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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Die Sorge um sich selbst...


Larimari
22.08.2012, 22:23
Ich lese hier seit Stunden im Forum, und mir wird es optimistisch, weil es Leute schaffen, den Krebs zu besiegen, und ich werde traurig, wenn Leute es nicht schaffen, und verzweifelt, wenn diese Krankheiten haben, die der meines Vaters ähnlich sind...

In all dem kommt mir aber immer wieder eine Frage in den Sinn: Wie kann ich mich als Angehörige davor bewahren, an der Krankheit meines Vaters zugrunde zu gehen? Wieviel eigenes Leben ist erlaubt? Momentan habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich zum ersten mal seit über einer Woche zuhause übernachte.

Versteht mich nicht falsch, am liebsten möchte ich gerade meinen Vater im Arm halten, und meine Mutter und meinen Bruder. Und darauf warten, dass wir ein Licht im Universum werden. Aber das geht nicht.

Wenn jemand das Gefühl kennt, und ich kenne es ja nur im Anfangsstadium, vor zwei Wochen war unsere Welt ja noch in Ordnung, und Tipps und Strategien entwickelt hat, und sie teilen mag, ich bin dankbar für jeden Rat.

Larimari
22.08.2012, 23:18
Hallo Svenja,
Ich habe über Deine Situation gelesen, und es tut mir so leid, dass Du nicht in seiner Nähe sein kannst. Mein Partner lebt auch im Ausland, und wenn ich mir vorstelle, er wäre krank, und ich koennte ihn nicht sehen... :(
Ich wünsche Dir, dass Du bald hinfahren kannst.

Die Sache mit dem Alltag ist ne ganz fiese... Er will einen eher, als man dafür bereit ist. Ich war heute zum ersten mal seit der Diagnose in der Arbeit, und ich kam mir vor wie auf einem fremden Planeten. Als würde sich die Welt schneller drehen als ich.

Ich hoffe, dass das bald anders wird...

Auch die Sache mit dem spontanen Heulen. Mein Vater empfindet es als sehr belastend. Er macht sich enorme Sorgen. Knuddeln ist okay. Und wir reden auch sehr viel. Über alles. Über die Furcht vor dem Tod, über Zeit, über die Angst vor der Chemo, über selbstbestimmtes Sterben, falls einem alles zu viel wird... Das läuft alles, nur das Heulen bringt ihn aus der Fassung. Auch wenn ich versuche, ihm zu erklären, dass das manchmal einfach sein muss.

Ylva
22.08.2012, 23:49
Hallo Larimari,

ich kenne das Gefühl und es ist egal wie lange man es kennt, ich kenne es seit 2004 und seitdem ist nichts mehr wie es mal war.

Strategien, Tipps...kann ich dir keine geben. In all den Jahren jetzt, seit Mama die Diagnose Brustkrebs (mit schlechter Prognose) bekam, habe ich nicht "rausgefunden" wie ich am besten mit allem umgehen kann. Es sind teilweise einfach so überwältigende Gefühle, die man nicht ordnen oder regulieren kann.
Annehmen. Annehmen und weiter gehen.
Ich war oft am Boden. Ich habe viel geweint, getobt und geflucht. Meistens für mich alleine. Mama wollte und will ich nicht belasten, meine..Freunde...können meine Situation nicht nachvollziehen (welch Glück für sie...)
Das akute (Chemo, OP, Bestrahlung etc) ist vorbei, schon länger, es ist quasi Alltag, für mich nicht, für Mama auch nicht. Alles anders. Aber nicht nur negativ. Ich habe auch gelernt. Gelernt die kleinen Dingen zu sehen, mich zu freuen, zu geniessen, Zeit zu nehmen. Aber auch die Angst spielt noch eine große Rolle, jede Nachsorge..Panik pur. Es wird alltäglicher mit der Zeit aber nicht unbedingt leichter, aber anders.

Ich wusste und weiss auch nie, wie ich mich als Angehöriger verhalten soll. Wann ich mir mal zugestehen darf das ich nicht mehr kann (darf ich das, denn ich bin ja gesund?) .In der akuten Phase war ich für Mama da, so wie ich konnte, und so wie ich es als richtig empfand, auch wenn ich es heute vielleicht anders machen würde, war es damals glaube ich richtig. DA sein.
Das ist das wichtigste - DA SEIN - und ehrlich sein, Kraft geben. Und jedem die Zeit geben, der er braucht um sich an diese neue Lebenssituation zu gewöhnen.


Ich hab mich oft sehr alleine gefühlt, heute noch. Mit meinen Gedanken und Gefühlen. Damals war ich noch relativ jung und mein Freundeskreis war, genau wie ich, mit dem Thema überfordert, aber ich musste mich damit auseinander setzen, inzwischen ist es für Aussenstehende lange her und alles ist gut. Für mich ist das anders.


Es ist - glaube ich - sehr wichtig, aber nicht einfach, dass man sich selber, und sein Leben nicht verliert. Das würde glaube ich, dein Vater auch nicht wollen.
Es ist wichtig, dass du auch an dich denkst. Ich weiß, wie schwer es ist. Man bekommt sofort Schuldgefühle.

Fühl dich gedrückt
Ylva

Larimari
23.08.2012, 11:28
Dass man sein eigenes Leben nicht verliert, ja, das erscheint auch mir wichtig. Im Moment ist alles noch so frisch, dass ich nicht wirklich gut funktioniere. Es ist ein ständiges auf und ab, und im Hintergrund rauscht immer totale Verzweiflung.

Man kann sich auf nichts so konzentrieren, dass einem nicht doch ständig Gedanken an die Krankheit kommen wuerden. Von Spaß ganz zu schweigen.

Es ist wirklich ein sonderbarer, beunruhigender und quälender Zustand.

Sonnenschein_2012
23.08.2012, 11:47
Ich bin seit mehr als vier Monaten in diesem "Zustand". Immer wieder (manchmal mehrmals täglich/nachts) überkommen mich Trauer, Angst, Hilflosigkeit, Wut, Verzweiflung, ganz viele unkontrollierbare negative Gefühle. Dann sitz ich da und weine bitterlich.

Es gibt auch Momente, wo mich die Kinder brauchen, wenn ich in der Arbeit bin oder mit Freundinnen unterwegs. Aber auch hier kann ich nie völlig entspannt sein. Immer schwebt das Damoklesschwert über mir. Ständig sehe ich aufs Handy, ob es eine Meldung gibt. Plötzlich hab ich einen Kloß im Hals. Es lässt mich nie los. Der Schmerz ist omnipräsent. Gerade dann, wenn andere besonders glücklich sind.

Ich komme sehr schwer damit zurecht, habe jedoch eine Freundin, die mich immer wieder ins Leben zurückholt.. zumindest versucht sie es.

Solange diese furchtbare Krankheit unser Leben beherrscht, so lange werden wir darunter leiden.

Larimari
24.08.2012, 09:19
nehmt ihr auch professionelle hilfe in anspruch? also therapeuten und aehnliches?
wie siehts aus mit medikation?
gibt es selbsthilfegruppen fuer angehoerige?

ich war heute beim hausarzt, der hat mir antidepressiva verschrieben, nur leichte, aber etwas, dass es ein bisschen ertraeglicher macht. ich bin ein bisschen ueberrascht ueber meine mangelnde konstitution. als mein bruder seinen unfall hatte, habe ich irgendwie mutiger reagiert. gut, da war ich auch noch viel juenger, und habe den ernst der lage einfach nicht begriffen. jetzt, mit dieser diagnose fuer meinen dad und der ungewissheit, was verbleibende zeit und zustand betrifft, komm ich einfach nicht mit klar.

es ist nicht so sehr die angst vor dem verlust, also vor dem tod, sondern wirklich absolute panik vor dem prozess...

Ylva
24.08.2012, 10:09
Hallo Larimari,
ich weiß genau was du meinst, dieser Prozess, der einem so große Angst einjagt und man denkt man schafft es nicht. Ich weiß dass man es schafft, wie auch immer, aber man schafft es irgendwie. Trotzdem die Angst ist da. Und bei mir kommt noch hinzu dass ich Krankenschwester bin. Ich kenne diese Prozesse von Patienten. Werde BIlder nicht mehr los.

Ich drück dich einfach mal.

OpaTochter
24.08.2012, 12:24
Hallo Larimari,

ich habe gerade die Kommentare zu Deinem Thread gelesen und kann dem eigentlich nicht viel zufügen.

Schon komisch. Man fühlt sich so alleine, abseits, verzweifelt, wütend, auch schuldig und sieht dann, guck mal, den anderen geht es GANZ GENAU SO.

Ich wusste nicht, dass man so viel Schmerz fühlen kann und ertragen kann. Ich wusste auch nicht wie lange man weinen kann.

Zur Zeit bin ich in einer Phase, ich nenne es "labiles Gleichgewicht". Es geht mir ---vorsichtig--- gut. Aber auch das ist sicherlich nicht von Dauer. Nicht nur die Betroffenen müssen mit diesem Dämon leben. Auch wir müssen mir der ständigen Angst und Unsicherheit leben.

Die Uhren laufen nicht mehr vorwärts.

Ich weiß immer noch nicht wie viel größer der Schmerz werden kann und habe Angst davor.

Alles alles Gute.

Dina74
24.08.2012, 12:37
Hallo Larimari,

ich bin derzeit in genau der gleichen Situation wie Du. Auch mir geht es sehr schlecht, ich bin derzeit krank geschrieben und habe auch ein leichtes Mittel zur Beruhigung bekommen. Habe noch zwei kleine Kinder, für die versuche ich nun stark zu sein, was für mich sehr, sehr schwer ist. Aber ich versuche für die Kinder einen gewissen normalen Tagesablauf zu gewährleisten.
Es ist hart und in einer ruhigen Minute (wenn die Kinder nicht da sind) kommen mir oft die Tränen.

Uns wurde - nach anfänglich wirklich guter Prognose- vor 3 Wochen der Boden unter den Füssen weggerissen. Seitdem ist nichts mehr so wie es war. Mein Dad hat innerhalb eines kurzen Zeitraumes ein Rezidiv entwickelt. Inoperable und weit fortgeschritten.......
Ich fühle genauso wie Du und weiß derzeit nicht, wie es weiter gehen soll.

LG und alles Gute

Larimari
24.08.2012, 13:27
ja, dieses boden unter den fuessen wegreissen kenn ich. das war bei mir die nachricht, dass doch metastasen da sind. auch wenn man uns vorher schon darauf vorbereitet hat, dass der kleinzeller ein derbes arschloch ist, und dass es keine heilungschancen, sondern nur verlaengerungs-, quasi todesvertagungsmoeglichkeiten gibt...

ich wuensche euch allen viel kraft. ich wuerde jetzt gerne was troestend esoterisches schreiben, wie 'ich schicke euch allen viel licht' oder so... aber das ist nicht meins. seid euch aber gewiss, dass ich die daumen druecke. fuer alle von uns.

so, mein dad und ich gehen jetzt ein bisschen in die roehre gucken...

drueckt daumen, dass es wenige metastasen sind!

lg,
mari

lucie79
24.08.2012, 23:15
Hallo, ich suche auch verzweifelt einen Weg damit klar zu kommen und bin zur Zeit an dem Punkt den gibt es nicht. Manchmal vergesse ich im Alltag kurz diese fiese Krankheit und dann kommen die Gedanken wieder und sofort zieht sich mein Magen zusammen. Bin ( leider ) auch Krankenschwester wie Ylvi und habe schon zu viele elendig an Krebs sterben sehen, das macht es nicht leichter. Bei uns gibt es leider keine Selbsthilfegruppe für Angehörige,das würde ich sehr gut finden. Weiß jemand wie das ist mit Gesprächstherapie? Muss der HA die verordnen oder muss man selber zahlen? LG Lucie

Larimari
25.08.2012, 11:25
ich denke, eine kurzzeittherapie wird von der krankenkasse getragen.

ja, die angst ist omnipraesent. es ist fuerchterlich. ich habe gestern einen unglaublichen disput mit meinem dad gehabt. er ist ja seit jahrzehnten starker raucher, nicht einmal ein herzinfarkt konnte ihn davon abhalten. und jetzt bildet er sich ein, dass ihm zwei zigaretten am tag das leben leichter machen. eine frueh, und eine spaet. ich haette gerne, dass er komplett aufhoert, ich meine, hey, er hat nen kleinzeller, der kommt nicht vom lolli lutschen. auf der anderen seite denk ich mir, wenn er die zwei braucht, um sich gut zu fuehlen, soll er sie haben. aber ich hab irgendwie kein vertrauen, dass es so wenige bleiben. und meine mom ist ein absoluter enabler. die regt sich hintenrum ueber seinen zigarettenkonsum auf, vonherum ist aber immer alles friede, freude, eierkuchen. das nervt mich irgendwie.

nachdem wir ja gestern besorgniserregende befunde bekommen haben, der dad jetzt auch cortison bekommt und die behandlungen naechste woche losgehen, hoffe ich, dass ihm das rauchen eh vergeht.

falls irgendjemand tipps hat, wie man der sucht meines vaters beikommen koennte, bitte her damit! denn es ist wirklich nur die psychische abhaengigkeit...

lg,
mari

El_Desparecido
25.08.2012, 15:20
falls irgendjemand tipps hat, wie man der sucht meines vaters beikommen koennte, bitte her damit! denn es ist wirklich nur die psychische abhaengigkeit...


Liebe Mari,

alles was du schriebst, könnte auch auf meine Eltern zutreffen.
Mein Vater raucht seit 55 Jahren, weder Herzinfarkt, noch Stimmbandkrebs und schon gar keine zwei Thrombosen konnten ihn davon abbringen.
Ich habe es aufgegeben mir darüber Gedanken zu machen und aufzuregen.
Ich bin mir sicher auch mein Vater würde jetzt noch rauchen, wäre er dazu in der Lage. Und ich würde ihn lassen. Es war und ist seine Entscheidung und das ist gut so.

Ich vermute, dass du Groll auf die Nikotinsucht deines Vaters hegst und sauer bist, dass er nicht einsieht, dass es besser wäre es zu lassen.
Ich habe auch schon mehr als einmal gedacht:"Mein lieber Vater, eigentlich hast du dir diesen ganzen Scheiss selber eingebrockt."
Aber ich habe beschlossen, meinen Frieden damit zu machen. Seine Entscheidung.

Allerdings rauche ich seit genau einer Woche nicht mehr und es fällt mir überraschenderweise überhaupt nicht schwer.


Carlos

Larimari
25.08.2012, 18:16
Carlos, ich hab an dem Tag aufgehört, als mein Vater meinte, er müsste ins Krankenhaus, zur Untersuchung, weil ein Schatten auf seiner Lunge gefunden wurde.

Jetzt ist es so, dass jedes mal, wenn ich jemanden mit einer Zigarette im Mund sehe, der Wunsch in mir hoch kommt zu sagen: Hey, das, was da auf der Packung steht, das ist wahr! Das passiert wirklich...

Sagt mal, welche Freizeitaktivitaeten gönnt ihr euch? Carlos hat schon geschrieben, dass er zum Schwimmen geht. Ich war heute für ne halbe Stunde Bummeln. Hat aber nix gebracht. Wie lenkt ihr euch ab? Wieviel Freizeit goennt ihr euch überhaupt?

Lg,
Mari

lucie79
26.08.2012, 13:13
Hallo Larimari, ich kenne das bin schon immer gegen das rauchen meiner Ma gewesen und hatte immer Angst das sie einmal Lungenkrebs bekommt. Damals dachte ich immer: wie kann sie das nur tun wo schon Ihr Vater an LK erkrankte und das ich furchtbar sauer sein würde wenn es passiert. Aber jetzt wo die böse Vermutung eingetreten ist kann ich nicht sauer sein, das tut noch mehr weh. Aber ich denke bei jedem Menschen den ich rauchen sehe : Ey wißt Ihr was Ihr da Euren Lieben antut und natürlich Euch selbst.
Ich habe eine kleine Tochter und muss mit Ihr viel unternehmen Zoo,Spielplatz... da kann ich ganz kurz vergessen.LG Lucie

El_Desparecido
26.08.2012, 14:04
Wieviel Freizeit goennt ihr euch überhaupt?i

Liebe Larimari,

ich gönne mir soviel Ablenkung und Freizeit wie geht und versuche dabei kein schlechtes Gewissen zu haben.
Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich funktionieren muss, um Probleme zu lösen. Wenn ich das nicht machen werde, dann wird es keiner machen.
Ich versuche also auf mich zu achten.
Ich gehe schwimmen, schlafe viel, jogge jeden Morgen und besuche jeden zweiten Tag meine Freundin. Glücklicherweise habe ich eine sehr verständnisvolle Partnerin, die mich so weit sie kann toll unterstützt.
Ausserdem versuche ich auch in der Zeit im Krankenhaus mit meinem Vater möglichst zu entspannen. Wenn er schläft - und das tut er oft und viel - dann setzte ich den ipod auf, mache ein Hörbuch an, halte seine Hand und versuche nicht viel zu denken.
Jetzt versuche ich einen "Freizeitplan" zu machen für den Fall, dass mein Vater nach hause kommt.


Carlos

Larimari
26.08.2012, 16:44
Hallo Carlos,
Was du im anderen Thread über Deinen Dad geschrieben hast, kenn ich zu genüge. Vor allem gegen Ärzte hat mein Dad eine Megaaversion. Seine Grundeinstellung: ich bin ihnen Wurscht, sie wollen eh nur Kohle. Das liegt, glaube ich, häufig daran, dass sie sich häufig nicht die Zeit nehmen, ordentlich mit ihm zu sprechen.

Als wir neulich in der Radiologie waren, hat die MTA auch gemeint: i veasteh den ned... Naja, gute Frau, er ist 74 und Balkano. D.h., er spricht ausgesprochen gutes Deutsch, aber er ist eben ein Erzähler. In deiner von Ökonomie geprägten Welt führt das zu Missverständnissen. (das hab ich mir in der Situation so gedacht...)

Er legt sich auch gerne mit den Ärzten an. Halt ein alter Grantler...

Deine Strategien klingen gut. Ich wünschte, mein Partner wäre auch vor Ort und nicht auf einem anderen Kontinent. Es ist komisch, ich habe nie sonderlich unter unserer Fernbedienung gelitten, alle 6 bis 8 Wochen sehen, das war okay. Nur jetzt vermisse ich ihn höllisch, auch wenn er wirklich sein Bestes gibt, um zumindest virtuell und per Telefon bei mir zu sein...

Hey May-Day,
Das ist ein enorm wichtiger Beitrag. Es ist wichtig, dass man sich um alle kümmert. Deine Mom hat versucht, stark zu sein, solange sie konnte, und hat sich keinen Moment der Schwäche gegönnt, alles unter der Prämisse, dass sie für Deinen Stiefdad da sein muss. Das ist etwas, auf das ich meine Mom unbedingt aufmerksam machen muss. Ich meine, sie pflegt zwar schon seit 20 Jahren meinen Bruder, aber die Doppelbelastung, auch, wenn mein Bruder jetzt ins Heim kommen sollte, die ist da. Und da muss sie nun auch doppelt so aufmerksam auf sich hören. Danke, dass Du mich da drauf gestoßen hast.

Kim2011
26.08.2012, 17:43
Liebe Larimari,

ich kann dich gut verstehen - wir alle hier denke ich mal....
Du bist nicht allein mit solchen Gedanken.
Ich bin froh dieses Forum zu haben und nicht allein zu
sein, zu wissen dass da draußen auf der Welt noch viele
das gleiche Schicksal teilen und mit Rat und Tat hier zur
Seite stehen. Ich denke das ist für alle hier im Forum eine
große Stütze. Jeder gibt hier alles - jeder auf seine Art
und das ist gut so.
ganz liebe Grüße und vor allem weiterhin viel Kraft
Kim

Flicka
26.08.2012, 21:57
Hallo,
ich bin auch mit im ständigem Konflikt, was ich darf ich mir oder meinen jüngeren Kindern gönnen. Meine Große hat das kleinzellige Karzinom und wir machen viele Pläne, aber der geschwächte Zustand meiner Tochter macht die Pläne zum großem Teil zunichte. Sie ist selbst frustriert, weil sie nicht so kann, wie sie möchte. Wie macht man es richtig:confused:
Liebe Grüße

Larimari
26.08.2012, 22:56
@flicka: phew, schwierige situation... wie alt sind deine kids denn?
aus eigener erfahrung als schwester eines schwerkranken kann ich sagen, dass es fuer mich als die gesunde immer ein enormes zurueckstecken war. als mein bruder verunglueckte, war ich zwoelf, und musste wirklich lernen, mich total zurueck zu nehmen. heute weiss ich, dass meine eltern enorm darunter gelitten haben, dass sie mich vernachlaessigen mussten, einfach weil mein bruder ihre ganze aufmerksamkeit gebraucht hat. aber damals hat es mich sehr verletzt.
d.h., in deinem fall musst du einen schwierigen balanceakt schaffen. den gesunden kids das gefuehl geben, dass sie nach wie vor wichtig sind. und deiner tochter das gefuehl geben, dass sie nicht der bremsklotz ist.

vielleicht ist da die auswahl der aktivitaeten einfach wichtig. sachen, die man spontan machen kann, und entsprechend dem zustand der grossen variieren kann. ich weiss nicht, inwiefern das klappt, dass man die grosse dafuer sensibilisiert, euch mal nen "day off" zu geben, zum toben. ich weiss auch nicht, ob und wie lange du sowas geniessen koenntest... es ist echt ne zwickmuehle. aber manchmal braucht es auch gar nicht viel, einfach das gefuehl, dass man was als familie macht, wo jeder quasi im zentrum ist, ob das gemeinsames brettspiel oder kasperletheater ist (ich weiss nicht, wie alt deine kids sind, vielleicht ist das alles nicht altersgemaess), oder ein geschichtenabend, das hilft den kids schon viel. ich weiss, ich fand es immer toll, einfach nur mal mit meiner mom mittagessen zu kochen.

@stomamaus: oi, das is hart... und das ist unfair. ich meine, erst kuemmerst du dich, und statt durchatmen zu koennen, kriegst du so eine diagnose. ich hoffe, dass es dir, so gut das geht, gut geht, und dass du alle unterstuetzung bekommst, die du brauchst. und auch dein beitrag ist wieder einmal ein grosser wink mit dem lattenzaun, dass man nicht aufhoeren darf, auf sich zu achten und sich selbst gut zu beobachten.


es ist ja doch generell so, dass die meisten familien heutzutage recht fragile konstrukte sind, wo es schon auffaellt, wenn einer mal voruebergehend (oder ganz) wegfaellt. bei uns daheim geht jetzt ohne pflegerische hilfe von aussen nix mehr.
klar gibt es netzwerke und freunde, aber dennoch, man muss trotzdem immer gut auf sich aufpassen!

Larimari
27.08.2012, 12:17
uaaaaaaaaaaaaah, heute habe ich am telefon die sprechstundenhilfe bloed angeredet. und die arme konnte nix dafuer... die krankenhausaerztin meinte naemlich, wir braeuchten eine anweisung fuer die strahlentherapie. und die wollte mir das maedel nicht geben, weil ja in diesem quartal schon eine ausgestellt wurde (mrt). und dann hab ich sie bloed angeblafft... dann mit der strahlenpraxis gesprochen, und festgestellt, dass eine ueberweisung vollkommen ausreicht. :embarasse

peinlich, peinlich...

aber es ist erschreckend, wie reizbar ich zuweilen bin. vor allem, wenn es um diesen medizinischen kram geht. ich verstehe ihre sprache nicht, ihre fachtermini irritieren mich, ihre art zu sprechen... mal abgesehen davon, dass das ganze system fuer mich ein buch mit sieben siegeln ist...

wie lange dauert es, bis man da halbwegs durchblickt?

OpaTochter
27.08.2012, 12:34
ich verstehe ihre sprache nicht, ihre fachtermini irritieren mich, ihre art zu sprechen... mal abgesehen davon, dass das ganze system fuer mich ein buch mit sieben siegeln ist...

wie lange dauert es, bis man da halbwegs durchblickt?

Was mich angeht: Niemals. Da scheine ich echt unter totaler Blödheit zu leiden.

Die andere Sache hat mich an einen Vorfall vor einiger Zeit bei mir erinnert :lol: guckst du mal da...

http://www.krebs-kompass.de/showpost.php?p=1112708&postcount=61

Alles Gute.

Larimari
27.08.2012, 17:09
hallo opatochter!

hehe, ich hab deinen beitrag gelesen. kann das irgendwie nachempfinden. ich war, nachdem mir mein scheiss aus dem maul gerutscht ist, erstmal total verdattert, so nach dem motto: hab ich das jetzt wirklich so gesagt. verdammt... echt saubloed... ich schaeme mich immer noch, wenn ich daran denke... aber manchmal, naja, manchmal verliert man einfach die contenance. wahrscheinlich sind wir innerlich alle bis zum zerreissen gespannt, und da braucht es nur eines klitzekleinen, banalen ereignisses, um ein bisschen ueberzuschnappen...

aber vielleicht ist das auch gut.

vielleicht hilft auch teller an die wand werfen... O_o muss das bei gelegenheit mal ausprobieren...

ansonsten heute ein pflegeheim fuer meinen bruder angeschaut. ist eigentlich ein altenheim, aber nah an der wohnung meiner eltern, und quasi ein guter kompromiss, wenns noetig wird. da war ich total ueberrascht ueber die ruestigkeit mancher bewohner. die waren alle flott mit ihrem rollator unterwegs, nicht dement und eigentlich noch 'topfit'... hat mich gewundert, warum sie in nem heim wohnen...
meine mom war fix und alle. sie pflegt meinen bruder seit 20 jahren, und es faellt ihr schwer, ihn abzugeben. ich hoffe, dass wir eine zusaetzliche pflegekraft kriegen, und die daheimpflege fortfuehren koennen... :(

Larimari
28.08.2012, 19:37
am dienstag gehts los, am dienstag gehts los: chemo und kopfbestrahlung stehen an.

drueckt daumen, dass mein alter herr das alles gut vertraegt.

er hat sich heute bei den aerzten ein bisschen angestellt. hat ihm alles zu lange gedauert. und weil sowohl der strahlen- als auch der onkodoc gesagt haben, rauchen sei kontraproduktiv und er wuerde damit dafuer sorgen, dass die therapie nicht so verlaufen kann wie sie soll, dass er sich quasi schneller ueber den jordan befoerdert, sind ihm beide jetzt erstmal suspekt. aber ich glaube, langsam kommt es in seinem kopf an. ich hoffe es jedenfalls.

ich fand beide ganz nett, vor allem der onkodoc war sehr unkompliziert, hat dann irgendwann kapiert, dass mit fachvokabular bei meinem dad nicht viel zu holen ist, und hat dann etwas runtergeschraubt.
am besten fand ich, als er ihn mit dem haarverlust vertraut gemacht hat. der doc meinte: aber die wachsen fei nach. darauf mein dad: naja, wenn ich noch lange genug lebe, dass sie nachwachsen koennen. darauf der arzt: die werden dir noch bis zum arsch wachsen... (o-ton, kommt vielleicht ein bisschen respektlos rueber, war aber genau das, was mein dad in dem moment gebraucht hat. und mich hats vom stuhl gehauen vor lauter lachen...)

morgen gehen wir uns trotzdem eine zweite meinung holen. und dann ist erstmal ein bisschen schicht im schacht. war viel los die letzten tage...

Larimari
28.08.2012, 21:28
hey stomamaus!
ja, die rennerei ist anstrengend. zumal ja immer noch der psychische druck im hinterkopf mit dabei ist. ich hoffe, dass es sich bei dir mit den drei terminen gegessen hat, und du deine ruhe hast. :)

wir geben hier unser bestes. also fast. wenn mein dad endlich komplett mit dem rauchen aufgehoert hat, dann geben wir unser bestes. also hoffentlich bald. :rolleyes:
moralisch sind wir alle grad gut aufgestellt. auch mein dad, auch wenn er sich dessen bewusst ist, dass er da schon was fatales mit sich rumschleppt. und dass dieses fatale durch sein verhalten massiv gefoerdert wurde. ich glaube, dass ist schon so ein bisschen tragisch. er meinte heute, er haette das trinken gelassen, weil er angst hatte, er koennte ein aggressiver besoffener werden - er ist halt ein sturkoepfiger balkano, immer auf krawall gebuerstet -, und sei statt dessen beim rauchen geblieben. und jetzt killt ihn das rauchen quasi... aber ich schaetze, das ist ein gedanke, den darf man einmal haben, und dann sollte man sich dran machen, den rest seines lebens so gut es geht zu leben.

so, ich muss jetzt schlafen. die tage schlauchen wie sau.

alles gute fuer euch alle!
mari

Dina74
29.08.2012, 09:15
Hallo Larimari,

Ich drueck Euch die Daumen für die bevorstehenden Behandlungen.

