Hallo allerseits!
Seit einiger Zeit suche ich nach Literatur, nach Berichten und Erfahrungen von jungen Frauen, deren Mutter früh verstarb. Dabei bin ich auch auf dieses Forum gestoßen.
Viele Berichte aus diesem Thread, allerdings zugegebenermaßen nicht alle, habe ich gelesen und viele viele Erfahrungen, die auch ich durchlebt habe wurden hier geschildert. Dafür möchte ich allen Autoren meinen Dank aussprechen, denn es tut gut, zu erfahren, mit seinen Gefühlen und seiner Verwirrung nicht alleine zu sein

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Ich selbst bin Mitte zwanzig und meine Mutter starb vor einigen Jahren als ich selbst gerade siebzehn war. Damit liegt ihr Todeszeitpunkt wahrscheinlich um einige Jahre weiter zurück als das bei vielen Elternteilen von euch der Fall ist. Ich hoffe, ich darf mich dennoch dazwischendrängen

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Meine Fragen und meine Geschichte richte ich besonders an die unter euch, die in die Kategorie "twentysomething" fallen oder älter sind, deren Mütter aber starben als sie selbst Jugendliche oder jünger waren.
Obwohl es mittlerweile so viele Jahre her ist, habe ich bis heute meine Mutter nicht wirklich loslassen können. Ich suche sie noch immer in vielerlei Hinsicht, gerade in letzter Zeit. Zwar lebe ich "von außen betrachtet" wieder ein "ganz normales Leben", mit Uni, Job, Freunden usw., ich kann auch wieder von Herzen lachen und mich freuen, nicht aufgesetzt, nicht gekünstelt, sondern tatsächlich mit Freude am Leben leben - und doch...
"Die Zeit heilt alle Wunden", diesen Spruch habt ihr sicher alle schon zu hören bekommen. ...ja, mit der Zeit kommt es tatsächlich zurück, das Leben, die Freude, das Wieder-Lachen-Können - und das meinen viele Menschen wohl, wenn sie diesen Spruch bringen -, aber "heilt" "die Zeit" wirklich die Wunde, die der Tod eines Elternteils - besonders der des gleichgeschlechtlichen - in uns gerissen hat?
Wer oder was heilt?
Oder lernen wir nur, mit der Wunde zu leben?
"Das Leben geht weiter".
Als ich diesen Spruch kurz nach dem Tod meiner Mutter zu hören bekam, klang das für mich wie bitterböser Spott und Ironie... allerdings mit erschreckendem Wahrheitsgehalt... es traf mich nämlich zutiefst, genau das zu erleben!: "Die Erde dreht sich weiter und sie fragt nicht mal nach dir - alles, was dich von ihr trennt ist eine Eisentür" (Die Toten Hosen) ...das Leben um mich herum ging ganz normal weiter - ich verstand nicht, wie und wieso alle Menschen um mich herum, auf der Straße, in der Schule, im Verein noch lachen und fröhlich sein konnten.
Und ich verstand mich teilweise selber nicht, wie auch ich teilweise in gewohnter, aber nicht familiärer, Umgebung "ganz normal" sein konnte
- um dann im nächsten Moment vor inneren Schmerzen fast zerfetzt zu werden.
Aber irgendwann findet sich wieder ein Rhythmus, irgendwann hört dieses dumpfe Funktionieren, dieses wie in einer etwas unrealen, etwas zu grellen oder etwas zu farblosen Welt leben wieder auf, irgendwann stürzt man sich wieder voller Energie in sein Studium, in seinen Beruf und in das Leben.
...und findet sich plötzlich zurückgeschleudert.
Plötzlich bricht eine heilloses Chaos aus einem aus. Plötzlich zerreißt es einen innerlich wieder. Plötzlich kommen all die Gefühle hoch, die so lange unter der Oberfläche verborgen lagen.
...plötzlich stellt man fest, daß man seine Mutter schrecklich vermisst. Ihre Umarmung, ihren Zuspruch, ihre Ermunterung, ihre Liebe.
Hat man sich bis eben noch selbst gezeigt, es auch "alleine" schaffen zu können, erscheint einem plötzlich das Leben wieder so groß und so bedrohlich und man möchte nichts mehr als in die wärmenden und schützenden Arme der Mutter zurückfliehen! ...aber sie ist nicht da! Sie ist nicht da. Sie ist tot.
Da sind die Fragen, die man ihr unbedingt stellen möchte.
Zum ersten Mal entdeckt man nämlich, daß die eigene Mutter mehr als nur die Mutter war. Sie war auch - vielleicht sogar vorallem - eine Frau! Sie war auch mal jung, sie war auch mal genauso alt wie ich heute.
Wer war diese junge Frau? Welche Wünsche und Träume hatte sie? Was hat sie gemacht? Wer waren ihre Freunde? Wie und wo hat sie gelebt? Mit wem?
Hatte sie vielleicht auch Angst?
...warum weiß ich darüber nichts? Warum habe ich sie nie danach gefragt? Hat sie dazu jemals etwas erzählt? Was weiß ich über sie? Kenne ich sie überhaupt?
Und die anderen Fragen, Fragen, die ebenso schwer zu beantworten sind.
Ich suche nämlich nicht nur verzweifelt nach dem mütterlichen Trost, nach der mütterlichen Umarmung, ich beginne auch nicht nur, meine Mutter als Menschen, als eine Frau zu erkennen und trauere darum, sie niemals auf diese Art kennenlernen zu können, nein, ich suche auch ganz massiv nach einer Art Vorbild, einem Modell, einer Antwort auf die Frage, was es bedeutet, eine junge Frau zu sein oder zu werden.
Doch mein Modell lebt nicht mehr.
Und leider habe ich auch keine wirkliche "Idee", wie ich an diese "Informationen" herankomme.
Erkennt sich jemand hier wieder?
Wie habt ihr das Problem lösen können? Habt ihr?
Danke!
Tonks