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  #46  
Alt 13.11.2009, 19:11
loewi loewi ist offline
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Standard 27. august 2009

seit monaten habe ich den wunsch, einmal wieder einfach nur gehalten zu werden, wenigstens einen kleinen moment... doch ich kann diesen wunsch nie äußern geschweige denn wenn es jemand versuchen würde, es auch annehmen.

gestern dann ist es mir wiederfahren. ich bin einfach einmal in den arm genommen worden. hatte gar keine zeit mir zu überlegen ... denn die umarmung kam von meinem gegenüber und war eine solche ehrliche geste der herzlichkeit ohne erwartungen.

und heute? heute ist mir noch ein großer schritt gelungen: ich habe um hilfe gebeten.

vorgeschichte: ich habe letzten freitag per post meinen antrag für mein krankheitssemester geschickt + das attest von meinem gynäkologen. gestern dann mal nachgefragt, wann denn die bewilligung zu erwarten sei und nochmal drauf verwiesen dass sie die schriftliche bewilligung zum bewo schicken, damit die in der zeit, wo ich im kh bin alles an die arge weiterleiten können. die sagten mir, dass mittwoch (also gestern) ein meeting ist, bei dem darüber entschieden wird. heut früh dann nochmal angerufen, da stellte sich heraus, dass die meine unterlagen gar nicht bekommen haben .

gott sei dank war heute jobcafé beim bewo und ich bin hin. alles nochmal faxen und telefonieren und hier und da. ich habe aber herrn f. gebeten, mir ein wenig zu helfen (man höre: ich gebe verantwortung ab, bitte um hilfe!) so entstand eine tolle teamarbeit! mit dem ergebnis, dass ich mein urlaubssemester durchgekriegt habe. habe dann ans bewo eine email geschrieben:

Ein riesiges Danke noch einmal an Herrn F.!
Wir haben heute in einwandfreier Teamarbeit meine Bewilligung des Urlaubssemesters durch bekommen.
Es war eine tolle Erfahrung, denn mit seiner Hilfe habe ich vieles selbst gemacht und einiges an ihn abgegeben.
Man höre und staune, ich gebe Verantwortung ab!
Doch auch dank der Unterstützung und Ermutigung durch Herrn F. habe ich es geschafft, einige der unangenehmen Dinge selbständig zu erledigen.
Auch wenn es für Herrn F. sein Job ist, mit mir hat diese Stunde heute sehr viel gemacht und dafür nochmal ein dickes Danke!



alles etwas durcheinander heute
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  #47  
Alt 13.11.2009, 19:15
loewi loewi ist offline
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Standard 28. august 2009

gestern war noch ein ziemlich schlimmer tag. angefangen als frau h. anrief, meine andere betreuerin und eben wissen wollte, ob das jetzt alles geklappt hat und so. ich saß in der bahn und kämpfte am telefon schon mit den tränen weil ich einfach dermaßen am limit gerade mich bewege, was meine körperlichen und seelischen kraftreserven angeht. sie fragte mich dann auch, was mir gedanklich halt geben könnte. und ich habe mich zu sagen, dass mir dieser moment halt gegeben hat und es auch gedanklich tut:

ich bin gestern soooo überraschend von einem super netten menschen in den arm genommen worden und konnte mich gar nicht wehren
nein im ernst, es hat mir einen kleinen moment halt gegeben. es ist das wonach ich seit monaten mich sehne, aber angst hatte es auszusprechen und ich glaube ich hätte es auch nicht wirklich ausgehalten.*prinzesschen rühr mich nicht an*
aber gestern in einer meiner schwächsten momente hat niels mich einfach umarmt. eine kleine geste so voller ehrlicher herzlichkeit.
tat so gut


dann entstand gestern in der ergo binnen glaub weniger als einer minute ein sehr krasses bild. ich habe gleich angefangen ohne zu reden, einfach diesen druck loswerden. nur es geht nicht. im moment ist die angst wie eine schlinge, die sich um meinen hals legt. so habe ich es auch auf dem bild gemalt.