Ich hab es leider die letzten Tage wieder ganz schwer. Nachdem ich am Wochenende dachte das ich mich langsam mit dem Gedanken anfreunden muss meinem Papa zu verlieren geht nun die letzten beiden Tage wieder fast gar nichts . Es überfällt mich immer wieder eine Art innere Unruhe und Panik . Ich hab die schlimmsten Bilder im Kopf und bekommt sie nicht raus .Wenn die Kinder da sind versuch ich stark zu sein aber morgens und abends wenn sie im Kiga und Schule sind oder schlafen brech ich ein . An Arbeiten nächste Woche ist glaub ich gar nicht zu denken. Ich frag noch auch immer wieder warum es uns getroffen hat . Ihr kennt das vermutlich auch alle .

Euch allen die das gleiche durch machen wünsche ich ganz viel Kraft und das für uns alle irgendwann auch wieder die Sonne scheint .
LG

Larimari
29.08.2012, 09:41
ach mensch, dina... :(

ich weiss nicht, diese frage "warum wir" stelle ich mir grad gar nicht. ich meine, ich weiss ja, warum. weil mein dad in seinen besten tagen zwei schachteln marlboro in sich hineingeraucht hat. naja, und seitdem mein bruder seinen unfall hatte denk ich eh, dass alles, was schief laufen kann auch schief laufen wird.

ich hab momentan gar kein gefuehl, was die dauer von papas erkrankung und ihr resultat, wenn man das so nennen will, anbelangt. zwei monate, drei, ein jahr, fuenf... zeit ist irgendwie keine groesse gerade. es gibt nur heute und morgen.

ich muss ab naechster woche auch arbeiten. das wird hart. aber es ist notwendig. ich werde jetzt erstmal bei meinen eltern bleiben, und von dort aus in die arbeit fahren. mal gucken, wie gut das klappt...

das "warum wir" ist schon irgendwie nachvollziehbar. vor allem, wenn man sieht, dass fuer alle anderen das leben vermeintlich normal weitergeht. vermeintlich, weil wir wissen nicht, was sich bei denen alles abspielt. als wir gestern in der chemopraxis waren, hab ich mich total gewundert, wie gesund die patienten alle aussahen. neben uns wartete ein junger mann, der sah topfit aus, und erst als er zur sprechstundenhilfe meinte "gell, so mit ein bisschen haaren aufm kopf erkennen sie mich gar nicht mehr", wurde mir klar, hey, der hatte auch ne chemo, der hatte krebs, und da seine haare wirklich noch sehr kurz waren, war das wohl auch gar nicht lange her. was ich sagen will, man darf sich mit solchen gedanken nicht martern, auch wenn sie schwer zu vertreiben sind.
es ist, wie es ist. und wir muessen lernen, das beste draus zu machen. auch wenn wir traurig sind und verzweifelt.

ich wuensch dir viel kraft!
mari

Dina74
29.08.2012, 12:14
Danke Mari

Du hast Recht. Es ist wie es ist .Dies anzunehmen fällt mir jedoch sie schwer. Normalerweise bin ich auch eher jemand der sich nicht hängen lässt aber die Erkrankung meines Vaters hat mich in eine Art Schockstarre versetzt . Meinen ehemals so starken Papa so krank zu sehen ist so schlimm . Und nichts tun zu können ausser für ihn da zu sein . Ach jetzt heul ich schon wieder obwohl ich das nicht will . Jetzt werden erst mal die Tränen getrocknet und dann geht es ab ,Papa besuchen

Larimari
29.08.2012, 16:56
hey dina,

ja, sowas hab ich schon in carlos' thread geschrieben. es ist schon hart, wenn man die, die man immer fuer stark und unsterblich hielt auf einmal krank und schwach werden. das ist schon eine massive veraenderung, weil es dieses ganze konzept von 'jemandes kind sein' durcheinander bringt. diese sicherheit, die wir bei unseren eltern normalerweise spueren, das 'hier kann mir nichts passieren', das faellt auf einmal weg.

ich fuerchte, da muessen wir durch.

ich wuensche dir auf jeden fall ganz viel mut!

Larimari
29.08.2012, 18:08
wir waren heute uebrigens in der pneumoonkologie, um uns eine zweite meinung zu holen. der arzt hat den brief gelesen und gemeint, dass er mit der angewiesenen behandlung konform geht. er guckt sich jetzt noch das ct und mrt an, und ich hab ihm gesagt, dass wir uns wuenschen, dass er nix findet, was die situation noch schlimmer machen koennte. der arzt war sehr nett. hat nochmal alles erklaert - auch das mit dem rauchen - und mein dad hat auch ein bisschen erzaehlt. er tut sich so schwer, weil er sich bezueglich krankheiten nicht kurz fassen kann. seine krankengeschichte beginnt immer 1982, als man ihm die mandeln entfernt hat. :)
der arzt hat dann gemeint, er halte meinen dad fuer einen zaehen brocken. das hat der alte herr natuerlich gerne gehoert. und ich dachte mir nur, hoffentlich hast du recht, doktor.

auch wenn diese fahrten die letzten tage anstrengend waren, ich fands doch immer sehr schoen. dad und ich haben viel geratscht ueber dieses und jenes, waren kaffee trinken oder essen und hatten eine gute zeit. :) muessen noch ganz viel gute zeiten haben, unbedingt.

oh, und mit der kombipflege kriegen wirs vielleicht sogar hin, dass mein bruder nicht ins heim muss. haben uns heute beraten lassen. klingt vielversprechend. :)

Larimari
29.08.2012, 18:40
oh, f*** you, karin slaughter, you stupid ****!!! :mad:

ich hab mir zur ablenkung einen dieser schaebigen thriller gekauft, criminal von karin slaughter. literarisch so wertvoll wie ne gebrauchsanweisung, naja, weniger wertvoll als eine gebrauchsanweisung, also gar nicht. aber unterhaltsam, immerhin. bis jetzt einer der charaktere wegen eines sclc mit metastasen nach einer nachfolgerin sucht, because it is the deadliest cancer, and he does not have much time left. O_o bloede frau slaughter, sowas will ich doch gar nicht lesen. haette sie ja auch anders deichseln koennen, um ihre bloede protagonistin in diese position zu bringen...

Larimari
30.08.2012, 22:47
saubloed, gell? naja, ich hab dann aus sclc einfach pest und cholera gemacht. war ja auch nur zwei seiten lang thema...

heute hats mich wieder erwischt. manchmal gucke ich meinen dad an, und aergere mich, dass er so schwer mit dem rauchen aufhoeren kann. dann gucke ich ihn an, und denke mir, hey, er hatte ein schweres leben, ein trauriges leben, ein schoenes leben, und ich sollte damit umgehen koennen, dass er eventuell bald geht. geht, wie das jetzt klingt. dass er also eventuell bald stirbt. nicht mehr da ist. nie mehr zurueckkommt. und dann denk ich mir, dass ich einfach nicht will, dass er geht. also stirbt. also nie mehr zurueckkommt. ich hab angst.

Larimari
31.08.2012, 09:16
danke, stomamaus!

:)

heute geht es auch schon wieder. ich bin halt sehr gespannt, wie er seine chemo/bestrahlung vertragen wird. und hoffe instaendig, dass es ihm gut geht, dass er nicht zu viel mit uebelkeit zu kaempfen hat und dass er sachen machen kann...
ich hab gestern zwei puzzles bestellt, das mochte er frueher recht gerne. es ist nicht anstrengend, und lenkt evtl. ein bisschen ab. hoffe, das funktioniert.

ich hab im anderen thread deine geschichte gelesen, das ist ja fies. ich meine, klar, familie sind auch nur leute, die irgendwie qua schicksal und genen zueinander gehoeren. aber keine anteilnahme, bzw. anteilnahme, die nicht ehrlich erscheint, das ist doch gemein... :( ich bin froh, dass du einen partner hast, der offenbar sehr hilfsbereit ist, und deine freundinnen, auch wenn es der einen nicht so gut geht. aber hey, texaner sind hart im nehmen, auch zugereiste. und dort geht man, so hab ich das gefuehl, anders mit solchen krankheiten um. zwar gibts auch immer einen schock, aber dann herrscht so ne art fatalistischer optimismus. und wenn sie eine gute versicherung hat, dann werden sich die docs auch gut um sie kuemmern. das ist in amiland halt immer so eine sache...

ich wuensch dir auf jeden fall alles gute! und deiner freundin auch viel glueck!

Larimari
02.09.2012, 15:39
Heute endlich mal wieder einen Tag in meiner Wohnung. Bleibe hier zwar nur bis morgen Mittag, und dann geht es für unbestimmte Zeit, also mindestens ne Woche evtl. sogar länger wieder zu meinen Eltern. Ich bin zwar mittlerweile gerne bei meinen Eltern. Durch die Krankheit meines Vaters gehen wir irgendwie viel netter miteinander um, und irgendwie ist es auch lustiger als sonst... Aber mal nen Abend auf meiner Couch und mit meinen Sachen zu verbringen. Das tut schon gut. Auch wenn ich sehr oft dabei an meinen Dad denke.

Und den den Mangel an Schokolade hier im Haus. :eek:

Ich wünsche euch allen einen schönen Sonntag!

Larimari
02.09.2012, 22:55
Hab in fünf Stunden drei mal bei meinen Eltern angerufen... Ich glaube, zum Schluss bin ich ihnen schon leicht auf den Keks gegangen... :D

Ich hab noch was vergessen. Wir haben gestern nen netten Tipp von der Dame von der Sozialstation bekommen, der zwar ein bisschen umständlich ist, aber dafür sorgt, dass mein kleiner Bruder vorerst nicht ins Heim muss. Und wir keine Dauerpflegekraft brauchen. Ein Schienenliftersystem. Damit kann meine Mom od ich oder mein Dad, falls er kann, meinen Bruder schick alleine aus dem Bett in seinen buggy oder Richtung Badewanne befördern. Blöd, dass wir da selbst nicht dran gedacht haben. Zumindest in eine richtung also positive Entwicklung.

Wer noch ein paar Daumen übrig hat, bitte ab Dienstag druecken, da fangen chemo und Bestrahlung an.

Einen guten Start in die Woche wuensch ich euch allen!

El_Desparecido
03.09.2012, 20:42
Liebe Mari,

ich drücke deinem Dad beide Daumen für morgen.
Und dir auch.

Larimari
03.09.2012, 23:17
vielen dank, carlos.

:)

mein dad ist schon nervoes. und die tatsache, dass er heute ohne kippchen auskommen musste, tut ihrs dazu. er sagt, er weiss halt nicht, was ihn erwartet und das irritiert ihn ein wenig.
ich bin mittlerweile voll durch den wind. war heute extra am bahnhof im zeitungsladen, um fuer meinen dad balkanlesestoff fuer morgen zu besorgen. und ich glaube, ich hab nach dem zahlen wirklich vergessen, das zeug in meinen rucksack zu packen. ich koennt kotzen. ich glaub, ich werde schoen langsam ganz schoen verrueckt.

El_Desparecido
05.09.2012, 16:44
Hey Mari,

wie sieht es aus an der Balkanfront?
Ich hoffe dein Vater hält sich wacker und er verträgt die Chemo ähnlich gut wie meiner.

Ich wünsch euch was.

Larimari
05.09.2012, 17:45
hallo, meine lieben!

mir gehts prima, hab mir vorhin einen hugo genehmigt. :D

meinem dad gehts ganz okay. er hat ein bisschen geschwollene beine. und er sagt, von der bestrahlung fuehlt er sich ein bisschen "beschwippst". ansonsten schlaeft er gerne und viel. aber jetzt nicht irgendwie matt. er nickt auf dem sofa ein. aber reagiert dann auch auf die sachen, die um ihn herum passieren. ich glaube, was ihm noch ziemlich zusetzt, ist das nichtrauchen. der arme kerl hat seit drei tagen keine mehr geraucht. :D rekord!

freut mich, carlos, dass dein dad sich auch wacker haelt!

mausi, hoffe, bei dir ist auch alles okay!

:)

ich drueck uns allen die daumen!

habt einen schoenen abend!

Larimari
06.09.2012, 23:17
boah, ist das anstrengend. ich weiss nicht, obs vom nichtrauchen kommt, oder obs ne nebenwirkung der chemo ist oder was auch immer, mein dad ist jetzt nicht nur ein grantler, das war er schon immer, jetzt ist er auch noch truebsinnig. alles ist scheisse, und ueberhaupt und sowieso.

und meine mom ist auch irgendwie sehr labil grad...

und ich bin mir nicht ganz sicher, was ich tun soll. ich meine, ich tu mein bestes, aber ich kann nicht noch zwei haeufchen elend mit mir rumtragen. :(

bin jetzt auch deprimiert.

OpaTochter
07.09.2012, 09:58
ich glaub das ist das Wetter oder die Jahreszeit.

Bei uns ist es gerade GENAU SO!!!
Ich gestehe ich bin etwas froh, wenn meine wieder nach Hause fahren. :o

Vielleicht wird mein Pa dann ja wieder umgänglicher. Außerdem ist nächste Woche Kontroll CT - Daumen drücken -

El_Desparecido
07.09.2012, 10:16
Ach Mari,

ich weiss genau, was du meinst.
Unsere Väter haben am Montag die erste Chemokeule reingewürgt bekommen.
Meiner war am 2. Tag total aggressiv und mit allem unzufrieden. Mit sich, mit uns, mit der Situation, mit den Schwestern, mit allen.

Ich habe darüber mit der Ärztin gesprochen und sie hat mir gesagt, dass das durchaus von der Chemo kommen kann. Sie sagte, man kann sich nicht wirklich vorstellen, was die Chemo im Körper anrichtet und dass es recht normal sei, ersteinmal an der Wirkung zu zweifeln, weil man gefühlt noch kränker wird. Daraus kann dann logischerweise auch Mutlosigkeit und Depristimmung entstehen.

Was kannst du dabei machen?
Nicht viel, fürchte ich. Ausser genau dem, was du machst. Da sein.

Ich stelle auch fest, dass ich zunehmend dünnhäutiger werde. Bisweilen auch aggressiv gegenüber Leuten, die das nicht verdient haben. Zum Beispiel auch gegenüber meiner Mutter. Ich merke das immerhin sofort und entschuldige mich, aber ich muss wirklich aufpassen, dass ich mich nicht emotional überfordere.
Im Moment bin ich auch in Kaputtmachstimmung.
Irgendwas, Hauptsache kaputt.
Die Scherben lassen grüßen.


Ich drück dich, Mari.

Larimari
07.09.2012, 10:56
ja, das kenn ich. oh gott, ich kenns. ich bin grad nicht mehr ganz in zerstoerlaune. wobei, ich war ja die letzten wochen auch auf rosa-brille-pillen. mittlerweile arbeite ich wieder. und das tut gut. einfach mal kurz rauskommen, energie tanken und dann wieder heim fahren.

und, ich hab mir naechstes wochenende fuenf tage mit meinem freund gegoennt. natuerlich mit den eltern abgesprochen. mein partner lebt in den staaten, und wir sehen uns eh viel zu selten. und als papas diagnose kam, dachte ich, ich sehe ihn so gut wie gar nicht mehr. jetzt nutze ich den moment, und mach mich fuer fuenf tage auf den weg. :D das baut mich auf.

man kann sich wirklich nicht vorstellen, was bei so einer chemo passiert, und auch nicht bei der bestrahlung. nach aussen hin wirkt mein dad gar nicht so arg eingeschraenkt. er ist gut zu fuss, kann eigentlich noch alles machen. ist halt nur irgendwie niedergeschlagen. und genervt, dass er so viele medis nehmen muss. ich werd ihn morgen oder am sonntag mal vor der arbeit zu einem kleinen spaziergang schleifen. hoffe, das hilft ein bisschen.

ich wuensche euch allen wirklich alles, alles gute!

opatochter: das wochenende wird sonnig und warm! ich hoffe, das gibt gute laune! :) und gute ergebnisse

und auch dir, carlos, und deinen eltern wuensche ich eine gute zeit!

lg,
mari!

Larimari
09.09.2012, 22:56
Hui, mal wieder daheim. Also bei mir daheim. Tut gut.

Hab grad noch mal schnell bei meinen Eltern angerufen. Mein Dad hat mir nen Einlauf verpasst, die Mama sei schon im Bett und so spät anrufen ginge doch nicht... :) aber es geht ihm okay. Und das ist für mich wichtig.

Ich freu mich schon auf das Wochenende mit meinem Freund. Dann noch drei Tage frei bei meinen Eltern.

Mein Dad kann sich immer noch nicht mit der Situation anfreunden. Er sieht sich als Sklave seiner Medikamente. Und pdas Schwummrige, das wohl durch die Kopfbestrahlung verursacht wird, findet er unheimlich. Auf der einen Seite mag er es aber auch nicht, dass wir Aufgaben übernehmen, die sonst explizit seine Aufgaben sind. Und das macht mir Hoffnung, dass er doch noch aus seiner ersten Depression und Lethargie herauszuholen sein wird....

Und jede Tag denke ich mir, wenn doch nur die Behandlung gut anschlägt...
Ich wünsche uns das so sehr...

Wie geht's denn euch allen? Hoffe, ihr hattet ein schönes Wochenende. :)

El_Desparecido
10.09.2012, 10:45
Liebe Mari,

es freut mich sehr, dass du deinen Freund nächstes Wochenende sehen wirst.
Meine Freundin entpuppt sich als einziger Anlaufhafen für mich, die Verständnis für meine Situation aufbringt und instinktiv das Richtige tut oder eben auch nicht tut.
Ich wünsche dir einige erholsame und intensive Tage mit deinem Liebsten.

Mein restlicher Freundeskreis erweist sich leider als überfordert mit der Situation. Um es mal diplomatisch zu formulieren.
Aber gut, dass soll nicht meine Sorge sein. Zumindest nicht jetzt.

Ich wünsche euch viel Kraft, Mari.

Larimari
10.09.2012, 10:54
Mein Freund tut, was er auf die Distanz tun kann. Und das ist gut.

Meine Freunde und Kollegen, naja, die meisten sind selbst in irgendeiner Form mit Krebs und/oder Tod in Kontakt gekommen, von daher hab ich da echt Glück. Auch wenn ich anfangs, grad in der Arbeit, Bedenken hatte.

Ich mach mir nur grad echt Sorgen um meinen Dad. Die Bestrahlung macht ihn ziemlich schlapp. Er macht zwar noch alles. Aber irgendwie verliert er ein bisschen das Vertrauen in seinen Körper. Weil er halt schnell erschöpft ist. Er traut sich grad selbst bestimmte Sachen nicht mehr so zu... Hoffe, dass bessert sich wieder. Das ist grad mein, wie die letzten Posts zeigen, Auf- und Abthema...

Danke für die guten Wünsche!

El_Desparecido
10.09.2012, 11:17
Ich hoffe mit dir.

Das man bei so einer Diagnose und Therapie das Urvertrauen in seinen Körper und dessen Leistungsfähigkeit verliert, erscheint mir mehr als nachvollziehbar.

Es wird vermutlich seine Zeit brauchen, bis man (unsere Väter) sich damit arrangiert hat, die Ansprüche an sich selbst den geänderten Umständen anzupassen.
Erfreulich finde ich, dass dein Vater den Anspruch hat seine bisherigen Aufgaben weiterhin zu übernehmen, auch wenn ihm im Moment der Mut fehlt.
Darauf lässt sich aufbauen, denke ich.

Ich drück dich.

Sonnenschein_2012
10.09.2012, 16:00
Hallo Svenja,

was gibt es bei Dir Neues?

LG
Sonnenschein

Larimari
11.09.2012, 10:38
hallo ihr lieben!

hey ainu, das mit der umschulung klingt doch gut. ich wuensch dir ganz viel kraft dafuer! hab gestern auch mit ner kollegin gesprochen. ich wollte in den naechsten drei jahren so ein bwl-aufbaustudium machen, hab mir schoen alles geplant, und dann kam mein dad. aber ich habe beschlossen, dass ich es doch in angriff nehmen muss, denn die sorge um sich selbst darf nicht vernachlaessigt werden. und ich hoffe, dass du die gelegenheit auch gut nutzen kannst, nicht nur fuer dich, auch fuer deinen kleinen! viel glueck!

mein dad mosert, und er sagt mittlerweile voll oft schei**, das wort kam sonst nicht so oft in seinem vokabular vor. er schlaegt sich tapfer. hat halt magen-darm-trouble, und das nervt ihn... und er ist ein ungeduldiger medikamentennehmer. kapiert nicht, dass z.b. mucofalk etwas ist, dass ne zeitlang braucht, um zu wirken. wir sind hier grad noch am lernen... :D

ich fiebere mit leicht schlechtem gewissen dem donnerstag entgegen, und freue mich darauf, am freitag erstmal meine lieblingseisdiele am rand von little italy zu besuchen, und leerzufressen! :rotier2:

El_Desparecido
12.09.2012, 11:47
Hey Mari,

ich kann dich total gut verstehen, dass du das BWL Studium trotz aller Widrigkeiten durchziehen möchtest.
Vielleicht schwingt da auch ein bisschen Trotz mit, nach dem Motto: Jetzt erst Recht und ich werde mir vom blöden Universum bestimmt nicht in die Suppe spucken lassen.
Einerseits finde ich das gut und richtig.

Andererseits sehe ich auch die Gefahr sich zu übernehmen und das du dich aufreibst auf zu vielen Baustellen.

Ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, dass ein berufsbegleitendes Studium ein ziemlicher Kraftakt ist, vor allem wenn man mit dem Anspruch antritt, wirklich das Beste aus diesem Studium zu machen. Und so schätze ich dich ein.
Und je nachdem ob dein Arbeitgeber oder du das Studium bezahlst, steckt auch ein finanzieller Druck oder Erwartungshaltung dahinter.

Schon bemerkenswert wie sich manche Geschichten gleichen und Wege kreuzen.
Ich habe für das kommende Wintersemester genau dasselbe geplant, allerdings in einer etwas anderen Fachrichtung und für mich entschieden, es erst einmal aufzuschieben. Auf jeden Fall werde ich es nachholen. Auf jeden Fall. Aber alles zu seiner Zeit.

Du schreibst, du hättest deine Entscheidung schon getroffen. Ich möchte dich nicht davon abbringen, nur meine Sicht der Dinge anbieten.

Deine gemischten Gefühle wegen des Urlaubs kann ich auch gut nachvollziehen. Aber ich bin mich auch sicher, dass dein schlechtes Gewissen unnötig sein wird und du im nachhinein froh sein wirst, gefahren zu sein.
Und hey, New York bedeutet (neben Bauchschmerzen von zu viel Eis) doch wohl vor allem Ablenkung, Hektik und Trubel. Das wird dir gut tun und damit allen Beteiligten.

Ich wünsche dir gute Reise und eine schöne Zeit mit deinem Freund!

Sonnenschein_2012
12.09.2012, 12:14
Liebe Svenja,

gratuliere zu der Umschulung. Ich meine, Du bist auf einem guten Weg, um mit der Situation irgendwie klar zu kommen.

Mir gehts momentan nicht gut, habe das Gefühl, ich bin in eine Depression hineingeschlittert. Könnte nur noch dasitzen und weinen. Ich hab kein Ziel mehr, wozu hoffen und kämpfen und bangen.. es ist doch nur ein Spiel auf Zeit... 2 - 3 Monate mehr... was bringt das? Es ist alles so sinnlos.

Liebe Grüße
Sonnenschein

Larimari
12.09.2012, 16:13
Hey Carlos!

Danke für die guten Wünsche. Das mit dem Studium ist nicht gar so akut. Man kann's gut in einzelnen Modulen machen, und jederzeit einsteigen. Da ich es in Eigenregie mache, ist auch der Zeitdruck nicht so hoch. Das wird schon werden.

Wir waren heute beim heimischen Onkologen. Der ist sehr nett. Und mein Dad fühlt sich gut betreut. Der Arzt will nämlich, dass mein Dad jeden zweiten Tag anruft und seinen Zustand schildert. :D so eine Art von Zuwendung findet der Dad spitze. Blutwerte heute gut. Ich hab ihn heute schon ein bisschen spazieren geschickt. :D

Und morgen darf ich auch ein bisschen spazieren...

Ich wünsch euch allen alles Gute!

Larimari
14.09.2012, 16:45
Kaum weg von Zuhause, schon hängt man am Telefon, um sich im 10-Minuten-Takt über die Lage der Dinge zu informieren. :rolleyes: Loslassen, na klar...

Aber heute ist mein Dad ganz alleine zum Arzt gegangen. Zu Fuß, wohlgemerkt! :) es ist komisch. Er wirkt ja gar nicht wirklich krank, nur von zeit zu zeit ein wenig erschöpft, aber trotzdem machen einem solche kleinen normalen ereignisse Freude. Etwas, worüber man sonst nie nachgedacht haette...

El_Desparecido
19.09.2012, 14:15
Liebe Mari,

ich hoffe du hattest tolle Tage mit deinem Freund in New York und konntest dich ein bisschen ablenken. Vielleicht ist sogar die Taktung der Anrufe in die Heimat niedriger geworden.

Die Freude über an sich normale Ereignisse kann ich vollkommen nachvollziehen.
Bei meinem Vater ist das so, wenn ich es schaffe ihn zum lachen zu bringen. Irgendwie hat das oft mit anzüglichen Bemerkungen oder mit ironischen Kommentaren über seinen Zustand zu tun.
Wenn er lacht oder sich freut muss ich mich ganz oft dazu zwingen auch zu lachen und nicht zu heulen.
Krasser Scheiß.

Geht bei deinem Vater die Chemo nächste Woche auch weiter?

Larimari
19.09.2012, 23:24
jupp, am dienstag gehts weiter...

mein dad ist ein bisschen gefrustet von den nebenwirkungen. er ist ein bisschen grobmotorisch geworden. zumindest faellt ihm beim laufen auf, dass er den fuss ein bisschen unkontrolliert abrollt... der arzt meint, das geht vorbei. die blutwerte sind in ordnung. und er verliert haare. aber nur am kopf, von der bestrahlung. wenn das so weiter geht, sieht er bald aus wie telly savalas. ein bisschen schmaler vielleicht. und ohne lolli...
bin grad seit nem tag daheim, und hab ueberall haare von meinem dad an den klamotten. ich glaube, er will den radikalen schritt nicht gehen, sondern sich von jedem haar einzeln verabschieden.

oh, oh, und irgendwas von dem zeug, was er nimmt, verursacht ungeheure flatulenzen... der arme kerl, ehrlich, er tut mir so leid. wir lachen zwar oft darueber, und scherzen, dass er unsere heimeigene biogasanlage ist, aber es ist ihm sehr unangenehm. vor allem, wenn er irgendwo unter leuten ist, wo er nicht ohne weiteres mal einen fahren lassen kann... und er traut sich nicht, darueber mit dem doc zu sprechen... ich hoffe, mein zureden hilft, und er thematisiert es am freitag. sonst muss ich mitgehen.

ich hatte ja gehofft, dass, wenn ich wieder daheim bin, ein kleines wunder passiert und alles wieder normal ist. aber der krebs ist immer noch da. ich hab ein bisschen schiss vor der naechsten runde chemo, und vor der untersuchung danach... aber ich versuche, nicht daran zu denken. alles, was weiter in der zukunft liegt, interessiert mich gerade noch nicht.

ist dein dad denn nun mittlerweile nach hause gekommen? ich hoffe, ihr habt alles gut in den griff bekommen.

ganz liebe gruesse,
mari

Larimari
21.09.2012, 10:49
wir haben heute eine muetze gekauft. fuer meinen dad. sein haupthaar wird immer lichter. der arme leidet total darunter. naja, er war sein lebtag lang ein eitler balkano. und stolz auf seine haare. aber weils jetzt doch immer kaelter wird, und auf dem kopf fast nix mehr ist, mussten wir ins lokale herrenmodegeschaeft, und einen schicken schieber organisieren. der steht ihm gut. die verkaeuferin war auch sehr nett. hat gleich kapiert, was los ist. und sitzt wahrscheinlich immer noch in ihrem laden und versucht, die haare meines vaters aus den muetzen zu pulen, die er anprobiert hat. :D

ich hoffe, dass sich der dad schnell an seine neue muetze gewoehnt. und an seinen kahlen kopf...


