AW: Chemo bei ProstataCa wird nicht besser
Hallo, Ihr Lieben.
Immer, wenn ich Zeit habe, schaue ich in Chicas Thread, ob sich einer von euch wieder gemeldet hat.
Ich denke so viel an euch und wünsche mir die ganze Zeit, dass – wenn ich nichts von euch lese – alles positiv verläuft bzw. ihr alle eine gute Zeit mit euren Lieben habt.
Das es manchmal grade andersrum gehen kann, möchte ich mir nach allem Erlebten nicht mehr eingestehen.
Ich fühle mich ganz oft mit euch „gelähmt“ vor Sorge. In meiner Stirn nistet sich die tiefe Kerbe ein, die ich bekomme, wenn ich versuche, meine Tränen zu unterdrücken... Aber nichts von alledem hilft – nicht euch und nicht mir.
Kennt ihr das, wenn man merkt, dass der Hals langsam schmerzt, weil man versucht, die Tränen aufzuhalten und nicht rauszulassen?
Liebe Schnuffine.
Seltsam, wenn man versuchen will, stark zu sein und die Situationen überspielen möchte, oder? Man kommt sich verlogen vor.
Das ist wie mit dem Halsweh...
Es ist bestimmt eine Art "Schutzreaktion", die uns niemand übel nimmt – und doch erkennen die engsten Vertrauten, wie es innerlich wirklich aussieht.
Wir denken, dass es dem Paps - der nur noch liegen kann und zu 100% alles mitbekommt - viel, viel schlimmer geht und er ganz arg Angst hat, sich Gedanken macht, nicht gehen möchte und grübelt und stark sein will.
Da will man nicht selbst wie ein Häufchen Elend daneben sitzen und ihn vollheulen. Man versucht, ihn zu stärken, indem man ihm vormacht, man wäre selbst stark.
Bei mir sind oft die Tränen durchgebrochen – und wer war dann stark? Mein Papa. Der hat mich getröstet, ich habe noch mehr geweint und wurde dann ruhiger, weil er immer eine ganz wundervoll beruhigende Art an sich hatte, die ich so oft vermisse. Dieser Mann in seinem elendsten Zustand, unheilbar krank und voller körperlicher und seelischer Schmerzen hat mich, seine gesunde Tochter, die direkt am Wasser gebaut hat, auch noch seelisch aufgerichtet.
Unerklärlich, diese Motivation, diese positiven Gedanken in Anbetracht seiner schlimmen Krankheit... Ohne Worte.
Frage dich nicht, wie es weitergeht. Du willst dazu keine Antwort hören.
Mein Papa sagte zu meiner Mama: „Es geht weiter, du wirst sehen.“ Und es stimmt. Es geht schmerzlich weiter. Es geht mit viel Traurigkeit, mit vielen Tränen und mit einem tiefen, dunklen Riss im Herzen weiter. Es geht auch mit Lachen weiter, weil du dich an die vielen schönen und lustigen Momente erinnerst und einfach lachen musst.
Ich möchte dir sagen, wie es bei mir war – und jeder, der mich oder auch nur meine Beiträge kennt, der weiß, wie sehr ich meinen Papa verehrt und geliebt habe und auch heute noch liebe, ihn vermisse wie die Hölle und stolz auf ihn bin:
Nach all seiner Leidenszeit, nach all den erlebten Schmerzen, nach den verstohlenen Griffen zum Morphium - ich war irgendwie erleichtert, als Papa seine Reise angetreten hat. Ich habe es ihm stellenweise gewünscht, dass er bald seine Ruhe haben darf.
Endlich war sein Schmerz vorbei, endlich war sein Leiden vorbei, endlich war es vorbei, dass dieser stolze, starke Mann dachte, er hätte seine Würde durch seine Kraftlosigkeit verloren. Endlich war Ruhe für ihn eingekehrt.
Die Schmerzen, die er hatte, konnten wir nur ahnen. Das Leiden, das er durchlitt, konnten wir nicht nachvollziehen. Den Stolz, den er hatte, ja, den kannten wir!
Im Nachhinein betrachtet war das auch ein egoistischer Wunsch für uns selbst: durch seine Reise hörte auch unser täglicher „Schmerz“, unsere höllische Angst, unsere Hilflosigkeit, die Ungewissheit, die Zukunftsangst auf... die so lange vor uns hergeschobene Zukunftsangst war vorbei – wir standen mittendrin in der Zukunft. Das Leben ohne unseren Papa, den geliebten Partner meiner Mama.
Schnuffine, es geht weiter. Es geht schon aus dem Grund weiter, weil dein Papa es euch wünscht, auch wenn er es nicht sagen kann. Er wünscht sich ganz bestimmt, dass ihr irgendwann wieder fröhlich sein könnt und dass ihr als Familie zusammenhaltet und immer an ihn denkt.
Du hast leider keine andere Möglichkeit, als die Situation auf dich zukommen zu lassen. Dann ist genug Zeit, um darüber nachzudenken wie es für euch weitergeht.
Ihr Lieben. Auch wenn ich mich meilenweit weg wünsche von all dem Übel um diese und ähnliche Krankheiten – ich stecke immer mittendrin. Niemals lässt es einen so ganz los.
Chica, Schnuffine, Babe, Frohsinn, Noferati: Umso mehr möchte ich euren Lieben und Liebsten ganz viel Kraft wünschen und dass ihr unglaublich schöne, intensive, auch kleine Momente haben könnt.
Auch wenn ihr euch oft schwach fühlt: Ihr seid stark!!!!! Weil ihr das so wollt!!!!
Einen lieben Drücker für jede von euch!!!
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Alles Liebe.
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Papa, für immer in meinem Herzen - 31.12.2007
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