ich auf einem drahtseil, unter mir der abgrund und in meinem nacken der krebs und um meinen hals die angst, die schlinge, die mir aber vielleicht gerade auch den letzten rest an halt gibt.

ich spüre, dass ich zunehmend depressiver werde und wieder vermehrt mit meiner maske vor dem gesicht rum laufe. ich reiße böse witze und weiß es ist galgenhumor. nur ist der nicht besonders witzig, vertreibt nicht meine angst und meine fassade beginnt zu bröckeln. und ich kämpfe und kämpfe und kämpfe, dass ich noch irgendwie diese letzten fünf tage schaffe. und dann wenn ich wieder aufwache beginnt noch einmal die zeit der folter.

ja, ich bin optimist, sehr sogar, aber ich kann nicht anders, als darüber und daran zu denken, was sein wird, wenn sie etwas finden und ich chemotherapie bekomme. und am meisten machen mir echt meine haare zu schaffen. gerade gehe ich sehr sorgfältig mit ihnen um, kämme sie ausgiebig und trage sie oft jetzt offen. aber es tut mir weh, wenn ich daran denke, dass ich sie vielleicht in zwei wochen werde kurz schneiden müssen, denn drei dinge sind klar für mich, wenn ich eine chemo kriege:

1. ich lasse mir die haare schick kurz schneiden
2. ich werde mir einen port legen lassen, damit sie mich für die chemo nicht immer neu stechen müssen
3. ich werde keine perücke tragen . es gibt so schöne hüte und mützen und und und...

es fällt mir schwer, mich im spiegel zu betrachten und zu wissen, dass ich in fünf tagen nicht mehr so aussehe wie heute. klar verändert man sich jeden tag. (auch das ist etwas, das mir in den letzten monaten sehr aufgefallen ist) - doch dann werde ich eine narbe haben von 20 cm etwa. und diese narbe werde ich täglich sehen. die andere sehe ich ja nicht. naja und auch wenn sie so gut verheilt wie die andere, so werde ich sie immer fühlen können. ich finde narben irgendwie faszinierend, denn für mich ist es immer so, dass narben geschichten erzählen. jede narbe, die ich mir selber zugefügt habe, erzählt ihre eigene geschichte.
anders fühlt es sich noch mit dieser narbe an, die entstehen wird:
- sie ist sehr präsent für mich, sie zeichnet mich an einer für mich sehr intimen stelle. für mich ist mein bauch und besonders mein bauchnabel etwas fast heiliges, denn darin habe ich meinen sohn getragen - schwer zu erklären
- die geschichte, die diese narbe erzählen wird, ist eine geschichte vom krebs, ob sie was finden oder nicht, aber sie wird gemacht um alles auszuschließen. und auch wenn ich danach gesund bin, dann wird das eine ewige erinnerung an diese zeit bleiben.

das ganze ist schwer in worte zu fassen. ich fühle mich fremd, habe einen sehr schlechten kontakt zu meinem körper, aber dafür einen sehr intensiven kontakt zu meiner seele... wie sieht es in meiner seele aus. ich greife nochmal auf die methode von thomas zurück, meine gefühle und meine gedanken mit worten zu beschreiben:

