Gedicht
Hunger
Die senkende Hitze machte es beinah unmöglich zu atmen. Der Gestank der Müllhalde verschlimmerte dies noch und selbst die Ratten kamen nicht mehr hervor. Aleso steht auf einem der Berge von Müll und schaut zu den Wolken hinauf. Ja, eines Tages, denkt er, eines Tages komme ich euch besuchen und alles wird unbeschwert sein. Die Sonne blendet seine kleinen, braunen Augen, die anfangen zu tränen. Es ist Mittagsglut und unerträglich heiß. Nur noch ein paar Kabel, nur noch etwas, was sich auch verkaufen lassen würde. Aleso sieht wieder nach unten vor seine Füße. Abfall, denkt er, so wie ich. Er nimmt den alten Plastiksack und läuft weiter. Seine Füße sind zerstochen von Glasscherben und manchmal kommen nachts die Ratten und beißen ihn. Einmal hatte er kein Glück wie sonst, einmal erwischten sie seine kleine Zehe und fraßen sie ab. Seitdem verbindet er sich nachts seine Füße. Die Schmerzen aber blieben und besonders weil die Wunde nie richtig heilen konnte bei all dem Dreck. Er hatte Glück bis jetzt. Noch zeigt sich keine Entzündung. Aber wer weiß wie lange noch.
Plötzlich fliegen die vielen Möwen, die sich hier ihr Futter suchen, kreischend auf. Aleso wusste nicht warum. Es war alles still. Außer der Fahrzeuge, die den Müll brachten, sah er nichts. Aber irgendetwas drückte unter seinem rechten Fuß. Er hatte schon längst keine Schuhe mehr. Und er war froh noch ein paar alte Kleider ab und an zu finden. Aleso sah unter seinem Fuß eine nur halbabgebrannte Geburtstagskerze. Kleine Abbildungen waren auch darauf, wie ein Schaukelpferd und ein Spielzeugauto. Spielzeug, dachte Aleso. Wie gerne würde er einmal ein kleines Auto über den Sand fahren lassen. Einmal mit bunten Murmeln spielen und Sandburgen bauen. Manchmal findet er ja auch etwas. Aber es ist immer alles kaputt und oft kommt der große Peter herüber und verlangt alles von Aleso, was er gesammelt hat als Pfand dafür das er auf der Halde bleiben darf. Einmal hatte er den ganzen Tag nichts gefunden und Peter kam. Als er ihm nichts geben konnte verprügelte er ihn.
" So ist das Leben, Aleso. Wenn ich wieder komme und du hast nichts für mich, dann Gnade dir Gott!"
Peter zog ab, doch seitdem hat Aleso Angst. Noch mehr als sonst und noch mehr als vorm Hunger, denn er weiß, dass Peter es ernst meint.
Aleso betrachtet die Kerze in seiner Hand und denkt nach. Irgendwie schien ihm heut ein besonderer Tag. Doch warum? Irgendetwas glänzt vor seinen Füssen. Es ist ein alter, kaputter Bilderrahmen. So einer für Fotos. Und plötzlich weiß Aleso warum ihm gerade so seltsam war. Heute ist sein Geburtstag. Ja, heute ist er 11 Jahre alt geworden. Es fiel ihm ein, weil damals als seine Mutter noch lebte, sie ihm ein Foto schenkte an seinem 8. Geburtstag. Ein Foto, das ihn und seine Mutter zeigte. Der Vater war schon lange tot. Starb an Tuberkulose.
" Mama...meine Mama."
Und Aleso spürte, wie ihm die Tränen die Wangen herunterliefen.
" Alle haben mich alleine gelassen. Niemand ist heut bei mir. Niemand... Doch sagt mir, ihr Möwen, warum lebe ich denn? Was habe ich denn getan? Und was hat meine Mama denn getan, dass sie weg ging von mir. Warum konnte ihr denn niemand helfen als sie so krank war?"
Die Möwen saßen wieder auf den Bergen von Müll und schauten ihn an. Sie hacken sich oft gegenseitig wegen dem Futterneid die Köpfe blutig. Menschen können schlimmer sein, als Tiere, denkt Aleso.
"Was wollt ihr eigentlich immer hier, ihr Möwen? Ihr seit frei, könnt fliegen wo immer ihr hinwollt. Ihr könnt doch am Meer sein, ihr könnt an einem Fluss wohnen oder auch an einem See. Warum lebt ihr hier? Wo es doch im Meer die beste Beute gibt? Ich habe einmal gelesen, dass sogar viele verschiedene Arten gibt von euch. Und wisst ihr, einmal fand ich ein Buch, dass einen kleinen Jungen zeigte, der so arm war, wie ich es bin ,aber er ist heute ein Schriftsteller und schreibt Bücher über Tiere. Meine Mama, nämlich hat mir rechnen und schreiben gelehrt. Weißt du, du Möwe da hinten, sie war auch in einer Schule. "
Die Möwen schienen ihm zuzuhören. Keine gab irgendeinen Laut von sich. Seltsam, dachte Aleso.
