2007, 10:10
Hallo,

wieder einmal finde ich Anregungen aus: http://www.zeitzuleben.de/blog/entry/4763/4764.html

ZITATANFANG:
"Nicht der fernste Mensch ist uns das größte Geheimnis, sondern gerade der Nächste."
Dietrich Bonhoeffer
ZITATENDE

Wir waren mehr als dreißig Jahre verheiratet, bevor meine Frau starb. Wir haben in guten wie in schlechten Zeiten zueinander gestanden. Unserer Liebe zueinander sicher sein war besonders in den letzten gemeinsamen Jahren sehr wichtig.

Wir haben uns das erarbeitet, es war nicht immer selbstverständlich, sich immer neu kennen zu lernen, sich einander zu versichern. Erst in melancholisch besinnlichen Phasen, als wir noch gemeinsam Hand in Hand durch das Leben gehen konnten und dann später auf meinen nun einsamen Wegen ist mir bewusst geworden, dass ich das NÄCHSTE und LIEBSTE verloren hatte.

Nachdenklich betrachtet sage ich mir:

Verhalte Dich in Bezug auf das LIEBSTE, was Du hast so, als wenn es Dein letzter Tag wäre. Ja, ich versuche jetzt sehr viel bewusster zu leben und dankbar mein NÄCHSTES UND LIEBSTES zu genießen. Der (ihr) Tod hat mein Leben verändert.

Mit lieben Grüßen
Shalom

Blue
12.08.2007, 13:16
Lieber Shalom,

und so füge ich hinzu, auch bei Freundschaften wäre es schön, wenn der Gegenüber nicht vermutet wie man denkt und was man fühlt und sei er auch noch so vertraut. Sondern sich auf die Gedanken einlässt und die Geduld hat abzuwarten, was da am Ende wohl rauskommt.

Einen schönen Sonntag an alle
Bruni

shalom
12.09.2007, 09:10
Loslassen, Abschied, Einsamkeit, Veränderungen zuhause und in meiner Umgebung (Freunde brachen weg, neue kamen hinzu), den Beruf wieder „normal“ bewältigen, waren einige der Zustände in denen ich mich nach dem Tod meiner Frau befand. Sie hatte mir vor ihrem Tod mit auf den Weg gegeben, dass ich wieder glücklich werden möge. Kann sich jemand vorstellen, wie schmerzlich das für mich war, so einen Wunsch von meinem noch lebenden geliebten Partner zu hören?

Es war vielleicht in ihrem Wunsch auch die Aufforderung an mich verborgen, mich einer sich verändernden Situation endgültig zu stellen und mich zu öffnen für meine Zukunft ohne sie.

In einem wundervollen Beitrag aus: http://www.zeitzuleben.de/blog/entry/4763/4772.html

steht das Zitat:

Liebe finden

„Ich habe den Menschen gesagt, sie sollen dich lieben, es wird dir bestimmt einer begegnen, der hat mich gehört.“

-- G.B. Fuchs

und in der angegebenen URL stehen dort auch die sehr nachdenkenswerten Sätze:

....
Die Tendenz, Liebe dort zu suchen, wo wir sie eben gerade nicht finden, gehört zu einem der sichersten Rezepte, unglücklich zu werden. Wer hingegen offen bleibt und Zuneigung dort annehmen kann, wo sie uns geschenkt wird, wird eine spannende Erfahrung machen: Liebe kommt zu Liebe. D.h., wer sich geliebt und angenommen fühlt, wird in der Regel immer eher noch mehr liebevolle Erfahrungen machen als ein Mensch, der sich abgelehnt und ungeliebt fühlt.

Was ist dabei der beste Schritt in Richtung Liebe?

Selbst zu lieben.

Sehen Sie das Zitat deshalb auch mal aus dem Blickwinkel, dass vielleicht auch Ihnen jemand gesagt hat, dass Sie die Menschen lieben sollen – und dass Sie den ersten Schritt tun können, andere anzunehmen.
......