meine seele erinnert mich an ein verlassenes fabrikgebäude. alte backsteine, rote, warme backsteine, sie isolieren. je tiefer ich in das verlassene gebäude vordringe, desto mehr fällt mir der staub auf dem boden auf, hier und da einmal ein werkzeug, verrostet, da sich lange zeit keine verwendung dafür gefunden hat. ich hebe diese werkzeuge auf und sammel sie ein. dann gehe ich weiter, blicke in rohre und versuche ihrem dunklen verschlungenen weg mit meinem blick zu folgen. doch sie verlaufen ineinander und teilen sich wieder. ich blicke hinauf zur decke. zerbrochene fenster, durch die lauwarmer nieselregen fällt. wärmt und kühlt meine haut. die umgebung macht mich benommen, doch ich fühle mich sicher. ich gehe zur wand des gebäudes und lehne mich an die backsteinwand. genieße die kühle der steine, betrachte die halle von einer anderen seite, überall der staub, denke lange nicht aufgeräumt worden, hier drinnen... jede menge werkzeug, aber was ich nicht finden kann, das sind ein besen oder ein staubsauger... der regen, der durch die deckenfenster fällt, wärmt plötzlich nicht mehr, kühlt, ich fühle mich wie gelähmt... etwas drückt mich an die wand...dunkelheit...benommenheit. plötzlich rieche ich rauch. und da sehe ich es: feuer! es brennt... alles in meiner seele brennt und ich bin gefangen ...
ich bin so durcheinander im moment, dissos, ich merke es schon wieder, aber noch muss ich drei stunden durchhalten, um dann an meinem derzeit einzigen sicheren ort ein wenig halt zu haben. mein anderer sicherer ort ist derzeit das bewo. das büro.
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  #48  
Alt 13.11.2009, 19:17
loewi loewi ist offline
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Standard 28. august 2009

heute habe ich eine wundervolle email von meiner freundin aus kanada bekommen, die mich und die ich liebevoll schwesterlein nennt. ja, katja ist so etwas wie meine zweite große schwester

mein liebes schwesterlein,
bin dir hier nicht sehr hilfreich.moechte dich ehrlichen herzens in den arm nehmen und moechte dir so gerne sagen ,alles wird gut.
doch macht es mich traurig.spuere deine angst und kann sie so sehr nachvollziehen.
es ist noch ein trauma mehr fuer dich.
wuensche dir viel,viel kraft und das du nur liebe menschen um dich hast.
alles andere interessiert nicht.
du bist wichtig,dass es dir besser geht.du gesund wirst.
moechte dir worte des haltes geben und doch waeren sie sinnlos und banal.
was soll ich dir schreiben,um ein stueck kraft zu geben.veilleicht faellt mir noch was ein.
ausser,dass ich abends bevor ich einschlafe an dich denke und fuer dich mit bete.
es nicht viel,aber vielleicht ein kleines bisschenhilfe aus der feerne,fuer einen ganz besondere frau.
es umarmt dich dein schwesterlein
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  #49  
Alt 13.11.2009, 19:22
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Standard 29. august 2009

heute war ja mein großer tag am meer:
um fünf uhr aufstehen und um sechs uhr ging es los, mit verschiedenen halten um die anderen mit aufzunehmen. schluss endlich war dies gegen halb acht der fall und wir sind durchgefahren bis nordwjik.
je näher wir kamen, desto kribbeliger wurde mir im bauch, beinahe als wäre ich verliebt und je näher wir kamen, desto mehr merkte ich, dass sich auch die wolken und die farben des himmels veränderten. kurzum ich freute mich riesig auf diesen tag.

wir stiegen aus dem bus aus (6,5 stunden zeit am meer) und ich fühlte mich zuhause. diesen unverwechselbaren geruch der nordsee sofort in der nase, sturm und blauer himmel und tolle wolken. ich war vom ersten moment an glücklich. das meer habe ich bis dahin nur gerochen. aber ich spürte vom ersten moment an die kraft des meeres. das meer hinter den dünen, der wind und das rauschen des meeres im hintergrund. ich konnte es kaum erwarten