Die Kerze steckte er in seine Tüte und lief weiter, noch etwas versunken in seinen Traum einmal selbst in eine Schule zu gehen, einmal in einem Bett zu schlafen und Spielzeug zu haben. Einmal keinen Hunger mehr haben, das war sein größter Wunsch zu seinem Geburtstag an die Möwen.
Später, die senkende Sonne ging unter, läuft Aleso zu seiner alten Papphütte Der Plastiksack ist nicht sonderlich schwer, weil er heute so gut wie nichts gefunden hat. Er hat ja auch viel geträumt. Nur gut, dass Peter nicht gekommen war.
Hier in seinem kleinen Zuhause stank es nicht mehr so sehr, es ist kühler und ein kleiner Baum schützt etwas. Er nimmt den alten Stoff-Fetzen vor dem Eingang der Pappe weg und erschrickt. Da sitzt ein großer, schwarzer Hund drinnen und schaut ihn an. Wie vom Blitz gerührt bleibt Aleso still stehen. Der Hund richtet sich auf und schnüffelt an Alesos Bein. Aleso merkt, wie seine kühle, feuchte Nase ihn berührt. Hm, denkt er. Er ist gesund. Das weiß er noch von Bello, dem alten Streunerhund, der ihn ab und an besuchen kam. Wenn Hunde solch eine Nase haben, sind sie nicht krank, Wenn sie aber heiß wird, sind sie krank.
Dieser hier war gesund. Trotzdem rührt er sich nicht. Der schwarze Hund setzt sich neben Aleso und schaut ihn an. Aleso schöpft Mut und setzt sich in seinen Unterschlupf. Der Hund legte sich vor seine Füße.
" Hör mal, sagte Aleso. Du kannst nicht hier bleiben. Das ist nichts für einen so gepflegten und gut genährten Hund wie dich. Du musst jetzt gehen. Bestimmt wirst du schon gesucht. Nun geh..."
Der Hund aber bleibt sitzen.
" Aber sicher macht man sich schon Sorgen um dich. Nun geh... "
Nichts. Er bleibt einfach sitzen und schaut ihn an.
Es wird dunkel. Die Sterne liegen nun über ihnen und Aleso liebt diese Bilder der Nacht. Auch, wenn sicher gleich die Ratten wieder da sein würden. Wenigstens kann er träumen, wie es wäre könnte er auf einem Stern zu Hause sein und keine Sorgen haben. Vielleicht gab es da oben ja auch Himbeereis und jede Menge Schokolade. Wer wusste das schon, denkt er. Vielleicht seine Eltern. Und Aleso schläft traurig ein.
In der Nacht waren keine Ratten in seiner Nähe. Zum ersten Mal wachte er auf und wusste, dass er durchgeschlafen hatte. Der Hund sitzt immer noch da und schaut ihn an.
" Ich danke dir, Hund. Ich weiß ja nicht wie du heißt. Darum sage ich Hund, aber nun lauf Hund!"
Er bleibt sitzen.
" Ja, was soll ich denn tun? Du kannst nicht hier bleiben. Du bist kein Straßenhund! Und hier wirst du krank und leidest bald an Hunger. Wo wohnst du denn?"
Der Hund bellt und wedelt mit dem Schwanz.
Aha, denkt Aleso. Das hat er verstanden. Er überlegt. Was sollte er tun? Schließlich gibt es ja auch Strafen, wenn man einfach einen fremden Hund behält. Also beschließt er den Hund nach Hause zu bringen.
" Komm, zeig mir wo du wohnst. Ich bringe dich nun zurück."
Der Hund schien zu lächeln.
Es ist ein weiter Weg. Vorbei an Fabriken und Häusern. Und Aleso tun die Füße weh von den Steinen. Jeder Schritt ist eigentlich eine Qual. Vielleicht nach 2 Stunden kommen sie an. Der Hund bleibt vor einer Eingangstür eines großen Hauses stehen und bellt. Aleso klingelt und heraus kommt eine Frau. Sie ist vielleicht an die 40 oder 50 Jahre, sieht recht gut aus und scheint sehr nett.
Als sie den Hund sieht, ruft sie:" Ja, Benno, mein lieber Benno. Wo warst du denn? Warum bist du denn ausgerissen? Noch nie vorher hast du so etwas deinem Frauchen angetan, aber diese Möwe ... "
Benno winselt und hebt sein linkes Pfötchen und streicht über Alesos Bein.
" Ja, wer bist du denn? Hast du mir meinen Benno zurückgebracht? Oh, ich danke Dir so sehr. Weißt du, Benno muss Medikamente nehmen."
Aleso ist das alles seltsam. Ein Hund mit Medikamenten. Das kennt er nicht.
" Ja, ihr Hund saß da bei mir und wollte nicht alleine zurück, da hab ich ihn gebracht."
Die Frau sieht ihn an und schweigt.
Benno legt sich vor Alesos Füße.
" Ja, ich danke dir. Möchtest du nicht hereinkommen und etwas essen, mein Junge? Benno freut sich sicher, wenn du noch bleibst. Nicht wahr, Benno? Und ich möchte dir gerne danken. Bitte komm herein." Benno bellt kurz und weicht keinen Millimeter vor Alesos Füssen.
