AW: ab Montag 18.08.08 beginnt die Chemo, ich habe Angst
Liebe Iris,
hmmm... Die letzten Beiträge haben mich aus verschiedenen Gründen sehr berührt. Es ist der Mutter-Reflex, dem Kind die Angst nehmen zu wollen. Es ist Eure Situation dass ihr nicht aufgegeben habt (und das ist verdammt gut so).
Nun möchte ich Dir ein bißchen was erzählen von mir. Vielleicht bin ich ganz anders als Dein Sohn, vielleicht war ich damals älter, vielleicht die familiäre Situation eine andere. Dennoch denke ich es ist für Dich vielleicht nicht so falsch wenn ich Dir erzähle, wie ich es damals erlebt und empfunden habe.
Ich war einen Monat 14 als bei meinem Vater die Diagnose Lymphknotenkrebs (Non Hodgin) metastasiert festgestellt wurde.
Von Beginn an wurde ich mit eingebunden. Eingebunden natürlich im "erträglichen" Maß, vieles habe ich damals nicht als sooo bedrohlich empfunden wie es war. Aber: Mir wurde vieles erklärt. Ich schaute die CT Bilder mit an. Dadurch konnte ich besser begreifen was ich nicht von außen sehen oder fühlen konnte. Mir wurde erklärt, wofür die Medikamente waren. Ich habe ihn, entgegen der weitläufigen Meinung, ein Kind sollte seinen Vater so in Erinnerung behalten wie er war - auch auf der Intensivstation gesehen. Mit allen Schläuchen. Ich habe ihn danach aber auch wieder zuhause gesehen. Ich habe mit ihm Gespräche geführt (unter Anleitung meiner Mutter, als Art Moderatorin) die ich noch heute im Kopf habe und die mir STärke gaben. Er hat mir gesagt, in welchen Punkten er sieht dass ich erwachsen werde.... Ich wurde nicht "belogen", ich wusste dass die Krankheit tödlich verlaufen kann. Es gab auch Telefonate mit meinem VAter als er in Heidelberg war und durch Morphium nicht gut reden konnte. Ich habe die Aufs und auch die Abs mit erlebt. An meinem Geburtstag, es ging ihm nicht gut, habe ich ihn auch besucht (ich war mindestens 2x pro Woche, meist öfter, mit meiner Mom bei ihm in der Klinik). Sie hat mri vorher ruhig erklärt was mich erwartet, warum ich mir die Hände desinfizierren und andere Kleidung anziehen muss. Das nahm mir den Schrecken. Sie hat gesagt, wir müssen heute nicht hin, eigentlich wäre es doch schöner, du feierst ein bißchen mit Deinen Freunden. Aber ich wollte nciht und bereue die Entscheidung bis heute kein Stück.
Ich weiß, es ist bei Euch nicht so wie bei meinem Vater. Aber eben indem ich Dir die "krasse" Einbindung durch meine Familie aufzeige, möchte ich Dir zeigen dass Offenheit das A und O gegenüber Kindern ist. Es gab schon Dinge, die nicht erzählt wurden. Aber die betrafen vorwiegend die elementaren Ängste meines Vaters.
Am letzten Abend wollte ich zum ersten Mal nicht nach hause. Meine Mom hat mich dennoch weg geschickt. Und genau das läuft mir bis heute nach. Das ich nicht da sein konnte. Obwohl ich doch Kind war hatte ich so sehr bedürfnis bei ihm zu bleiben, nicht weg geschickt zu werden.
Du hast Recht, Du musst ihm den Unterschied aufzeigen zwischen Dinge abnehmen und wie ein rohes Ei behandeln. Das ist schwierig aber machbar. Und ein offenes Gespräch, bei dem man auch Tränen riskiert ist meiner Meinung nach so toll. Auch wenn er spürt dass er Euch mit gewissen Dingen helfen kann, das gibt ihm eine Aufgabe. Ebenso wie bei Eltern gegenüber Kindern möchten Kinder in der Not sehen, dass sie eine Unterstützung sind -so schwer das auch fällt aus Eltern sicht. Sie möchten eine Aufgabe.
Meine war damals, meinen Vater in handwerklichen Dingen zu unterstützen und ihm fast täglich einen Brief zu schreiben, nach Möglichkeit darüber, wenn ich gute Noten in der Shcule hatte und witzige Dinge.
Erst viel später erfuhr ich, dass er viele nicht mehr lesen konnte und während dem Vorlesen die Konzentration nicht mehr so funktionierte. Aber in diesem Jahr brachte ich nur 1-er und 2-er nach hause. Weil ich spürte, wie wichtig das für meinen Vater war und es etwas war, auf das ich Einfluss hatte, womit ich ihn stolz machen konnte.
So sehe ich es, rückblickend heute mit dreißig Jahren. So habe ich es damals empfunden. Was ich zwischen Deinen Zeilen lese zeigt mir, dass Du die gleiche Einstellung hast.
Ich habe als Kind auch immer gespürt wenn etwas bei meinem Vater im Busch war und fand das Schweigen meiner Oma - bis meine Mutter aus dem Krankenhaus zurück war und Zeit hatte mit mir zu reden - unerträglich.
Ebenso wie Mütter spüren was los ist empfinden Kinder das ebenso. Ich denke auch, seine Lehrer sollten Bescheid wissen. Die Kinder nicht, das brachte mir damals Druck. Aber mein Klassenlehrer wusste (ohne mein Wissen) davon. Heute glaube ich, er hat mich unauffällig über einige Hügel getragen ohne es mcih wissen zu lassen.
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Liebe Grüße - Bibi
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Dankbarkeit
ist die Erinnerung
des Herzens
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