AW: An alle Hinterbliebene...
Hallo,
ich denke, daß es bei Sterbebegleitung sehr oft darum geht, dem Sterbenden die Angst zu nehmen. Ihm Sicherheit vermitteln. Ihm die Gewißheit geben, daß er beim Sterben nicht alleine gelassen wird.
Ich habe es zweimal ganz krass erlebt: Einmal bei meiner über 80-jährigen Tante, die noch bei vollem Bewußtsein war, als ich kam. Diese Angst in ihren Augen. Fast schon Panik. Sie hat jedes Wort verstanden, was ich zu ihr sagte und als ich meinte. "Ich bleib`hier. Ich geh`nicht weg. Das hier stehen wir gemeinsam durch", da wich diese schreckliche Angst aus ihrem Blick und sie sah mich an, voller Vertrauen, wie ein Kind. Sie konnte dann ganz leicht gehen, nach 10 Minuten, in meinen Armen.
Das zweite Mal bei einer Freundin, die mit 54 Jahren an Magenkrebs gestorben ist. Als ich, zusammen mit meiner Schwester, in ihr Haus kam, schrie sie furchtbar laut vor Schmerzen. Eine Nachbarin saß hilflos am Bett. Als meine Freundin aber meine Schwester und mich kommen sah, atmetet sie plötzlich tief auf und hörte sofort zu schreien auf. Wir hielten sie fest, streichelten sie, redeten mit ihr und sie entspannte sich zunehmend. Eine Dreiviertelstunde später starb sie ganz friedlich in unserem Beisein.
Auch mein Exmann, der, schwer krebskrank, in tiefstem künstlichen Koma lag, konnte nicht leicht loslassen. Es brauchte viele Streicheleinheiten von unseren Töchtern und viel Ermutigung, bis er sich vorsichtig auf den Weg machte.
Ich denke: Sterben ist schwer. Dieses Leben loszulassen, ist etwas verdammt hartes. Ist umso schwieriger, je jünger und lebenshungriger man ist.
Da beizustehen, da an der Seite zu sein, das ist sicher nicht leicht. Aber andererseits auch eine wahnsinnig große Erfahrung. Ein Geschenk, finde ich. Der größte Vertrauensbeweis.
Liebe Grüße
Kyria
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