Liebe Nina.
Ich finds gut, dass du einen Tag hattest, an dem du dich auf ein Wiedersehen mit deinem Papa gefreut hast. Ich weiß, dass man das nicht immer kann.
Es ist wunderbar, dass es ihm zusehends besser geht. Ich weiß, dass dich das freut. Und ich kann verstehen, dass dir das trotzdem Angst macht.
Im Hospiz wusstest du ihn super aufgehoben, hast dich innerlich schon auf den schlimmsten Fall vorbereitet und versucht, dich von ihm zu verabschieden – und das ist nicht mal eben wie die Überlegung, ob man abends ne Pizza bestellt oder nen Salat.
Ein Hospiz ist nicht nur zum Sterben da. Ich dachte das auch. Aber in unserem Hospiz (und sicher auch in anderen) werden sterbenskranke Menschen auch wieder aufgebaut und nach Hause entlassen, um dort noch ein Weilchen zu leben oder um lieber dort zu sterben.
Ich persönlich sehe das Hospiz als letzten Weg für den würdigen Abschied eines sterbenskranken Menschen, weil keine Aussicht auf Heilung besteht und der Moment des Abschieds sehr nah ist (dafür gibt es ja Anzeichen).
Allerdings ist es in unserem Hospiz auch so, dass nach ca. 3 oder 4 Monaten der MdK oder die KK geprüft hätte, wie die Lage ist, weil die einer Verlängerung zustimmen und die auch bezahlen müssen (anteilig).
Im Hospiz, wo mein Papi gestorben ist, ist ein Mann eingezogen, der dort schon fast 1 Jahr mit seiner Frau lebt. Er hat einen Hirntumor.
In unserer regionalen Zeitung war Silvester ein Bericht über ihn und sein Leben im Hospiz, wie ruhig, sanft und „wunderbar“ es dort für ihn ist... genau an dem Tag, an dem mein Papa seine letzte Reise angetreten hat...
Was ich übel fände: die Verlegung in ein Pflegeheim.
Vorab: ich habe eine seltsame Einstellung zu Pflegeheimen. Dort vegetieren die Damen und Herren vor sich hin. Als Kind musste ich mit meiner Mama ab und zu ihre Patentante in einem Heim besuchen. Es war schrecklich für mich. Die Oma meines Freundes lebt auch in einem Heim – und das ist genau das, was ich als Kind schon so grausam fand. Ich war 1x dort, aber wollte die Oma nicht sehen. Ich hatte echt Angst. Sie liegt den ganzen Tag im Bett, kann nix mehr machen und ist auch dement. Dort herrscht für mich Krankenhaus-Atmosphäre und das ist gruselig. Das sind meine Erfahrungen, die mich als Kind bis heute regelrecht traumatisiert haben.
Niemals wäre das eine Möglichkeit gewesen, die wir für unsere Eltern in betracht gezogen hätten.
Natürlich muss man abwägen, wie man das aufkommende Pensum an Pflege und Da-sein bewältigen kann, aber niemals nie nicht sollte der Papa in so ein Heim und meine Mutti später auch mal nicht. Und wenn ich mich verschulden müsste...
Schlimm, ist, dass andere versuchen dir dein Leben aufzudiktieren! Das kanns nicht sein! Sorry.
Stell dir mal vor, du würdest dich von ihr steuern lassen. Dann gehst du jeden Tag aus purem Pflichtgefühl zu deinem Dad (der am Wenigsten dafür kann) und absolvierst deinen DIENST. Und denk nicht, dass dein Dad das nicht merken würde, wenn du jeden Tag kommst, weil du musst... weil du dich und dein Leben hinten anstellen musst. Und das hat dein Dad nicht verdient!
Für mich ist es die „Tochter“-Pflicht, immer für den Papa (die Mama) dazusein. Aber wenns mal Tage gibt, die ich nicht kann, darf ich das auch. Und ich darf das selbst entscheiden. Und für diese Tage gibt es Telefon, um sich zu informieren. Dein Papa hat eine Frau, die ihm beistehen sollte. Ich gehe einfach mal davon aus, dass sie das auch tut, wie es bei ihrer Heirat versprochen hat. Das klingt sehr kitschig, wenn ich das so schreibe, aber die gegenseitige Liebe und der Zusammenhalt grade in schlechten Zeiten ist das Wichtigste an dieser ganzen Heirats-Geschichte!
Ich kann dir nicht sagen, was da richtig oder falsch wäre. Ich versuche mal, das ganze aus meiner Warte zu sehen: Ich würde meine Hilfe zusagen, aber mich erstmal in die wohlverdiente Kur begeben. Ob ich in einer anderen Stadt ein neues Leben beginnen würde... ich glaube nicht. Wäre das jetzt der richtige Zeitpunkt?
Von der Sichtweise ABSTAND bestimmt, aber wie siehts mit dem DANACH aus? Werde ich es jemals verwinden können, wenn ich später mal daran denke, dass ich weggegangen bin, als der Papa nach Hause kam und mich brauchte?
Ich könnte es nicht – aber das ist zum Glück nicht meine Entscheidung.
Du musst ja nicht täglich hingehen. Tust du doch jetzt auch nicht, gell?
Es gibt Pflegedienste, die ihn spritzen können, die helfen ihm beim Zubett-gehen, anziehen, waschen – Pflegestufe beantragen, falls noch nicht geschehen! – und es gibt ambulante Hospiz-Dienste, die sterbenskranke Menschen zu Hause begleiten. Informiert euch – nicht nur du, auch seine Frau und die Omas – darüber und redet zusammen. Es will sicher niemand, dass das ALLES an nur einer Person hängen bleibt. Das packt man doch kaum...
Ich hoffe, ich konnte vielleicht etwas Licht in dein Dunkel bringen und deine wirren Wollfäden entfuseln.
Es ist schwer, was da auf euch zukommt – auf dich respektive -, aber wenn du kannst, vergiss dich nicht dabei.
Ich konnte es schlecht, ich hatte immer nur den Papa im Kopf.
Mein Freund musste mich regelrecht mal für 2 Tage „wegschleifen“, weil ich rundherum alles abgesagt und abgeblockt hatte. Das war eben mein Weg.
Alles Liebe und viel Kraft für deine Entscheidung wünsch ich dir.
Ich drück dich!!!!!
PS: Es tut mir leid, wenn ich jemanden verärgert haben sollte, was das Thema Pflegeheim angeht. Ich möchte niemanden, der dort seine Lieben vielleicht gut aufgehoben weiß oder seinen Dienst verrichtet, verurteilen.
Das ist lediglich meine Einstellung dazu.