Edit: habe ich eigentlich in letzter zeit mal gesagt, wie sehr ich meinen Vater liebe, und wie unglaublich fertig mich der Gedanke an seine Krankheit, ihre besch***ene Hinterfotzigkeit und unvorhersehbarkeit und ihren letztendlich doch klaren Ausgang macht? Ich könnt schreien vor Wut und Angst und Hilflosigkeit...

Mirilena
22.09.2012, 09:15
Liebe Mari,

ich lese immer still bei dir mit... Ich wollte dich nur mal eben wissen lassen, dass ich dich trotz der widrigen Umstände sehr, sehr gern lese. Du hast einen großartigen Humor und ich denke, dass du mit deiner entwaffnenden, offenen und herzlichen Art deinem Papa unheimlich gut tust. Letztlich ist Lachen immer noch die beste Medizin, denn die lenkt von all dem Kummer ab.

Auch wenn es dir bestimmt oft sehr, sehr schwer fällt...

Ich drücke ganz fest die Daumen, dass die Chemo bei deinem Papa gut anschlägt!!!

Liebe Grüße
Miriam

Larimari
25.09.2012, 00:03
danke miriam! :)

ich bin grad tatsaechlich aber sehr duennhaeutig. mein dad hatte heute, als ich mit ihm telefonierte, schlechte laune, weil zum einen die bestrahlung seinen bewegungsapparat beeintraechtigt - er hat das gefuehl, er laeuft nicht mehr so gut -, auf der anderen seite ihn der arzt beim bluttest fast zwei stunden hat warten lassen... das wiederum hat mir die laune verdorben, ich hoffe, dass die motorischen stoerungen nur voruebergehend sind, aber es macht mir angst. und als ich heute abend heimkam, musste ich wieder mit entsetzen fest stellen, dass es wohl wirklich besser gewesen waere frisurentechnisch einen radikalen schnitt zu vollziehen. mittlerweile hat er naemlich nur noch ein paar jaemmerliche haerchen auf dem kopf. und das sieht so traurig aus. hey, ich konnte nicht anders, ich wollte zwar nicht, aber ich hab echt losgeflennt wie ein kind, als ich ihn gesehen habe...

ich hoffe, dass bald wieder eine grosse portion mut mit der post kommt. koennt ich im augenblick wirklich gebrauchen...

El_Desparecido
25.09.2012, 10:47
Ach Mari,

ich kann dich so gut verstehen. Alles was du schreibst kommt mir sattsam bekannt vor.
Das Drama mit den Haaren habe ich auch durch. Erst habe ich meinem alten Herren den Schnurrbart abgenommen, weil die halbe Suppe drin hingenblieb. Erstmals ohne Schnurrbart seit 50 Jahren...Dann liess er büschelweise Haare auf dem Kopfkissen und ich sollte sie ihm abrasieren. Als ich nächsten Tag mit dem Langhaarschneider ins Krankenhaus kam, sagte er "Nee, doch nicht.", um sie dann 2 Tage später doch von einem Krankenpfleger zu rasieren.
Da musste ich auch echt schlucken.
Genau wie du.
Ich nehme an, dass der geschorene Kopf und die dennoch kahlen Stellen die visuelle Bestätigung für die Krankheit liefern. Wir blicken im wahrsten Sinne des (Sprich)wortes in das fahle Antlitz der Realität, der Krankheit. Da welkt des Stärksten Verdrängungsfähigkeit dahin.

Das dir die abnehmenden motorischen Fähigkeiten Sorge und Angst bereiten, ist auch nur zu verständlich.
Ich kann dir aber versichern, dass du auch das akzeptieren lernen wirst.
Ich konnte das auch erst nicht glauben, aber auch das wird irgendwie zur Normalität.
Ich beginne langsam zu begreifen, was der Satz "Auch in der Nazizeit war zwölfmal Spargelzeit" wirklich bedeutet.

Ich kenne dich zwar nicht wirklich, aber nach allem was ich von dir lese, bist du eine starke Frau und tolle Tochter. Du bist die Tochter deines Vaters und ihm dankbar dafür, dass du so geworden bist, so werden konntest, wie du jetzt bist. Und gibst ihm so viel davon jetzt zurück, wie du kannst.
Weil du ihn so liebst, schmerzt es so.
Diese Art von Liebe ist meiner unbedeutenden Meinung nach mit das wertvollste und Kraft spendenste, was man empfinden kann.
Du wirst den Mut für jeden Tag aus dieser Liebe schöpfen, da bin ich sicher.

Und für die schlechten Tage, an denen du daran zweifelst, möchte ich dir zurufen: "Hey Mari, du machst das toll und dein Vater kann wirklich stolz auf seine Tochter sein!"

Fühl dich gedrückt.

Larimari
27.09.2012, 23:36
hola carlos!

danke fuer die aufmunternden worte.

es geht schon wieder. naja, es geht mal wieder, dann geht es mal wieder nicht. es ist ein staendiges auf und ab.

heute ist der zweite zyklus chemo losgegangen. man wird wohl fuer den rest einen port anlegen. er hat blaue flecken, die sich nur langsam zurueckbilden, vielleicht auch wegen des cortisons, das er bekommt. er bekommt die chemo jetzt vor ort, in einer netten, kleinen tagesklinik. und dort hat er heute leute beobachtet, und mit einer frau geratscht, die wohl - so empfand er es - viel schlechter beieinander war als er. das hat ihn wohl wieder ein bisschen versoenlicher gemacht. auf jeden fall haben wir heute abend noch einen netten plausch gehabt. er war gar nicht gereizt.

ich hab jetzt endlich mal zwei tage frei. werde bei meinen eltern bleiben. aber ich werde mich anstrengen, auch ein bisschen zu entspannen. :D klingt komisch, ist aber so.

ist dein dad noch im krankenhaus?

Katrin111
03.10.2012, 12:33
Hallo Ihr Lieben,

ich hab schon ein paar Mal in diesem Forum gelesen und hab mich jetzt angemeldet.

Ich weiß gar nicht, was ich schreiben soll. Ihr beschreibt dieses Gefühlschaos, in dem ich mich auch grad befinde, so gut und sprecht mir aus dem Herzen.

Meine Mutter hatte vor ca. 2 Jahren Brustkrebs. Nach der Behandlung (erst Chemo, dann OP und Bestrahlung) sah es eigentlich ganz gut aus, si war sogar wieder arbeiten. Und dann kam im Januar der Schock: Rückfall im Bereich der Leber/Lunge, keiner weiß was genaues, aber es ist wahrscheinlich CUP - Cancer unknown primarcy (Mestastasenbildung ohne den Ursprungsherd zu kennen). Ihr Zustand wurde im Februar so schlecht, dass die Ärzte sie aufgegeben hatten, aber dann wurde es wieder besser. Seitdem bekommt sie Chemo - palliativ.

Seit September ist sie nun wieder im Krankenhaus. Sie hat Wasser im Bauch. Und entweder die Nebenwirkungen von der Chemo belasten sie so stark oder wenn die Chemo ausgesetzt wird, dann schreiten die Metastasen weiter fort.

Ich würde ihr so gern helfen, aber diese Hilflosigkeit... Auch das man einen lieben Menschen, der mal gesund und stark war, in so einem Zustand sehen muss und ihm nichts helfen kann, ist so belastend.

In meiner Situation kommt noch hinzu, dass ich ca. 100 km von meinen Eltern entfernt wohne, d. h. ich fahre zur Zeit jedes WE hin und kümmere mich um den Haushalt, meine Eltern etc. Ich hab dadurch aber kaum mehr Zeit für mich, mal was zu unternehmen etc. Und wenn ich es tun würde, sind da dann auch wieder die Schuldgefühle. Ich hab da einfach kein Gefühl dafür, was richtig ist und was mich auch nich kaputt macht..

Mit meinen Freunden kann ich, ähnlich den Beiträgen, auch nicht wirklich drüber reden, da es für sie halt nur nen Moment ist, wenn wir reden, und sie nicht wirklich nachvollziehen können, wie es mir geht.

Es tut daher sehr gut, in diesem Forum zu schreiben. Ich wünsche uns allen die Kraft, die wir alle bitter nötig brauchen und hoffe, wir können uns hier ab und zu austauschen.

Viele Grüße, Katrin

Larimari
18.10.2012, 10:25
jetzt haben wir den salat.

ich hab bis vor kurzem immer noch mit meinem dad gescherzt, dass er jetzt, wo er lungenkrebs hat, zumindest nicht mehr unter altersdemenz leiden muss. weit gefehlt. er hatte am montag naemlich eine krise, lungenentzuendung. und es wurde ein schnell wirksames antibiotikum verschrieben. jetzt hatte dieses medikament jede menge nebenwirkungen, unter anderem auch verwirrung und desorientierung und so.
naja, in kombination mit dem fieber, dem infekt, dem wassermangel und den kopfmetas hat das antibiotikum dann gestern zu einem einwandfreien akuten delirium gefuehrt. will sagen, mein dad ist - temporaer, so sagt der arzt, und ich hoffe, er hat recht - verrueckt geworden. es sind die schlimmsten momente meines lebens. ehrlich, er hat sich innerhalb von 24 stunden massivst veraendert, ist jetzt ein verwirrter alter mann, der nur wirres zeug brabbelt, ungeheuer unlogisches zeug macht... das, was man sich nie fuer seine eltern gewuenscht hat. es ist schlimm.

ich hoffe, dass keiner von euch sowas durchmachen muss. augen auf bei antibiotika!!!

Mirilena
18.10.2012, 20:28
Hallo Mari,

so ein Sch...!!!! Mein Vater hatte auch so eine fiese Lungenentzündung. Das ist bei Lungenkrebs wohl eine häufige "Begleiterscheinung". 5 Wochen hat er im Krankenhaus gekämpft und dann hatte er's geschafft und durfte endlich wieder nach Haus! Ich drücke euch ganz fest die Daumen, dass es deinem Papa sehr bald wieder besser geht und er sich von den fiesen Nebenwirkungen des Antibiotikums erholt und wieder der "Alte" ist. Kopf hoch und ein wenig Geduld, Mari! Ich weiß, wie schwer es ist und vor allem wie schrecklich es ist, deinen Vater nun so zu erleben.

Liebe Grüße
Miriam

Larimari
18.10.2012, 22:35
hi miri, hi svenja!

ja, es ist eine bescheidene situation. der papa ist heute ins krankenhaus eingeliefert worden. die heimpflege hat nicht optimal funktioniert. wir haben uns die groesste muehe gegeben. aber es war irgendwann einfach zu schwer, ihm was zu trinken zu verabreichen. da mein bruder behindert ist, sind wir ja schon mit so sachen wie windeln und aehnlichem ausgestattet, somit konnten wir auf dads neuen zustand gut reagieren. letztendlich hat der doc aber gemeint, krankenhaus ist sinnvoller.
ich war erstmal geschockt, klar, wir versuchen immer, ohne kh zurecht zu kommen, aber mittlerweile bin ich beruhigt. er liegt auf der intensivstation, was anfangs nicht angedacht war, aber seine natriumwerte sind sehr schlecht. ich finde es gut, weil ich mir denke, dass er dort besser beobachtet wird in seinen sonderbaren verhaltensweisen. ich hoffe, dass sie ihn wieder herstellen koennen. die symptome der lungenentzuendung sind schon fast weg. das fieber war heute nicht mehr arg hoch. aber die verwirrtheit ist immer schlimmer geworden.
sie haben heute noch ein schaedel ct gemacht. und ich hab mit dem arzt vereinbart, dass no news good news sind. und bisher hab ich nix von ihm gehoert. ich hoffe, dass er mich nicht vergessen hat, sondern wirklich nix zu melden hatte.

drueckt daumen, dass er seinen verstand zurueck bekommt. (ich finde die vorstellung, dass die letzte erinnerung an meinen dad, ein brabbelnder, verwirrter alter man sein soll, und nicht mein dad, wie ich ihn kenne, ziemlich erschreckend) und dass wir die bloede lungenentzuendung auch in den griff kriegen.

ich knock mich jetzt aus. fast 48 stunden ohne schlaf sind zu viel...

El_Desparecido
19.10.2012, 10:35
Liebe Mari,

eigentlich weiss ich gar nicht was ich schreiben soll.
Life is a bitch?
Schlimmer geht immer?
Ich weiss es nicht.

Wohl weiss ich aber, wie schrecklich das für dich sein muss. Für dich ist mein größter Albtraum wahr geworden.

Auch wenn du dich hilflos und machtlos, ungenügend empfinden magst im Moment. Sei sicher, dass das was du tust, deine Liebe, deine Sorge, Fürsorge, Kümmern, Hoffen und Bangen alles andere als ungenügend ist und ganz und gar nicht selbstverständlich.
Alles was ich von dir lese ist letztlich von großer Liebe zu deinem Vater, zu deiner ganzen Familie geprägt.

Du machst das großartig. Und deine ganze Familie ist sicher unglaublich froh und dankbar, dass es dich gibt.

Ich wünsche deinem Vater viel Kraft und alles Gute.

Du machst das großartig, Mari.

Pass auf dich auf.

Meine Daumen sind gedrückt. Alle Beide.

Larimari
20.10.2012, 11:16
ich habe heute meine erste nacht im krankenhaus verbracht. als watchdog. es ist eine sehr sonderbare situation.

mein vater ist von der intensiv auf die innere verlegt worden. er hatte gar keine lungenentzuendung, sondern bronchitis. auf der intensiv hatte er einen kleinen atemaussetzer, woraufhin die beschlossen haben, ihn auf normalstation zu legen, um lebensverlaengernde massnahmen zu vermeiden. mein dad will keine.

er ist immer noch im delirium. es ist schwer mit anzusehen.

mittlerweile liegt, in ermangelung eines kurzpflegeplatzes, auch mein bruder bei meinem dad im zimmer. am montag wird er in ein heim verlegt. fuer meine mom der absolute albtraum.

irgendwie bricht die familie grad ein wenig auseinander.

irgendwo auf dem balkan organisiert gerade jemand fuer uns einen grabplatz mit allem drum und dran. ich schaetze, wir muessen vorbereitet sein.

Larimari
20.10.2012, 12:18
news from the hospital. da wohne ich naemlich jetzt. quasi als dauerwatchdog.

es ist wohl doch ne lungenentzuendung. die aerzte waren grad da, und haben gemeint, dass sie doch antibiotika geben muessen. und die natriumzufuhr erhoehen, weil er da extrem niedrige werte hat. ich weiss nicht, was ich von dem ganzen halten soll...

ich wuenschte nur, er waere wieder klar im kopf...

ich meine, wenn er jetzt gehen mag, ist das okay. aber ich haett schon gerne noch einiges beredet. vielleicht muessen wir es irgendwann nachholen. an einem anderen ort als andere leute. an reinkarnation zu glauben finde ich momentan irgendwie troestlich...

Larimari
20.10.2012, 14:32
oh, und uebrigens. nach diesem praktikum im krankenhaus, weiss got, wie lange es noch dauert, kann ich mich direkt als pflegehilfskraft bewerben. lagern, medikamente verabreichen, absaugen - kann ich machen. auch mein ekelpegel ist dramatisch gesunken. man lernt so viel ueber die fragilitaet des menschen an so einem ort.

so, und jetzt muss ich, glaub ich, wieder erbrochenes wegwischen...

hooray for life quality :(

Mirilena
20.10.2012, 17:11
Ach mensch, Mari! Das ist ja alles echt bescheiden! Ich kann mir vorstellen, wie dir zumute ist... Dazu kommt bei dir jetzt auch noch der akute Schlafmangel. Pass ein bißchen auf dich auf, ja? Wie Carlos geschrieben hat, es ist wichtig, dass du auch auf dich achtest!!!

Was sagen denn die Ärzte zur Verwirrtheit deines Papas? Ist das auf die Medikamenteneinnahme zurückzuführen? Mein Vater hatte letztes Jahr auch so eine schlimme Lungenentzündung kurz vor Beginn seiner Chemo... Die Lungenentzündung haben sie im Krankenhaus dann in den Griff bekommen. Allerdings hatte er auch einen PLeuraerguss und es folgte ein langwierige Behandlung mit Drainage etc. Ich fand es so schrecklich, als ich meinen Vater so verkabelt und geschwächt in seinem Bett liegen sah und diese seltsamen Geräte um ihn herum, die pumpten und so gruselige Sauggeräusche machten. Aber er war klar bei Bewusstsein... Das machte wohl vieles einfacher.

Hast du schon Ergebnisse wegen des Schädel-CTs erhalten? Ich wünsche euch von Herzen, dass du "no news" erhältst!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Ich wünschte, ich könnte dir irgendetwas Gutes tun. Ich drücke ganz fest die Daumen, dass dein Vater zunächst einmal wieder zu sich kommt und du mit ihm sprechen kannst.

Alles Liebe,
Miri :pftroest:

Larimari
21.10.2012, 09:50
das schaedel ct war nur ein ganz banales, ohne kontrastmittel. um hirnblutungen auszuschleissen. zu den metastasen koennen sie da nix sagen. sie wollen erst die entzuendung in den griff bekommen, heisst es.

letztendlich schlaeft er sehr viel. was wahrscheinlich okay ist. sein verwirrtheitszustand ist aehnlich wie die letzten tage. manchmal ist er etwas fokussierter, dann kann man aber auch nur kleine sachen erfragen, wie hunger und durst.

die vorstellung, dass er jetzt bis zu seinem ende in diesem zustand verweilen koennte, find ich am tragischsten. wir haben ja mal tatsaechlich von vorzeitigem lebensausstieg gesprochen in faellen, wo es einem nicht lebenswert erscheint. ich weiss, dass mein geistig anwesender dad die aktuelle version seiner selbst nicht ertragen koennte.

ich versuche, auf mich zu achten. weiss allerdings nicht so genau, wie das vonstatten gehen soll. schlafen geht grad nur mit hilfe. koerperlich bau ich rapide ab. macht sich gut fuer die figur, aber schlecht fuer die geistige verfassung. ich kriech schon auf dem zahnfleisch daher, und dabei kann es noch ewig dauern.

es war ein fuerchterlicher schock, als wir erfahren haben, dass papa krebs hat. die sache mit der ploetzlichen verwirrung aber toppt es noch um ein vielfaches. ich haette meinen dad so gerne nicht in einem solchen zustand gesehen. :(

danke fuer eure lieben worte. das internet ist momentan mein einziger weg nach draussen, glaub ich.

danke!

Mirilena
21.10.2012, 11:16
Guten Morgen Mari,

irgendwie war mir gerade so, als solle ich noch einmal hier reinschauen... Schlafen ist auf jeden Fall gut!!! Am besten, dein Paps schläft jetzt so viel er kann. Ist wahrscheinlich die beste "Medizin" und außerdem bekommt er dann auch gar nichts mit von alldem, was um ihn herum passiert.

Hast du denn auch mal eine Ablösung? Wäre großartig, wenn du auch mal ein paar Stunden am Stück schlafen könntest. Und du musst dich ein wenig zwingen, Nahrung zu dir zu nehmen und viel trinken. Ich weiß, ich klinge jetzt schon wie "Mutter Beimer", aber ich mache mir auch Sorgen um DICH. Außerdem bin ich tatsächlich Mama;)

Vielleicht tut es dir auch ganz gut, wenn du mal für ein oder zwei Stunden das Krankenhaus verlassen kannst und ein wenig spazieren gehst. Mir hat das immer geholfen, einen halbwegs klaren Kopf zu bekommen.

Ich weiß aber nur zu genau, was du meinst. Es tut schon verdammt weh zu sehen, wie der eigene Vater körperlich in rasantem Tempo abbaut. Wenn er dann aber auch noch so verwirrt ist, dann ist das ungleich härter. Man hat einfach das Gefühl, nicht mehr zu ihm durchdringen zu können und ich hatte manchmal auch den Eindruck, mein Vater sei schon "vorher" gegangen. Es tut schrecklich weh. Aber Mari, du tust nun wirklich alles für deinen Vater. Mehr geht einfach nicht! Du bist eine ganz, ganz tolle Tochter und ich wünschte mir, dass sollte ich jemals in so einer Situation sein, meine Tochter dann auch so an meiner Seite kämpft.

Und wenn es irgend möglich ist, dann husch jetzt mal für ein Weilchen nach draußen und schnupper ein wenig Herbstluft...

Ich denke an euch
Miri

Larimari
21.10.2012, 11:28
hallo miri!

danke fuer deine nachricht. nette worte tun gerade sehr gut. gott sei dank sind alle nett hier. und aufmerksam.

spazieren gehen, ja, das ist eine gute idee... bisher ist es immer so krankenhaus-daheim-krankenhaus. wobei ich zuhause schon immer versuche zu schlafen. gestern nacht ist meine mutter im kh geblieben. ich konnte also durchpennen. das hat auch geholfen. jetzt ist sie daheim, und ruht sich aus, organisiert sachen und so, und ich halte wache.

die einzigen freuden des tages, ausser klitzekleinen erfolgserlebnissen bei meinem dad, wenn er mal nen becher selber haelt, oder seinen brei gegessen hat, oder mal sinnvoll auf eine frage antwortet, sind die telefonate mit meinem freund, gelegentliche freunde und der schlaf.

irgendwelche weltlichen beduerfnisse hab ich gar nicht mehr... ich seh aus wie ein, naja, wie man halt so aussieht, wenn man jeden morgen einfach nur anzieht, was einem in die hand faellt. ich hab keine ahnung, was in der welt passiert. das ist komisch.

El_Desparecido
21.10.2012, 12:34
Liebe Mari,

ich denke an dich.
Ich habe heute wie jeden Herbst Bäume gepflanzt. Guerillamäßig an allen möglichen und unmöglichen Orten Kastanien und Eicheln, die ich letzte Woche sammelte, verbuddelt. Bestimmt 25 Kilo. :)
Viva la revolucion!

An einer wie ich fand besonders passenden Stelle, habe ich für dich, deinen Dad, deine Mutter und deinen Bruder jeweils eine Handvoll vergraben. Da wird, da bin ich sicher, euer eigener kleiner Hain entstehen.

Du bist wirklich eine tolle Tochter, glaube mir. (chakachaka)
Und screw das Weltliche.
Das "gute" an Extremsituationen ist tatsächlich, dass es Perspektiven und Bedürfnisse zurecht rüttelt. Zumindest wenn man es zulässt. Und das tust du.

Fühl dich gedrückt.

I.J.
21.10.2012, 14:48
...wenn sich die Angehörigen abwenden..weil sie nicht mehr können...weil sie nicht mehr wollen...weil sie jetzt ihr eigenes Leben leben wollen...weil ihr Therapeut ihnen sagt, sie müßten sich um sich selber kümmern....sage ich.."Ja. ich kann es verstehen..es ist in Ordnung..mach Dir bitte keine Soregn um mich...genieße Deinen Urlaub...kümmere Dich um Dich selbst...ich komme zurecht..es geht mir gut." ...und fühle mich unendlich alleine...dem Tod noch näher...keine Kraft alleine zum Arzt zu gehen, keine Kraft und kein Geld die Medikamente aus der Apotheke abzuholen...keine Kraft einkaufen zu gehen....warten auf einen Anruf der niemals kommt....warten auf einen Besuch der niemals kommt....Hunger...das Alleine sein ertragen und lernen alleine sein zu genießen um alleine zu gehen...

Larimari
21.10.2012, 22:31
hallo i.j.,

der thread hat den namen "die sorge um sich selbst", aber wenn du dir die beitraege ansiehst, wirst du sehen, dass die leute, die hier schreiben es mit der "sorge um sich selbst" nicht so genau nehmen.

ich schreibe diesen beitrag aus einem krankenhausbett, wo ich heute nacht liege und wache halte, damit mein kranker dad und mein kranker bruder jemanden da haben. das ist natuerlich nichts, was ich auf dauer und generell so darstellen kann. ich muss arbeiten, und ich muss manchmal auch durchschlafen. aber es ist das, was ich im augenblick hauptsaechlich tue...

was du schreibst erschuettert mich sehr. ich weiss zwar, wie es sich anfuehlt, wenn man sich ueberfordert fuehlt, und gerne alles hinschmeissen moechte, weil man gerne wieder die hauptfigur in seinem eigenen leben sein moechte. aber bestimmte dinge muss man als angehoeriger einfach tun. nicht, weil es irgendeine konvention verlangt, sondern einfach weil, ach, ich kanns nicht beschreiben, man tut es einfach.

es tut mir sehr leid, dass du so haengen gelassen wirst. es muss schrecklich sein, wenn man nicht in der lage ist, so basalen beduerfnissen wie essen nachzukommen, weil niemand da ist, der einem hilft, einkaufen zu gehen. ich hoffe, ich weiss nicht, wie ich es sagen soll, ich hoffe, dass, ich weiss nicht...
wie machst du's dann? wie klappt es, sich alleine durchzubringen in einer solchen situation?

ich wuensche dir leute! egal ob angehoerige oder nicht, ich wuensche dir leute, die helfen. und die dir das gefuehl geben, nicht alleine zu sein. ich weiss nicht, wo man solche leute herbekommt. aber ich wuensche sie dir trotzdem.

so, und jetzt muss ich mal ein aeuglein zu tun. das ist zwar nicht gute wachkunst. aber nach 18 stunden wach, und davon 14 im krankenhaus bin ich grad ein wenig k.o.
in diesem sinne alles gute!

oder mit den worten von edward r. murrow:

good night and good luck!

Mirilena
22.10.2012, 10:15
Guten Morgen Mari,

die Idee von Carlos finde ich sehr, sehr schön...Überall Bäume pflanzen... Ich stelle mir gerade vor, wie da ein paar Kastanien für euch wachsen werden. Bäume haben so etwas Beständiges.

Hast du denn wenigstens ein paar Stunden schlafen können? Wie geht es deinem Vater heute? Ist schon ein klitzekleines bißchen Besserung in Sicht? Ich hoffe es so sehr!!!

Ist schon schlimm, wenn man alles ganz alleine durchstehen muss wie es bei I.J. ofensichtlich der Fall ist. Kann ich mir gar nicht vorstellen. Auch ich wünsche da Menschen, die bereit sind, eine Hand zu reichen und Dinge zu übernehmen, damit es ein wenig leichter wird.

Und dir, liebe Mari, wünsche ich trotz allem einen schönen Tag bzw. zumindest ein paar schöne Augenblicke, die ein wenig von der Schwere und Traurigkeit von dir nehmen können.

Take care
Miri

Larimari
22.10.2012, 13:27
die idee vom familienhain finde ich superschoen, hab beim lesen ein paar traenchen darueber verdrueckt. wollt das gestern eigentlich noch schreiben, doch dann kamm wieder mal was dazwischen, und dann hab ichs wohl ein bisschen vergessen. :(

bei uns gehts grad drunter und drueber, vor allem emotional. es ist krass, was fuer ein spektrum an gefuehlen in so einer extremsituation aufkommt. wut, trauer, zweifel... es ist der wahnsinn. vor allem, weil ein supersensibler arzt die visite gemacht hat, mit einer entourage aus genauso unfaehigen. (gott sei dank hab ich den arzt waehrend einer darmspiegelung unter narkose schon mal getreten. seit heute weiss ich, er hat es verdient!) "wenn der so bleibt, koennens ihn dann nicht pflegen, gell?", meinte der prof zu meiner mom. bloedes arschloch.

ich wusste mir nicht weiter zu helfen, und hab nochmal den onkologen vom dad angerufen, der nochmal meinte, dass er immer noch am temporaeren delirium fest haelt. er meinte auch, dass selbst im kontrastmittellosen ct bestimmte auffaelligkeiten, die fuer metastasen als ursache spraechen, sichtbar sein muessten.

meine mom ist fertig. wenn sowohl mein bruder als auch mein dad ins heim kommen, fallen ihre gesamten einkuenfte weg. sie hat ja nie gearbeitet, sondern war immer die pflegerin von meinem bruder. mit einem satz hat es dieser bloede arzt geschafft, meine mutter total verrueckt zu machen. bin stinksauer!

jetzt warten wir auf den herren, der uns sagt, obs mit dem heimplatz fuer meinen bruder hinhaut. saubloede zeiten. unglaublich saubloede zeiten...

