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Alt 01.09.2015, 07:55
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Drachenkopf Drachenkopf ist offline
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Standard AW: Chemo Tagebuch, Erfahrungsaustausch, gemeinsames Durchstehen!!!

Liebe Jacoben, OrangeFlower und Krümel

Danke für die nette Begrüssung. Das geht ja schnell bei euch mit den Antworten. Gestern Abend das erste mal geschrieben und heute früh schon erste Antworten. Ich bin froh, habe ich dieses Forum gefunden. Nun fühle ich mich weniger einsam. Ich bin die letzten 2 Wochen oft ziellos auf dem Internet rumgesurft, habe alle paar Stunden mein Facebook und meine Mails angeschaut, die privaten und die schulischen, weil ich irgendwie Kontakt gesucht habe. Bin es mir nicht gewohnt, untätig zuhause rumzuhocken. Ich bin ein sehr aktiver Mensch, voll berufstätig, mit unzähligen Hobbies und nun bin ich krank geschrieben und weiss kaum, wie ich die Zeit füllen kann, bis es losgeht mit der Chemo. Wie aktiv ich dann noch sein mag, wird sich ja dann zeigen.

Du hast so recht Krümel, wenn du schreibst, dass der Austausch und das Schreiben gut tun. Das tut es jetzt schon.
Dass ich extrem gefasst wirke, sagen alle, die Ärtze und das Pflegepersonal im Spital, meine Bekannten, meine Angehörigen - ich kann es selbst nicht recht verstehen. Wenn euch das auffällt in nur einem Beitrag, ist es doch wohl speziell und nicht einfach ein Schutzmechanismus. Ich habe immer gedacht, irgendwann holen mich die ganzen Emotionen dann schon noch ein. Das ist nur der erste Schock, der mich einfach pragmatisch vorgehen und das Logische/Nötige tun lässt. Was nützt es, wenn ich im Elend versinke und mit dem Schicksal hadere. Davon geht der BK auch nicht weg. Ich muss da durch und versuche den Tatsachen ins Auge zu sehen.
Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich schon schwierige Zeiten hinter mir habe mit dem Verlust meines Mannes. Ich habe das Gefühl, dass der BK, wo ich "nur" eine Brust verliere und "ein paar Monate" unpässlich bin, nichts ist gegen das Gefühl von Untröstlichkeit nach seinem Tod. Und auch dort, bin ich vergleichsweise rasch wieder auf die Beine gekommen. Ich bin schon 3 Wochen nach seinem Tod das erste Mal zur Selbsthilfegruppe gegangen. Und ein halbes Jahr später habe ich wieder erste Glücksmomente gehabt. Es scheint also irgendwie meine Strategie fürs Verarbeiten zu sein, dass ich sofort aktiv werde, und mich z.B. gleich hier angemeldet habe.

Wie ich mit der Mastektomie zurecht komme? Genau so, wie mit der ganzen Diagnose, denke ich - eben, wie oben geschrieben, gefasst und ziemlich rational (Dabei bin ich eigentlich ein sehr emotionaler Mensch, weine, wenn ich eine schöne Stelle in einem Buch lese oder Film sehe - oder sicher auch übermorgen, wenn meine Tochter heiratet).
Die Bestätigung meines Verdachts kam an einem Freitag - am Tag darauf flogen mein Partner und ich für 2 Wochen zum Tauchen nach Ägypten. Trotz der Diagnose haben wir die 2 Wochen genossen, nicht immer zu 100%, dafür aber viel bewusster. In dieser Zeit habe ich angefangen, von meiner rechtem Brust Abschied zu feiern. Ich habe mich bei ihr bedankt für ihre Arbeit (4 sehr lange gestillte Kinder) und die Freuden, die sie mir beschert hat. Und ich habe mir vorgestellt, welches andere Körperteil ich stattdessen lieber hergeben würde, wenn ich könnte. Aber ehrlich gesagt, in meiner Lebensphase ist sie doch am ehesten verschmerzter. Nur schon ein Fingerglied wäre doch wohl recht einschränkend bei vielen Tätigkeiten. Eine Brust zu verlieren hat doch mehr mit der eigenen Eitelkeit zu tun.
Ich habe mir in diesen 2 Wochen aber immer vorgestellt, wie schrecklich es sein wird aus der Narkose zu erwachen und zu wissen, jetzt ist sie weg. Ich hatte bis kurz vor der OP schreckliche Angst vor der Narkose selbst. Vor diesem Ausgeliefert sein und davor, dass vielleicht etwas schief geht. Es ist vergleichbar mit meiner Flugangst. Auch da bist du dem Pilot ausgeliefert und kannst ihm nicht helfen, wenn was ist. Bei beiden Beispielen ist die Quote, dass was ist, sehr tief, ich weiss - aber meine Angst ist trotzdem da. So habe ich mich sehr auf das Aufwachen nach der Narkose gefreut - und mir eben dann immer vorgestellt, wie schrecklich traurig das Aufwachen dann sein wird.
Es war aber dann alles gar nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Dank einer Akupunkturbehandlung kurz vor der OP, war ich gar nicht mehr nervös sondern ganz gelassen. Beim Aufwachen, noch vor ich die Augen offen hatte, musste ich gleich mit der Hand hinpassen, ob sie wirklich weg ist. Später am Tag, als ich zur ersten Mahlzeit aufgesessen bin, hatten sie festgestellt, dass noch Blut aus dem Verband drückt und mussten nachsehen. Da habe ich gleich den ersten Blick riskiert, wie das so aussieht, so ohne Brust. So als Reality Check.

Eigentlich wollte ich gar nicht so viel schreiben, sondern nur kurz in diesem Thread die Tipps rausschreiben. Jetzt ist es so ein langer Beitrag geworden. Hoffe, ihr habt die Geduld, so viel zu lesen.

Bis später, liebe Mädels. Ich kenne euch noch kaum und doch fühle ich mich schon zugehörig.
Drachenkopf
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