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#11
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Lieber Dayo,
Schon länger will ich Dir schreiben, nie schien mir der Zeitpunkt passend, eigentlich heute auch nicht, aber nun will ich es tun. In Eurer Geschichte, die ich seit kurzem mitlese, ist etwas, was mich an meine erinnert, gibt es einen Punkt an dem ich nachfühlen kann wie es Dir geht: Ich kenne die Einsamkeit, die drückende Verantwortung, auch die Panik, all die Gefühle und Ängste die man hat, wenn man alles fernhalten will. So erging es mir mit meiner Mama. Sie war immer eine Frau, die wußte, was sie wollte, Entscheidungen traf, selbständig war. Als sie an Krebs erkrankte ging alles sehr schnell, sie kam ins Krankenhaus, wurde operiert und dann "ergab" sich einfach vieles, wurden Weichen gestellt, von denen ich nachträglich gar nicht sagen kann warum es so war. Ich fragte Mama was der Arzt gesagt hatte und sie meinte, ich hab ihn nicht gefragt, frag du. Danach fragte sie nicht nach und das war der Beginn eines Weges, von dem ich nicht weiß ob er der richtige war, wiederum aber wahrscheinlich wieder gleich entscheiden würde. Ich dachte, wenn sie nicht fragt, dann will sie nicht wissen. Leider, leider hatte ich damals nicht die Möglichkeit des Internets. Ich kaufte Bücher, fragte bei Ärzten nach und stellte selbst einen Plan für "begleitende Maßnahmen"zusammen. Sie hatte eine anschließende Chemotherapie mit Höchstdosis die sie erstaunlich gut wegsteckte, wie schon zuvor die Operation. Im Krankenhaus, bei den Ärzten sagte ich immer wieder, ICH will als erste informiert werden, aber mein Gott, welche Angst, welche Nervosität war in mir, daß das einmal anders läuft. Mama ging es gut, sie lebte mit der Erkrankung, mit den Therapien gut, d.h. sie lebte ihr Leben wie vorher, jeder Tag randvoll gelebt. Sie hatte - unausgesprochen - mich als die Managerin ihrer Krankheit eingesetzt. Ich hatte Angst vor jeder Untersuchung, ich hatte Angst, daß ein anderer Überbringer von schlechten Nachrichten ist, ich wollte sie beschützen. Als sie nach zwei Jahren wieder eine Chemotherapie haben mußte, war ich die Überbringerin der Botschaft, als nach zwei Monaten feststand, daß die Therapie nicht anschlägt, abgebrochen wird, auch. Aber wer hätte es besser machen können als ich? Es ist nicht recht, daß ich jetzt so viel über mich schreibe und ich komme jetzt auch wieder zu Dir. Irgendwann, lieber Dayo, kommt der Punkt an dem kann man nicht mehr alles fernhalten. Nicht, weil man es nicht mehr aushält, weil man nicht mehr kann, sondern weil die Krankheit ein anderes Tempo vorgibt, einen anderen Weg. Fürchte Dich nicht davor, daß Deine Frau plötzlich mehr erfährt, vielleicht auch fragt, über sich Bescheid weiß. Als es meiner Mama, drei Jahre nach Ausbruch der Erkrankung (Eierstockkrebs) ganz plötzlich sehr schlecht ging, kam sie ins Krankenhaus. Sehr schnell stellte sich heraus, daß ihr nicht geholfen werden kann. Und plötzlich fragte Mama den Arzt, wollte alles wissen. Er sagte ihr, daß man ihr nicht mehr helfen kann, sie aber schmerzfrei gehalten wird und alles für sie getan wird, damit sie möglichst beschwerdefrei ist. Danach rief er mich an,meinte es täte ihm leid, glaube aber, es war richtig. Und es war richtig. Ich hoffe jetzt einmal sehr, daß das eine Problem nur eine Blasenentzündung ist und vor allem, daß Ihr noch eine lange, gute Zeit miteinander habt. Ich weiß nicht ob das, was ich sagen möchte, ausgedrückt werden kann. Ich kenne diesen Teil der Sorge und Angst wenn ein lieber Mensch krank ist und ich möchte dir sagen, lieber Dayo, ängstige Dich nicht zusätzlich ob Du weiterhin alles fern halten kannst. Sollte es eintreffen muß es nicht nur negativ sein. Wie gut, daß Du Dich wenigstens hier ein wenig mitteilen kannst. Ich wünsche Euch alles Gute. Briele |
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