und dann endlich sah ich es: mein geliebtes meer und es war überwältigend, denn es herrschte mindestens windstärke 3 - 4 und somit ganz schöne wellen genauso wie ich es liebe und warum ich eben die nordsee liebe. ich mich in null komma nichts in meine anderen klamotten geschält, schuhe aus, socken aus und nur mit t-shirt und kurzer hose (trotz meiner unschönen beine ) und ab ans wasser. gerade ging die flut zurück so dass ich wirklich recht weit ins wasser konnte. und stand dann erst einmal eine weile da und genoss es, das wasser meine beine umspülen zu lassen und wenn das wasser zurück ging, dass der sand sich um meine füße verteilte und die nächste welle kam. ich habe vor dem meer bzw. vor der kraft des meeres doch ich fühlte mich so sicher wie ich mich immer am meer fühle. liegt es an dieser unglaublichen weite des meeres und an der kraft der elemente? das wasser - die luft - der sand? egal, es ist wie mein zuhause. so bin ich dann los und etwa gute drei kilometer im und am wasser entlang bis zum einen ortsende gelaufen. durch den ort dann zurück und "typisch" holländisch freute ich mich auf eine frikandel mit holländischen pommes. *püh* stink normale dünne pommes. naja lecker war es trotzdem . der ort an sich ist recht nichtssagend. tourihochburg eben . dann habe ich mich gegen halb eins wieder auf den weg gemacht und geschaut, wo genau der parkplatz ist. gut einen kilometer vom zentrum entfernt und dahinter begann die dünenlandschaft und damit der noch schönere teil als direkt am strand. ich bin also am parkplatz vorbei, wusste nun wo er ist und wie lang es braucht. und rein in die dünen. ein wenig mulmig war mir zumute, aber das legte sich schnell. es war unfassbar, diese landschaft, sie ist atemberaubend. und so bin ich gute fünf kilometer gelaufen. in der ganzen zeit habe ich nur wenige menschen unterwegs getroffen und so konnte ich diese eindrücke in mich aufsaugen. die landschaft, der herbe geruch nach gewächsen die ich aus dem süden frankreichs kenne (wo ich auch immer sehr glücklich war), der starke wind, die hohen dünen und im hintergrund das rauschen des meeres und der geruch nach salzwasser. ich bin gelaufen und gelaufen und gelaufen ohne nachzudenken dass ich laufe. es hatte etwas sehr reinigendes für mich. ich bin an meine grenzen gegangen (denn ich musste ja die fünf kilometer auch wieder zurück), aber ich habe sie meines erachtens nicht überschritten. es hat mir kraft gegeben, denn es hatte etwas beinahe meditatives. ich habe es im nachhinein als meinen eigenen kleinen jakobsweg bezeichnet, als meine kleine pilgerreise. denn eines tages möchte ich den jakobsweg gehen, und wenn es auch nur ein teil ist. doch ich habe nun zum zweiten mal diese eindrucksvolle erfahrung gemacht, dass dieses schweigende gehen, dieses meditieren, sehr heilsam und reinigend ist.

dieser tag hat mir sehr sehr viel kraft gegeben. und ich bin nicht wie sonst meistens mit gesenktem blick gelaufen, sondern mit offenen augen auf die umgebung gerichtet. und habe nicht einmal mit mir selber geredet, wie ich es sonst schonmal mache. nix, schweigen und nur das rauschen von wind, meer, strandgras und sand.
es lässt sich schwer in worte fassen, was diese stunden mit mir gemacht haben und das weiß nur ich alleine in meinem herzen. tief in meiner seele kann ich daran festhalten und kraft schöpfen.
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  #50  
Alt 13.11.2009, 19:26
loewi loewi ist offline
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Standard 1. september 2009