Vielleicht haben andere Hinterbliebene nach einiger Zeit der Trauer, der Einsamkeit und des Nachdenkens ja ähnliche Erfahrungen beim „Sich Neu Öffnen“ gemacht.

Mit lieben Grüßen
Shalom

shalom
18.10.2007, 15:57
Hallo,

die folgenden Texte (mit wundervollen Bildern hinterlegt) , die mir von einem guten Freund zugesandt wurden, sind sehr ermutigend. Die Texte beschreiben den Weg zurück ins Glücklichsein, befreien mich vom Festhalten an dunklen Wolken der Vergangenheit.

An sich ist das Ganze eine komplette Powerpoint-Präsentation. Wer das als Präsentation zum Weiterschicken möchte, kann sich unter meiner hinterlegten E-Mail bei mir melden, denn um es hier als gezippten Anhang innerhalb des Forums zu veröffentlichen, war die Präsentation etwas zu groß.

Mit lieben Grüßen
Shalom

ZITATANFANG:

Wir reden uns selber ein, dass das Leben besser wird, wenn wir verheiratet sind, ein Baby haben und danach noch ein zweites.

Dann sind wir frustriert, weil unsere Kinder nicht alt genug sind und glauben, das ändert sich, wenn sie älter werden.

Dann sind wir frustriert, weil sie Teenager geworden sind und mit uns über alles verhandeln wollen. Aber wir glauben, es wird alles besser, wenn sie nochmals 10 Jahre älter sind.

Wir sagen uns, dass das Leben besser wird, wenn wir mit unserem Partner/in zusammen arbeiten, wenn wir ein schöneres Auto haben, wenn wir in Urlaub fahren, wenn wir uns zur Ruhe setzen.

Die Wahrheit ist, es gibt keinen besseren Zeitpunkt glücklich zu sein als jetzt. Wenn nicht jetzt, wann dann? Dein Leben ändert sich ständig. Es ist besser alles zuzulassen und sich zu entscheiden glücklich zu sein.

Die längste Zeit dachten wir, das Leben beginnt demnächst. Das richtige Leben. Wir dachten immer, da muss zuerst noch etwas anderes geschehen während dieser Zeit, etwas zu erledigen, eine Arbeit zu beenden, einen Moment zu warten, eine Rechnung zu begleichen. Danach würde das ersehnte richtige Leben beginnen. Schlussendlich verstand ich, dass das « demnächst » schon bereits das richtige Leben war.

Von diesem Standpunkt aus verstand ich, dass es keinen Weg gibt um glücklich zu sein.

Glücklichsein IST der Weg.

Genieße also das Glücklichsein.

Hör auf zu warten bis die Schule fertig ist, wieder die Schulbank zu drücken, 5 Kilo abzunehmen, Gewicht zuzulegen, zu beginnen zu arbeiten, verheiratet zu sein, auf Freitag Abend oder Sonntag Morgen, auf ein neues Auto zu warten, Deine Hypothek bezahlt zu haben, auf den Frühling, Sommer, Herbst oder Winter, auf Ende Monat, bis dein Song im Radio gespielt wird, zu sterben und wiedergeboren zu werden… bevor du dich entscheidest glücklich zu sein.

Glück ist eine Reise und nicht ein Ziel.

Es gibt keinen besseren Zeitpunkt glücklich zu sein als… JETZT!

Lebe und genieße den Moment.

Versuche mal diese Fragen zu beantworten:

1. Nenne die 5 reichsten Menschen der Welt.
2. Nenne die letzten 5 Miss Universe.
3. Nenne die letzten 10 Nobel Preis Träger.
4. Nenne die letzten 10 Oskar Gewinner für den besten Schauspieler.

Du kannst es nicht? Ziemlich schwierig, oder? Sei nicht traurig, niemand kann das.

Applaus geht vorbei! Pokale verstauben! Gewinner gehen bald vergessen.