Larimari
22.10.2012, 20:06
so, hier noch ein kurzer abendbericht.

wir haben eine kurzzeitpflegestelle fuer meinen bruder. 25km weg in der nachbarstadt. er kommt dort morgen hin. meine mom hat heute, wie die letzten tage schon, gepackt wie eine wilde. es muss ziemlich viel zeug mit. sie ist fertig mit der welt. fuer meine mom bricht eine welt zusammen. eigentlich brechen saemtliche welten gerade zusammen. ich weiss nicht, wie sie das alles schafft. sie ist eine tapfere frau.

dad ist grad wieder in einer schlechteren phase des deliriums. aber heute hat er irgendwann gemeint, dass sein kopf nicht so mag wie er will, und dass ihn das nervt. und irgendwann hab ich so heulen muessen, und hab gemeint, dass ich ihn so lieb hab. und dann hat er meinen kopf in seine haende genommen, und meinte, er haette mich auch lieb. und dann hats mich zerbroeselt. und ich weiss nicht, ist es mein dad, oder ist es das delirium, was da spricht.

ab morgen duerfen wir wahrscheinlich nicht mehr im krankenhaus uebernacht bleiben. ich weiss nicht, wie das gehandelt wird, obs vielleicht doch klappt, wenn ein bett frei ist. mal gucken. es wird jetzt organisatorisch etwas komplizierter. weil wir natuerlich auch zu meinem bruder muessen.

auf jeden fall befinden uns meine mutter und ich auf irgendeinem komischen weg, der immer auch von loslassen gepraegt ist. es klingt vielleicht komisch, aber wir muessen in der lage sein, zu sagen, es ist okay, wenn sie gehen. sonst schaffen wir das alles nicht.

so, jetzt geh ich mit meiner mom kuscheln!

bis morgen!

Mirilena
23.10.2012, 08:11
Ach Mari,

ich musste gerade heftig schlucken, als ich deinen Abendbericht gelesen habe... Es war nicht das Delirium, sondern dein Papa, der da zu dir gesprochen hat. Das war ein wacher und sehr bewusster Moment, den er da hatte und mit dir geteilt hat. Und ich finde es ganz wunderschön, dass ihr euch gesagt habt, wie lieb ihr euch habt. Auch die Geste deines Vaters, als er deinen Kopf hielt... Das berührt mich sehr.

Es erinnert mich sehr an die Zeit meines Vaters, da er mit Morphium vollgepumpt und zugepflastert war, ständig vor sich hindämmerte und dann auch Gestalten und Stimmen wahrnahm, die wir nicht wahrnehmen konnten. Das muss ihn sehr beschäftigt haben, denn er sagte auch ganz verzweifelt zu mir: "Siehst du, jetzt bin ich nicht nur krank sondern werde auch noch bekloppt im Kopf..." Ich habe ihm dann ruhig erklärt, dass er aufgrund der starken Medikamente all diese Stimmen hört und seltsame Gestalten sieht.

Es ist eine so schwere Zeit, die ihr da jetzt durchmacht. Und gleichzeitig gibt es diese so kostbaren Momente, wie du es jetzt erfahren hast. Diese Nähe, Intensität und Innigkeit. Und Mari, ich kann dir nur den Tipp geben, genau diese Momente mit allen Sinnen aufzusaugen, ganz fest in deinem Herzen einzuschließen, jede Berührung auszukosten, den Geruch deines Papas aufzunehmen, dem Klang seiner Stimme zu lauschen... Wie ich dich "kenne", tust du das ohnehin.

Gemeinsam werdet ihr das durchstehen und deine Mutter ist wirklich eine sehr tapfere Frau! Gut, wenn ihr euch gegenseitig in den Arm nehmen könnt. Ach, fühle dich aus der Ferne ebenfalls in den Arm genommen und gehalten...

Alles Liebe
Miri

El_Desparecido
23.10.2012, 10:17
es klingt vielleicht komisch, aber wir muessen in der lage sein, zu sagen, es ist okay, wenn sie gehen. sonst schaffen wir das alles nicht.

Liebe Mari,

das klingt ganz und gar nicht komisch, sondern absolut richtig und folgerichtig. Man könnte diese Einsicht bestimmt sogar philosophisch betrachten und für wertvoll befinden.

Ich bin mir genau wie Miriam sicher, dass dein Dad zu dir sprach. Und das dich dieser innige, gegensätzliche Moment der Liebe und des Verlustes "zerbröselt" hat, kann ich nur allzu gut nachvollziehen. Ich habe irgendwann vor 5 Wochen angefangen meinem Vater morgens und abends zu sagen, dass ich ihn lieb habe.
Es werden die Momente sein, an die ich mich später erinnern möchte und werde.

Ich bin im Gedanken bei dir, Mari.
Und wünsche dir Zuversicht, Stärke und Ausdauer für die kommende Zeit.
Was so viel heisst wie: mach einfach weiter so wie bisher!
Du machst das großartig!

Ich drück dich.

puppe88
23.10.2012, 10:36
Liebe Mari,

ich habe meinen Vater vor 5 Jahren wegen dieser Krankheit gehen lassen müssen und kann ein wenig erahnen wie es dir gehen mag....

Doch du hast ja nicht nur die Sorge um deinen Vater, sondern gleichzeitig auch noch die Veränderungen, die deinen Bruder betreffen. Es ist schon wahnsinn, was deine Mutter und du im Moment alles "wuppen" müsst - und ihr macht das echt klasse!
Ich habe damals die Erfahrung gemacht, dass man in solch krassen Zeiten irgendwie über sich hinauswächst...von "irgendwoher" die Kraft bekommt, die man braucht.
Ich habe beim Heimfahren von meinen ELtern (sie haben woanders gewohnt) ganz oft meinen Frust beim "Mitsingen" von Radioliedern rausgeschrien - rausgeheult. Das war so ein kleines Ventil, was mir ganz gut getan hat. Ich hoffe, dass du auch eine Möglichkeit hast, deine Gefühle ein Stück weit "abzubauen". Soweit ich mitbekommen habe, lebt dein Freund ja nicht in deiner Nähe - aber ich hoffe, dass du liebe Menschen um dich herum hast, die dir (auch wenn im Moment kaum Zeit dafür ist), das Gefühl geben, sie begleiten und stützen dich auf diesem schweren Weg.

Ich kann mich Mirilena nur anschließen - versuche irgendwie, die "guten" Momente gaaanz fest zu verinnerlichen - sie werden dir noch lange Zeit ein innerliches Lächeln und ein gutes Gefühl verschaffen.
Ich wünsche euch von Herzen, dass es deinem Papa nochmal besser gehen möge - er wieder orientierter wird und ihr noch ganz viele "gute" Momente, wenn nicht sogar Tage davon haben werdet.
Wenn ich darf, drück ich dich ganz lieb in Gedanken....

Larimari
24.10.2012, 08:17
guten morgen!

vielen dank fuer eure lieben worte!

leider war gestern ein bescheidener tag. der dad hat den ganzen tag geschlaffen. und wenn er mal fuer ein paar sekunden wach war, hat er nicht wirklich was registriert. das war traurig. wir haben aber gestern doch ein wenig gelacht, d.h., mein dad hat uns ein bisschen zum lachen gebracht. so aus dem versteckten heraus. er hat naemlich manchmal gedichte geschrieben. und meine mom hat eins gefunden, in dem er ueber seine haare reflektiert, und sich wundert, wie sie so schnell ausfallen konnten. und er muss wohl an dem tag irgendwas ueber das ploetzliche und abrupte ergrauen von frank-walter steinmeier gelesen haben, denn irgendwie bringt er es in verbindung, raeumlich... es klingt komisch, ist auch komisch, und ich hab nach dem lachen erstmal lange heulen muessen, weil die vorstellung, dass er keine gedichte mehr schreibt, zermuerbend ist.

mein bruder ist seit gestern bewohner einer kurzzeitpflegeeinrichtung. es war vor allem fuer meine mutter schlimm. das heim ist eigentlich auf alte leute ausgelegt, aber die damen und herren dort kuemmern sich sehr gut um ihn. er ist halt sehr pflegeintensiv, aber die machen das toll. meine mom ruft ab und zu an, um sich zu vergewissern, dass alles in ordnung ist.

heute haben mom und ich mal zuhause geschlafen. und das war wichtig. jetzt gehen wir zum papa.

liebe gruesse euch allen!

Mirilena
24.10.2012, 08:28
Guten Morgen Mari,

schön, dass ihr wenigstens mal für einen Moment auch lachen konntet! Auch wenn da die Wehmut durchkommt, ist es doch sehr wichtig, oder?

Schön zu lesen, dass dein Bruder einen Platz gefunden hat, wo man sich gut und liebevoll um ihn kümmert. So schwer es deiner Ma auch fällt, derzeit geht es einfach nicht anders.

Heute ist ein neuer Tag und vielleicht bringt er ein wenig mehr Licht in euer Dunkel! Ich wünsche es euch von Herzen!!! Übrigens, auch wenn dein Papa sehr viel schläft und dämmert, dann kannst du oder deine Mutter doch mit ihm sprechen. Es kommt ganz sicher bei ihm an und ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass allein deine und ihre Gegenwart ihm gut tun.

Alles Liebe
Miri

Larimari
24.10.2012, 12:35
hi miri!

wir waren heute kurz beim dad, auf ne stunde in der frueh, fahren gleich wieder hin. er hat die ganze zeit geschlafen. aber manchmal, wenn man ihn was gefragt hat, hat er genickt. und die schwester meinte, er sei heute schon mal wach gewesen.

ich war jetzt grad mit meiner mom ein bisschen einkaufen. sie hat keine klamotten, um sich
"unter leute" zu begeben. sie hat nur schwarze sachen gekauft. um vorzusorgen. auf der einen seite verstaendlich, auf der anderen seite aber irgendwie makaber. ich hatte ein schlechtes gewissen.

ach gottchen, ich weiss auch nicht. hoffe, der nachmittag beim papa wird gut.

liebe gruesse,
m.

puppe88
24.10.2012, 14:03
Hallo Mari,

das ist mir gerade beim Lesen deiner Zeilen auch wieder eingefallen....als ich damals schwarze Sachen gekauft habe, für die Zeit, nachdem mein Vater gestorben sein wird :-(

Ich kam mir auch ganz seltsam dabei vor, irgendwie ein bisschen wie ein "Verräter", weiß nicht, ob du verstehst was ich meine....

Ich hoffe immer noch sehr, dass es mit deinem Papa nochmal aufwärts geht!
Wieviel bekommt eigentlich dein Bruder von der ganzen Situation mit? Hast du das Gefühl, dass es schlimm für ihn ist, dass er nun in diesem Heim ist?

LG

Mirilena
24.10.2012, 15:52
Oh ja, man hat immer so ein rabenschwarzes Gewissen und macht sich schreckliche Vorwürfe, wenn man bereits vor dem Tag X an die Trauerfeier denkt, schwarze Klamotten besorgt oder mit jemanden über die Zeit "danach" spricht. Das fühlt sich geradezu so an, als würde man das ganze Unglück selbst heraufbeschwören. So ging es mir auch, aber heute denke ich, dass es völlig normal ist. So blöd und banal es klingen mag, es ist eine Art Vorbereitung auf den Abschied, auf den man sich eigentlich nicht vorbereiten kann und der Tod gehört nun einmal unweigerlich zu unserem Leben, das endlich ist.

Aber man muss sich gedanklich und auch seelisch bereits damit auseinandersetzen. Insofern, ist ganz okay, dass deine Ma sich mit schwarzer Kleidung eingedeckt hat.

Ich drücke ganz fest die Daumen, das dein Papa heute nachmittag, wenn du bei ihm bist, wach ist!!! Das würde mich sehr, sehr freuen!!!

Ich knuddel dich
Miri

Larimari
24.10.2012, 18:48
ja, das schlechte gewissen hatte ich heute auch. ich dachte mir, meine mom uebertreibt. ich habe auch nie daran gedacht, dass ich nach moment x schwarz tragen sollte. zur trauerfeier halt dunkel, aber schwarz... noe... heute beim einkaufen hab ich mich dann aber doch dabei erwischt, wie ich eine schwarze winterjacke beaeuge... O_o
meine mom hat ja jetzt ein grab in kroatien gekauft, d.h., es wird eine balkan-bestattung, und da in was anderem als schwarz aufzutauchen waere ein toedlicher faux-pax...

ich weiss nicht, es ist, denke ich, ein coping-mechanismus. wie fast alles, was wir tun. wir versuchen, uns aufs schlimmste vorzubereiten, damit wir nicht am ereignis selbst zugrunde gehen. ich phantasiere auch oft die fahrt nach kroatien. ueberlege mir versionen, in denen mein freund dabei ist, welche, in denen nur meine mom und ich und vielleicht ihre schwester fahren. es wird jedenfalls immer ein tragikomischer road-trip... ich hoffe, dass die realitaet irgendwann dann auch so wird.

mein bruder kriegt nur wenig mit. allerdingst merkt er, dass er jetzt an einem anderen ort ist, und reagiert etwas gestresst. meine mutter faehrt aber gerade hin. wie gesagt, er ist sehr pflegeintensiv, muss oft abgesaugt werden und schwitzt viel, wenn er angespannt ist. meine mom hat halt immer die angst, dass sie ihn im heim nicht ordentlich pflegen. heute abend kann sie das dann aber uebernehmen. es ist echt eine elende loesung. aber fakt ist, dass meine mom, wenn mein dad nicht mithilft, die pflege alleine nicht stemmen kann. zwei pflegefaelle auf einmal geht auch nicht. die idee fuer die zeit nach moment x ist, dass sie in die naehe des betreffenden heimes zieht, um sich halt immer noch viel um meinen bruder zu kuemmern, ohne aber dabei endgueltig ans haus gekettet zu werden.

ich bin seit halb drei bei meinem dad im krankenhaus. und was begann, wie ein trostloser nachmittag mit einem dauerschlafenden dad, wurde ein nachmittag mit einem dad, der zwar die meiste zeit schlaeft - jetzt gerade auch -, der aber von kurz nach halb sechs bis kurz vor halb sieben wach war und gegessen hat, was das zeug hielt. alles, was auf seinem abendessentablett war, wurde weggeputzt. er ist zwar immer noch nicht anwesend. viel weniger reaktiv als vorgestern. aber das ist immerhin mehr, als ich gestern von ihm gesehen habe. und ich bin froh. ich weiss nicht, was es bedeutet. aber, als er da so das leergefegt hatte - ich musste ihn natuerlich fuettern, aber immerhin - musste ich gleich meine mom anrufen, so stolz war ich.

so, mal gucken, ob er bis zehn oder elf, also solange ich noch hier bin, wieder aufwacht. schoen waere es. aber auch so bin ich dankbar. vielleicht naiv, aber hey, es ist mein dad.

Mirilena
24.10.2012, 20:34
Hey Mari,

ich finde auch, dass es echt ein gutes Zeichen ist, dass dein Papa so einen Appetit hatte. Klasse! Das macht doch wirklich Hoffnung, dass er sich irgendwie berappelt. Er ist halt ein Kämpfer! Schon unglaublich, wie sich die Prioritäten verschieben... und man sich auf einmal über Kleinigkeiten freuen kann, die einem noch vor einiger Zeit so selbstverständlich erschienen. Es sind wohl doch die kleinen Dinge des Lebens, die so wichtig sind. Ich bin mir sicher, dass deine Mutter sich auch sehr freuen wird, wenn du ihr von diesem Erfolg erzählst.

So, wollte nur mal kurz hier reinschauen, ob du dich hier gemeldet hast. Ich wünsche dir und deinem Papa eine angenehme Nacht! Und ich hoffe, dass du selbst auch etwas isst;)

Bis morgen
Miri

Larimari
25.10.2012, 11:26
und wenn du denkst, es geht nicht mehr, dann kommt irgendwo noch eine viel groessere keule her... ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll. aber ich muss sagen, dass ich den lieben gott mittlerweile, falls es ihn gibt, fuer einen elenden sadisten halte.

also, gestern abend rief mich meine mutter noch an, und meinte, mein bruder sei im krankenhaus. er haette eine lungenentzuendung. nach nur zwei tagen im heim. super! ich bin sofort hingefahren, und was ich gesehen habe, war ein bild des elends. er hatte enorme schmerzen. und, ehrlich gesagt, meine mom und ich haben zum schluss beide gebetet, es moege schnell vorbeigehen. er hat die nacht aber ueberstanden. hat aber unter umstaenden eine laesion im magenbereich. auf jeden fall kommt er wieder in das krankenhaus zurueck, in dem mein vater liegt.

mein vater schlaeft heute wieder. hat auch zur visite geschlafen, was keinen guten eindruck auf den prof hinterlassen hat. ich glaube, er will ihn in ein heim abschieben... ich bin vorhin in eine unterhaltung zwischen ihm und der assistenzaerztin reingerauscht, und hab noch ein "dass muessen wir an herrn xy (der ist fuer die patientenueberleitungen zustaendig) weitergeben" erwischt.

ich will nicht, dass er in ein heim kommt. ich weiss nicht, ich bin grad total verzweifelt. das ist nicht das, was er sich fuer sein lebensende gewuenscht hat. ich weiss nicht, was ich tun soll...

:(

I.J.
25.10.2012, 11:35
Hallo Larimari,

meine Mutter wurde damals auch von heute auf Morgen aus dem Krankenhaus "geschmissen" als es dem Ende zuging. Wir mußten innerhalb eines Tages ein Heim in unserer Nähe finden, dass sie aufnimmt. Ansonsten wäre sie 400 km entfernt in ein Heim gekarrt worden, wo gerade ein Bett frei war :( .... :sad: ... unmenschlich.

Larimari
25.10.2012, 11:54
hiobsbotschaft, zweiter teil...

grad war die neurologin da. sie glaubt, dass der dad eine schwellung im gehirn hat. ein mrt soll nochmal genauer auskunft darueber geben. sie will eruieren, ob er nochmal bestrahlt werden kann. sie kann aber nicht versprechen, dass er wieder der alte wird.

die frage ist, was tun? kaempfen oder ihn gehen lassen? ich bin so zwiegespalten. auf der einen seite, klar, kaempfen! weil wenn er nochmal fuenf klare minuten hat, dann sind das fuenf minuten, die sich rentieren.
auf der anderen seite habe ich angst, dass wir ihn umsonst quaelen. und er hat sich die letzten tage schon genug gequaelt.


ich weiss nun wirklich gar nicht, was ich tun soll...

:(

El_Desparecido
25.10.2012, 12:55
Liebe Mari,

puh...harte Zeiten.
Ich kann nachvollziehen, dass du nicht weisst, was du tun sollst.
Die Lage spitzt sich ja auch dramatisch zu.

Habt du schonmal mit dem Sozialdienst des Krankenhauses oder der Caritas geredet? Ihr solltet jetzt wirklich alle Hilfe bekommen, die euch zusteht und die ihr bekommen könnt.
Mir hat ein Gespräch mit dem VdK sehr geholfen.

Du schreibst, dass es sich rentiert, wenn er noch mal 5 klare Minuten hat.

Ich habe für mich sehr intensiv überlegt, wo der Gedanke "es ist das Beste für das Wohl meines Vaters" endet und der Gedanke "ich bin egositisch und will meinen Vater nicht verlieren" beginnt.
Das sind sehr harte Überlegungen, aber leider notwendige.
Und der Übergang zwischen beiden Leitgedanken ist sehr unscharf, wie ich finde.

Ich wünsche dir, dass sich eure Lage etwas entspannt und dass du trotz allem einen klaren Kopf behalten kannst.

Ich denke an dich, Marie.

Larimari
25.10.2012, 12:58
um halb drei ist mrt. dann wissen wir mehr.

den gedanken kenne ich. es ist schwierig. denn ich kann immer nur entscheiden, was fuer mich gut ist. selbst wenn ich so tue, als wuerde ich entscheiden, was fuer meinen vater am besten ist.

ich weiss nicht, es macht mich nur unendlich traurig...

Pearl Montana
25.10.2012, 13:00
Liebe Larimari,
die Frage würde/werde ich mir sicher auch noch stellen müssen...

Mein Bruder ist seit dem 1. Oktober ebenfalls im KH, kleinzelliges Bronchialkarzinom, das gestreut hat. Eine Metastase steckt in seinem Gehirn. Seine Arme und Hände kann er nicht mehr kontrollieren...Vor 8 Tagen ist er gestürzt und brach sich dabei das Hüftgelenk und das im KH... Es wurde eine Art Teilprothese eingesetzt, damit er "schnellstmöglich wieder auf die Beine kommt und mit der Chemo begonnen werden kann" Jetzt warten sie darauf, dass die OP-Wunde insoweit verheilt, damit die Chemo eingesetzt werden kann, um sein Leben zu verlängern bzw. die Lebensqualität bestmöglich zu erhalten. Wann das sein wird? Keine Ahnung... Überhaupt scheinen Ärzte im Allgemeinen nicht so sehr auskunftsfreudig zu sein, wie ich hier gelesen habe... Also sind wir kein Einzelfall.
Palliativ...Mit diesem Wort können weder mein Bruder, noch meine Schwägerin, noch meine 79 jährige Mutter etwas anfangen... Lebensverlängerung- verdrängen die die Bedeutung oder was ist da los??? Mein Bruder hat natürlich seine Downs, gestern besonders schlimm. Er will "leben und nicht jetzt schon den Löffel abgeben", er steckt zwischendurch voller Hoffnung. Aber ich nicht mehr...Zu allem Übel weiss ich nicht, wie ich mich verhalten soll, weiss nicht, was ich sagen soll! Hoffnung machen? Eine Hoffnung für Nichts? Eine vergebene Hoffnung??? Soll ich selber noch hoffen??? Wenn ja, worauf? Auf ein Wunder? So manch eine hier gelesene Erfahrung macht mir doch Angst...
Zwei Brüder haben wir schon verloren. Aber nicht durch Krebs, es waren Unfälle. Der Unterschied lag darin, dass wir von einem Tag zum anderen radikal mit dem Tod und Verlust konfrontiert waren. Die Krebserkrankung aber ist sowas von schleichend langsam, unbeschreiblich gemein... Sich langsam aber sicher auf den Tod und auf den so grossen Verlust einzustellen- damit fühle ich mich überfordert... Mein Vater starb vor 4 Jahren an einer Sepsis, ich war bei ihm und ich bereue es auch keine Sekunde. Aber woran ich mich erinnere ist, dass ich danach kaum fähig war, mich zu bewegen, weil mir schwindelig war. Das Schwindelgefühl verging sehr schnell. Jetzt ist es wieder da, jedesmal, wenn ich das Krankenhaus betrete. Wenn ich es verlasse, ist es noch schlimmer. Wie Watte im Kopf, als laufe ich taumelnd auf Watte, kaum zu beschreiben, dazu eine mega innere Unruhe. Ich weiss nicht, wie ich das loswerden kann!!!
Ich schäme mich ein wenig, weil ich mir egoistisch vorkomme. Aber wie soll ich mich meinem Bruder gegenüber verhalten? Wie soll ich mit den anderen umgehen? Wie soll ich das bewerkstelligen, ohne selbst aus den Latschen zu kippen??? Mein Vater war zu Lebzeiten immer der Meinung, dass ich "Nerven aus Kruppstahl" hätte, habe ich aber nicht...
Ich bin dankbar für jeden Tipp und wenn er noch so klein ist,
liebe Grüße an euch, Pearl

El_Desparecido
25.10.2012, 13:10
Das stimmt natürlich auch wieder.
Empathie ist meist ein Trugschluß.

Dennoch bist du eine der wenigen Personen, die deinen Papa wirklich gut kennen und kannst am ehesten beurteilen, was im seinen Sinne wäre.

Oh mann.

Ich drücke die Daumen fürs MRT.
Du machst das großartig, Mari.
Dein Eltern können stolz auf ihre Tochter sein und jeder der sich dein Freund nennen darf, sollte sich sehr glücklich schätzen!

Pass auf dich auf.

Mirilena
25.10.2012, 13:25
Liebe Mari,

das ist alles einfach nur unsagbar ungerecht und traurig...Da fehlen mir die Worte.

Na ja, und zur Frage, ob loslassen oder halten... Hmmm, da kann man als Außenstehender sehr schwer etwas zu beitragen. Als ich mich in der ähnlichen Situation befand, habe ich mich nach inneren Kämpfen für das Loslassen entschieden, da mir bewusst wurde, dass mein Dad in seinem Körper gefangen war und sein Leben nur noch aus Qual und Schmerz bestand. Dennoch ist es mir unglaublich schwer gefallen, diese innere Entscheidung zu treffen und ihm gegenüber die Worte auszusprechen. "Ich lasse dich los. Wenn keine Kraft mehr da ist, dann darfst du jetzt gehen. Gerade weil ich dich so liebe. Und wir werden es irgendwie schaffen."

Deine unendliche Traurigkeit kann ich so gut nachempfinden...

Auch ich drücke dir Daumen für's MRT! Und versuch mal, ein Gesprächstermin mit dem behandelnden Arzt zu bekommen, damit du weißt, was genau jetzt Sache ist. Ihr solltet auf jeden Fall eine Pflegestufe beantragen und da hilft der Sozialdienst des KH weiter. Wenn ihr möchtet und es euch möglich ist, deinen Vater heim zu holen, dann unbedingt nach SAPV (spezieller ambulante Palliativversorgung) fragen!!! Das ist Gold wert und wird von der Krankenkasse übernommen.

Ich denke ganz fest an dich
Miri

puppe88
25.10.2012, 13:56
Liebe Mari,

es tut mir so sehr Leid, wie sich bei euch gerade die furchtbaren Ereignisse überschlagen!

Dass es deinem Bruder so schlecht geht ist ja alleine für sich schon tragisch genug - kam das in den letzten Jahren schon öfters vor, bzw. war das für euch schon länger ein Thema, welches nicht ausgeklammtert wurde (also, dass es unter Umständen auch mal bei ihm schnell bergab gehen kann)?
Und dann auch noch die neuerlichen Sorgen um deinen Dad. Ich konnte damals in nur kurzer Zeit einen Hospizplatz für meinen Vater auftreiben - wäre das unter Umständen eine Option für euch? Oder meinst du, es ist dafür noch viel zu früh?

Ich hoffe, dass ihr gut beratet werdet (Im KH - Sozialdienst usw.) und vor allem, dass sich die Lage bei beiden wieder deutlich entspannt!

Und dir wünsche ich gerade Kraft ohne Ende und gute Nerven (mir haben in dieser Zeit hochdosierte Baldriantabletten gut über den Tag und vor allem über die NAcht geholfen....).

Ganz liebe Grüße



Hallo Pearl Montana,

ihr macht ja auch gerade ganz Schlimmes durch. Ich kann dir bezüglich des Schwindels leider auch nicht weiterhelfen - aber vielleicht machst du nochmal einen eigenen thread mit der Frage auf?
Auf jeden Fall finde ich dich nicht egoistisch und du solltest dich auf gar keinen Fall schämen! Jeder geht anders mit erlebtem um, und was du schon mitmachen musstest hat natürlich Spuren hinterlassen...Hast du mal überlegt, dir psychotherapeutische Hilfe zu nehmen?
Ansonsten fallen mir gerade noch die Bach-Notfalltropfen bzw. -tabletten ein, wenn du wieder ins KH gehst und der Schwindel kommt...
Die haben ja auch keine Nebenwirkungen und man kann damit auch noch Auto fahren.

Larimari
25.10.2012, 15:39
ich warte jetzt noch darauf, dass der dad vom mrt kommt. war vorhin ne runde spazieren. konnte aber nicht ueber viel nachdenken...

es sind so viele fragen, die sich mir stellen...

wenn man bestrahlen kann, wie hoch ist das risiko? schliesslich ist papas letzte bestrahlung erst anfang des monats zuende gegangen...
wie sieht es aus mit der tatsache, dass er in der letzten woche enorm viel gewicht verloren hat und koerperlich super schwach ist?

ich habe ueber meinen vater in den letzten zwei monaten nachgedacht. und wir haben in unseren gespraechen leider nie das szenario durchgespielt, in dem wir uns gerade befinden. es ist echt schwierig...

