Gebärmutterhalskrebs
Liebe Susanna,
das mache ich gern und versuche trotzdem, mich einigermaßen kurz zu fassen, obwohl ich ein bisschen ausholen muss:
- im Frühjahr 2001 ergab ein Abstrich Pap III
- Kontrolle 3 Monate später ergab Pap II. Der Frauenarzt behauptet, er habe meiner Frau gesagt, sie solle alle 3-6 Monate wiederkommen. Meine Frau kann sich beim besten Willen daran nicht erinnern, sonst hätte sie es nämlich getan, weil sie Krebsvorsorge immer sehr ernst genommen hat.
- im Frühjahr 2002 hatte sie das Gefühl, ein bisschen inkontinent zu sein. Sie musste nachts oft auf die Toilette, und endgültig ist es ihr auf die Nerven gegangen, weil sie bei einem Marathonlauf dauernd musste oder zu müssen glaubte. Denn interessanterweise war auch ihr Tampon regelmäßig nass.
- mit diesen Symptomen marschierte sie im Juni 2002 wieder zu ihrem Frauenarzt. Der hat sie nicht etwa gleich untersucht (obwohl sie doch nach seiner Aussage alle 3-6 Monate hätte kommen sollen) sondern diagnostizierte ohne jede Untersuchung eine sogenannte Strsssharninkontinenz und überwies sie in ein Krankenhaus. Dort sollte ein sogenanntes TVT-Bändchen eingesetzt werden, das den Harnleiter stabiliesiert. Das sei für sie mit 42 Jahren und nach zwei Geburten genau das richtige.
- also im Juli 2002 ins Krankenhaus. Bei der Voruntersuchung für diese kleine Operation stellte eine Ärztin "blumenkohlartige Veränderungen" am Gebärmuttermund fest. Das hat sie aber nicht weiter thematisiert sondern meine Frau nur gefragt, ob sie regelmäßig zum Frauenarzt gehe. Das bejahte sie - schließlich sei sie ja deshalb dort. Was das Stichwort "Blumenkohl" wirklich bedeutete, war ihr nicht klar. Also wurde sie tags darauf operiert (das geht durch die Scheide, am "Blumenkohl" vorbei), einen Tag später wieder entlassen.
- die vermeintliche Inkontinenz und der nasse Tampon blieben aber. Deshalb ging sie dreri Wochen später wieder zum Frauenarzt und erzählte nebenbei vond er "Blumenkohl"-Bemerkung. Da wurde der Arzt ziemlich blass und machte sofort einen Abstrich. Das Ergebnis kam vier Tage später: Gebärmutterhalskrebs.
- im August 2002 wurden ihr die Gebärmutter und der Halteapparat (die "Parametrien) entfernt. Der Tumor war 2,5 x 1,5 x 1,5 cm groß und 0,8 cm in das Gewebe eingewachsen.
- nach dieser großen "Wertheim"-Operation funmtionierte nun Blasentechnisch überhaupt nichts mehr. Diagnose: Wahrscheinlich "Überkorrektur" durch dieses TVT-Bändchen am Harnleiter. Und die abgehende Flüssigkeit stellte sich im Nachhinhein als Tumorflüssigkeit heraus. Also war sie wohl nie inkontinent.
- im September 2002 dann die dritte Operation: Zerstörung des im juni eingesetzten TVT-Bändchens. Die Blase funktionierte nach woiew vor nicht, also bekam sie einen "suprapubischen Katheter", auf Deutsch: Einen Schlauch durch die Bauchdecke mit Beutel draußen.
- Da auch an den Parametrien und an der "Scheidenmanschette" Krebszellen nachwiesen wurden, musste sie noch sechs Wochen täglich zur Bestrahlung und einmal wöchentlich zur Chemotherapie.
- im Januar 2003 folgte eine fünfwöchige Kur. In der vorletzten Woche wurde ihr endlich der Bauchdecken-Katheter gezogen, weil der sich dauernd entzündete.
- bis April 2003 musste sie sich täglich fünf- bis sechsmal selbst katheterisieren.
- seitdem kann sie wieder selbst Wasser lassen, allerdings mehrmals in kleineren "Portionen"
- im Juni 2003 war auf einer Mammografie sogenannter "Microkalk" zu sehen. Bei einem kleinen Eingriff wurden ihr aus der rechten Brust Proben entnommen - war aber alles gut, bis auf die hässliche Narbe.
- vor einer Woche sind wir nachts um vier wieder ins Krankenhaus gefahren: Vorstufe eines Darmverschlusses. Spätfolge von der Bestrahlung. Da wird der Darm enger und klebt manchmal auch ein bisschen zu. Zumal sie vier Wochen wegen einer Achillessehnenverletzung nicht laufen konnte. Da fehlte dem Darm wohl die gewohnte Bewegung.