Jetzt beantworte mal die folgenden Fragen:

1. Nenne 3 Lehrer aus Deiner Ausbildungszeit.
2. Nenne 3 Freunde die Dir in der Stunde der Not geholfen haben.
3. Nenne ein paar Leute die Dir das Gefühl geben „speziell“ zu sein.
4. Nenne 5 Leute mit denen Du gerne die Zeit verbringst.

Einfacher zu beantworten? Das war einfacher, oder?

Die Leute die Dir etwas bedeuten sind nicht “die Besten”, haben nicht das meiste Geld, haben nicht den größten Preis gewonnen…

Es sind die Freunde die sich um Dich kümmern, Dir Sorge tragen, diese die, was immer auch passiert, zu Dir stehen.

Denk einen Moment darüber nach. Das Leben ist so kurz! Und Du, in welcher Liste bist Du? Du weißt es nicht?

Lass mich Dir einen Tipp geben.

Du bist vielleicht nicht unter den am meist “geachteten” Menschen auf dieser Welt, aber Du bist einer derjenigen an die ich mich erinnere und diese Nachricht sende…

Vor einiger Zeit, an den olympischen Spielen in Seattle, 9 Athleten, alle mental und physisch vorbereitet, standen an der Startlinie zum 100 m Rennen.
Der Schuss fiel und das Rennen ging los. Nicht alle rannten, aber jeder wollte erster sein und gewinnen.

Es war ein Hürdenlauf, und ein junger Athlet fiel zu Boden, verletzte sich leicht und begann zu weinen, da für ihn das Rennen aus war. Die anderen 8 hörten wie er weinte. Sie wurden langsamer und schauten zurück. Sie stoppten und kamen zurück… Alle 8 Athleten…

Dann liefen alle 9 Athleten Schulter an Schulter zusammen an die Ziellinie.

Das gesamte Publikum im Stadion stand auf und applaudierte. Und der Applaus schien nicht mehr enden zu wollen…

Menschen die das gesehen oder gar miterlebt haben reden noch heute darüber.

Wieso?

Weil tief in uns drin wir alle wissen, dass das Wichtigste im Leben ist, nicht für sich selber zu gewinnen.

Das wichtigste im Leben ist, anderen zu helfen um zu gewinnen. Selbst dann, wenn dies bedeutet langsamer zu werden und das eigene Rennen zu unterbrechen.

Wenn Du dieses Mail weiterleitest, vielleicht werden wir dann erfolgreich sein um unser Herz zu ändern, vielleicht auch das Herz eines Anderen…

Für was entscheidest Du Dich?

Löschst Du dieses E-Mail oder sendest Du es jemanden der Dir wichtig ist?

ZITATENDE

shalom
30.12.2007, 11:31
Nach der Zeit des Abschiednehmens, des Loslassenmüssens kam bei mir (wie auch wohl bei vielen anderen Betroffenen) eine Zeit der großen Verunsicherung: Öffnen für das weitere Leben oder nicht? An Gewohntem, Geliebtem festhalten oder nicht? Was ist mit meinem Selbstvertrauen, mit meinem nun zwangsweise verschobenem Lebensmittelpunkt, meinem irritierten seelischen Gleichgewicht?

Folgende Gedanken dazu (aus der von mir gerne gezogenen Quelle) sind vielleicht hilfreich auch für Menschen, die Trauer zu verarbeiten haben.

Mit lieben Grüßen
Shalom

ZITATANFANG:

http://www.zeitzuleben.de/blog/entry/1/4967/Eine-Frage-des-Vertrauens.html

Eine Frage des Vertrauens

"Wer Vertrauen will, muss Vertrauen säen."

Ich glaube, dass viele von uns im Zusammenhang mit dem Thema „Vertrauen“ einen ganz entscheidenden Fehler machen: Und zwar glauben wir, es müsse erst etwas geschehen, was unser Vertrauen verdient oder rechtfertigt, bevor wir vertrauen können. Wir erwarten also, dass jemand sich als vertrauenswürdig erweist oder dass wir vom Leben eine Art Sicherheitsgarantie bekommen, erst dann sind wir bereit, Vertrauen zu investieren.