so und weiter geht es. gestern hatte ich die ganzen voruntersuchungen und dann kam dr.L. und sagte, ich soll schon heut aufgenommen werden, muss komplett abführen.
hab gestern dann noch gefragt ob ich was frühstücken darf wenigstens. klar kein ding. gestern abend war mir dann so schlecht vor aufregung dass ich nichts runter gebracht habe und heut früh dacht ich cool, kannst dann im krankenhaus frühstücken, hatte natürlich auch kohldampf. ja am abend -nischt war. statt dessen die erste ladung abführmittel bekommen erst nur ne kleine portion die ging noch. dann etwa anderthalb stunden später kam der blanke horror, so gegen elf bis abends halb acht. eine 2-liter-kanne elekrolyt-lösung ... dass sie ekelig schmeckt war mir klar, aber was der blanke horror war, der geruch und der geschmack haben mich an irgendwas erinnert und ich konnte es nicht einordnen - absolut nicht. merkte nur, dass es mich massivst triggert. und mit einem mal wusste ich woran mich geruch und geschmack erinnern. an meine affäre, an den sch...typen der mich vor etwa anderthalb jahren vergewaltigt hat, weil ich nicht mit ihm schlafen wollte. ich hab echt gedacht ich kotz gleich, war vollkommen fertig mit mir und der welt und habe es runtergewürgt. all das hat mich bis dahin sechs stunden etwa gekostet. dann sagten sie dass es aber noch nicht ausreicht und dann habe ich noch einen liter bekommen. den musste ich dann aber doch nicht ganz austrinken. jetzt bin ich kaputt aber saumäßig stolz auf mich, denn ich wusste während der ganzen zeit, wofür ich es mache auch wenn ich es zwischendurch verflucht habe und auch frau h. eine sms geschrieben habe, wenn ich könnte würde ich abhauen. aber habe es ausgehalten mit viel kraft und noch mehr tränen, auch frau h. gegenüber. es ging nicht mehr, glaube das heut hat meine fassade sehr bröckeln lassen. aber war nicht schlimm. man hat mich auch weitgehend in ruhe gelassen,ich habe mich auf mich konzentriert und ohne mukke oder inet (nur kurz). hab mir zum ziel gesetzt, einen entspannten zu machen, wenn ich alles ausgetrunken habe. ja und das mache ich jetzt
und trotz allem, so schlimm es heut war, aber zwischendurch dachte ich immer, es hat etwas sehr reinigendes, meditatives, eben wahrscheinlich auch, weil ich mal keine mukke und nichts hatte, sondern mit mir und meinen gefühlen alleine war, ähnlich wie der tag am meer in den dünen.

aber: wenn ich wählen darf zwischen meer und ekelzeug, nehme ich natürlich das ekelzeug ne quatsch natürlich mein geliebtes meer

ach ja, und dann kam noch im laufe des nachmittags der anästhesist. mein lieber dr. j. um mir die horrornachricht zu bringen, dass sie mir einen peridural katheter zur schmerzbehandlung legen müssen aber ich vertraue ihm wird schon werden...
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  #51  
Alt 13.11.2009, 19:28
loewi loewi ist offline
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Standard 4. september 2009

so, tag bzw. nacht 2 nach der op. ich weiß nicht wie ich liegen soll, ich habe hunger und voll peinlich, durchfall. naja kann man nichts machen, funzt halt alles noch nicht so. gestern haben sie mir ja den blasenkatheter gezogen und ich musste überhaupt nicht aufs klo. gegen abend hatte ich dann so schmerzen, dass die schmerzärztin sagte, wenn das in ner stunde nichts wird, dann krieg ich nochmal einen katheter . wurde dann leider tatsächlich erstmal nichts, also einen einmalkatheter bekommen. ging dann auch besser, aber ich denke ich habe eher wieder eine blasenentzündung, denn inzwischen kann ich wieder pinkeln aber die schmerzen bleiben. hab auch das gefühl dass die nadel hinten nicht mehr so optimal sitzt. alles in allem eine sehr sehr unruhige nacht. mein bauch fühlt sich an, als hätte ich muskelkater. na gut mal sehen was der tag so mit sich bringt.
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  #52  
Alt 13.11.2009, 19:32
loewi loewi ist offline
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Standard nachtrag: 3. september 2009

