Liebe Christine!
Ich kann Dich nur zu gut verstehen. Als ich krank wurde (letztes Jahr April) war mein Sohn erst 1,5 Jahre alt. Die Chemos bekam ich bei uns in der Klink - immer freitags, damit sich mein Mann um unseren Sohn kümmern und ich am Wochenende etwas Ruhe finden konnte (Ruhe fand ich nie, war immer sehr aufgewühlt und nervös nach den Chemos). Ab Montag wieder Sohnemann zu 100%. Es war teilweise die Hölle - weiß nicht mehr wie oft ich in Tränen ausgebrochen bin, aber auch nur dann, wenn ich mal ohne meinen Sohn im Zimmer war. Er sollte nicht merken, dass ich nicht mehr konnte.
Ich bin härter geworden - Gefühle zu zeigen fällt mir schwer, dennoch bin ich sehr sensibel und verletzlich geworden. Eine verrückte Mischung - ich kanns nicht beschreiben

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Manchmal ging ich mit mir selber hart ins Gericht, weil ich immer noch für ALLE da war - nur keiner für mich. Ich konnte es aber auch nicht abstellen, hoffte darauf dass auch andere mal ein Ohr für mich hätten. Dabei hätte ich mich gerne mal auf andere verlassen - einen kleinen Teil meiner Verantwortung mal ein paar Stunden abgegeben. Bin mir nicht sicher, ob ich in diesem letzten Jahr überhaupt begriffen haben, was mit mir passiert ist. Ich hab oft in den Spiegel geschaut - so ohne Haare, blass, müde und kaputt - dachte mir oft: Mensch, was ist bloß aus Dir geworden.
Ich hab auch angefangen zu unterscheiden, wem ich wichtig bin und wer sich nur an meiner positiven Einstellung hochziehen will. Bin immer noch traurig darüber, wieviele Menschen ich aus meinem Leben streichen mußte - sie haben mir nicht gutgetan.
Du hast Recht - es ist noch nicht vorbei - für unsere Umwelt sind wir wieder gesund, aber wir stecken noch mittendrin im Kampf mit der AHT und den Nebenwirkungen. Auch mich wird das noch ganz lange begleiten.
Alles Gute für Dich
Christine