Hallo Namenszwilling (Laura),
schön, daß es Deiner Mama wieder gut geht. Ich kenn das Gefühl, daß man ständig Angst hat und sich Sorgen macht. Es ist einfach nichts mehr so wie vorher, weil die Krankheit jeden in der Familie verändert hat und somit ihre Spuren hinterlassen hat. Wenn man so viel durchgemacht hat, kann man nicht von heute auf morgen wieder ganz der alte sein, auch wenn die Krankheit nicht mehr im Vordergrund steht. Während der Krankheit funktioniert man nur, will alles so gut erledigen wie möglich und helfen und funktioniert wie eine Maschine. Wenn sich dann die Situation wieder entspannt, kommen die ganzen Gedanken und Ängste, die man nicht zulassen durfte und konnte während der akuten Krankheitsphase wieder doppelt zurück. Ich kann auch nicht gut mit freunden darüber reden, weil es mir oft schlecht geht und ich dann einfach gar nichts mehr sage, als ständig erklären zu müssen, was jetzt schon wieder mit mir los ist und warum ich wieder keine Lust habe, etwas zu unternehmen. Aber es tut gut, sich hier auszutauschen und verstanden zu werden, weil es uns allen ähnlich geht.
Liebe Cassiopeia,
es tut mir leid, daß es Deinem Vater immer schlechter geht. Ich hoffe, daß er nicht mehr lange so leiden muß. Es ist so schrecklich, das mitansehen zu müssen und hilflos daneben zu stehen. Ich kann verstehen, daß Du Dir Gedanken machst, daß Dein Verhalten ungerecht sein könnte, aber das ist es nicht. Du bist so gut für ihn da, wie es geht, und auch Du stößt an Deine Grenzen, und kannst nicht über Dich hinauswachsen, auch wenn Du es gerne könntest. Ich bin auch so oft genervt, weil alles so außer Kontrolle geraten ist und ich auf so vieles verzichten muß, will es meiner Mama aber nie zeigen, aber sie spürt es trotzdem und dann kommen wieder Sätze von ihr wie ja ich weiß, ich mache Euch nur probleme und Dein junges Leben versau ich Dir und es wäre alles viel einfacher, wenn ich nicht mehr da wäre. Das macht mich dann noch wüntender, ich bin wütend auf mich selbst, weil ich meine Wut nicht verbergen konnte vor ihr und auf sie, weil sie so etwas sagt, dabei weiß ich, daß sie viel stärker ist, als ich jemals sein würde. Es ist alles so schwer und ich habe dir damit jetzt bestimmt auch nicht sehr geholfen, ich wollte Dir nur sagen, daß man so oft traurig, wütend und enttäuscht ist und dadurch auch die anderen irgendwie enttäuscht, aber es ist auch normal, weil es einfach eine absolute Ausnahmesituation ist in der man sich befindet.
Hoffe, Deiner Oma geht es bald wieder besser. Ich drück Dich.
Mit meiner Mama wird es gar nicht besser. Die OPs sind jetzt schon drei Wochen her und sie erholt sich gar nicht. An Silvester haben wir Fondue gegessen, weil wir das jedes Jahr so machen und sie hat nur ganz wenig Brot essen können und hat sich dann überreden lassen, ein bißchen Fleisch zu essen, weil sie immer mehr abnimmt und endlich wieder zunehmen muß. Und das hat sie überhaupt nicht vertragen, mit dem Ergebnis, daß sie seit vorgestern nacht wieder ganz schlimme Bauchschmerzen hat. Darum hat sie seit dem wieder nichts gegessen und fühlt sich noch müder und schlapper, weil ihr Kreislauf durch die fehlende Nahrung wieder ganz unten ist. Es ist zum Verrücktwerden. Sie muß was essen, aber sie vertägt es nicht. Sie nimmt jeden Tag ein halbes Kilo ab, weil sie aus Vorsicht nur Suppe und Brot ißt. Sie ist so schrecklich dünn geworden, 12 Kilo hat sie schon abgenommen seit Oktober. Wir wissen nicht mehr, was wir noch machen sollen. Der Arzt hat ihr schon Aufbauinfusionen gegeben, aber das hilft gar nicht. Ist das normal, daß es so lange dauert, sich zu erholen? Bald soll sie schon wieder eine Chemo bekommen, ich weiß gar nicht, wie das gehen soll. Ach scheiße, mir geht es gerade wieder richtig schlecht und habe wieder keine Lust auf gar nichts mehr .Die gedrückte Stimmung hier halte ich nicht aus, und die Anwesenheit von anderen, bei denen ich mich wieder verstellen muß, halte ich noch weniger aus. Ich müßte so viel lernen und kriege nichts hin. Ich bin wie eine Maschine, mache von morgens bis abends alles für meine Mama, massiere ihr den Rücken, weil sie nicht mehr liegen kann, koche ihr Suppen und kaufe Haferbrei und fühle mich dabei so einsam, weil ich niemandem sagen kann, wie es mir geht, weil es niemand wirklich versteht. Meinem Vater geht es selbst schlecht und meinen Freunden will ich nichts mehr davon sagen, weil ich einerseits weiß, daß sie es nicht wirklich nachvollziehen können und andererseits weil ich ihnen seit Monaten nichts anderes mehr erzähle und es sie glaub ich langsam nervt, und sie sagen, daß ich jetzt endlich aufhören muß, so depressiv zu sein, sonst würde alles noch schlimmer. Würd ich ja gern, aber wie denn bloß, wenn es meiner Mama weiterhin so schlecht geht? Ich bin gerade so traurig und fühle mich so alleine.
liebe grüße von Laura