El_Desparecido
25.10.2012, 15:59
Schwierig, in der Tat.

Deine Fragen können letztlich nur die Ärzte beantworten.
Aber gerade der körperliche Zustand und die Schwäche sind womöglich Kontraindikatoren für eine Bestrahlung. Das ist natürlich nur meine Meinung, die auf den Aussagen der Ärzte meines Vaters beruhen.

Ich habe für mich entschieden, dass ich mir nicht anmassen kann und will, medizinische Fragen zu beantworten. Dafür sind die Äzte zuständig.
Was ich sehr wohl tue, ist alles was ich höre und lese kritisch zu hinterfragen. Und dann frage ich nicht nur die Ärzte im Krankenhaus, sondern auch den Hausarzt und den Palliativmediziner meines Vaters.

Die Fragen die du (und ich) wirst beantworten müssen sind jene, die sich in jenem schrecklichen Moment stellen werden, nachdem die Ärzte uns eröffnen, dass sie nichts mehr für unsere Väter tun können.

Meine Fresse. Über was für Dinge man sich in so kurzer Zeit klar werden muss, ist schon beängstigend.
Ich habe das Gefühl gerade erst tatsächlich erwachsen zu werden.
Wow.

Wo sind all die prometheuschen Allmachtsfantasien nur hin?

Bedecke deinen Himmel Zeus!


Wir schaffen das, Mari.
Versprochen.

Larimari
25.10.2012, 16:14
carlos, du hast recht. ich bin nicht in der lage, medizinische fragen zu beantworten.

die sache mit dem gewicht wurde mir halt bisher immr von den aerzten als enorm wichtig dargestellt. "achte immer, dass das gewicht passt!" und mittlerweile duerfte er auf knappe 60 runter sein... :( er ist wirklich nur noch haut und knochen.

ja, wie gerne wuerde ich meinem vater ewige gesundheit schenken, waere ich doch nur ein allmaechtiger schoepfer. bin ich leider nicht.

das schlimme ist, dass es nicht alleine diese medizinischen sachen sind. sondern die tatsache, dass ich meinen dad zwar kenne, und also in etwa eine tendenz bestimmen kann. aber wie er in dieser situation unter diesen umstaenden entscheiden wuerde, ich weiss es einfach nicht. ich zerbreche mir den kopf wie eine irre, und ich habe keine ahnung. das macht mich fertig.

ich versuche mir immer mehr situationen vor augen zu fuehren, in denen er sich zu seiner krankheit geaeussert hat. er hat angst vor immobilitaet. die sache mit seinem hinkefuss hat ihn immer sehr belastet. und auch das dumm im kopf von der bestrahlung hat ihn genervt.

ich weiss nicht. und im endeffekt ist es grad muessig.
schliesslich haben wir die ergebnisse vom mrt noch nicht.

danke fuer die guten worte!

unbetroffene sind gerade schlechte gespraechspartner.

El_Desparecido
25.10.2012, 16:27
unbetroffene sind gerade schlechte gespraechspartner.

Das stelle ich auch immer mehr fest.
Ich muss sogar ziemlich aufpassen nicht bitter und ungerecht zu Aussenstehenden zu werden. Ihre Sorglosigkeit, Hilflosigkeit und nichtigen Problemchen sind so unglaublich weit weg von meiner Welt.
An sich befürchte ich minütlich, dass gleich ein Alien aus meinem Innersten herausplatzt.

Ich bin mir dessen bewusst und dennoch fällt es mir unglaublich schwer.

Lies deinen letzten Post noch einmal durch. Du hast dir die Frage, wie dein Vater über diese Situation denkt womöglich selbst beantwortet.

Wie die Chancen auf Besserung stehen, müssen allerdings die Ärzte beantworten.

Ich drück dich, Mari.

hope75
25.10.2012, 17:16
Liebe Mari,

warte erst einmal die Ergebnisse ab. Irgendwann ist man bei all dem Gerenne von Arzt zu Arzt, Krankenhäusern, Untersuchungen gar nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, ist nur noch gehetzt. In dieser Verfassung etwas zu entscheiden, ist schwierig. In einem Moment des Innehaltens ist das manchmal leichter. Wenn ich neben meinem Vater war, hatte ich immer das Gefühl, ihn nicht loslassen zu können, weiterkämpfen zu wollen, niemals, niemals, niemals aufzugeben, auch wenn der Gegner unbesiegbar war. In kleinen Momenten der Pause, vor allem, wenn ich mal ein bisschen für mich war, war mir dann meist klarer, dass für meinen Vater der Weg bereits feststand... und dieser Weg hatte irgendwann nichts mehr mit "niemals, niemals, niemals aufgeben" zu tun.
Ich konnte ihn lange nicht loslassen - aber als es dann so weit war, da wusste ich ganz plötzlich, dass ich es nun kann. Es ist noch nicht mal drei Wochen her, dass er gegangen ist - aber ich bin froh, dass ich irgendwann zu ihm gesagt habe, dass er nun wirklich schlafen kann, wenn er zu müde ist. Und er war zu müde, und er ist schlafen gegangen. Und ich bin froh, dass uns ab einem gewissen Punkt klar war, dass nicht mehr um jeden Preis um jeden Tag gekämpft werden muss - und das war gut so!
Nimm Dir einfach mal ein paar Augenblicke Zeit, Mari. Ich weiß, dass man in dieser Situation kaum mal ein paar Minuten hat, aber dieses ewige Gehetze und die dadurch immer größer werdende Panik sind keine guten Berater. Warte die Ergebisse ab, sprich mit den Ärzten, und wenn Du kannst, dann geh ein paar kurze Momente in Dich, vielleicht in die Natur und atme ganz tief durch. Du wirst das alles schaffen.

Ich wünsche Euch alles Gute, was immer das sein mag!

Larimari
25.10.2012, 19:04
jetzt bin ich verwirrt, und massiv veraengstigt.

das mrt hat ergeben, dass es keine neuen metas gibt, aber eine schwellung des gehirns liegt vor. also eine enzephallitis. quasi vom regen in die traufe. soweit ich das verstanden habe, ist die zwar leichter zu behandeln, die folgen koennen aber ebenfalls massiv sein. von geistiger behinderung bis, ach, keine ahnung. mir reicht die geistige behinderung. das ist nicht das, was mein vater wollte!!!

ich bin auch sauer auf die aerzte, weil sie so lange gebraucht haben, um mal nach einer anderen ursache zu gucken.

morgen ist wohl klar, was da los ist. ich habe solche angst!

puppe88
25.10.2012, 20:01
Liebe Mari,

ich hab das mal gegoogelt .... http://de.wikipedia.org/wiki/Paraneoplastisches_Syndrom
vielleicht kannst du irgendwas damit anfangen...

ich versteh dich so gut, dass du Angst hast - die Situation hat sich ja auch wirklich bedrohlich verändert.
Vielleicht können die Ärzte wirklich gezielter dagegen vorgehen - keine Ahnung, aber zum Beispiel Cortison geben, um die Schwellung zu verringern oder andere Medis, die auch schneller wirken als bei Metas
ich kenn mich da leider auch kaum aus - aber wenn die Ärzte dir Hoffnung machen, DASS es behandelbar ist, dann finde ich das schon mal eine ganz gute Ansage

Ich denk an dich und wünsch euch das allerallerbeste!

hope75
25.10.2012, 20:34
Liebe Mari,

immer Schritt fuer Schritt. Nicht drei Schritte auf einmal nach vorne denken, das ist bei dieser Krankheit immer umsonst / es kommt ohnehin immer anders, als man denkt.
Warte morgen ab, sprich mit den Aerzten, lass Dich nicht abwimmeln, lass Dir alles erklaeren. Und dann der naechste Schritt. So wirst Du da durch kommen, leider blieb mir nichts anderes uebrig, und Dir jetzt auch nicht.

Das alles ist unfassbar beaengstigend, ich kann es sehr, sehr gut verstehen. Versuche jetzt, erst einmal morgen abzuwarten, und atme tief durch. Manchmal versteht man die Welt nicht mehr, liebe Mari. Ich druecke Euch die Daumen!
:pftroest:

Larimari
25.10.2012, 22:13
danke, leute!

ich weiss nicht, ich bin grad einfach komplett verzweifelt. ich bin aus dem krankenhaus geflohen. habe einfach mein zeug gepackt, und bin heim gefahren. und liege jetzt seit drei stunden im bett. mein magen schmerzt, ich hab das gefuehl, dass mein rueckgrat unter strom steht. ich zittere. die angst tut richtiggehend weh.

ich weiss, dass ich nicht voraussehen kann, was passiert. die reaktionen bisher waren aber eher verhalten. die behandelnde aerztin meinte, ein gesundes hirn koenne eine hirnentzuendung evtl. verkraften. ein krankes eher nicht. der onkodoc von meinem dad, sonst ein ausbund an optimismus, war auch eher kleinlaut, als ich ihn kontaktiert hatte.

ich habe wirklich enorme angst, dass er folgeschaeden hat, die seine lebensqualitaet enorm beeintraechtigen. denn genau das, lebensqualitaet, war ihm ja immer so wichtig. ich meine, ihr haettet ihn sehen sollen, wie er ueber seinen humpelfuss geschimpft hat. ich weiss nicht, manchmal ertappe ich mich dabei, mit meinem dad zu sprechen, und ihm zu raten, seinen humpelfuss zu nehmen, und zu laufen, so schnell er kann. weg von allem hier. weg von der moeglichkeit eines wuerdelosen siechens...

bin ich egoistisch? ist es schaebig von mir, mich davor zu fuerchten, dass mein vater die letzten monate seines lebens mit einer unter umstaenden gravierenden geistigen behinderung leben muesste? ich weiss, es ist vorausgegriffen. aber ich habe schon einmal den wechsel von gesund zu behindert mitgemacht, bei meinem bruder, und es war die hoelle. ein zweites mal schaffe ich das nicht. ich kann mich noch an den tag erinnern, als mein dad erfahren hatte, dass vom gehirn meines bruders nicht mehr viel uebrig war, er ist zusammengebrochen. er hat geheult wie ein schlosshund. damals habe ich nicht begriffen, was genau passiert. heute heule ich genauso.

ich habe so grosse angst, ihn zu verlieren, und doch habe ich das gefuehl, ihn bereits verloren zu haben. ich versuche mich in optimismus. aber er haelt nicht. seit heute ist er kaputt. :(

ich liebe meinen vater sehr. und die vorstellung, dass er leidet, bricht mir das herz.

puppe88
25.10.2012, 22:22
Eins weiß ich ganz genau: Dass du das Gegenteil von egoistisch bist!!
Du gibst gerade ALLES für deinen Dad bzw. deine Familie - und was du deinem Papa da sagen möchtest (von wegen Humpelfuss nehmen und weglaufen) das kann glaub ich jeder gut nachvollziehen.
Euch zieht es gerade jeden Tag ein wenig mehr den Boden unter den Füßen weg - und heute, das war schon ein riesengroßes Stück...
Kein Wunder, wie elend dir zumute ist.

Versuche irgendwie ne große Mütze Schlaf heute nacht abzukriegen, notfalls mit irgendwelchen Mittelchen (Tee, Baldrian, usw.), damit du morgen früh wieder ein wenig Kraft hast, aber vergiss den Titel des threads hier nicht....bitte sorge dich auch um dich selber ein wenig. Ich war vor einigen Jahren zwar nicht in der selben Situation wie du, aber auch in einer ziemlich besch..... und ich weiß noch, WIE wichtig kurze Auszeiten für mich (und somit auch für meine Eltern) waren.
Ach Mari, ich nehm dich einfach nur in den Arm und halte dich ein wenig, ja?

hope75
25.10.2012, 23:04
Ja Mari,
auch mir ist das Gefuehl bekannt, meinen Vater verloren zu haben, bevor es wirklich so weit war. Und ein bisschen ist es ja auch so / die gesunde, starke, positive, unverwundbare, grossartige Vaterfigur ist ploetylich nicht mehr da / und das beginnt ja tatsaechlich nicht erst mit dem Sterben.
Mach Dich bloss- nicht verrueckt mit negativen Gedanken zu Deiner Person / das ist in keiner Weise gerechtfertigt und kostet Dich wertvolle Kraft, die Du nun fuer andere Dinge brauchst.
Schritt fuer Schritt, Mari. Immer Schritt fuer Schritt. Und wenn es geht, ruhe heute Nacht ein wenig aus. Vielleicht kannst Du schlafen, wenn nicht, dann goenne Deinem Koerper und Deiner Seele trotzdem so viel Ruhe wie moeglich.
Und morgen kommen die naechsten Schritte. Ganz viel Kraft dafuer!!!!!!!

El_Desparecido
25.10.2012, 23:47
Liebe Mari,

weder egoistisch, noch schäbig sind deine Gedanken.
Eher das Gegenteil.
Ich glaube nicht, dass du Angst davor hast, deinem Dad mit möglichen schweren Folgeschäden beistehen zu müssen und für ihn da zu sein. Sondern davor, dass die Lebensqualität gen null sinkt und dein Vater leiden musss.
Das ist das Gegenteil von egoistisch.

Es ist auch nicht schäbig, ihm den Rat zu geben, den Klumpfuss unter den Arm zu nehmen und sich davonzumachen, wenn er kann.
Du gibst ihn frei, lässt ihn los, lässt ihn gehen.
Das ist nicht schäbig, sondern du befreist deinen Vater damit von dem Druck "für euch sorgen zu müssen" und deswegen nicht gehen zu können.

Liebe Mari, mein Rat wäre, deinen Frieden mit deinem Vater zu schliessen und ihm morgen als erstes all die Dinge zu sagen, die du ihm schon immer sagen wolltest.

Ich bin mir sicher, du wirst die Zukunft meistern, egal was sie dir und deiner Familie beschert.

Und auch wenn du dich verständlicherweise sehr an deinen Bruder erinnert fühlst, so sind die Umstände wahrscheinlich nur schwer vergleichbar.

Du schaffst das.

Und mache dir keine Vorwürfe. Dazu gibt es absolut keinen Grund.
Du tust und gibst unglaublich viel.
In ein paar Jahren wirst du auf diese Zeit zurückblicken und stolz auf dich sein und glücklich darüber, das getan zu haben, was du bereits getan hast und noch tun wirst.

Pass auf dich auf.

Ich wünsche dir eine möglichst erholsame Nacht.

Larimari
26.10.2012, 11:10
es ist ein strahlenschaden.

er kann nicht repariert werden.

:(

mein papa geht, sein verstand ist weg, sein koerper wird folgen. er geht etappenweise.

ich haette nie gedacht, dass es so kommen koennte. es ist nicht mehr meine entscheidung, zu kaempfen oder aufzugeben. die entscheidung ist gefallen. wir haben verloren.

ich liebe meinen vater so sehr.

ich dachte, ich koennte damit umgehen. koennte ihn gehen lassen. ich muss ihn gehen lassen. und es tut so weh. gott, es tut so scheissweh. ich kann es nicht beschreiben.

El_Desparecido
26.10.2012, 11:28
Liebe Mari,

ich verstehe dich vollkommen.
Dieser Schmerz des Verlustes und des drohenden Verlustes sind wirklich schwer auszuhalten.

Aber sie sind auszuhalten.
Irgendwie.
Du wirst das überstehen.
Ganz sicher.

Ich wünsche dir ganz viel Kraft für die nächste Etappe.

Ich drück dich.

Mirilena
26.10.2012, 11:33
Liebe Mari,

es tut mir so unendlich leid. Das ist ja eine grauenhafte Nachricht. Ich weiß gar nicht, was ich schreiben soll. Da gibt es wohl nichts, was dich trösten könnte. Was könnte das auch schon sein?!

Deinen Schmerz kann ich nachempfinden. Ein Schmerz, den man mit Worten kaum mehr beschreiben kann. Dennoch würde ich Carlos Rat folgen und deinem Vater all das sagen, was dir auf dem Herzen liegt. Es wird bei deinem Papa ankommen.

Traurige Grüße
Miriam

puppe88
26.10.2012, 11:40
Liebe Mari,

das sind so furchtbar traurige Neuigkeiten , alles was ich dir schreiben will (und immer wieder weglösche....) klingt so banal.
Der Schmerz, den du fühlst ist riesig - aber wie auch Carlo und Mirilena schreiben, dein Vater wird dich und deine Liebe spüren. Da bin ich mir ganz sicher.

Mitfühlende Grüße

Milie78
26.10.2012, 12:25
Liebe Mari,

wir kennen uns noch nicht, aber trotzdem wollte ich dir sagen, dass ich in Gedanken bei euch bin.

Es gibt keine Worte, die jetzt helfen koennen.

Ich wuensche dir und deiner Mutter Kraft, ganz viel Kraft! Und wuerde dich gerne in den Arm nehmen!

Milie

Larimari
26.10.2012, 13:50
danke, leute!

ich weiss wirklich nicht, was ich ohne euch tun sollte...

ein kleines update zum freitag nachmittag.

ich bin bis ende naechster woche krank geschrieben. und das ist gut so.

gerade waren nochmal der chefarzt und die neurologin hier. die hirnentzuendung, so meint sie, sei eine autoimmunreaktion des koerpers auf den krebs. bestrahlung hat wohl auch damit zu tun. es ist eine komische vorstellung. und weil wir nichts zu verlieren haben, versuchen wir jetzt noch eine sache: hochdosiertes cortison. sie meinte, es kann sein, es muss aber nicht. ist das ein letztes aufbaeumen der hoffnung?

ich koennte die aerzte echt fotzen. erst sagen sie, sag tschuess, dann sagen sie, hey, da gibts noch was...

ich komm mir vor wie ein moerder, weil ich heute, als es hiess, alles verloren, noch dachte, dass es vielleicht besser waere, seine medikation runterzufahren. dad war heute zudem auch noch fit. also fitter als gestern oder vorgestern. hat ordentlichst gegessen. und immer meinehand gehalten. da sass ich daneben, und dachte, hey, ich wollte dich auslaufen lassen.

wir suchen jetzt nach einem hospizplatz. versuchen diesen letzten schritt. das ist schlimmer als eine flugreise, bei der es immer heisst, in 10 minuten gehts los. und nach zehn minuten sinds dann zwanzig. dann ne stunde. und so weiter und so fort...

es ist ein komischer tag.

leute, leute... wieviel kraft muss man haben?

Mirilena
26.10.2012, 14:00
Liebe Mari,

die Kraft kommt aus dir heraus. Ganz tief in dir ist die Quelle und auch wenn du meinst, es ginge nicht mehr, geht es doch immer weiter. Für dich, für deinen Vater, für deine Familie. Schritt für Schritt, wie Hope geschrieben hat. Als würdest du an einer Leiter hochklettern. Und was auch immer dich am Ende der Leiter erwarten mag, sei gewiss, dass du es schaffen wirst. Deine Eltern haben mit ihrer Liebe zu dir die Basis dafür geschaffen. Und du bist eine ganz tolle und bemerkenswerte Frau, Mari!

In Gedanken bei dir,
Miriam

Larimari
26.10.2012, 16:32
danke miri!

hier ist grad nix neues. der papa ist ein paar mal aufgewacht. und hat geguckt, und hat gewunken, wenn man ihn angewunken hat. und wenn man mit dem gesicht ganz nah an seins geht, dann gibt er einem ein bussi.

heute abend geht es mit dem cortison los. ich bin gespannt, ob es ihn ein bisschen wacher macht. ich trau mich nicht, mir vorzustellen, dass es ihn wieder zurueck holt. die schaeden sind ja immer noch vorhanden. ich weiss grad nicht. aber, wie gesagt, wir haben nichts zu verlieren.

auf jeden fall gibt es jetzt keine chemo mehr. selbst wenn er erfolgreich aus dem geistigen jenseits zurueck findet, werden wir nichts kuenstlich verlaengern. weil der helle zustand, so die neurologin, nicht von dauer ist. ich will ihm das nicht zumuten. auch wenn es momentan muessig ist, sich darueber gedanken zu machen. schliesslich ist er immer noch weit weg und hauptsaechlich am schlafen.

es bleibt uns tatsaechlich nichts anderes uebrig, als von einem tag zum anderen zu leben. so, endlich hab ich es auch kapiert.

und ein hospiz ist eine gute sache, auch wenn mein dad das bei klarem verstand wahrscheinlich nicht unterschreiben wuerde. ich glaube, er hat sich nie gedanken ueber sowas gemacht. ich hoffe, er ist uns dann nicht boese. aber daheim ist keine option. weil immer noch mein bruder da ist. der jetzt wohl einen heimplatz bei uns im ort kriegt. wenn er seine lungenentzuendung uebersteht.

Mirilena
26.10.2012, 18:15
Dass man von einem Tag zum nächsten lebt und nichts, aber wirklich gar nichts mehr planen kann lernt man wohl auch erst in solchen extremen Situationen des Lebens. Zumindest ging es mir so, ich habe sehr lange gebraucht, mich daran zu gewöhnen und habe jetzt noch manchmal Probleme, mich wieder umzustellen und irgendetwas in die Zukunft hinein zu planen.

Kann ich sehr gut nachvollziehen mit dem Hospiz. Mein Vater hat sich auch niemals über solche Einrichtungen Gedanken gemacht. Auch nicht über Palliative Care. Um ehrlich zu sein, ich wusste zwar, was ein Hospiz ist, aber Gedanken habe ich mir vor der Erkrankung meines Vaters auch nicht gemacht. Und Krebs war weit weg... Dass er sich dann so plötzlich in mein Leben fressen würde, damit hatte ich nie gerechnet, vielleicht habe ich's bis zu dem Tag X auch verdrängt. Ich denke, dass dein Papa sich jedoch im Hospiz sehr viel wohler fühlen wird als im Krankenhaus. Ich habe bisher hier nur Positives gelesen und die Menschen, die ich persönlich kennen gelernt habe, die waren mir alle durchweg sympathisch und ich war fasziniert, welche Ruhe sie ausstrahlen und von ihrer aufrichtigen Herzenswärme. So schlimm die Zeit der Krankheit meines Vaters auch war, ich habe auch viel Gutes erfahren und viele tolle Menschen kennen gelernt, die im richtigen Moment das Richtige taten oder sagten... Das wünsche ich euch auch von Herzen. Wir haben meinem Dad von der Palliativstation berichtet und ihn gebeten, sie sich doch wenigstens mal anzuschauen (weil er auf der Onkologie einen dritten Chemozyklus!!! machen sollte, obwohl er so schwach und elend war und man auch als medizinischer Laie erkennen konnte, dass das Irrsinn gewesen wäre). Erst sträubte sich mein Vater, doch nachdem er die Station angeschaut und mit einer Psychoonkologin allein gesprochen hatte, war er davon überzeugt und hat dem Onkologen mitgeteilt, dass er es sich anders überlegt habe. Und dann wurde alles besser für ihn... Zumindest in der Hinsicht, dass er sich wieder als Mensch wahrgenommen fühlte und man Zeit für ihn hatte. Ein offenes Ohr, dass ihm geholfen wurde, ohne dass er lang darum bitten musste. Und beim Betreten der Palliativstation hatte man gar nicht mehr das Gefühl im KH zu sein. Ich denke, dass es im Hospiz auch so sein wird. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es für deinen Papa dort auch angenehmer sein wird.

Und ich denke genau wie du, dass eine weitere Chemo deinem Papa eher schaden denn nutzen würde.

Nun hoffe ich inständig, dass die Cortisongabe eine positive Wirkung hat und ich drücke auch ganz doll die Daumen, dass dein Bruder die Lungenentzündung übersteht.

Und dir schicke ich jetzt symbolisch wärmende Sonnenstrahlen...
Miri

puppe88
26.10.2012, 22:03
Liebe Mari,

mein Vater ist damals im Hospiz gestorben - und ich bin bis heute dankbar dafür, dass es solche Einrichtungen gibt. Die Menschen, die dort arbeiten kümmern sich nicht nur um die Bewohner (Patienten), sie sind auch vom ersten Moment für dich als Angehörige an deiner Seite (zumindest durfte ich die Erfahrung machen). Und das ist in solchen unvorstellbar harten Zeiten, wir ihr sie gerade durchmacht soooo viel wert.
Die Atmosphäre dort (ich habe mir inzwischen auch noch andere angesehen, wenn sie am Tag der offenen Tür zugänglich waren) ist von Verständnis, Achtsamkeit und Liebe zum Menschen geprägt. Es tut einfach gut - man weiß seinen Vater, Ehemann oder wen auch immer rund um die Uhr gut aufgehoben. Man kann diesen Einrichtungen blind vertrauen, dass sie dem Bewohner dort mit Würde und Einfühlungsvermögen entgegentreten.
Die medizinischen Behandlung rückt in den Hintergrund - das Mensch sein ist dort das wichtigste.
Ich kann euch wirklich nur ermutigen, einen Hospitzplatz zu suchen...
übrigens habe ich meinem Vater damals versprochen (und das meinte ich auch so, auch wenn mir innerlich schon klar war, dass dieser Fall eher nicht eintreten wird), dass er wieder nach Hause kommen kann, wenn es ihm besser geht. Das war für ihn zumindest anfangs ein kleiner Lichtblick - nach einigen Tagen dann hatte ich den Eindruck, dass er selber erleichtert ist dort zu sein, weil ihm klar war, dass meine Mutter (selber chronisch krank) und ich (100km weg) nicht so für ihn da sein könnten, wie das eben im Hospiz der Fall war.
Vielleicht könnt ihr ja deinem Dad diese Option (dass er evtl, nochmal nach Hause darf) auch in Aussicht stellen.
Ich wünsche euch von Herzen das Allerbeste, was in dieser Situation möglich ist - und deiner Mutter und dir ganz viel Kraft und Zuversicht.
Sei ganz lieb gegrüßt und gedrückt

El_Desparecido
27.10.2012, 10:31
Liebe Mari,

so viele Entscheidungen, so viele sich ständig ändernde Situationen.
Die wichtigste aller Entscheidungen hast du bereits vor einiger Zeit getroffen.
Du bist für deinen Vater und deine Familie da, komme was wolle.

Du schreibst, dass dein Dad bei klarem Verstand ein Hospiz ablehnen würde.
Deine Annahme beruht aber auf Erfahrungen, die du mit deinem Vater gemacht hast, als er noch gesund gewesen ist. Zumindest vermute ich das.
Würde er jetzt klaren Verstandes sein und die Situation möglichst objektiv betrachten können, würde er sich vielleicht ganz anders äußern
Sein Erkenntnishorizont wäre plötzlich ein ganz anderer.

Du liebst deinen Vater. Das spüre ich mit jedem Wort, das du schreibst.
Meiner Meinung nach kann man seine Eltern nur so lieben, wenn man diese innige Liebe auch selbst erfahren hat.
Dein Vater liebt dich genaus so sehr wie du ihn.
Er würde deine Entscheidung verstehen.
Und keinesfalls wäre er böse.
Im Gegenteil, er ist dir für alles sehr dankbar und stolz auf dich.

Lebensbilder von Karma und Reinkarnation werden mir irgendwie immer sympathischer.

Liebe Mari,

halt die Ohren steif.

Ich drück dich.

Larimari
27.10.2012, 10:41
ich habe heute nacht daheim gepennt. meine mom hat die krankenhausschicht uebernommen. sie kann nicht los lassen. sie sagt, wenn sie im kh schlaeft, fuehlt es sich an wie normal. sie kapiert auch noch nicht, dass der mann im bett, der staendig schlaeft, wirklich unser papa ist. sie sagt, sie glaube manchmal, es sei ein doppelgaenger. es ist echt ungeheuer schwer fuer sie.

auch das ist ein aspekt, der mir das hospiz mit seiner begleitung fuer angehoerige sympathisch macht. ich hoffe, dass wir bald einen platz bekommen.

Mirilena
27.10.2012, 14:07
Liebe Mari,

ich schätze mal du bist jetzt gerade bei deinem Paps im KH und beobachtest gelegentlich die Wischi-Waschi-Schwestern;)

Ich komme gerade zurück vom Golfplatz. Nein, ich spiele keinen Golf, ich hatte heute das Glück, endlich den Apfelbaum besuchen zu dürfen, dessen Pate mein Papa ist und der auf einer Streuobstwiese auf dem Golfplatzgelände wächst. Das war schon irgendwie ein bewegender Moment. Da steht der kleine Kerl und hat ein Schild um seinen Stamm mit dem Namen meines Papas. Schluck! Wir haben dann heute noch weitere 31 Obstbäume gepflanzt. War zwar bitterkalt, aber schöne klare Luft und es hat auch Spaß gemacht. Ich musste irgendwie auch an Carlos und an dich denken. An Carlos Guerilla-Baum-Aktion und deinen Kastanienhain...:D Ich glaub', ich werde auch noch eine Patenschaft für einen Kirschbaum übernehmen. Irgendeine alte Sorte, die es kaum mehr gibt. Ich hab's gerade mit den Bäumen. Das einzige, was mich echt stört, ist die Tatsache, dass ich nicht immer zu diesen Bäumen kann, wenn mir danach ist, weil die Golffuzzis einen nicht lassen.

