AW: Cup-Syndrom
Ihr Lieben,
Nein, ich bin leider nicht in der Klinik in Braunfels, ich wünschte mir so sehr, ich könnte dort sein. Dies jetzt zu schreiben, fällt mir entsetzlich schwer! Ich glaube, es ist die schwerste, die ich je schreiben musste.
Noch vor kurzem haben wir uns darüber gefreut, dass dieses Jahr 2006 das schönste werden sollte seit Jahrzehnten, alles deutete ja darauf hin, endlich alle so ziemlich gesund, keiner gestorben, die gemeinsame Islandreise, so unendlich viel Spaß, endlich glücklich, gute Blutwerte und Prognosen, aber dann schlägt das Schicksal plötzlich so unfassbar hart zu, dass es nur ganz schwer zu ertragen ist.
Von heute auf morgen ist aus der glücklichen Geli eine unglückliche Geli geworden, die nur noch fassungslos da sitzt und nicht glauben kann, dass es kein Alptraum ist.
Nachdem wir am vorletzten Montag in Wetzlar beim Auftritt von David Copperfield noch einen richtig schönen Abend zusammen verbracht haben und es bewusst genossen haben, bekam ich am Sonntagnachmittag, als ich bereits meinen Koffer für meinen Krankenhausaufenthalt in Braunfels gepackt hatte, einen Anruf von meinem Bruder, dass meine Schwester Sabine im Schwarzwald in Schwenningen auf der Intensivstation liegt, Hirnbluten hat und keine Überlebenschance. Mit einem Schlag war der Glücksballon geplatzt und ich hatte das Gefühl, dass ich dies nicht überleben könnte. Mein Kopf, mein Denken, mein Körper haben rebelliert, es war zu unglaublich!
Mein Bruder hat mich abends abgeholt, wir sind in den Schwarzwald gefahren, wo wir gegen Mitternacht ankamen. Ich hatte das Gefühl, ich könnte die Schwelle zur Station niemals übertreten, wir haben uns nur noch aneinander geklammert. Dann lag sie da so winzig in dem großen Bett der Intensivstation und wurde künstlich beatmet. Es war ja nicht mal ein Bangen da, dass um ihr Leben gekämpft werden könnte. Nur die Gewissheit, dass alles zwecklos war. Sie war nachmittags zusammengebrochen, eine Ader im Hirn war geplatzt und so viel Blut eingeströmt, dass der Druck aufs Hirn so groß war, dass sie sofort ins Koma fiel. Ich war davon überzeugt, dass ich das auch gleich tun würde. Der Anblick war unerträglich. Daher haben wir auch das Angebot angenommen, dass uns ein Pfarrer beisteht, der sehr einfühlungsvoll war. An Schlaf war natürlich nicht zu denken. Irgendwann bin ich aber kurz eingeschlafen und bald wieder hochgeschreckt in der Hoffnung, ich hätte das alles nur geträumt. Nein, es war Realität.
Mit meinem Schwager war ich am Montag wieder dort, abends bin ich einfach umgekippt, und mein Körper hat sich seinen Schlaf genommen. Aber geruhsam war er nicht. Heute war ich ab Mittag in der Klinik, um 18.18 Uhr hat ihr Herz aufgehört zu schlagen. Ich konnte es nicht fassen, dass mein Herz weiterschlug. Als ich sie dann ansah, wie sich ihre Gesichtszüge glätteten und sie entspannt dalag, ging es mir etwas besser, die Anspannung ließ nach.
Morgen kommt ein Bestatter, Bine bekommt eine Feuerbestattung, die Trauerfeier wird in Breidenbach in der Heimat stattfinden mit Urnenbeisetzung. Allerdings ist die Wartezeit im Krematorium nicht genau voraussagbar, es könnte bis zu zwei Wochen dauern. Das heißt, dass die Trauerfeier in frühestens zwei, eher in drei Wochen stattfinden kann.
Das Einzige, was mir noch etwas Trost geben könnte ist, dass es "möglicherweise" eine Hirnmetastase war, die die Blutung ausgelöst hat, natürlich neben einigen anderen Faktoren. Wenn es so wäre, dann wurde ihr somit die harte Zeit von Hirn-OP, Bestrahlungen, weiterer Chemo usw. erspart. Genau könnte man dies sagen, wenn eine Obduktion gemacht würde. Aber das wollen wir natürlich nicht. Am Ende stellt es sich noch heraus, dass es keine Metastase war. Lieber nehme ich an, es wäre so, denn dann sehe ich in ihrem Tod wenigstens noch einen Sinn.
Ich weiß, dass Euch diese Nachricht ebenfalls sehr schockieren und treffen wird, aber bitte habt Verständnis dafür, dass ich mich in der nächsten Zeit hier nicht melden kann. Bitte auch nicht anrufen, wer meine Telefonnummer hat, es waren schon zu viele lieb gemeinte Anrufe da, ich kann das alles gar nicht auf einmal bewältigen. Ich muss zuerst einmal wieder zur Ruhe kommen und habe außerdem noch so viel mit weiterer Organisation zu tun. So schwer es auch fällt.
Ich umarme Euch ganz herzlich mit lieben Grüßen
Eure sehr unglückliche Geli
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