naja bin heut noch voll erledigt aber es geht. werde vollgepumpt mit schmerzmitteln
gestern war fast witzig: um halb acht bin ich hoch gekommen in den op, schon alles vorbereitet und um halb neun kurz bevor alles fertig war, haben sie in der blutbank angerufen und die sagten, ne, wir haben kein blut bereit also haben sie mich in den aufwachraum zurück. haben mir die rückenmarkspritze gelegt, was nicht angenehm aber ok war . besonders als der anästhesist mir dann dormicum zur beruhigung gespritzt hat (das was man eigentlich vor der narkose bekommt), dann nochmal eine dosis, katheter lag (und ich spüre wirklich nichts). danach war ich von dem zeug so high und habe nicht wirklich was mitgekriegt, außer dass ich wohl nach einer dritten verlangt habe (und sie auch ernsthaft gekriegt habe), danach in den op (endlich gegen halb elf) und da kaum was mitbekommen außer dass mich der narkosearzt fragte, wovon ich träumen möchte. ich glaube ich habe gesagt von meinem tag am meer, sauerstoff und propofol und ab ging es in das reich der träume. gegen drei war ich soweit fit, dass sie mich runter holen durften. kurz danach kam mein doc, den ich nur im halbschlaf gesehen habe. er ging raus und ich fragte die schwester ob dr.L. wirklich gerade da war, ja, sagt sie es war kein traum . gestern abend durfte ich zum ersten mal mich auf die bettkante setzen, damit die mein bett machen können. mom schreib gleich weiter.
so weiter gehts. nicht nur auf die bettkante auch aufstehen, wobei ich mich glaube ich mehr oder weniger an der schwester festgekrallt habe.
die nacht war lang und ungemütlich. heut früh gegen acht kamen zwei schwestern damit ich endlich aufstehen und ins bad gehen kann. holla die waldfee, erst auf die bettkante wieder und ich so, hey das geht viel besser als gestern . dann aufstehen. ich hey das geht super. nur dass ich bald umgekippt wäre. mich dann einigermaßen tauglich gemacht. stehe auf um mich abzutrocknen und anzuziehen, plötzlich höre ich auf dem rechten ohr nichts mehr, schwindel, kreislauf, ende und setzen. man war ich froh, wieder im bett zu sein .
aber: blasenkatheter is raus (thanks god) mein kreislauf normalisiert sich wieder etwas. vorhin hatten wir die schmerzmitteldosis mal reduziert, aber es geht noch nicht.
ansonsten gehts mir recht gut und vorhin war auch frau h., meine betreuerin da. tat sehr gut.
langsam fühle ich mich wieder wie ein mensch und bis auf zwei schläuche im bauch mit denen ich aber gut leben kann, bin ich schon heute von allen anderen nadeln und schläuchen befreit . dank meiner schmerzunempfindlichkeit komme ich seit heut mittag komplett ohne schmerzmittel aus. gestern acht ml/stunde, dann abends runter auf sechs, und heut früh dann von sechs auf 0,1. aber war ok. ein bisschen schmerzt der rücken noch von der spinal anästhesie aber das dauert halt ein wenig. mein bauch fühlt sich an als hätte ich 3.000.000 situps gemacht . ansonsten geht es mir sehr gut, naja gut besuche strengen halt schon an aber ich genieße auch sehr die ruhe... hört hört und das von mir! aber im ernst, ich genieße es wirklich (auch wenn ich natürlich wieder wie ein junges reh durch die gegend springe ). und auch meine blase und mein durchfall scheinen sich wieder zu regenerieren. was sehr unangenehm ist, ist der verbandwechsel, aber hey, das ist ein klacks gegen die op. .
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  #53  
Alt 13.11.2009, 19:35
loewi loewi ist offline
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Standard 5. september 2009