Ich hoffe, du konntest heute Nacht mal schlafen? Wie geht es deinem Papa? Macht sich das Cortison schon irgendwie positiv bemerkbar?

Liebe Grüße
Miri

Larimari
27.10.2012, 14:34
hi miri!

die wischi-waschi-maeuse haben feierabend. keine ahnung, wer am nachmittag da ist. hoffentlich die nette schwester mit dem berliner dialekt. die ist so suess.

das find ich ja schoen, dass dein dad eine baumpatenschaft uebernommen hat. ja, du und carlos, ihr scheint es echt mit dem baeumen zu haben. ich glaube, wenn all das hier rum ist, werde ich auch mal einen baum pflanzen. oder zwei oder drei...

mein dad hat, als er das haus in kroatien gebaut hat, apfelbaeume gepflanzt. sie sind mittlerweile richtig gross, sind ja auch schon fast 30 jahre alt. und die aepfel sind der wahnsinn... ich musste grad daran denken. meine mom sagt, sie wird das haus ueber kurz oder lang verkaufen. gerade find ich das ein bisschen schade. wenn sie mal alleine ist, wird sie aber, hoffentlich, erstmal mit ihren schwestern darin leben. d.h., haus und aepfel bleiben uns noch eine weile erhalten, denke ich.

dad pennt heute wieder viel. er war zum mittagessen wach. da hat er auch ordentlich gefuttert. und wenn ich ihm den loeffel in die hand gedrueckt habe, wusste er auch, was er damit machen soll. ausser beim letzten loeffel kartoffelbrei. da hatte er den loeffel in der linken, und mit dem zeigefinger der rechten hat der den brei vom loeffel gewischt und sich in den mund geschoben. das war schon irgendwie ulkig.
vom cortison merke ich noch nichts, muss ich gestehen. mal gucken, wie es sich entwickelt, ob da ueberhaupt was passiert. schoen waere es ja.

ich hab geschlafen wie eine eins. mit chemischer unterstuetzung. bin um halb sechs aufgewacht, dachte mir, ich dreh mich nochmal um, und dann war es schon neun. war gut. jetzt ist meine mom daheim. und ich mach hier einen ruhigen. da dad schlaft, lese ich, aergere mich mit meinem bruder herum, der staendig versucht, sich seine kanuele aus dem arm zu ziehen und gucke bloed...

Larimari
27.10.2012, 15:42
update: diese zwei bloeden schlampen, die wischi-waschi-maeuse haben vergessen, meinem dad heute eine ladung cortison zu verabreichen! bloede scheissschlampen!!!
:mad:

ich bin so stinkesauer! ich kanns nicht beschreiben!

Klecks
27.10.2012, 16:15
Oh man... Du musst es nicht beschreiben! Ich weiß genau, wie es sich anfühlt... Halte durch!!!!

Mirilena
27.10.2012, 16:21
Verflucht noch mal! Das kann doch nicht wahr sein!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Da lese ich vorhin bei Milie, dass ein Patient gestern Nacht auf der Toilette zusammen geklappt und verstorben ist und niemand auf sein zuvoriges Klingeln reagiert hatte und jetzt das noch bei euch... Wie kann man denn vergessen, deinem Dad die Medikamente zu verabreichen?!?:mad: Ich bin fassungslos! Auch bei arger Überanspruchung und Personalknappheit, das geht mal gar nicht! :angry:

Grrrrrrrrrrr, kann gar nicht sagen, wie wütend mich das macht!
Am liebsten käme ich sofort vorbei und würde mit dir diese Wischi-Waschi-Trullas zur Rechenschaft ziehen
Miri

Larimari
27.10.2012, 16:36
oh, es ist noch viel schlimmer. die zwei bloeden kuehe haben es nicht vergessen. also sorry an die bloeden kuehe. es waere nur eine infusion am abend. aber: sie haben das medikament nicht im haus!!! und kein schwein macht sich daran, es zu besorgen. jetzt werden wir auf montag vertroestet!!!

hey, ich kotz gleich im quadrat!!!

Klecks
27.10.2012, 17:19
Das ist unfassbar... Und leider kein Einzelfall... Ich weiß nicht, wie sowas immer wieder passieren kann... Und man ist so hilflos ausgeliefert! Larimari, es tut mir so Leid, was Ihr da durchmachen müsst!

Larimari
27.10.2012, 21:07
das war heute vielleicht krasse scheisse! (tschulligung forum, ich kanns nicht anders bezeichnen.)

methylpretnisolon 500mg

darum ging es. also cortison.

ich hab ja geschrieben, dass mein dad grad diese turbo-cortison-therapie bekommt.

im krankenhaus, in dem mein dad liegt, ist heute aber das metylpretnisolon ausgegangen. einfach so. weil keiner dran gedacht hat, welches nachzucatern. nachdem man gestern beim dad mit der therapie angefangen hat. toll, oder?

ich war fassungslos, und wuetend. sauer ohne ende. auf jeden fall hab ich die schwester zusammengefaltet. was mir mittlerweile leid tut, und wir vertragen uns auch wieder. ich hab mich entschuldigt, und sie versteht meine wut.
die diensthabende aerztin, ein ausbund an arroganz, hat mir meinen lauten ton vorgeworfen. gott guetiger, ich kann noch lauter werden!
sie meinte, das koenne schon mal passieren. und dass es jetzt halt bloed gelaufen ist, aber sie bestellen erst am montag, und am dienstag ist apothekentag und dann koenne man weiter machen. einfach so. toll, oder?
woraufhin ich meinte, ob sie mir erklaeren koennte, warum man etwas, das gestern noch dringend war, heute auf die lange bank schieben kann. naja, konnte sie nicht befriedigend. hat mir auch keine besonders produktive alternative angeboten.
ich meinte dann, ob ich vielleicht selber das methylpretnisolon besorgen koennte. sie meinte, klar, koennte ich. sie kann mir aber kein rezept schreiben.
naja, langer rede kurzer sinn. 30 apotheken abtelefoniert. das zeug gefunden. privatrezept organisiert. 150 oecken gezahlt. und jetzt haengt der dad an der infusion. also alles wieder okay.

naja...

WTF?!?!?! sind wir in albanien? wieso ist es so kompliziert, medis herbei zu schaffen? warum muss ich als angehoerige losziehen, um beschissenes cortison zu besorgen?

(sorry nochmal fuer den ton, aber das war jetzt echt nervenaufreibend!)

Larimari
27.10.2012, 21:09
ich hab in gedanken schon einen leserbrief fuer unser lokalblatt aufgesetzt...

meint ihr, das bringts?

puppe88
27.10.2012, 23:03
Hallo Mari,
erstmal RESPEKT, wie du das selber geregelt hast, indem du das Cortison besorgt hast!
Und ja - ich könnt mir schon vorstellen, dass es das bringt (das mit dem Leserbrief)....
Ich hatte mir das nach diversen Vorfällen mit Arztpraxen bzw. Krankenhäuser auch schon einige Male vorgenommen ( kann grad gar nicht sagen, warum ich es dann doch nicht gemacht hab :confused:).
Das ist echt der Hammer wie das bei euch gelaufen ist. Jedes Krankenhaus hat doch eine Zentralapotheke, ich arbeite auch im medizinischen Bereich, aber sowas hab ich echt noch nie gehört!
Das sind so Zusatzsorgen bzw. Aufregungen, die kein Mensch braucht, geschweige denn in eurer Situation. Kann deinen Ton auch gut nachvollziehen - ginge mir nicht anders.
Berichte bitte baldmöglichst, wie dein Dad auf das Cortison reagiert, ja?
Ich wünsche dir eine hoffentlich gute Nacht, und dass dein Adrenalin wieder runterfährt...
Bis morgen, schlaf gut!

Milie78
28.10.2012, 12:01
Hallo Mari,

eine Tochter wie dich kann man sich nur wuenschen! Ich kann mich Puppe nur anschliessen: wirklich RESPEKT!

Da kann man wirklich das Kotzen kriegen und so wuetend wie das macht, ist doch deine Wortwahl noch einwandfrei! Immerhin konnten sie ihn dann behandeln, aber es ist echt unglaublich und ich wuerde das mit dem Leserbrief wirklich versuchen. Es kann ja nicht schaden.

Ich druecke alle Daumen, dass es hilft! Ich fahre jetzt ins Krankenhaus und denke an euch!

Bis bald!

I.J.
28.10.2012, 12:10
Hi Lari,

leider ist dies "Normalität" ... im Laufe der Zeit habe ich dies immer wieder erleben "dürfen". Neulich z.B. saß ich weinend vor Schmerzen beim Schmerztherapeuten (auf den Termin hatte ich fast 2 Jahre warten müssen!!!!!) und er wollte mir eine Spritze gegen die Schmerzen geben und sagte dann...Oh, wir haben keine Spritzen mehr. Hat wohl jemand vergessen, welche nachzubestellen.:eek::eek::eek::eek:

Mein nächster Termin ....Ende Dezember.

Halt durch.


LG,
I.J.

Larimari
28.10.2012, 15:06
hallo da draussen!

naja, wunder sind bisher noch keine passiert. ich weiss nicht, ob die ersten zwei ladungen cortison was bewirkt haben. der dad ist zwar im schnitt wacher als vor seinem einbruch am dienstag. aber er hatte definitiv auch schon bessere tage. mal gucken, wie sich das entwickelt.

er tut sich gerade schwer mit sprechen. und seine wachphasen waren bisher relativ kurz. einfache fragen beantwortet er nur durch nicken. weil er heute viel genickt hat, dachte ich schon, das sei einfach eine standardreaktion, die mit der frage nichts zu tun habe. also hab ich ihn gefragt, ob er angst hat. daraufhin hat er den kopf geschuettelt.

ich mache mir immer noch sorgen um meine mom. wir haben zwar darueber gesprochen. und ich habe ihr gesagt, dass ich es fuer bedenklich halte, wenn sie jede nacht im krankenhaus bleibt. sie sagt aber, dass sie die zeit, die ihr noch mit beiden bleibt, auskosten moechte. und ich hab angst, dass sie nicht los lassen kann. und dabei ist es gerade so notwendig!!! ich hoffe, sie erkennt die grenze. so weh es mir auch tut, dass sie da durch muss.

Larimari
28.10.2012, 20:24
so, kleines abend-update.

der papa war heute gute zwei stunden wach, am stueck. das war bisher fast rekord, wuerde ich sagen. er ist weniger reaktiv als ich mir wuenschen wuerde. er wirkt leicht apathisch. man muss sehr penetrant sein, um seine aufmerksamkeit zu erregen. aber er hat zugehoert. ich hab ihm zeitung vorgelesen und zeug erzaehlt. und fragen gestellt. und einfache fragen hat er immer mit einem schulterzucken oder einem nicken beantwortet.
ich hab ihm beim fuettern ab und zu mal den loeffel in die hand gedrueckt. den hat er dann selbst zum mund gefuehrt. und dann hab ich ihm gezeigt, wie er mit dem loeffel brei aus der schuessel loeffeln kann. das hat er dann auch gemacht. er hat sich selbst an der schoki bedient, die ich ihm angeboten habe.
ich weiss nicht, ob das sachen sind, die er jetzt wieder kann, oder ob er sie auch schon gestern so gekonnt haette, wenn ich es getestet haette. ich habe jedenfalls beschlossen, ihn noch viel mehr zu fordern, wenn er wach ist.
das grosse wunder ist bisher allerdings ausgeblieben. aber ich weiss ja auch, dass es wahrscheinlich toericht waere, nach den ersten zwei infusionen schon etwas ganz grossartiges zu erwarten. wenn etwas grossartiges ueberhaupt zu erwarten ist.
ich bin heute ein bisschen niedergeschlagen, weil ich am vormittag den eindruck hatte, der dad checkt, was mit ihm los ist und ist traurig.

ich hab hier in letzter zeit viele posts zum thema krankenhaus und krankenhauspersonal gelesen, hab ja einige davon selber verfasst. aber es ist schon faszinierend, wie man in der situation, in der wir uns gerade befinden, immer auf halbem kriegsfuss mit der medizin steht.

ich muss wirklich sagen, ich bin mit den pflegerinnen sehr zufrieden. selbst mit den wischi-waschi-maeusen. die hat meine mom heute rehabilitiert. sie schaffen nicht alles, und nicht alles in der zeit, in der man es gerne haette. aber sie sind bemueht. und dabei auch sehr nett. die schwestern, vor allem die aelteren, leiden selbst sehr unter der akkordisierung ihrer arbeit. sie haetten gerne mehr zeit fuer den einzelnen, aber der straffe arbeitsplan laesst es haeufig nicht zu.
die aerzte dagegen, naja, ich weiss nicht, bis auf die kleine assistenzaerztin (sie ist eigentlich nicht klein, sie ist eine stattliche person, aber sie hat so ein hummel-figuren-gesichtchen, drum klein, denke ich.) und die zwei onkodocs und dem strahlendoc hab ich in den letzten zwei monaten niemanden kennengelernt, zu dem ich in irgendeiner form vertrauen hatte. im gegenteil. oft hatte ich als beobachter das gefuehl, dass z.b. bei der visite ueber den patienten hinweggesprochen wurde. als wuerde man ueber ein lebloses objekt reden. und alles geht nur schnell, schnell. man muss als angehoeriger der information hinterherrennen, und darauf beharren, ernst genommen zu werden. in situationen, wo man damit kaempft, dass ein geliebtes familienmitglied schwer krank ist und bald stirbt, sollten solche anstrengungen eigentlich nicht noetig sein. es mag sein, dass die aerzte unter dem gleichen oekonomisierungsdruck zu leiden haben wie das pflegepersonal. durch ihre haeufig zur schau getragene "weisse allmacht" haelt sich mein mitgefuehl fuer sie allerdings in grenzen.

ich fuer mich muss sagen, dass die situation, wie sie gerade ist, immer anstrengender wird. ich hab das gefuehl, mich nicht gut distanzieren zu koennen. ich weiss, ich sollte mir freiraeume schaffen. aber ich weiss nicht genau, wie. ich habe angst davor, alleine zu sein. wenn ich abends daheim bin, telefoniere ich noch mit meinem freund. dann knock ich mich aus, und am naechsten morgen gehts wieder ins krankenhaus. ich schaffe es nicht, mich auf etwas anderes zu konzentrieren.

naja...

:(

puppe88
28.10.2012, 20:49
in diesen Zeiten ist es auch verdammt schwer, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.

Selbst wenn man örtlich woanders ist, sich körperlich mit etwas beschäftigt wie z. B. Gartenarbeit oder mit anderen redet - ich habe das immer so empfunden, als ob mein Vater bzw. sein Gefühl für ihn und die ganze Situation, wie eine Wolke ist, die immer über mir schwebt...
ich bin früh aufgewacht und in Bruchteilen von Sekunden, war ALLES wieder da - selbst wenn ich nachts nur kurz wach war.
Die Sorge, Verzweiflung, Wut, vorgezogene Trauer, Hoffnung, Ohnmacht - alles zusammen klebt in dieser Phase an einem wie eine zweite Haut...

es ist echt schwer, sich effektiv mal "freizumachen"...
Kann dir auch keine wirklich guten Tipps dafür geben - leider
aber du solltest dir dennoch irgendwie kleine "Inseln" verschaffen, vielleicht durch spazierengehen oder ein richtig gutes Buch, das dich ein wenig in seinen Bann zieht, oder dich mit Freunden treffen (und vor allem: KEIN schlechtes Gewissen dabei haben, wenn man es wie durch ein Wunder doch mal schafft, ein wenig abzulenken)

Mirilena
29.10.2012, 07:42
Guten Morgen Mari,

ja, da kann ich mich puppe88 nur anschließen. Aber ich weiß auch, wie schwer es ist, in dieser Zeit überhaupt an etwas anderes zu denken. Spazieren gehen finde ich auch sehr gut. Es hilft immer ein wenig, sich vom Wind die Haare zerzausen zu lassen und einfach drauflos zu stapfen. Manchmal schafft man es ja auch, dass man dann kurze Zeit an gar nichts mehr denkt, sondern einfach nur läuft. Vorwärts, egal wohin!

Ja, und die Erlebnisse im Krankenhaus kann ich ausnahmslos bestätigen. Das Pflegepersonal leidet sicherlich ebenfalls unter der Situation, denn die meisten haben andere Vorstellungen von Pflege... Einzig auf der Palliativstation habe ich andere erfahrungen gemacht. Da war von Hektik und Stress nichts zu spüren. Da strahlten die Menschen eine unglaubliche Ruhe aus. Sie haben sich immer die Zeit genommen, die nötig war und haben auch persönliche Worte an den Patienten sowie an die Angehörigen gerichtet. Es wäre geradezu paradiesisch, wenn es auf allen Stationen so wäre...

Und dein Papa, das ist doch schön, dass er schon mal zwei Stunden wach und ansprechbar war! Sicherlich vielleicht nicht so, wie du es dir gewünscht hast, aber er war wach. Ich hoffe, es geht weiter so!!!

Liebe Grüße
Miri

Larimari
29.10.2012, 13:17
ich hoffe wirklich sehr, dass wir bald einen platz im hospiz bekommen.

die cortisongeschichte hat nicht funktioniert. die aerztin meinte, es haette eine unmittelbare verbesserung statt finden muessen. naja, wir haben es versucht. wir machen es zu ende.

mein dad tut mir so ungeheuer leid... manchmal glaube ich, sein altes ich in seinem blick durchschimmer zu sehen, und dann denk ich mir, warum muss er nur so leiden? und dann denk ich mir wiederum, ist es er, oder bin es ich, die mir da in dem moment leid tut?

manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mir wuensche, es moege ganz schnell vorbei gehen. ich hab seit zwei wochen nicht mehr mit meinem vater gesprochen. so richtig gesprochen. das fehlt... und die vorstellung, dass wir nie wieder so miteinander sprechen werden, macht mich traurig.

es ist echt bitter, dieses trauern um einen aspekt eines menschen. es fuehlt sich so falsch an, weil er ja noch lebt. auf der anderen seite kann ich es nicht unterdruecken, weil der, der mein vater jetzt ist, nur wenig mit meinem vater zu tun hat...

ich wiederhole mich, glaub ich...

aber das ist so, was mich im augenblick beschaeftigt...

Pantoffeltierchen
29.10.2012, 19:33
Hallo larimari!

Ich kann deine Situation sehr gut nach empfinden. Mein Papa hat ein Adenokarzinom mit Pleurabefall. Es geht alles sehr schnell. Nach der ersten chemo hatte er einen Schlaganfall, so dass er kaum noch laufen kann.

Jeden Tag hoffe ich, dass mein Papa nicht mehr leiden muss. Er ist sehr schwach und nicht mehr der Mensch, der erst einmal war. Er besteht nur noch aus Mühsal und Angst. Deine Empfindungen sind ganz normal, auch ich trauere bereits um meinen Papa, der da ist und irgendwie doch nicht.

Fühl dich fest in den Arm genommen. Du bist nicht allein!

Larimari
29.10.2012, 21:16
hallo pantoffeltierchen!

ja, dieses da sein und doch nicht da sein macht einen schon fertig. auf der einen seite ist es mein dad, auf der anderen seite fehlt ihm das meiste, das ihn als meinen dad ausgezeichnet hat.



ansonsten gibts bei uns heute nix neues. mom und ich haben uns drei stunden frei gegoennt. also drei stunden, die wir auch zusammen verbracht haben. sie hat mir mein lieblingsessen gekocht. ich ess zur zeit fast nix, krieg nix runter, und sie wollte mir ne freude machen. und dann waren wir in der stadt. sie hat sich mal wieder was schwarzes gekauft. jetzt ist sie eingedeckt.

ich hoffe, dass der mann vom sozialdienst morgen gute neuigkeiten bezueglich eines hospizplatzes hat. im krankenhaus kann man leider nichts mehr fuer ihn tun.

liebe gruesse an alle!

Mirilena
30.10.2012, 10:45
Liebe Mari,

gestern Abend habe ich's nicht mehr hierher geschafft... Ach Mensch, es tut mir so leid, dass der Versuch mit dem Cortison keinen Erfolg hat. Ich hatte so sehr gehofft!

Und ich weiß auch sehr gut, wie es sich anfühlt, wenn der eigene Papa immer weniger er selbst ist und man ihn kaum "wieder findet". Das sind so viele kleine vorweggenommene Abschiede und sie tun einfach nur weh. Wenn die Kraft von Tag zu Tag schwindet und der einfachste Handgriff zu anstrengend wird, die Stimme versagt... Es zerreißt dir das Herz und doch bist du da, immer an seiner Seite. Und genau das spürt dein Vater. Auch wenn er offensichtlich kaum mehr wach ist, wird er deine Anwesenheit und die deiner Mutter spüren. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass er euch auch hört, ihr könnt also mit ihm sprechen.

Es ist so schmerzhaft und bohrt sich wie ein Dolch ins Herz, wenn man die Nachricht erhält, dass im Krankenhaus nichts mehr getan werden kann. Austherapiert! Ich hatte bis zuletzt immer noch die Hoffnung, dass ein Wunder geschieht. Ich weiß, dass diese Hoffnung völlig unrealistisch war und ich habe wohl auch nie darüber gesprochen, doch ganz tief in mir drin gab es diese Hoffnung. An dem Tag, als uns eröffnet wurde, dass man nichts mehr für meinen Vater tun könne, ist diese flackernde Hoffnung erloschen. Und ich weiß auch, dass ich irgendwann meinem Vater von Herzen gewünscht habe, dass er für immer gehen darf. Die letzten Tage haben wir (meine Ma und ich) uns das beide gewünscht und das kam uns alles völlig absurd vor, dass wir demjenigen Menschen, den wir lieben, so etwas wünschen... Aber ich denke, du verstehst, was ich meine. Das war der Zeitpunkt, wo wir endgültig losgelassen haben, weil wir wussten und spürten, dass es für ihn eine erlösung sein würde...

Liebe Mari, ich wünsche euch, dass ihr baldmöglichst einen Hospizplatz bekommt. Ich bin mir sicher, dass dein Papa dort besser aufgehoben sein wird und auch, dass es für dich und deine Mama besser sein wird, denn dort wird sich um euch alle drei ein schützender Mantel legen und den könnt ihr jetzt gut gebrauchen.

In Gedanken bei dir
Miri

El_Desparecido
30.10.2012, 12:44
Liebe Mari,

es tut mir leid, dass deinem Vater die Cortisonbehandlung nicht genutzt hat.
Leid tun ist eigentlich falsch ausgedrückt, es tut mir eher weh.

Ich wünsche euch von Herzen, dass die Suche nach einem Hospizplatz bald erfolgreich ist.

Und dir wünsche ich alle Kraft die du brauchst auf dieser letzten Etappe.
Pass gut auf dich auf, Mari.

Ich glaube, dass der Ratschlag sich Freiräume für sich selbst zu schaffen, in der Phase in der sich unsere Väter befinden, nur sehr begrenzt realisierbar ist. Im Gedanken bin ich immer bei meinem Vater, meiner Mutter oder der Situation an sich. Da kann ich machen was ich will.
Selbst beim Bäume pflanzen oder beim Herbstlaub rechen.
Trotzdem sind die Tätigkeiten willkommene Abwechslungen.
Mehr geht glaube ich nicht.

Das du dir selbst leid tust, kann ich mir nicht vorstellen.
Aber du siehst einen sehr wichtigen Teil deiner Vergangenheit gerade verschwinden. Die abgedroschene Phrase "Nichts wird mehr so sein wie es mal war." trifft in deinem Fall tatsächlich zu.
Und klar tut es dir leid und weh, das dein Leben sich so verändern wird.
Und dennoch, alles was du getan hast und tust, hast du für deinen Vater und deine Familie getan.
Ich werfe mich der hoffentlich nicht allzu irrigen Annahme in die weit ausgebreiteten Arme, dass wir eines fernen Tages realisieren werden das alles für unsere Väter und gleichzeitg auch für uns getan zu haben.

Liebe Mari, ich drück dich.

Larimari
30.10.2012, 19:00
es ist so unglaublich schwer...

heute war mein dad traurig. ich glaube, er weiss, was passiert. ich meine, ich habs ihm auch gesagt, als er mich ganz arg fragend angesehen hat. ich glaube, er wusste es vorher schon.

ich hab ihm gesagt, dass es mir leid tut, und dass er mir fehlen wird, und dann hat er seine hand auf meine schulter gelegt, also wollte er mir sagen, es ist okay, es wird schon werden. und dann hab ich gesagt, es ist okay, es wird schon werden. und dass er sich keine sorgen zu machen braucht. und irgendwann hat er dann meine wange gestreichelt. und dann war er wieder weg. und angegrinst hat er mich heute. so richtig lustig... zum dahinschmelzen.

er hat mittlerweile ziemliche probleme mit dem schlucken. alles zu fluessige landet im falschen kanal. muessen viel inhalieren. das mag er aber nicht.

er isst immer noch recht gut.

ich weiss halt nicht, was mit seinen wachphasen passiert, wenn er wieder die normale dosis cortison bekommt. und wie er dann an essen kommen soll. oder eruebrigt sich das dann einfach...

gott, es ist echt so schwer zu begreifen, dass mein vater gerade stirbt... :(

Larimari
31.10.2012, 11:39
der sozialdienstler hat heute mit einem hospiz gesprochen. die "schieben" den papa vor. es kann allerdings noch einige tage dauern. das gute, das hospiz waere in muenchen, wo ich eigentlich wohne. jetzt versucht er auch meinen bruder irgendwo in muenchen unterzubringen. dann koennte die mama zu mir kommen, und wir haetten die ewige fahrerei nicht. und wir waeren nicht in der wohnung meiner eltern. und die schwester von meiner mom waere auch in der naehe...

drueckt daumen, dass das hinhaut.

dad gehts heute nicht so gut. er schlaeft und ist viel abwesender als sonst. :(

mein mom ist erkaeltet, und ich kriech mittlerweile auch nur noch auf dem zahnfleisch daher...

Mirilena
31.10.2012, 20:14
Liebe Mari,

meine Daumen sind gedrückt! Das wäre ja echt schön, wenn es mit München klappt!

Dass du derzeit auf dem Zahnfleisch kriechst kann ich sehr gut nachempfinden. Es ist einfach körperlich und auch psychisch eine extreme Belastung und kostet ungeheuer viel Kraft, deinen Papa zu begleiten. Aber du machst das großartig! Das kann ich nur immer wieder sagen bzw. schreiben.

Ich musste eben ein weinen, als ich deinen Eintrag von gestern las... Ich denke auch, dass dein Dad weiß, wie es um ihn steht. Ich glaube, dass wir das einfach spüren. Und wie schön, dass ihr euch auch ohne Worte versteht, oder? Und euch gegenseitig tröstet... Das ist ein ganz besonderer Moment gewesen und anstelle einer anderen lieben "Hinterbliebenen" sage ich jetzt: das ist ein wunderbares Bild, das du mit deiner inneren Kamera festhalten wirst und dass dir niemand nehmen kann.