Aleso weiß nicht so recht. Eigentlich hat er keine Zeit mehr. Er muss noch auf die Halde. Aber für Benno kann er eine Ausnahme machen.
" Ja, gut, für Benno tue ich es."
Aleso traut seinen Augen nicht. Er kennt dies alles nicht. Das Wasser, was aus der Leitung kommt. Diese Möbel und das jemand einen Kühlschrank hat in dem man etwas zu essen lagert. Diese Uhr an der Wand, die mit ihren Pendeln hin und her schaukelte und als er nach Benno sah, da läuft Benno gerade in ein anderes Zimmer. Aleso geht ihm nach. Die Frau ist noch in der Küche und macht ihm etwas zu essen.
Benno war in ein Kinderzimmer gelaufen. Überall sitzen kleine Teddys, stehen Autos und alles ist bunt. Und an der einen Wand, da steht ein Kinderbett mit einem Clown darüber an der Wand gemalt.
Wie schön, denkt Aleso. Aber wo ist das Kind?
Er schaut Benno an und setzt sich zu ihm, streichelt ihn und schläft schließlich an seinem kuscheligen Fell ein.
Als er erwacht sitzt diese Frau auf dem Boden neben ihm und sie musste wohl schon eine ganze Zeit lange da gesessen haben. Sie sieht ihn an.
" Weißt du, einmal hatte ich einen kleinen Jungen, so wie du einer bist. Aber er ist weggegangen."
" Weggegangen?"
" Ja, mein Kleiner. Er ist jetzt da, wo die kleinen Sterne auch sind."
" Oh, das kenne ich. Meine Eltern wohnen da auch, wissen sie?"
Aleso fühlt sich mit ihr auf einmal so verbunden. Es versteht ihn jemand. Jemand kennt diese Gefühle.
" Ja, hast du denn keine Eltern mehr? Und wer passt denn auf dich auf? Bist du alleine?"
" Ja, das bin ich. Mama und Papa sind bei den Sternen."
" Und wo wohnst du denn?"
" Ich wohne da hinten. Etwas weit weg von hier neben der Müllhalde. Und ich muss jetzt gehen."
Aleso steht auf und sieht sich noch einmal nach Benno um.
" Er ist ein Lieber, wissen sie. Passen sie nur gut auf ihn auf."
Die Frau nickt.
" Ja, ich weiß auch nicht warum er ausgerissen ist. Sonst kenne ich das gar nicht, aber eine Möwe hat ihn beinah verrückt gemacht, schwirrte immer wieder über seinem Kopf herum und es schien sie lockte ihn förmlich irgendwohin. Das war sehr seltsam, weißt du? Benno ist sonst so ruhig. Aber ich konnte ihn auch nicht halten. Sonst kann ich ihn eigentlich immer für kurze Zeit allein vorm Haus lassen."
Aleso überlegt.
" Ja, wissen sie. Gestern fand ich eine Geburtstagskerze und da fiel mir ein, dass ich Geburtstag hatte und dabei wünschte ich mir von den Möwen etwas. Meinen sie, das war eine davon?"
Die Frau schluckt. Ihr geht das alles so nahe, dass sie sich wegdrehen musste, damit er ihre Tränen nicht sieht.
Alles scheint ihr wie eine Fügung. Benno, das Kind von der Müllhalde und nun auch noch dass er Geburtstag hatte und auch noch an diesem Geburtstag ihres verstorbenen Kindes.
Sie kann ihn nicht mehr einfach so weg lassen. Er ist ganz alleine auf dieser Welt und noch so klein.
Er ist so dünn und sie sah auch auf seine Füße. Sah seine abgefressene Zehe. Ihr Herz grub sich zusammen. Sie glaubte dies alles nicht auszuhalten. Und er hat solche lieben Augen...und dann Benno.
Nein, das würde sie nicht zulassen. Der Junge musste vorerst bei ihr bleiben. Natürlich nur wenn er wollte.
" Sag, wie heißt du denn?"
" Aleso."
" Aleso. Möchtest du nicht ein wenig hier bleiben. Vielleicht ein paar Tage? Du kannst gehen, wann immer du möchtest. Aber ich würde mich sehr freuen und Benno sicher auch, wenn du da bleibst. Und gleich bringe ich dir etwas zu essen. Und du kannst hier in diesem Zimmer schlafen und spielen."
Aleso wusste nicht so recht. Was sollte er davon halten. Denn er kannte diese Frau ja nicht.
" Bitte Aleso..."
" Darf ich denn mit den Autos da spielen?"
" Ja, das darfst du. Alles was hier ist, darfst du auch benutzen."
" Ja, gut. Ein paar Tage."
Aus den paar Tagen wurden viele Jahre. Aleso hatte wieder ein Zuhause. Benno wurde sein bester Freund, die Schule war sehr zufrieden mit ihm und eines Tages sah man ihn wie er seine Geschichte niederschrieb. Er war nun Schriftsteller und ab und a n brachte er den Möwen Brotreste. Doch nie fand er diese eine, die ihm ein neues Leben schenkte und seinen größten Wunsch erfüllte an jenem Tag...
liebe Grüße Renate
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