- psychisch geht es ihr bis heute nicht so gut, weil natürlich ständig die Angst da ist, dass da noch mal etwas kommen könnte (was wir bei einer Freundin nach 15 Jahren jetzt erlebt haben). Aber da ist sie bei einem prima Psychologen in Behandlung. der ihr wirklich hilft. Als Angehöriger bis Du nämlich in diesen Dingen nie ein vollwertiger Gesprächspartner, weil Du ja eben keinen Krebs hast. Das ist hart, ist aber so.
Ja, das ist die Geschichte im Telegrammstil.
Ausgespart habe ich die ganzen großen und kleinen seelischen Dramen. Man könnte sagen, dass die ganze Familie undgefähr neun Monate lang durch die Hölle gegangen ist. Wir haben zwei Söhne, die jetzt 12 und 8 1/2 Jahre alt sind. Die Diagnose "Krebs" kam letztes Jahr pünktlich zum Geburtstag und zur Einschulung des großen aufs Gymnasium. Da saß er dann auf der Feier als einziger nur mit Vater, ohne Mutter. Als iwr es den Kindern dann nach zwei Wochen endlich (das war schon fast zu spät!) gesagt haben, war seine erste Reaktion: "Papa, hör mal auf zu Rauchen, ich habe keinen Bock, Vollwaise zu werden." Der zweite Satz war: "UIuiui, wenn das bloß mal gut geht." Und der "Kleine" hat das Thema wochenlang verdrängt, aber bei seinen Schulfreunden ist er, wie wir inzwischen erfahren haben, schon mal scheinbar grundlos in Tränen ausgebrochen. Noch heute spuckt er seine Ängste gelegentlich bei Wutanfällen aus, wenn ihm irgendetwas verboten wird: "Du bist sowieso bald tot!" Da bleibt einem natürlich erst mal die Spucke weg.
Aber insgesamt ist es heute natürlich alles wesentlich entspannter als vor einem Jahr. Da musste ja dauernd irgend etwas organisiert werden, wir mussten auch mal nachts ins Krankenhaus, weil die Nebenwirkungen der Bestrahlung und der Chemo unvorstellbar übel waren (ach, by the way: die einzige Nebenwirkung, die nicht kam, war der Haarausfall. Da hatte sich meine Frau zu früh eine Glatze scheren lassen ...). Das alles ist heute natürlich nicht mehr so. Aber dieses unbestimmte Gefühl, dass es vielleicht doch der letzte Urlaub, der letzte Geburtstag, das letzte Kinderzeugnis, das letzte Weihnachtsfest sein könnte, das blitzt halt doch immer wieder auf. Und, wie ich ja schon einmal schrieb: Manche Freunde haben sich als wirkliche Freunde bewährt. Andere waren in der "Akutphase" sehr verunsichert, teilweise seltsam. Manche, die eher unter "gute Bekannte" liefen, haben sich als echte Freunde entpuppt. Und da sich durch Lehrer, andere Eltern etc. "das unausssprechliche" natürlich wie ein Lauffeuer verbreitet hatte, konnte man oft auch Blicke der Art "sieht man schon was?" wahrnehmen. Aber manchmal hat es uns auch beinahe Spaß gemacht, Unvorbereiteten auf die in Wahrheit teilnahmslose Routinefrage "Geht's gut?" zu antworten: "Nein, mir geht es schlecht, ich habe Krebs." Diese Offenheit erspart dann viele blöde weitere "Gespräche".
Ja, so geht's - jetzt hast Du vielleicht eine kleine Vorstellung davon, was Dir hoffentlich erspart bleibt.
Und wo ich schon mal dabei bin: Ich würde den Test auf Papilloma-Viren machen lassen. Das ist keine Therapie sondern eine weitere Vorsorge. Der supernette Prof., der meine Frau operiert hat, führt hier am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf richtige Serientests durch. Mittlerweile (guck mal bei "Google") setzt sich die Meinung durch, dass Virentest und Abstrich jeweils für sich gesehen nicht aussagekräftig genug sind. Der Abstrich kann auch mal falsch sein, dann hast Du "offiziell" Pap II, aber einen Millimeter weiter hättest Du vielleicht Pap III gehabt. Und offenbar ist es so: Nicht jede Frau, bei der Papilloma-Viren nachgewiesen werden, hat ein Zervixkarzinom. Aber offenbar haben fast alle, die ein Zervixkarzinim haben, auch diese Viren. Also scheinen sie zumindest etwas darüber auszusagen, ob das Risko erhöht ist oder nicht. Und wenn man wegen der Viren häufiger einen Abstrich macht, schadet es bestimmt nicht. Die Kontrolle wird einfach engmaschiger.
So, jetzt habe ich ganz schön viel geschrieben - ich hoffe nicht zu viel ...
Herzliche Grüße
Georg
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