Thema: Gedicht
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Alt 09.03.2003, 22:22
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Eine Frühlingsgeschichte:

Sie stand in einem Garten, wie es viele Gärten gibt; inmitten von gelben, roten und blauen Blumen – ach, es waren alle Farben vorhanden.
Doch sie meinte, eine besondere Blume zu sein. Schon im Frühjahr beschloss sie, auf keinen fall zu früh zu erblühen. Sie könnte ja einem Spätfrost zum Opfer fallen. Schließlich war ihr Blumenleben begrenzt, da wollte sie nichts riskieren und ja nicht zu früh ihren Knospenmantel verlassen.
Als im Frühling die ersten Blumen zaghaft zu blühen begannen, dacht sie: „Wie leichtsinnig meine Mitblumen ihre Blüte riskieren!“ Und sie fühlte sich bestätigt, als einige davon wirklich einmal einen Nachtfrost nicht überstanden. Traurig sahen sie aus, die Opfer, mit ihren verknüllten Blütenblättern auf dem gesenkten Stängel.
Im Mai und Juni erblühte dennoch eine Blume nach der anderen in voller Pracht. Die Nelken verströmten ihren Duft und die Pfingstrosen leuchteten um die Wette. Nur diese eine Blume stand noch immer trotzig in ihrer Knospe und weigerte sich, ihre Blütenblätter zu öffnen. „Solen doch die anderen schon blühen“, sagte sie sich. Schlimmes hatte sie schon darüber gehört, was einer Blume zustoßen kann, wenn sie erst einmal blüht.
Waren es im Frühjahr die Nachtfröste, vielleicht auch noch etwas Schnee, so konnte der Regen im Sommer die Blätter abschlagen. Und wie würde sie dann wirken, so ohne Blütenblätter? Vorbei wäre es mit dem ganzen Blütenzauber.


viel Freude daran

Maryjoe(Marlies)