AW: Selbsthilfegruppe Zungenkarzinom
Liebe kleine, große Manu,
es ist gut, dass Du hier schreibst, auch wenn die Hilfe, die Du ganz dringend brauchst, auf diesem Wege nicht ausreichend bei Dir ankommen kann.
Du hast sehr richtig erkannt, dass ein Teil Deiner unendlich bleiernen Situation auch daher kommt, dass Du noch sehr jung bist -21 Jahre? - und in diesem Alter Lebensplanung ganz anders aussieht. Sei vor allem nicht streng zu Dir selbst. Es ist nämlich beides immer möglich und - glaube mir - passiert im Laufe eines langen Lebens (ich bin 58 Jahre alt) immer wieder: bleiben und gleichzeitig gehen wollen. Das Leben ist vielschichtig und manchmal widersprüchlich. Schwierig wird’s, wenn man trotz berechtigter Wünsche und Bedürfnisse ein schlechtes Gewissen herumschleppt und sich dann von aller Welt unverstanden und alleine gelassen fühlt.
Aber Du bist mehr als o.k. Du trägst mehr, als Du eigentlich in Deinem Alter kannst. Es ist vergleichbar mit einer materiellen Last. Du hättest auch Mühe, ein Paket mit 50 kg zu tragen, ohne dass Du deshalb eine Versagerin wärst.
Und dann ist da noch die Liebe, die Erinnerung an frühere unbeschwerte Zeiten und die Erkenntnis, dass nichts mehr so ist, wie es war und auch nicht mehr so wird.
Weißt Du, alte Ehepaare tragen so etwas leichter. Sie haben ihr Leben lange meist unbeschwert gelebt. Die Lebenszeit, die vor ihnen liegt, ist häufig kürzer, als die, die sie schon miteinander verbringen konnten.
Das ist bei Euch beiden anders, drum musst und darfst Du Dich nicht an anderen messen. Du bist jung, lebensfroh und darfst dies offen und deutlich hier im Forum äußern.
Die Krankheit hat verständlicherweise bewirkt, dass Ihr Euch sehr auf Euch fixieren musstet. Nach 1,5 Jahren wird es Zeit, die Fixierung nach und nach ein wenig zu lösen. Dein Freund ist zwar schwer krank mit gravierenden Einschnitten, das weiß ich- ich bin ja selbst betroffen. Vielleicht täte es ihm gut, wenn er langsam in kleinen Schritten wieder die Verantwortung für sich selbst übernehmen könnte.
Mein Rat an Dich ist, Dir professionelle Hilfe zu holen. Alleine schaffst Du das nicht. Und das nutzt Deinem kranken Freund nichts. Irgendwann hat nämlich auch er ein schlechtes Gewissen - vielleicht jetzt schon - und leidet unsäglich - einmal durch die Krankheit und einmal aufgrund seiner Verzweiflung und Angst, Dich zu verlieren.
Profis können Euch beiden helfen. Ich denke, es würde darauf hinauslaufen, dass Ihr Euer Leben so organisiert, dass Ihr beide jeweils eigene Interessenbereiche schafft, damit jeder auch alleine etwas für sich tun kann.
Hast Du Hobby`s, die Du wieder aufnehmen könntest? Welche Bereiche haben ihm früher Spaß gemacht und was davon kann er jetzt - vielleicht in veränderter Form - behutsam in Angriff nehmen? Und wenn nicht jetzt, würde schon eine Zukunftsperspektive oder eine Zielsetzung helfen?
Silverlady verbringt mit ihrem Mann z.B. viel Zeit im Wohnwagen. Sie berichtet, dass ihr und ihrem Mann dieses alternative Leben in der Natur gut tut.
Du musst aber jetzt keinen Wohnwagen kaufen!!! Aber Dich vielleicht einer Fitnessgruppe anschließen, eine Gruppe suchen, mit der Du mal Essen gehen kannst oder ein Musical besuchen. So viel Freiraum solltest Du Dir nehmen. Jede Woche einen Abend oder zwei. Und dann berichtest Du Deinem Freund, was so alles passiert ist, damit Ihr wieder andere Themen habt und die Krankheit nicht immer im Vordergrund steht.
Wofür interessiert er sich? Und könnt Ihr organisieren, dass er dies vielleicht bei Euch zuhause erleben kann oder, wenn es ihm phasenweise gut geht, er sich doch einer Gruppe - vielleicht auch Selbsthilfegruppe - anschließen kann?
Ein Therapeut/in kann Dir helfen und die Kasse zahlt das auch. Suche Dir eine Ärztin und erzähle ihr Deine Situation. Sie wird Dir sicher einen Therapeuten/in nennen können. Und wenn’s beim ersten nicht klappt, dann eben beim nächsten.
Warte nicht zu lange, bis Deine Kraft völlig am Ende ist. Es ist einfacher, aus dem Loch zu kriechen, wenn man noch nicht ganz unten ist.
Du bist eine bewundernswerte junge Frau. Hol` Dir Hilfe, Du hast sie verdient und Dein Freund auch.
Alles Liebe, ich denke fest an Dich, weil mich Eure Situation sehr berührt.
Deine Lisa
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