Ganz liebe Grüße in den Süden
Miri

Larimari
01.11.2012, 13:52
hi miri!

danke fuer deine netten worte!

sowas baut mich auf.

im augenblick ist es schwer. dem dad gehts nicht so toll. er blubbert beim atmen wie eine quelle. es sitzt so tief, dass wir nicht absaugen koennen. und er hat schmerzen. er hat heute seine erste morphinspritze bekommen. :( es sieht irgendwie nicht gut aus. ups, jetzt hat er gut gehustet, das blubbern ist nicht mehr so arg. aber trotzdem, ich wuensche mir, dass er bald gehen kann. es ist schlimm, ihm zuzusehen, wie er leidet...

was mich im augenblick noch aergert, ist die tatsache, dass ich mich nicht einmal zu 100% auf meinen dad konzentrieren kann, weil die situation mit meinem bruder immer noch nicht geklaert ist. es ist jetzt zwar eine kurzzeitpflegeeinrichtung da. suboptimal zwar, aber fuers erste genug. danach kommt die langzeitpflege. meine mom brabbelt irgendwas von doch zuhause pflegen mit pflegedienst und so. aber das geht einfach nicht. das packt sie nicht. sie hat angst, dass sie, wenn sie meinen bruder ins heim gibt, zum sozialfall wird, weil ja ihre kompletten ersparnisse drauf gehen, bis die hilfe zur pflege greift. manchmal ertappe ich mich, wie ich dem kleinen kerl regelrecht sauer bin, weil er schon so oft irgendwas in unserer familie hat schief laufen lassen. und dann bin ich sauer auf mich, weil er ja am wenigsten dafuer kann, dass alles so ist, wie es ist.

also, drueckt daumen fuer eine baldige erloesung fuer meinen dad. - wie pervers ist es eigentlich, sich so etwas zu wuenschen?!?! aber wenn ich ihn mir anschaue, wie er da liegt und roechelt und leidet... ich hab heute zufaellig die digicam von meinen eltern gefunden, und die fotos darauf angeschaut. da waren einige von meinem dad drauf. :( und auf den meisten hat er entweder ein gesicht geschnitten oder gelacht. das war mein dad! und er fehlt mir.

Mirilena
01.11.2012, 15:18
Hallo Mari,

dieser tief sitzende Schleim scheint bei dem Krankheitsbild wohl häufig vorzukommen. Mein Dad hatte das auch und ich habe dieses Blubbern, Rasseln und Röcheln als sehr schlimm empfunden, da ich immer befürchtete, mein Vater könne keine Luft mehr bekommen. Der Palliativarzt hat mir dann erklärt, dass es sich schlimm für uns anhört, aber nicht so schlimm für meinen Vater anfühlt. Ja, das sei der sehr tief sitzende Schleim und sie haben kaum mehr Kraft, diesen abzuhusten. Das Absauegen dieses Schleims würde wohl auf heftige Schmerzen verursachen.

Ich wünsche euch von Herzen, dass dein Papa in den nächsten Tagen den Hospizplatz in München erhält. Irgendwie ist die Atmosphäre ja eine ganz andere als im Krankenhaus. Man fühlt sich geborgen und sicher und die Menschen dort nehmen sich alle Zeit, die benötigt wird. Auch für deine Ma und dich. Das würde euch allen gut tun, denn es würde euch ein klein wenig von der Sorge und Verantwortung nehmen, zumal ihr euch noch um deinen Bruder sorgt.

Und ich finde es nicht pervers, einem todkranken Menschen zu wünschen, dass er endgültig gehen darf, wenn nichts mehr geht. Ich habe das meinem Vater auch gewünscht... Genau wie du wollte ich nicht, dass er weiterhin so leidet und so schlimme Schmerzen ertragen muss. Und dennoch, auch wenn dein Dad nicht mehr so wie vor ein paar Wochen ist, es ist doch dein Dad. Eine ganz andere Seite von ihm, die jetzt kennen lernst. Klingt so, als würde er sich nun nach innen wenden und sich auf seine letzte Reise vorbereiten...
Alles Liebe
miri

Larimari
01.11.2012, 17:20
nach innen wenden... das hast du gut gesagt. das gefuehl hab ich auch. dass er sich quasi aus den aeusseren, sichtbaren regionen seines koerpers zurueckzieht in ein zentrum, dass fuer uns nicht mehr greifbar ist.

es ist schwer...

aber gut zu wissen, was der palliativarzt zum blubbern gesagt hat. ich lasse den dad jetzt halt viel inhalieren. mehr kann ich nicht tun. und beharre darauf, dass er ausreichend schmerzmittel bekommt. aber die schwestern ziehen da schon mit. sie merken, dass sie auch nicht mehr machen koennen.

Larimari
02.11.2012, 19:08
wir waren heute im hospiz... es ist ein schoener ort. also im vergleich zum krankenhaus toll... aber leider sind wir immer noch nur auf warteliste. :( die dame vom hospiz wollte sich am montag melden... ich weiss nicht, ob der dad bis montag durchhaelt... er baut immer mehr ab. er isst nichts mehr. ich weiss nicht, ob man es schon agonie nennen kann. aber es ist zumindest nah dran in meiner vorstellung. er hat jetzt wieder morphin bekommen... hoffe, es hilft gegen die schmerzen.

ich bin grad hin und hergerissen zwischen trauer, verzweiflung und ungeheurer genervtheit. ich wuensche mir so sehr, dass mein dad diesen platz bekommt. oder dass mein bruder einen platz bekommt. dass sie auf jeden fall nicht mehr zusammen in einem zimmer sind. es ist so anstrengend, wenn man sich eigentlich auf die letzten momente mit seinem vater konzentrieren moechte, und dabei staendig jemand aus dem nebenbett aufmerksamkeit fordert... :(

was ist denn das deutsche wort fuer "closure"? abschluss trifft es nicht so ganz, in closure schwingt noch so viel mehr mit... auf jeden fall wuensche ich mir sowas. ein ende des leidens und closure.

Mirilena
02.11.2012, 19:40
Liebe Mari,

halte durch! Ich weiß, wie schwer das ist und wie zerrissen du dich fühlen musst. Aber ich denke, die tun alles dafür, damit dein Dad einen Platz im Hospiz bekommt. Schön, dass ihr euch das Hospiz heute anschauen konntet und einen guten Eindruck bekommen habt.

Wenn dein Papa nichts mehr essen mag, ist es okay. Es sollte ihn auch niemand dazu "zwingen". Es kann sein, dass er sich nun auf den Abschied vorbereitet. Bei meinem Vater ist es wohl so gewesen. Er mochte auch nichts mehr essen. Das war für meine Ma sehr hart, denn sie hatte irgendwie das Gefühl, ihn verhungern zu lassen. Aber er hatte ihr das Versprechen abgenommen, dass sie ihn mit Essen in Ruhe lassen würde, wenn er nichts mehr zu sich nehmen wolle. Sie hat sich schweren Herzens daran gehalten.

Hast du das Gefühl, dass dein Dad sich ein wenig entspannen kann, wenn er Morphium erhält? Mir war es auch am Wichtigsten, dass mein Vater keine so argen Schmerzen hat.

Ach Mari, wie gern würde ich dir etwas Tröstliches schreiben, aber es gibt wohl keine Worte, die euren Zustand mildern könnten. Das tut alles so verdammt, verdammt weh und man fühlt sich so ohnmächtig, so hilflos. Und doch hilfst du deinem Dad, indem du da bist. Er spürt deine Nähe, spürt, wenn du seine Hand hältst, ihn streichelst. Und so ist er nicht allein, sondern umhüllt von deiner Liebe. Und das ist sehr viel.

Ich denke an dich
Miri :engel:

Larimari
02.11.2012, 20:01
hallo miri!

ja, das morphium hilft dem papa. er hat es vor einer stunde bekommen, und jetzt schlaeft er. und atmet relativ ruhig. davor war er ziemlich rasselig und angestrengt. man muss halt echt immer ein auge drauf haben im krankenhaus. mittlerweile fordere ich echt ganz offensiv medikamente, eigentlich alles.

die situation ist unbeschreiblich... ich wuerde jetzt lieber ziegenherden durch afghanistan treiben als hier zu sitzen. ich wuenschte, mein dad haette einen schoeneren tod gehabt. einen kurzen, schmerzfreien. er tut mir so schrecklich leid.

und dieser mangel an ruhe, diese scheiss krankenhausatmosphaere, wo alle naslang jemand ueber den gang rennt, mein bruder, der nix checkt und immer nur dazwischenfunkt, all das macht mich gerade wahnsinnig. weil ich mich eigentlich gerne von meinem dad verabschieden moechte. und es wahrscheinlich besser schaffen wuerde, wenn sein bett irgendwo an einem autobahnkreuz geparkt waere... :(

ich bete mittlerweile dafuer, dass ein hospizplatz frei wird.

puppe88
02.11.2012, 20:12
Liebe Mari,

es tut mir so sehr Leid, wie sich das alles mit deinem Papa entwickelt hat.
Ich kann gut verstehen, dass dich die Situation mit deinem Bruder im Zimmer noch zusätzlich stresst - eigentlich ist das echt unmenschlich. Kann man denn nicht irgendwie bewirken, dass die beiden jeweils in ein Extra-Zimmer kommen?

Bitte sage deinem Papa auch trotz deines Bruders noch, was dich bewegt, ich bin mir sicher, dass es ankommt...
Ich wünsche deiner Mutter und dir ganz viel Kraft :pftroest:
- und deinem Papa einen friedlichen, schmerzfreien Weg...

LG

Mirilena
02.11.2012, 20:23
Sag mal, gibt es in dem Krankenhaus, in dem dein Dad liegt, eine Palliativstation? Wenn ja, dann nimm unbedingt Kontakt auf zur Palli!!!! Uns hat das damals auch extrem geholfen, denn mein Vater befand sich in einem katastrophalen Zustand und lag in einem 5-Bett-Zimmer... Das war einfach gruselig. Auf der Palli würde dein Paps bestimmt ein Einzelzimmer haben und dann hätte er seine Ruhe und seinen Frieden (ich meine das jetzt nicht böse bezüglich deines Bruders...) und auch ihr...

Liebe Grüße
Miri

Larimari
03.11.2012, 17:39
vor jahren lief mal im jugoslavischen fernsehen eine serie, die hiess "djekna jos nije umrla a ka' ce ne znamo", was soviel bedeutet wie: "djekna ist noch nicht gestorben, und wir wissen auch nicht, wann sie's tut". ich hab keine ahnung mehr, wer djekna in dieser serie war. auf jeden fall muss ich im augenblick oft an den serientitel denken. wobei ich djekna dann mit papa ersetze.

dad leidet immer noch. er hat wasser in den haenden und fuessen... er rasselt vor sich hin, schleppend, aber konstant. der arme kerl tut mir so leid. ich wuensche mir wirklich, dass er bald los lassen kann.

ich muss morgen wieder arbeiten. keine ahnung, wie ich das anstellen soll. ich werde wahrscheinlich hinfahren, bescheid geben, dass ichs nicht hinbekomme, und wieder heimfahren. ich kann mir nicht vorstellen, morgen acht stunden so zu tun, als sei die welt okay. zumal, wer weiss, wass derweil im krankenhaus passiert.

es gibt hier leider keine palliativstation. es ist ein klitzekleines krankenhaus. aber heute ist es okay. mein bruder ist ruhig. und die schwester, die heute da war, ist auch supernett. sie hat ihren papa verloren, kann nachempfinden und kuemmert sich. die abendschwester ist witwe, und auch total nett. also alle koennen den verlust nachvollziehen, und auch die angst und die verzweiflung. und selbst wenn sie nicht so arg viel zeit haben und immer im stress sind, das gefuehl ist gut.

ich wuensche mir, dass ich es morgen wirklich in die arbeit schaffe. dass mein dad durchhaelt. oder aber, dass er geht und friedlich geht. dass es ihm gut geht. er weiss, dass ich ihn liebe. und ich weiss, dass er mich geliebt hat. und das macht mich ruhig irgendwie. dieser kaputte, leidende koerper, in dem sich irgendwo, ganz verborgen, mein dad schon auf den weg gemacht hat, darf anhalten. es ist okay.

dad, du wirst mir so ungeheuerlich fehlen! du fehlst mir jetzt schon. ich kanns gar nicht beschreiben. :(

Larimari
04.11.2012, 07:53
dad hat heute nacht losgelassen.

gute reise, dad!

Klecks
04.11.2012, 08:21
Liebe Larimari! Ich fühle mit Dir! Ganz viel Kraft für die nächste Zeit! Lass weiter von Dir hören! Traurige Grüße, Tanja

Mirilena
04.11.2012, 09:26
Liebe Mari,

ich wünsche deinem Dad eine gute Reise und winke still hinterher. Und ich zünde jetzt eine Kerze für euch an. Es gibt wohl wirklich keine Worte, die dich trösten könnten. Dein Dad ist jetzt wieder heil und ganz und hat keine Schmerzen mehr, nachdem er seinen Körper, seine Hülle verlassen hat. Du und deine Ma, ihr habt alles getan, was möglich war und ihr habt ihn in dieser so schweren Phase seines Lebens begleitet und wart immer an seiner Seite. Ihr habt zusammen gelacht und ihr habt gemeinsam geweint und losgelassen, als ihr erkannt habt, dass keine Kraft mehr da war. Das ist ein sehr großer Liebesbeweis, der größte wohl überhaupt. Eines Tages wird dich das hoffentlich trösten können.

Stille und traurige Grüße
Miri
:engel:

El_Desparecido
04.11.2012, 17:37
Liebe Mari,

ich wünsche dir und deiner Familie viel Kraft für die kommende ebenfalls schwere und anstrengende Zeit.
Ich hoffe, dass du eines Tages zurückblicken kannst und glücklich darüber sein wirst, das alles getan zu haben.
Du bist eine tolle Tochter!
Und dein Vater muss ein toller Vater gewesen sein.

Pass auf dich auf, liebe Mari.

Colle
04.11.2012, 17:53
Mein Beileid!:pftroest:

Larimari
04.11.2012, 20:33
danke, liebe leute!

der erste tag ist vorbei, fast, und ich fuehle mich sonderbar leer. und gar nicht mal so traurig. ich hab angst, dass die trauer in einer riesenwelle kommt. ich hoffe, sie kommt mit kleinen schritten, in raten, bewaeltigbar.

morgen geht die grosse organisation los, denn am wochenende wollen wir den dad in seiner heimat begraben. bis dahin muss noch einiges passieren.

ich melde mich wieder!

puppe88
04.11.2012, 20:40
Liebe Mari,

nun ging es doch so schnell....
ich bin mir sicher, dass du deinen Vater in deinem Herzen trägst - daran wird sich niemals etwas ändern.
Und egal wo er nun ist - er weiß und spürt es...

Ich hoffe, dass es nicht lange dauert, bis du an deinen Vater mit einem Lächeln denken kannst und dir bewusst wird, WIE sehr du für ihn da warst, als er dich am meisten brauchte!
Ich wünsche euch, dass sich nun auch für die Situation mit deinem Bruder eine Lösung findet.
Möge mit der Beerdigung alles so klappen, wie es deinem Papa gefallen hätte.
Viel viel Kraft deiner Mutter und dir auf euerem weiteren Weg!

Monika Rasch
04.11.2012, 20:53
Ich bin mit Dir traurig.
Und auch froh, dass er es geschafft hat.
Der Schmerz kommt , bleibt, geht nicht mehr.
Aber man schliesst ihn ins Leben ein und lebt mit dem Schmerz, mit der Traurigkeit.
Und irgendwann erkennt man, weiss man,man muss weiterleben- über den lieben Verstorbenen reden, mit dem Verstorbenen reden-
Du weisst genau wie er getickt hat, was er sagen würde, egal zu was.
Er lebt in Dir weiter, in Deinen Gedanken, in deinem Tun.
Du hast wahrscheinlich während der Krankheitszeit oft Berührungen gesucht, hast sie gespeichert, kannst sie abrufen.
Das hilft, du weisst noch wie er sich anfühlte, wie er roch, wie klapprig und krank er war.
Wenn man nicht mehr leben kann, dann darf man loslassen und seine irdische Hülle aufgeben.

Er geht nicht verloren.
Den Rest Deines Lebens bleibt er bei dir.

Milie78
04.11.2012, 22:44
Mari,

ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr ich mit dir fuehle.

Ich wuensche dir alle Kraft der Welt, ich denke an dich, habe letzte Nacht auch viel an euch gedacht. Mich troestet, dass wir irgendwie beide "nicht allein" waren und auch, dass die gemeinsame Reise unserer Vaeter begonnen hat. (danke, das hast du schoen gesagt) Letztendlich haben sie so der Krankheit ein Ende bereitet und keine weiteren Leiden erlaubt.

Alles Liebe!

Mirilena
05.11.2012, 07:49
Liebe Mari,

vielleicht ist es gut, dass jetzt so viel Organisatorisches auf euch wartet... Damit ihr die Trauerfeier überstehen könnt. Noch hast du keine Möglichkeit zur Ruhe zu kommen und daher ist es auch schwer zu realisieren und wirklich anzunehmen, dass dein Dad gestorben ist. Das wird ein wenig dauern... Diese Erfahrung habe ich zumindest gemacht und ich denke, dass sozusagen alles scheibchenweise auf uns zukommt, so wie unsere Seele es vertragen kann. Die Trauer wird kommen und sie kann auch sehr heftig und ungestüm sein, doch wenn du sie zulässt, dann wirst du deinen Weg finden. Auch diese Zeit ist sehr, sehr wichtig.

Ich wünsche deiner Mama und dir, dass sich alles regeln lässt, was auf eurer Liste steht und ihr dann deinen Dad in seine Heimat bringen könnt.

Liebe Grüße
Miri

mon ami
05.11.2012, 14:01
Ein stiller Gruß

von mon ami

Larimari
05.11.2012, 16:45
mutti sagt: kind, du musst in kroatien schwarz tragen, du weisst doch, damit die leute nicht reden.

kind packt grad all ihre schwarzen klamotten zusammen. und was soll es sagen: ich war nie ein goth, und habe auch nie den guten hinweis: schwarz macht schlank befolgt. ergo: ich hab nix!!!

solche sorgen hat ein uebriggebliebenes kind am tag 2 nach dem tod ihres vaters...

dad, falls du jetzt grad zuguckst, ich hoffe, du amuesierst dich gut ueber deine zwei kopflosen huehner! falls wir im naechsten leben wieder in derselben konstellation zusammentreffen, begrabe ich dich in muenchen! dann gibts nix mehr mit heimat und sehnsucht und quatsch. dann sind wir nur pragmatisch! dad, du fehlst mir!

Flower*
05.11.2012, 17:39
Mein herzliches Beileid!
Ich wünsche euch viel Kraft für alles, was auf euch zukommt!

Larimari
13.11.2012, 21:04
jetzt ist mein dad seit ueber einer woche tot, und es ist immer noch unfassbar. es ist ein unglaubliches gefuehl, eigentlich ein gar kein gefuehl. es ist sowas von sonderbar. ich kanns nicht beschreiben.

wir haben ihn am samstag beerdigt. ultra-katholisch. auf dem balkan. es war fast lustig, wie der pfarrer meinen dad als den ultimativen kirchgaenger dargestellt hat. ich musste mich zusammenreissen, um nicht laut zu lachen. der rest war irgendwie komisch. so ritualisiert. waere mein dad in deutschland beerdigt worden, ich haette den ehemaligen chefredakteur der zeitung, die ich vergessen habe, der sich jetzt als grabredner betaetigt, engagiert. waere persoenlicher gewesen.

aber der rest war cool. meine mom war sein 21 jahren nicht mehr "zu hause", und trotzdem hat sich die ganze nachbarschaft zusammen getan, und die feier organisiert. wir mussten wirklich keinen finger ruehren.

es hat mir sehr geholfen, mit meiner kleinen kusine zu sprechen, die ihren vater vor anderthalb jahren verloren hat. ihr dad hatte einen gehirntumor. und die gemeinsamkeit mit meinem dad war eine phase von koerperlichem vorhandensein bei gleichzeitiger abwesenheit des wesens. wir haben viel ueber das gesprochen, was menschen ausmacht. sie arbeitet als aerztin, von daher ist ihre perspektive immer noch von dieser wissenschaftlichen seite gepraegt. wir haben trotzdem geheult wie bloede.

jetzt geht der alltag wieder los. in einer komischen form. vaterlos. :(

El_Desparecido
14.11.2012, 10:21
Liebe Mari,

ich bin froh, dass du deinen "Roadtrip" auf den Balkan letztlich als cool bezeichnen konntest. Auch wenn der Anlaß natürlich alles andere als cool gewesen ist.

Dass dir der nachbarschaftliche und familiäre Zusammenhalt dort sehr gut getan hat, kann ich total gut nachvollziehen. Gerade in dieser Situation.
Irgendwie rücken solche Erfahrungen - zumindest bei mir - den Blick auf Gesellschaftsstrukuren und Lebensentwürfe zurecht.

Tja, der Alltag.
Die Bestie, die dich zu verschlingen sucht.

Als mein Bruder starb musste ich mich dieser Herausforderung ebenfalls stellen. Mir hat sehr geholfen, mich einer Erstmaligkeit in die Arme zu werfen.
Ich habe mir etwas gesucht, was ich schon immer machen wollte, aber immer vor mir her schob und betreibe es seither regelmäßig.
Mein Rennrad und ich sind jetzt gute Freunde.
Es hat mir in manch trüber Stunde die Muskeln übersäuert und den Kopf freigemacht.

Mirilena
14.11.2012, 19:29
Liebe Mari,

schön, dass du wieder da bist! Nun habt ihr deinen Dad verabschiedet und nach Haus gebracht. Zur Ruhe werdet ihr sicherlich noch nicht kommen, auch wenn der Alltag seine Tribute fordert. Es gibt so viel Bürokratisches zu erledigen... Wie geht es denn deinem Bruder? Hat er er die Lungenentzündung überstanden?

Ach Mari, was soll ich sagen? Ich hoffe, du kannst dir wenigstens kleine Zeitinseln für dich schaffen und deine Trauer zulassen. Sei geduldig mit dir selbst. Und wenn es möglich ist, dann tu' dir gelegentlich auch etwas Gutes. Eine sehr anstrengende Zeit liegt hinter dir und der Weg, der vor dir liegt, wird dir auch einiges abverlangen. Auch wenn du dich nun vaterlos fühlst... dein Dad lebt in dir, in euch weiter. In euren Erinnerungen, Gedanken und in euren Herzen.

Liebe Grüße in den Süden
Miri

Larimari
15.11.2012, 10:33
oh, nicht nur vaterlos. auch partnerlos. meine fernbeziehung, die objektiv gesehen noch nie besonders viele chancen hatte, geht nun auch den bach runter.

wir hatten zwar oft phasen, in denen wir an uns gezweifelt haben, aber jetzt ist es wirklich gravierend. und auch fuer mich, selbst wenn ich das noch nicht ganz glauben mag. ich meine, hey, ich hab jetzt diese ganze geschichte im grunde alleine durchgestanden. obwohl es besser gewesen waere, nicht alleine zu sein. und zu zweit alleine sein macht einfach keinen sinn... und wenn jetzt eh schon alles im umbruch ist, dann kann sich auch das aendern. auch wenns weh tut...

meine mom ist immer noch fit und stabil. und stuetzt mich, so gut sie kann. und ich sie auch. das gibt hoffnung auf weniger schmerzhafte zeiten. auch wenn diese im moment unerreichbar weit scheinen...

puppe88
15.11.2012, 10:52
ich wünsch dir, dass sich das mit deiner Beziehung so entwickelt, dass es langfristig betrachtet, gut für dich ist. Vielleicht hast du ja Recht damit, von wegen, wenn alles im Umbruch ist...
es freut mich, dass deine Mom und du so ein gutes team seid.
Weißt du schon was, wie es mit deinem Bruder weiter geht? Ob er vielleicht doch bei deiner Mutter bleibt?

El_Desparecido
15.11.2012, 11:44
Alte Zöpfe rigoros abzuschneiden ist meiner Meinung nach eine nachvollziehbare Reaktion auf extreme Zeiten und Umstände. Zumindest kenne ich das von mir sehr gut.

Deine Gründe klingen plausibel und tabula rasa ist eine feine Sache.

Dennoch eine schwierige Entscheidung, zweifelsohne.

Auch wenn es dir im Moment vollkommen unmöglich und ausgeschlossen erscheint, der Himmel wird aufklaren, die Wolken werden sich verziehen, die Sonne wird dir wieder das Gesicht und Gemüt wärmen und du wirst mit einem warmen Lächeln an deinen Vater denken und dich erinnern.
Ich bin mir sicher.

Halt die Ohren steif, Mari.

Mirilena
15.11.2012, 18:04
Oje Mari, das ist heftig. Bei mir ging's nach dem Tod von meinem Papa noch einige Zeit "gut" und dann ging meine Beziehung den Bach runter. Obwohl ich mit meinem Freund zusammen lebte, habe ich die Zeit der Krankheit meines Papas auch allein bewältigen müssen. Mein Freund hatte irgendwie panische Angst vor Krankheiten und Sterben und Tod sind für ihn absolute Tabuthemen. Wahrscheinlich war ich auch oft ungerecht, aber er war für mich in einer Zeit, da ich ihn gebraucht hätte, nicht da und auch keine Hilfe (im praktischen Sinn). Als er dann im Juli endgültig aus meinem Leben (und dem meiner Tochter) verschwand, konnte ich nicht mal mehr heulen. Da waren keine Tränen mehr. Ich fühlte mich einfach nur leer.
Heute denke ich, dass es gut ist, wie es ist... Er passte wohl nicht in mein Leben und ich nicht in seines.

So wie es sich bei dir liest, ist es noch nicht das Ende... Du darfst nicht vergessen, dass du dich derzeit in einer Ausnahmesituation befindest, dein Freund sehr weit weg ist und du in den letzten Monaten sehr gewachsen bist... Kann sein, dass ihr deshalb jetzt an euch zweifelt. Aber kann auch gut sein, dass da noch sehr viel Gemeinsamkeiten sind. Du wirst die richtig Entscheidung treffen, liebe Mari!

Ich schicke dir eine frische Brise aus dem Norden,
Miri

luckycleo
15.11.2012, 22:26
Hallo,

ich bin jetzt schon länger hier stiller Mitleser - genau eigentlich seitdem 15. September 2012, da hatte mein Papa die Diagnose kleinzelliges Bronchialkarzinom mit Lebermetas Endstadium bekommen.
in die Klinik ging er wegen Verdacht auf Gallenkolik und raus kam er mit dieser schrecklichen Diagnose.
Darauf begann dann der Wettlauf gegen die Zeit und ich bin während dieser ganzen Wochen mit ihm gewesen und war auch bei ihm als er seinen letzten atemzug getan hat.
Er starb am 8.11.2012 und er wollte nicht gehen. bis zum Schluss hat er immerwieder versucht uns noch ein paar Dinge zu sagen.
Morgen ist Beerdigung und ich WILL NICHT HIN!!!