Meiner Erfahrung nach läuft es aber genau anders herum: Vertrauen muss immer eine Vorleistung von uns selbst sein. Das heißt, wir müssen erst bereit sein, Vertrauen zu schenken, um dann auch – im besten Fall – Vertrauen ernten zu können.

Das Problem an der Sache ist nun aber, dass uns niemand versichern kann, dass unser Einsatz auch tatsächlich belohnt wird und nicht enttäuscht oder gar ausgenutzt wird. Hier braucht es eine Portion Risikobereitschaft. Machen Sie sich eines klar: Wenn Sie in der Gärtnerei eine Tüte Samen kaufen, heißt das auch nicht, dass aus jedem von ihnen eine kräftige Pflanze wird. Manche entwickeln nur mickrige Triebe, die schon vom nächsten Wind geknickt werden, andere gehen nicht einmal auf. Aus einigen aber werden starke und gesunde Pflanzen, die reichte Früchte tragen.

Dieses Bild lässt sich sehr gut auf das Thema Vertrauen übertragen: Wir werden nie im Vorfeld wissen, ob unser Vertrauen Früchte tragen wird, aber wenn wir aus lauter Angst enttäuscht zu werden, erst gar nichts säen, können wir definitiv sicher sein, nichts ernten zu können. Die Angst, enttäuscht zu werden, ist menschlich und verständlich – aber genau sie hindert uns daran, auch wieder gute und heilende Erfahrungen machen zu können. Wenn wir aus unseren schlechten Erfahrungen heraus nicht mehr bereit sind, Vertrauen zu schenken, mehren wir damit all das, was wir eigentlich nicht wollen: vor allem den Schmerz.

Nehmen Sie also diesen Gedanken einmal mit in Ihren Alltag und achten Sie darauf, wo Sie überall kleine und auch große Vertrauenssamen setzen könnten. Sie müssen für den Beginn ja nicht gleich Ihr ganzes Herz verschenken, aber etwas mehr Vertrauen hier und dort und das ohne eine konkrete Erwartung für eine Gegenleistung, kann Ihr Leben auf die eine oder andere Art sehr bereichern.

Was haben Sie schon zu verlieren?

ZITATENDE

Petra_S
02.01.2008, 14:23
Danke Shalom - ja so erlebe ich meine Welt auch!
Dir/ euch alles Gute! Schön, dass du immer wieder mal schreibst.

Gruß Petra

shalom
01.02.2008, 10:34
Hallo,

ist es Ihnen auch so gegangen wie mir, dass VOR dem Abschiednehmen und NACH dem Abschiednehmen vom Liebsten, was wir hatten, viele Dinge gänzlich unbedeutend werden, andere jedoch unendliche Wichtigkeit erlangen?

Die folgenden Gedanken (ursprünglich als Powerpoint-Präsentation übermittelt) gebe ich hiermit weiter.

Mit lieben Grüßen
Shalom

Stelle Dir vor Du hast bei einem Wettbewerb folgenden Preis gewonnen:

Jeden Morgen stellt Dir Deine Bank 86.400,00 EUR auf Dein privates Konto zur Verfügung.

Doch dieses Spiel hat auch seine Regeln, so wie jedes Spiel bestimmte Regeln hat, was Dir bestimmt nicht unbekannt sein sollte.

Die erste Regel ist:

Alles, was Du im Laufe des Tages nicht ausgegeben hast, wird Dir wieder weggenommen. Du kannst das Geld nicht einfach auf ein anderes Konto überweisen. Du kannst es nur ausgeben.

Aber jeden Morgen, wenn Du erwachst, eröffnet Dir die Bank ein neues Konto mit neuen 86.400,00 EUR für den kommenden Tag.

Die zweite Regel ist:

Die Bank kann das Spiel ohne Vorwarnung beenden, zu jeder Zeit kann sie sagen:
Es ist vorbei, das Spiel ist aus! Sie kann das Konto schließen und Du bekommst kein neues Konto mehr.

Was würdest Du tun ?

