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Alt 30.01.2009, 07:33
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Bianca-Alexandra Bianca-Alexandra ist offline
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Registriert seit: 15.02.2008
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Standard AW: Lebenslauf kleinzelliger Lungenkrebs SCLC

Hallo ihr Lieben,

seit ein paar Tagen nun lässt mich ein Gedanke nicht mehr los. Ganz zu Beginn als meine Ma Morphium (in heute niedlich kleiner Dosis) erhielt, schrieb mir jemand eine PN. Ich glaube es waren Lissi oder Krabben ( ). Ich war damals sehr ängstlich und verunsichert. Darin stand sinngemäß: Soviel Morphium wie nötig, soviel Bewusstsein/wachheit wie möglich. Ich fand diese Darstellung gut. auch wenn sie mich diskret auf die Schwäche in puncto bewusstsein hingewiesen hat, es zeigte mir irgendwie doch dass es kein "entrinnen" davon mehr gab. ich kann es nicht besser formulieren. ich brauche immer klarheit und so habe ich mich lange damit befasst.

inzwischen sehe ich es noch etwas anders. meine ma ist eine sehr stolze, starke frau. immer noch. und wird es immer sein. so darf ich ihr beispielsweise immer noch nicht helfen, den po abzuwischen nur im äußersten notfall. also stütze ich sie während sie steht und denke so oft, es wäre doch leichter wennich ihr helfen dürfte. gestern ist sie mir um ein haar aus dem toilettenstuhl gefallen, sie hat sich vornüber gebeugt um eine fußraste zu richten die an der couch festhing. zwar sagte ich noch "warte, ich komme rum", aber ich kann so gut verstehen dass sie sobald sie sieht, sie kann eine sache erledigen, helfen, SELBST etwas tun es auch möchte. Nur der Gleichgewichtssinn... sie kippte vornüber, mit ihr der toilettenstuhl. mir entfuhr ein schrei "mamaaa", währenddessen griff ich von hinten über den stuhl hinweg blind nach ihrer schulter. ich bekam sie zu fassen (gott sei dank) aber dabei bin ich an ihrem gesicht vorbei und habe sie gekratzt. zwar kam gleich"ist nicht schlimm" und es hat auch gott sei dank keine sichtbaren spuren hinterlassen, aber der schreck saß tief und der blutdruck unermesslich hoch. deswegen habe ich die aussage überdacht. anstatt "soviel morphium wie nötig, soviel wachheit wie möglich" würde ich gerne sagen "soviel intimsphäre wie möglich, soviel sicherheit wie nötig." meine ma weinte beim ersten benutzen des toilettenstuhls als ichihn über die toilette schob. sie weinte beim ersten mal benutzen des kompletten stuhls mit eimer drunter. sie weinte als ich ihr zum ersten mal beim waschen half, sie weinte als ich sie zum ersten mal abgewischt habe.

das finde ich schlimm. wenn ich das sehe denke ich oft, etwas weniger "wachheit" wäre für sie leichter zu überstehen. ich pflege sie gerne, denn in dem moment kann ich etwas für sie tun. das tut gut und der fakt, dass es in summe anstrengend ist verblasst daneben völlig. was mir so unheimlich weh tut ist, dass sie trotz der dosierung von mittlerweile 600 bis 800 mg Morphium (orale Einnahme von granulat) und trotz dessen, dass doch oft der geist ein bißchen wuschig scheint, registriert dass sie vieles nicht selbst kann. das verletzt ihren stolz sehr und mich damit natürlich auch. oft habe ich sie gestützt, sie ihre kopf an meinem hals vorbei auf mich gelehnt, tief traurig manchmal weinend. ich ebenso auf der anderen seite. DAS ist es, was mir weh tut. Nicht dass ich sehe, dass sie viel unterstützung braucht. nicht dass ich sehe, dass ihre körperlichen kräfte nachlassen. all das tut mir nicht so sehr weh wie die tatsache, dass ihr stolz darunter leidet, dass sie so tieftraurig ist und trotz allem immer noch angst hat, das ist schlimm für mich.

ich kann versuchen, beruhigend zu sein udn das ein oder andere mal gelingt mir ein gutes ablenkmanöver, aber ich kann nicht wirklich etwas tun. trotz aller medikamente ist sie so klar und aufmerksam, dass sie sehr genau auf die mo mengen achtet, jede tablette wird inspiziert. wenn sie dabei so skeptisch / böse die linke augenbrauch hochzieht und die tabletten oder mcih ansieht, da wird mir anders. ganz anders. und ich verfluche dass ich ihr etwas hinhalten muss um ihr zu helfen vor dem sie angst hat dass es sie vernebelt. ich verfluche dass das der einzige weg ist, ihr die schmerzen zu nehmen. aber die angst... die zu beherrschen ist weitaus schwerer. vieles hängt mit der psyche zusammen, manchmal auch der schmerz. das eine bedingt so oft das andere. zumindest schmerzfrei ist sie zur zeit. und rastlos. für jede bewegung heben ihr mann oder ich sie in den toilettenstuhl (heben ist nicht ganz richtig, eigentlich unterstützen wir sie vielmehr stark beim aufstehen, hinsetzen, stehen).gestern morgen wollte sie mit dem toilettenstuhl ins bad. dort angekommen wollte sie ins bett, neben dem bett angekommen fragt sie mich, was sie denn dort soll, sie will nicht schlafen sondern in den begehbaren kleiderschrank. ich frage nach aber warum willst du denn in den kleiderschrank? na ich muss mich doch fertig machen wenn ich gleich zum arzt muss. mama, du musst nicht zum arzt. hattest du angst, dass wir dich wegbringen? wir haben dir doch versprochen dass wir das nicht tun, es sei denn du möchtest es. da sagt sie zu mir, dann können wir auch wieder ins wohnzimmer. im wohnzimmer angekommen wollte sie in die küche....

ich habe sie in der nacht mal angesprochen auf diese unruhe. sie möchte weglaufen. udn sie hat angst. das zu hören, stumm zuhören zu müssen und nicht mehr tun zu können, als sie zu streicheln, das ist absoluter horror.

absolut.
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Liebe Grüße - Bibi
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Dankbarkeit
ist die Erinnerung
des Herzens

Geändert von Bianca-Alexandra (30.01.2009 um 07:39 Uhr)
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