Liebe Ina, liebe Flautine, liebe Katinka, liebe Heike, liebe Leena, liebe Birgit und Ihr anderen Lieben,
ganz, ganz lieben Dank für Eure mitfühlenden Worte und guten Gedanken! Es ist im Moment so ein ein Gefühl in mir, als müßte ich mich innerlich ganz zusammenziehen, um wie in einem Samenkorn am Punkt der geballten Hoffnung auszuruhen. Ich weiß, daß klingt noch unklar... ich werde noch herausfinden müssen, wie ich dem praktisch am nächsten kommen kann... aber, liebe Flautine, ich versuche auf das hören, was mein Körper und meine Seele mir signalisieren, schließlich möchte ich nicht meine wiedergewonnene Lebens-Chance gleich wieder davonflattern lassen... Schließlich sit das Leben - trotz allem - wunderschön. Und ich glaube fest, daß ich mein verschüttetes glückliches goldgelbes Grundgefühl im Laufe der Zeit wieder so weit freilegen kann, daß es an immer mehr Stellen durchscheinen kann.
Glücklicherweise habe ich ja Geschwister, die auch z.T. ganz in der Nähe meiner Eltern wohnen. Meine älteste Schwester hat außerdem ein sehr gutes Gespür für das, was meinem Vater jetzt gut tut. Und sie hat eine Begabung in einem Bereich, der in einer solchen Situation zur Kunst wird: die Kunst, Strümpfe ganz vorsichtig über stark geschwollene Füße zu ziehen, die Kunst zu sehen, wo ein Kissen Entlastung bringen kann, die Kunst, hilfreiche Handgriffe so unauffällig zu tun, daß mein Vater sie nicht als Hilfeleistung empfinden muß...
Liebe Ina, es stimmt: bisher gibt es eigentlich keine abgesicherte Diagnose. Der Nierentumor ließ sich offenbar bereits anhand der Sono- und CT-Bilder, die typische Strukturen aufwiesen, als Nierenzellkarzinom identifizieren. Und ebenso spricht die Ausbreitungsstruktur der Lungentumore dafür, daß es sich um einen weiteren Primärtumor und nicht um Metastasen handelt. Einen eindeutigen Beweis dieser Vermutung würden natürlich nur Biopsien bringen. Bei der kürzlich durchgeführten Bronchoskopie konnte allerdings wegen irgendwelcher Zugangsschwierigkeiten gar keine Gewebeproben entnommen werden. Zu den Vorschlägen der Ärzte gehörte deshalb auch eine Thorakoskopie zur Gewebeentnahme von außen. Aber was wäre für meine Vater durch die OP gewonnen?
Liebe Heike, Du hast natürlich recht, mit "Dosierungsgrenze" habe ich das falsche Wort erwischt: Morphin wird nach Bedarf dosiert. Eine Ärztin hatte mir einen Dosierung genannt, die sie versuchen, nicht zu überschreiten, aber natürlich bekommt er längst mehr. Ich habe mir nur den von ihr genannten Richtwert nicht gemerkt, weil ich mir zur Zeit überhaupt keine Zahlen behalten kann (neulich habe ich meine eigene Telefonnummer in der Klassenliste unseres Großen nachgeschlagen).
Was das Hospiz angeht, so denke ich ganz ähnlich, und meine Mutter, meine Geschwister und ich haben auch schon darüber gesprochen, auch wenn wir bisher noch nicht dazu gekommen sind, mit dem hiesigen Hospiz Kontakt aufzunehmen. Das Ganze steht aber auf der Liste dessen, was zu tun ist, ganz oben.
Liebe Ina, die Frage, ob es einen Gott gibt, der all das Grausame zuläßt, habe ich mir so nie gestellt. Ich durfte mit einem Gottesbild aufwachsen, das Gott nicht als externe Größe oder direkt eingreifende Person zeigt, sondern ihn mit der Liebe gleichsetzt - also einer Kraft, die in den Menschen liegt und von ihnen in die Welt getragen wird. Beispielsweise das, was hier oft an gegenseitiger Unterstützung stattfindet, ist für mich etwas, das gewissermaßen einen göttlichen Schimmer trägt, weil sie einem liebevollen Anteilnehmen entspringt. Das alles ändert nichts daran, daß es Leid in der Welt gibt - und die Aussage, daß die Welt von Gott, der Liebe, geschaffen wurde, siedele ich für mich auf einer anderen Ebene an als der der Planetenentstehung. Daher läuft für mich vieles darauf hinaus, daß ich es eigentlich eher so empfinde: Durch die Hilfe, die mir gerade in diesen schweren Zeiten verstärkt zuteil wird, wird auch ganz viel Überirdisches spürbar. Ich weiß nicht, ob ich mich da gerade verständlich ausdrücken kann... Jedenfalls ist dies auch die Art und Weise wie ich die schöne Liedstrophe verstehe, die Du, liebe Katinka, mir mitgebracht hast.
Jedem einzelnen von Euch nochmel herzlichen Dank! Es kann sein, daß ich mich in der nächsten Zeit ein bißchen zurückziehen muß - ich weiß es noch nicht... aber ich komme wieder...
Alles Liebe und Gute!
Eure Linnea
Liebe Louise, eben lese ich Deinen lieben Eintrag... hab' ganz herzlichen Dank!