Du würdest Dir alles kaufen, was Du möchtest? Nicht nur für Dich selbst, auch für alle Menschen, die Du liebst...!?! Richtig?

Vielleicht sogar für Menschen, die Du nicht kennst, da Du das ja nie alles nur für Dich alleine ausgeben könntest... Richtig?

Du würdest versuchen, jeden Cent auszugeben und ihn zu nutzen. Richtig?

Eigentlich ist dieses Spiel die Realität !!

Jeder von uns hat so eine "magische" Bank. Wir sehen sie nur nicht!

Die magische Bank ist die Zeit!

Jeden Morgen, wenn wir aufwachen, bekommen wir 86.400 Sekunden Leben für den Tag geschenkt, und wenn wir am Abend einschlafen wird uns die übrige Zeit nicht gutgeschrieben.

Was wir an diesem Tag nicht gelebt haben, ist für immer verloren! Gestern ist vergangen! Jeden Morgen beginnt sich das Konto neu zu füllen, aber die Bank kann das Konto jederzeit auflösen ...ohne Vorwarnung.

Was machst Du also mit Deinen täglichen 86.400 Sekunden?

Sind sie nicht viel mehr Wert als die gleiche Menge in Euro? Denke darüber nach und denke immer daran ...
Pass auf dich auf und genieße die Sekunden Deines Lebens, denn die Zeit rennt Dir schneller davon, als Du 86.400,00 EUR verdienen kannst !

Ich wünsche Dir einen wunderschönen Tag!

AndreaS
11.02.2008, 19:17
Lieber Shalom,

immer wieder einmal lese ich in deinem Thread nach und heute erst, im vierten Jahr der neuen Zeitreise kann ich verstehen im Sinne von empfinden, was du geschrieben hast. Und heute weiß ich, wie treffend du deine Überschrift gewählt hast: Gemeinsame/einsame Wege, nicht nur bei Krankheit, auch der Weg durch die Trauer. Immer mal wieder sehr einsam, trotz der wunderbaren Gemeinsamkeit, die sich - vor allem hier im Forum - ergeben hat.

Dein letzter Beitrag ist wunderbar und beim Lesen dachte ich: Ja, so soll es sein, immer wieder umkehren, immer mal wieder die "Brücke schlagen". Und es ist für mich so viel besser zu praktizieren, als den immer wieder geforderten nächsten Schritt: Loslassen. Warum? Weitergehen, klar, aber auch anhalten, verweilen, den Blick hin und wieder ins gestern richten. Neue Rituale in einer neuen Situation.

Erlauben Sie sich, die Toten zu besuchen. Gehen Sie ganz bewusst in Ihrer Vorstellung auf diese Brücke und treffen Sie dort all jene, die Sie so schmerzlich vermissen. .

irgendwie haben wir das von Anfang an so gemacht, indem wir zum Todestag eingeladen haben, ein Fest gefeiert in der Hoffnung auf ein Leben danach.

Und ich bin voll Dankbarkeit, dass die Menschen, die mich im Jetzt und Heute lieben, mir diesen Freiraum geben, mich die Brücke schlagen lassen zu meinem noch immer geliebten Mann, der nicht an Bedeutung in meinem Leben verloren hat, der lediglich einen anderen Weg einschlagen musste, so wie auch ich einen anderen Weg weitergehen musste nach dem Tag X

LG
Andrea

shalom
24.03.2008, 12:35
Es ist wie ein kleines wunderbares Vermächtnis und berührt mich wieder zutiefst, was ich nach einem größeren Aufräumen wiedergefunden habe. Ich veröffentliche diesen letzten erhaltenen schriftlichen Liebesbeweis meiner verstorbenen Frau ungekürzt, den sie ein halbes Jahr vor ihrem Tod (im Jahr 2000) an mich geschrieben hat.

Damit appelliere ich an die Begleiter von Sterbenskranken, ihnen nicht die Würde und den Lebenswillen zu nehmen, sondern ihnen wenn möglich die Selbstentscheidung und die Handlungfreiheit zu lassen.