Larimari
17.11.2012, 22:35
hmmm... wir intervenieren jetzt komisch... ich flieg morgen hin. er hat kommt im dezember her. und bleibt unter umstaenden eine laengere weile... und dann gucken wir, wie wir das ganze gedeichselt bekommen...

miri, du hast schon recht. es ist alles nicht so ganz schwarz oder weiss. und viel ist auch der aktuellen situation geschuldet. ich bin, ehrlich gesagt, auch unfair. ein bisschen zumindest. denn in der zeit, wo mein dad im krankenhaus abgebaut hat, haben wir jeden tag lange telefoniert. und ich hab ihm alles en detail geschildert. und weil er meinen dad mag, hat er heftig mitgelitten.

wir waren am freitag in einem super-duper heim. und der heimleiter meinte, er saehe keinen grund, warum mein bruder keinen platz bekommen sollte. sie sind zwar auf der "feststation" gerade ausgebucht, aber man koennte einen kurzzeitpflegeplatz, quasi anderer gang im haus, umfunktionieren. und dann halt im haus umziehen, wenn was frei wird. ich hoffe, dass es klappt. denn die mam koennte dann endlich die ihr so verhasste wohnung kuendigen, und weiterziehen. die ganze geschichte waere dann in der augsburger gegend, die mag meine mom ganz gerne, der wechsel waere also wirklich optimal.

richtig trauern koennen wir immer noch nicht so ganz... ich hab vorhin mein ipad zum ersten mal seit wochen wieder geladen, und habe mir die fotos angeschaut, die ich noch von meinem dad gemacht habe. als er noch fit war. da hats mich zerbroeselt... ich hab so eine reihe alberner eisessfotos geschossen, mein dad zieht grimassen wie ein grosser, das hat er immer gemacht. da hats mich zerbroeselt. er fehlt mir total...

es ist wirklich komisch... ich hab in letzter zeit so oft darueber nachgedacht, was einen menschen ausmacht. weil mein dad ja zum schluss, als er nur noch geschlafen und gelitten hatte, in irgendeiner komischen art und weise sich von meinem dad zu einem koerper, der sich quaelt, geworden ist. wenn ich mir die bilder anschaue, weiss ich, was meinen dad ausgemacht hat. und genau das ist es, was mir so ungeheuer fehlt. sein humor, dieses talent, immer im richtigen zeitpunkt total albern werden zu koennen. ich dachte, ich koennte das fehlen auf den aspekt der verbalen kommunikation reduzieren. nach dem motto, es ginge mir besser, wenn ich noch mit ihm sprechen koennte. aber es ist nicht nur das. ein skypen muesste es zumindest sein. damit wir uns unsere visagen entgegenstrecken koennten, und uns anbloedeln koennten.

das passiert aber nicht mehr. und das ist fuerchterlich. mir war nie bewusst, wie gross sein beitrag zu unserer froehlichkeit war.

meine mom ist immer noch stabil. sie lernt grad, mit ihrem dasein als alleinstehende frau zurecht zu kommen. sie ist jetzt sehr mobil. zwangslaeufig, wegen meinem bruder. aber sie sieht es irgendwie auch als abenteuer. als positive herausforderung. so z.b. das entdecken neuer wege, der umgang mit den neuen ticketautomaten der bahn. klingt banal, aber fuer jemanden wie meine mutter tun sich da welten auf. ich bin sehr stolz auf sie. wir werden langsam richtig gute freundinnen.

cleo, ich hoffe, du hast die beerdigung halbwegs gut ueberstanden. ich glaube, das ist ne individuelle geschichte, aber fuer mich hatte das zeremoniell sowas befremdliches, dass es nicht schlimm war. und da ich, wenn ich an den koerper meines vaters denke, immer automatisch an den zerfall denke, also an das buchstaebliche verrotten, ist es fuer mich auch nicht schlimm, ihn dort unter der erde zu wissen. denn sein grinsen waere jetzt nicht mehr das von den fotos, und den rest von ihm trage ich in mir. ich denke mir manchmal, dass ich den ort, an dem er begraben wurde schoen finde, wegen der zuege. aber dann weiss ich doch, dass er nicht dort ist. oder nur, wenn ich auch dort bin. oder nur, wenn wir ihn uns dort wuenschen.

Mirilena
18.11.2012, 08:24
Liebe Mari,

das freut mich, dass du heute fliegst! Es wird euch beiden bestimmt gut tun, euch wieder zu sehen und in die Arme zu nehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass für deinen Freund auch echt schwer war, so weit von dir entfernt zu sein und zu wissen, dass es dir so schlecht geht und du so traurig bist. Da musste er sich unweigerlich sehr hilflos und ohnmächtig fühlen... Schön, dass ihr euch noch eine Chance gebt!

Und dass es dich beim Anblick der Fotos deines Dads zerbröselt... Kein Wunder! Als völlig fremder Mensch kann ich dir nur sagen, ich glaube, dass dein Dad dir seinen Humor sozusagen vererbt bzw. mitgegeben hat, denn zwischen aller Traurigkeit und Schwere blitzt bei dir immer auch der Humor zwischen den Zeilen durch und hat mich sehr oft zum Schmunzeln gebracht. Noch ist alles sehr frisch, sehr unwirklich und deshalb kann die Trauer auch noch nicht an die Oberfläche dringen... Aber sie wird sich ihren Weg bahnen und ich bin sehr sicher, dass du sie zulassen kannst, liebe Mari. Und du wirst deinen Weg finden mit deinem Papa im Herzen und all den schönen Erinnerungen, die ihr teilt.

Klasse, dass ihr einen guten Platz für deinen Bruder in Aussicht habt! Dann kann dein Ma auch durchatmen. Sie scheint auch eine ganz außergewöhnliche Frau zu sein. So, bevor ich hier nun einen Roman schreibe: Gute Reise, Mari! Und lass demnächst mal wieder von dir hören bzw. lesen...
Liebe Grüße
Miri

El_Desparecido
19.11.2012, 11:41
Liebe Mari,

ich wünsche dir eine gute Zeit mit deinem Freund.
Und dass sich die Dinge zwischen euch beiden so entwickeln, wie ihr es euch wünscht.
Einerseits kann das Durchleben so einer Extremsituation zu einer Distanzierung voneinander führen, weil Erwartungen oder Hoffnungen nicht erfüllt werden oder Wertigkeiten und Blickwinkel verschoben werden.
Andererseits kann das gemeinsame Durchleben aber auch zusammenschweissen.
Ich wünsche euch wirklich das Beste.

Toll, dass ihr für deinen Bruder einen Platz gefunden und ein gutes Gefühl habt.
Du kannst zurecht stolz auf deine Mutter sein.
Und sie auf dich.


Grosse Grüsse

Carlos

Larimari
25.11.2012, 13:44
Bin wieder daheim. Alles gut soweit. Die Zeit mit meinem Freund war schön. Und ich kann's kaum erwarten, dass er herkommt. Und hoffentlich lange bleibt.

Ich funktioniere meistens recht gut. Nur manchmal überkommt mich das Gefühl von 'falscher Film' ganz arg. So lief heute etwa ein Bericht im Radio über die Entsorgung von Medikamenten. Und die interviewte Apothekerin erzählte etwas von einer Kundin, die kürzlich verstorben sei, und jede Menge Zeug übrig gelassen hätte. Da fiel mir meine Mom ein, die sich letzte Woche mit einem Riesensack Medis auf den Weg in die Apotheke gemacht hatte... :(

Diese Endgültigkeit ist frustrierend.

Mirilena
26.11.2012, 20:12
Liebe Mari,

das ist ja schön, dass ihr so eine gute Zeit zusammen verbringen konntet und auch Pläne für die Zukunft habt! Das freut mich sehr für dich!

Ja, ich kann mir gut vorstellen, wie sich der falsche Film oft anfühlt... Dass völlig unverhofft das Elend über dich hineinbricht und dich voller Wucht an die Wand drückt. Das wird dir sicherlich noch häufig passieren. Mir ging es zumindest auch so... Tagsüber konnte ich den Anschein ganz gut wahren und funktionierte, doch wenn ich allein im Auto saß und im Radio ein Song lief, der mich an irgendeine Kleinigkeit erinnerte, dann flossen die Tränen. Manchmal traf mich diese Endgültigkeit auch einfach so. Mit der Zeit hat sich die Trauer verändert. Sie bricht nicht mehr wie eine Naturgewalt über mich hinein und ich kenne sie und mich jetzt besser. Das erleichtert mir den Umgang. Andererseits habe ich mir selbst gesagt, dass die Trauer nun einmal dazu gehört, denn sie ist ja auch ein Zeichen dafür, dass ich meinen Papa sehr geliebt habe und ihn nun einmal sehr vermisse. Jetzt empfinde ich nicht mehr so viel Bitterkeit. Meistens tut es jetzt gut, an meinen Vater zu denken und dann lächle ich vor mich hin. Oder ich erinnere mich gemeinsam mit meiner Ma an Begebenheiten und dann können wir auch zusammen lachen. Bei dir ist das alles ja noch so frisch, die Wunde klafft noch offen... Aber es wird irgendwann erträglicher, ganz bestimmt!

Liebe Grüße
Miri

Larimari
29.11.2012, 11:15
Naja, Pläne für die Zukunft ist vielleicht etwas übertrieben. Dinge können passieren, müssen aber nicht. Mal gucken.

Gestern war meine Mom bei mir. Als übernachtungsgast. Sie hat mir Vorhänge genäht und so... Es war echt nett, aber sie tut mir so leid. Sie ist noch viel fertiger mit der Welt als ich. Wir haben die wohnungskündigung geschrieben, noch ein paar Sachen erledigt. Es ist wirklich anstrengend, zumal noch übhaupt nicht klar ist, wo sie im Endeffekt landen wird. Und wie sie das ganze finanziell stemmen wird. Ich hoffe, dass wir da bald eine Lösung finden, damit sie ein bisschen zur Ruhe kommen kann...

Mich hat's vorgestern wieder mal erschlagen. Ein Heimbewohner im Heim meines Bruders hat sich eine viertelkippe angesteckt. Das hat mein dad auch oft gemacht, dass er ne Zigarette auf mehrere Male raucht. Und allein dieses Bild hat mich zum heulen gebracht....

Naja, es hilft ja nix. Das leben ist grad so, wie es ist. Und es wird hoffentlich wieder weniger anstrengend.

Liebe Grüße!

Larimari
21.12.2012, 20:09
So, jetzt habe ich es geschafft, innerhalb von zwei Monaten 50% meiner Familie zu verlieren. Heute ist mein Bruder gestorben. An einem Infekt. Er hat das Heim nicht vertragen. Es ist schwierig. Aber ich bin froh, dass er sich nicht mehr quälen muss. Falls es sowas wie einen Himmel gibt, ist er jetzt hoffentlich mit meinem Vater dort.

Mirilena
22.12.2012, 09:04
Mari, ich bin einfach nur sprachlos... Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen bzw. schreiben soll. In den vergangenen Wochen habe ich oft an dich gedacht und mich gefragt, wie es dir wohl gehen mag, ob du dich vielleicht hier noch einmal melden wirst oder ob du nun einfach Abstand benötigst. Und nun lese ich heute morgen, dass du dich gemeldet hast, freue mich insgeheim, öffne gespannt deinen Faden und dann das... Wums! Es tut mir unsagbar leid, dass du und deine Ma so viel aufgebürdet bekommen haben und es tut mir leid, dass dein Bruder nun auch gehen musste. Nun sitze ich hier und starre ins Leere und weiß nicht so recht, was ich dir schreiben könnte, dass nur ein wenig zum Ausdruck bringt, dass ich mit dir fühle. Ihr habt in diesem Jahr so viel überstehen müssen und seid an die Grenzen des Erträglichen gekommen.

Dir und deiner Ma wünsche ich von Herzen, dass ihr am Ende dieses Jahres nun einfach mal zur Ruhe kommen mögt, dass ihr gemeinsam durchatmen könnt, euch in eurem Schmerz gegenseitig Halt gebt und vielleicht auch Trost. Ich bin echt fassungslos...

Alles, alles Liebe für euch beide und möge das kommende Jahr euch wohl gesonnen sein
Miri:engel:

Mirilena
22.12.2012, 09:09
....und ich bin mir sicher, dass dein Papa deinen Bruder sozusagen abgeholt hat und ihm geholfen hat, hinüber zu gehen. Nun sind die beiden wieder vereint und keiner hat mehr Schmerzen. Das glaube ich ganz fest und du weißt ja, ich glaube auch, dass sie nur vorausgegangen sind und ihr euch eines Tages wieder sehen werdet... Mag eine naive Vorstellung meinerseits sein, aber ich finde sie tröstlich. Ich glaube auch, dass dein Papa und dein Bruder dir bereits hier wieder begegnen... im Wind, der deine Haare zerzaust, im Gezwitscher eines Vogels, der nur für dich trällert, in Regentropfen, die Kreise in den Pfützen ziehen, in Schneeflocken, die nur für dich tanzen...

Stille Grüße
Miri

Larimari
22.12.2012, 09:39
Guten Morgen, Miri!

Ja, das war jetzt alles viel, und viel zu schnell...

Wenn ich dir jetzt sage, dass mich der Husten meiner Mom, den sie seit einer Erkältung nach Dads Beerdigung mit sich schleppt, in Panik versetzt, weil ich dahinter schon alle möglichen Horrorgeschichten vermute... Es macht sehr ängstlich, dieses ständige Verlieren.

Ich werde auch immer metaphysischer. Sonst macht das alles nämlich gar keinen Sinn, sonst ist es wirklich nur Materie, die sich verändert. Und das ist frustrierend. Die Vorstellung, dass mein Dad und mein Bruder jetzt zusammen sind, die tröstet mich sehr.

Wobei ich sagen muss, dass mir mittlerweile die Kraft, und auch einfach die Lust, das klingt jetzt blöd, zu trauern fehlen... Es war einfach zu viel auf einmal. Und ich sehne mich nach etwasn Ruhe und Normalität. Meinen großen Zusammenbruch wegen meinem Bruder hatte ich am Abend vor seinem Tod. Naja, wie soll man auch nicht zusammenbrechen, wenn man sieht, was der arme Kerl in seinem Leben alles nicht machen konnte. Und dem dann gegenüberstellt, was er alles mitmachen musste. Und die Zeit seit dem Tod meines Vaters war für ihn alles andere als toll. Er hatte vier mal enorme Fieberschübe, die haben geschlaucht, und beim vierten hat das Herz gesagt, dass es nicht mehr mit macht.

Es ist auch irgendwie tröstlich zu wissen, dass meine Trauer wirklich nur meinen Verlust zum Thema hat, weil der Tod sowohl für meinen Dad als auch für meinen Bruder primär Erlösung vom Leiden bedeutet hat, denn für keinen von beiden gab es eine chance auf Genesung.

Meine Mom hält sich, bis auf ihren Husten, die arme hatte nämlich gar keine Zeit, sich zu erholen, ganz wacker. Sie ist grad dabei, das Beerdigungsoutfit für meinen Bruder upzudaten. Klingt makaber, aber sie hat schon immer quasi ein Notfalloutfit parat gehabt.

Am Freitag fahren wir also wieder Richtung Kroatien. Und bis dahin versuchen wir, die Feiertage rumzubringen. Ich denke, das wird schon...

Ich übe mich gerade in Zwangsoptimismus. Und es fällt mir gar nicht mal so schwer. Alles andere würde wahrscheinlich zu Depression und anderen seelischen Schieflagen führen, steht also somit nicht zur Debatte.

Ich hoffe, Dir geht es gut. Hast Du den Ärger im Job gut verdaut? Wie wollt ihr Weihnachten verbringen?

Oh, hast Du was von Carlos gehört? Schon lange nix mehr von ihm gelesen...

Außerdem glaube ich, dass ich diesen Thread mal ins Hinterbliebenenforum schieben lassen sollte...

Liebe Grüße,
Mari

Milie78
22.12.2012, 09:48
Hallo Mari,

ohne viele Worte wollte ich dir kurz sagen, dass auch ich an dich denke und viel an dich gedacht habe. Es tut mir unendlich leid, was ihr alles mitmachen musstet in diesem Jahr.

Ich wuensche dir und einer Mutter viel Kraft, die naechsten Tage zu ueberstehen und hoffe, dass ihr beide im naechsten Jahr zur Ruhe kommen duerft.

Ich kann leider nur kurz schreiben, melde mich aber bestimmt nochmal.

Was soll ich sagen? Ich wuensche euch einfach weiterhin Kraft und alles Gute!

Milie

puppe88
22.12.2012, 12:40
Liebe Mari,

ich bin gerade dermaßen geschockt - mir geht es wie Miriam, als sie beschrieben hat, sie freute sich , von dir etwas zu lesen...und dann das!!
Auch ich habe mich immer wieder gefragt, wie es dir gehen mag, hatte ein bisschen gehofft, dass du hier nochmal schreibst - aber WAS du nun geschrieben hast, das macht mich eigentlich auch sprachlos.
Auch ich bin mir sicher, dass dein Bruder und dein Vater nun wieder vereint sind und es ihnen einfach nur gut geht. Seit dem Tod meines Vaters vor einigen Jahren bin ich mir auch absolut sicher, dass das "ganze" einem Wechsel der Räume gleicht...
unsere Lieben sind nicht weit weg von uns, zum jetztigen Zeitpunkt aber nicht sichtbar oder fühlbar (meistens zumindest ;))
Ich wünsche deiner Mutter und dir von ganzem Herzen, dass ihr dieses Jahr irgendwie "verarbeiten" könnt, dass ihr zur Ruhe kommt, dass deine Mutter für ihr neues Leben, welches sich ja in allem unterscheidet zu ihrem Leben in den letzten Jahren, Perspektiven erkennt und die Kraft hat, neue Wege zu beschreiten.
Und dir wünsche ich außerdem, dass du trauern kannst, irgendwann, irgendwie - ich denke, dass sich die Trauer sonst Wege sucht (evtl. in Form von Krankheiten) die dich zwingen innezuhalten.

Was deine Mutter und ihren Husten betrifft kann ich zu 100% nachvollziehen, dass du Panik schiebst. Versucht doch gleich im Januar einen Termin beim Lungenfacharzt zu bekommen, mit Sicherheit hat jeder Doc Verständnis für euere Sorge.

Ganz ganz liebe Grüße von mir

Mirilena
22.12.2012, 12:52
Liebe Mari,

wie schön, dass du dich noch gemeldet hast! Ich wünschte, ihr beide hättet mal einen schöneren Anlass nach Kroatien zu brausen...

Ich feiere mit meiner Ma und meiner Tochter bei uns. Eine reine Frauengeschichte;) Ich hatte Angst vor der Adventszeit und Weihnachten, doch irgendwie hat sich in mir ein Hebel umgelegt und seitdem ich alles geplant habe, die Kerzen brennen und es nach Orangen und Zimt duftet, seitdem freue ich mich! Seltsam, oder? Wir werden es uns gemütlich machen und wenn die Tränen kommen, dann lassen wir sie kullern. Wie Helmut schreibt, "es ist, wie es ist" und wir müssen das Beste daraus machen, wenn wir nicht daran kaputt gehen wollen. Genau, wie du es auch schreibst, wir hangeln uns irgendwie dadurch, denn aufgeben wäre nicht im Sinne unserer Väter und deines Bruders.

Weit du was, ich denke, dein Bruder ist jetzt befreit von seinem Körper, der ihn so eingeschränkt hat und irgendwie glaube ich, dass er jetzt all das tu kann, was ihm hier auf Erden verwehrt war. Ich sehe ihn geradezu vor mir, wie er freudig auf seinen Beinen läuft und mit dem Licht um die Wette strahlt. (NEIN, ich bin keine Esoteriktante...:D)

Zu meinem Job, man sollte meinen "schlimmer geht nimmer", aber wenn du magst lies' mal bei mir im Thread... Ich wurde degradiert und habe nun einen abgrundtief inkompetenten Vorgesetzten, der nicht in der Lage ist, mir neue Aufgaben zu übertragen. Ist egal, innerlich habe ich gekündigt und meine Bewerbungen sind verstreut im Norden und nun habe ich eine Bestellung ans Universum geschickt... Möge es möglichst schnell für mich klappen an anderer Stelle, denn sonst befürchte ich, dass ich zum "Psycho" mutiere. Aber es gibt so viel Schlimmeres!!! Es ist nur ein dämlicher Job (nur leider benötige ich die Kohle für uns...).

So, ich wünsche euch ein wenig Ruhe und kommt mir gut an in Kroatien! Würde mich riesig freuen, wieder von dir zu lesen!

Carlos meldet sich hier im Forum nicht mehr! Den habe ich schon lange vermisst, aber vielleicht mag er einfach nicht schreiben und benötigt all seine Kraft für daheim und für seinen Papa?

Ich schicke dir eine Umarmung, pass gut auf dich auf
Miri:engel:

Larimari
22.12.2012, 16:43
Ach Gottchen, ich komme grad aus der Stadt, hab für meinen Bruder eine Hose kaufen müssen. Die letzte Hose. Es ist schon ein makaberes Gefühl.

Es ist sonderbar, mir geht es gut. Nur flitzt ab und an der Gedanke in meinem Kopf vorbei, dass mein Vater und mein Bruder tot sind. Und dann schüttelts mich.

Miri, diese Vorstellung von meinem laufenden Bruder hab ich auch. Ich stell mir vor, wie er aufwacht, und ganz verwundert fest stellt, dass er seine Hände bewegen kann, seine Arme, seine Beine. Ich stell mir vor, dass er spricht. Und lacht... Ich stell mir vor, dass er all da nachholen kann, was er hier versäumt hat, was er nicht machen konnte. Und auf der einen Seite tut es so weh, dass ich da nicht dabei sein kann. Und auf der anderen Seite tröstet es mich sehr.

Die Trauer ist da, sie versteckt sich nicht. Sie frisst mich nur nicht auf, auch wenn ich manchmal fürchte, sie könnte es tun, wenn ich sie ließe... Es sind so Keulen, die mich grad erwischen, Vorschlaghammer. Wenn man sich dessen bewusst wird, dass bestimmte Situationen nicht mehr statt finden werden, oder dass bestimmte Sachen nur Sinn gemacht haben, während alle anwesend waren. Und dass wir jetzt irgendwie amputiert sind. Ich bin keine Schwester mehr... Und viele Sachen, die ich mit meinem Bruder gemacht habe, machen alleine keinen Spaß.
Das klingt jetzt als ginge es mir doch nicht gut.
Aber ich muss nochmal sagen, dass nichts am Verlust so schlimm ist wie die Angst davor. Ging es euch da auch so? Diese Furcht, wenn man weiß, es wird passieren, man aber nicht weiß, wann. Wenn es schon so weh tut, als wären sie weg, aber sie sind es nicht. Sie sind aber nicht wirklich da. Wenn man sich wünscht, dass man die Zeit zurückdrehen kann, aber weiß, dass es dafür keine Chance mehr gibt. Das war das schlimmste Gefühl, dass ich jemals hatte...

Der Verlust selber tut ungeheuer weh, aber man kann nach vorne gucken. Man weiß, dass man weiterleben muss. Das kurz davor ist ein Gefühl von Leid im luftleeren Raum.

Sie fehlen mir.

puppe88
22.12.2012, 18:41
Ja, du hast Recht - die Zeit BIS dann der Moment des Todes gekommen ist, war für mich auch in irgendeiner Weise schlimmer als danach....
zum einen, weil ich schon in gewisser Weise um meinen Vater getrauert habe, obwohl er zwar noch am Leben war - aber eben mit geringer bis geringster Lebensqualität - und mir war noch viel klarer als ihm (durch Gespräche und weil ich selber im med. Bereich arbeite), dass ich ihn nicht mehr lange haben werde...
ich glaube rückblickend, dass ich in den 7 Monaten zwischen Diagnose und Tod viel viel mehr geweint habe als danach
Ich habe alles so bewusst wahrgenommen, dass ich manchmal den Schmerz kaum aushalten konnte - immer in dem Bewusstsein, das ist das wahrscheinlich das letzte Mal, dass....
ich habe mir auch so oft vorgestellt, wie es sein wird, wenn er dann nicht mehr da ist...

Diese Zeit war durchtränkt mit so vielen unterschiedlichen Gefühlen - Angst, Hoffnung, Hoffnungslosigkeit, Wut, Sorge, Mitleid, "Trauer", Liebe in reinster Form, Verzweiflung...
und im Prinzip war die Zeit NACH dem Tod einfacher
weil eben EIN Gefühl überwogen hat und ich wieder geradeaus nach vorne gucken konnte, und auch nicht mehr so viele Eventualitäten mit einplanen musste

Ich konnte MEINEM Leben wieder Raum geben

und ich war so dankbar, dass ihm weiteres Leid erspart geblieben ist.

Mirilena
23.12.2012, 07:59
Nur noch ganz kurz... ja, genauso habe ich es auch empfunden. Wie du und puppe88 es so treffend beschreiben. Und ich habe mich damals dafür gehasst, dass ich, als mein Papa noch lebte, mir bereits vorstellte, wie es sein würde, wenn er nicht mehr bei uns ist. Das waren tausende und abertausende Abschiede, die schon vor seinem Tod passierten. Und diese grauenhafte Angst jeden Tag, ob es womöglich der letzte sein würde und ich etwas verpasst hätte, nicht genug Zeit mit ihm verbrachte, nicht das Richtige sagte... Ja, ihr habt Recht, das war wesentlich schlimmer, als akzeptieren zu müssen, dass er endgültig gegangen ist.

Alles Liebe für euch
Miri

Larimari
23.12.2012, 08:09
Mhm, ja, das klingt alles sehr vertraut.

Ich bin dankbar, dass nun die Nächte, in denen man so gut wie nicht schläft, weil man sich immerzu davor fürchtet, das Telefon könnte klingeln, und irgendjemand könnte etwas schreckliches mitteilen müssen, vorbe sind. Auch wenn ich immer noch ziemlich wackelig bin.

Ich musste gestern wieder so viel heulen, ich kenn das so gar nicht von mir. Es ist, als wäre ich jetzt erst in der Lage, über meinen Bruder richtig nachzudenken. Und in diesem Nachdenken ist so viel Anlass zum Heulen. Weil er es immer viel zu schwer gehabt hat. Der arme Kerl hatte nie eine Chance. Ich hoffe, dass ihm da, wo er jetzt ist, irgendwer das Fußballspielen beibringt. Mein Dad hat ja nicht gespielt. Aber der kann bestimmt gut von der Seite kommentieren.

Gestern musste ich seine letzte Hose kaufen. Meine Mom hat zwar immer ein letztes Outfit für ihn in petto gehabt. Aber das aktuelle gefiel ihr dann doch nicht mehr. Ich also gestern zum Konen in die kinderabteilung - mein Bruder war zwar schon 26, wog aber so gut wie nichts und passte prima in 164. Dort haben die Verkäuferinnen gelacht, andere Kids ihre weihnachtskleider bekommen, und mir wuselte die ganze Zeit ein kleiner weißer Hund um die Füße. Und ich dachte mir, hey, ich kaufe Hosen für einen Toten. Wie makaber.
Gott sei dank hab ich davor ein Kilo Gummibärchen für meine Mom gekauft. Sonst wäre es ein durch und durch deprimierender Einkauf geworden...

Mirilena
23.12.2012, 08:39
Ach Mari,

ich muss wirklich schlucken, wenn ich mir vorstelle, wie du da so verloren in der Kinderabteilung standest und alle anderen lachten und strahlten...Und du suchst eine Hose für deinen verstorbenen Bruder aus. Es ist so traurig, so wahnsinnig traurig. Als Einzelkind kann ich natürlich nicht ermessen, wie es sich anfühlt, den Bruder zu verlieren... Aber ich stelle es mir schlimm vor. Auch, wenn du dich so nicht kennst, lass die Tränen laufen. Sie spülen ein wenig von der Traurigkeit und Verzweiflung hinfort. Und vergiss nicht, du wirst dennoch immer seine Schwester bleiben. Auch wenn er nicht mehr hier sein kann, bist und bleibst du seine Schwester. Aber ich weiß genau, was du meinst. Als mein Papa starb, war ich auch so traurig, weil ich spürte, dass mit ihm jemand ging, der mich bedingungslos geliebt hat. Einfach nur, weil ich bin, wie ich bin. Sicherlich hat er mich oft zurecht gewiesen und meine Macken kritisiert. Aber er hat mich geliebt, egal, welchen Mist ich auch gebaut hatte und er war immer für mich da, wenn ich ihn brauchte. Er hat mir bei all meinen Umzügen geholfen, mich in meinem Schrottauto abgeschleppt, nachts mit mir einen Wein auf der Terrasse getrunken und wir haben zusammen eine geraucht, mit mir meiner Tochter Kinderlieder vorgesungen, mit meiner Hilfe einen Ring für meine Ma ausgesucht, mir stolz seine selbst gezogenen Tomaten und Salatgurken geschenkt, ist mit mir am kalten Nordseestrand marschiert und wir haben in den Wind hinein geschrien und gestrandete Seesterne zurück ins Meer geworfen. Und nun ist er weg, eine der beiden Personen, die mich bedingungslos liebten. Nun ist nur meine Ma übrig. Und wenn die auch nicht mehr da sein sollte... Ich mag es mir nicht vorstellen. Das mag jetzt sehr egoistisch klingen, aber ich denke, du verstehst mich, oder? Auch du vermisst deinen Papa unendlich. Nun sitze ich hier und heule, dabei wollte ich dir eigentlich etwas Tröstliches schreiben.Toll, Miri!

Ach Mari, stopft euch mit Gummibärchen voll und trinkt einen Vino auf deinen Paps und deinen kleinen Bruder und weint euch die Augen aus! Ihr habt allen Grund dazu. Es gibt einfach nichts, was jetzt Trösten kann. Es wird dauern. Aber dann irgendwann fällt es wieder leichter, nach vorn zu schauen, sich selbst zu sortieren und das Leben zu genießen...

Lieber Gruß
Miri

Gina79
30.12.2012, 18:17
Liebe Mari!
Ich schreibe heute zum ersten Mal hier, habe euren Weg aber immer wieder verfolgt und mit gelesen. Ich wünsche dir und deiner Mutter alle Kraft der Welt und muss dir sagen dass du ein ganz taffes und starkes Mädel bist, bewundernswert was du bis jetzt alles geschafft hast.
Liebe Grüße Nina