Hier nun ihr wunderbarer Brief, der mich mit Dankbarkeit für die vielen gemeinsamen Jahre erfüllt.

Lieber F.,

mir war es in den letzten Wochen und Monaten öfters ein Bedürfnis, Dir zu danken für Deine liebevolle Unterstützung. Meistens befand ich mich aber hinter einem Dunstschleier, vielleicht auch einem Schutzmantel. Nun habe ich seit einigen Tagen den Eindruck, dass er sich lichtet.

Ich habe sehr wohltuend wahrgenommen, wie Du mich eingebettet hast in Schutz und Fürsorge: Angefangen von dem obligatorischen Kaffee am Bett, bereits ein Ritual. Ich brauche keine schweren Arbeiten erledigen, nicht einkaufen, Wäsche waschen. Du hast Verständnis, wenn ich nicht reden kann. Du erledigst alle Sachen außerhalb des Hauses. Du bist ein guter Zuhörer, verständnisvoll, wenn es um meine Ängste geht. Du versicherst mir, dass Du das alles nicht nur gerne machst, sondern auch ohne Dir selber zu schaden. Danke, F., für alle diese Geschenke und noch mehr.

Ich bin so froh, dass ich Dich habe und Du so liebevoll zu mir stehst.

Wenn es mir jetzt hoffentlich psychisch langsam besser geht, nimm es nicht persönlich, wenn ich dann auch wieder aufmüpfiger werde und manches wieder selber bestimmen möchte.

In diesem Sinne auf ein wieder fröhlicheres Zusammenleben!

Dir wünsche ich auch die nötige Kraft für Dein ganz persönliches Leben.

Deine Dich sehr liebende H.

shalom
11.08.2011, 12:08
Geliebte H.,
nun bist Du bereits mehr als 11 Jahre von mir gegangen. Du hast den Weg gezeigt, wo es für Dich hingehen muss und Du hast mir Glück und Gesundheit für mein weiteres Leben gewünscht. Wir haben mehr als 30 Jahre gemeinsam glücklich sein dürfen. Das erfüllt mich mit Dank.Gesundheit war Dir am Schluss leider nicht vergönnt.

Dein Sterben hat für mich die Lebensgewichte neu geordnet. Ich kann jeden Tag neu bedenken, Gewichte neu ordnen und Neues am Leben entdecken und neue Lebensaufgaben erfüllen. Schade, dass Du nicht dabei sein kannst. Aber Deinen guten Geist fühle ich.

Dein Shalom

AndreaS
11.08.2011, 17:58
Mein lieber Shalom,

es tut sehr gut, dich wieder zu lesen. Es tut besonders gut zu lesen, dass deine Gedanken noch immer bei deiner geliebten Frau verweilen, 11 Jahre nach der neuen Zeitrechnung. Bei mir werden es 7 und noch immer vergeht kein Tag ohne Gedanken an meinen geliebten Mann. Manchmal denke ich selbst: Jetzt muss aber doch mal gut sein, du hast ein "neues gutes Leben".... und dann lese ich deine Zeilen und bin froh, denn es ist ok, alles was ich fühle, alles was ich vermisse.

Ich schicke dir ganz liebe Grüße. Ich denke oft an dich, aber das weißt du ja!

LG
Andrea

shalom
15.06.2014, 09:40
Geliebte H.,

nun bist Du bereits mehr als 14 Jahre von mir gegangen (Heute ist Dein 14. Todestag). Du warst und bist ein kostbares Geschenk, das ich immer bewahren werde. Danke für die mehr als 30 Jahre, die wir gemeinsam durchs Leben gehen konnten.

Dein Shalom

shalom
15.06.2015, 17:45
Geliebte H.,

nun bist Du bereits mehr als 15 Jahre von mir gegangen (Heute ist Dein 15. Todestag). Du warst und bist ein kostbares Geschenk, das ich immer bewahren werde. Danke für die mehr als 30 Jahre, die wir gemeinsam durchs Leben gehen konnten.

Wir bleiben auch nach so langer Zeit intensiv verbunden.

Dein Shalom