so, nu noch den eintrag von heute nachholen. hmm was habe ich heut gemacht. ich habe um hilfe gebeten . gleich morgens ob die schwestern mir helfen können den rücken zu waschen und meine bettnachbarin nacher ob sie mir helfen kann haare zu waschen. danach war ich so was von platt .
zum frühstück ein brötchen, zum teil wieder mit lactoseprodukten obwohl ich denen schon öfter jetzt gesagt habe dass ich eine lactoseunverträglichkeit habe . so fiel das frühstück recht mager aus.dann drei oder vier oder fünf runden über den flur geschlichen. es ist mehr ein schleichen denn ein springen wie ein junges reh. aber egal. visite: ich muss die thrombosestrümpfe ausziehen , weil sie so einschneiden, dass dadurch die gefahr einer thrombose noch größer ist. zum mittagessen war gisa da. mittagessen in so netter gesellschaft gleich doppelt so lecker.
dann habe ich noch im laufe des vormittags (vergessen) die pflaster abgekriegt damit die wunde gut heilt. es stecken etwa 20-30 klammern in meinem körper.sieht gruselig aus. aber irgendwie auch sehr cool
nachdem gisa weg war hatte ich noch so eine stunde für mich bevor mama kam. rundumversorgung mit rundumsorglospaket. anderthalb runden wieder schneckenübung auf dem flur und dann ne partie scrabble. man ich war kurz vor dem gewinnen und wieder nichts . und noch eine runde und dann war ich erstmal erledigt. (tut nämlich schon noch ganz schön weh und vom kreislauf mal ganz zu schweigen). nach paar stunden fernsehen eben zähneputzen, bettfertig machen und dann aber doch nochmal tigern. bin diesmal den gang zur privatambulanz hinter. man ist da echt alleine sehr angenehm! außerdem musste ich treppen laufen (fünf oder sechs runter und wieder rauf - holla die waldfee, das ist ganz schön anstrengend. so und nu lieg ich im bett, mach es mir gemütlich, nehme jetzt mal meine medis, damit ich morgen fit bin wenn mein herrenbesuch um zehn ankommt .

p.s.: ach ja, zwischendurch habe ich einer freundin noch eine liste mit sympathischen und attraktiven männern gelinkt
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  #54  
Alt 13.11.2009, 19:37
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Standard 6. september 2009

so, wieder neigt sich ein tag im krankenhaus dem ende entgegen und heut war es . so langsam schleicht sich meine angst doch in die knochen was die pathologie bringt. vielleicht weiß ich morgen schon mehr. und ich kann nur immer wieder sagen, auch wenn dr. L. sagt, wahrscheinlich ist nichts, kann ich nicht drauf vertrauen, denn wissen tut auch er es nicht . also warten. und es liegt ja auch noch nicht mal in der hand des pathologen was der befund bringt sondern einzig in der hand meines körpers. so oder so habe ich angst vor dem befund. wenn sie nichts finden wird die ganze anspannung schlagartig weg sein und ich habe angst ins bodenlose zu fallen und doch ist es die gleiche angst vor der bodenlosigkeit, wenn sie etwas finden.
ja, ihr habt recht, wenn ihr sagt, ich bin stark, ich bin eine kämpferin. aber im moment mag ich nicht mehr kämpfen. bin müde vom kämpfen. das warten und die angst macht mürbe
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  #55  
Alt 13.11.2009, 19:39
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Standard 7. september 2009

so, ein neuer tag. heut früh bin ich schon drei runden um den block gelaufen, draußen an der frischen luft. werde das gleich nochmal machen auch wenn es sich grad zusammenzieht. heut früh zu meiner riesenüberraschung habe ich ein päckchen bekommen von meiner lieben freundin aus frankfurt bekommen - hab mit allem gerechnet aber damit irgendwie gar nicht...
gerade plündere ich das carepaket und vertilge gummibärchen. und diesmal sind ganz viele meiner lieblingsfarbe drin (ich mag nämlich am liebsten die grünen )
dann waren gerade die götter in weiß da. es sieht alles sehr gut aus, klar tut weh wenn die dran rum zerren und ziehen aber die ärztin sagte, sie sind eh alle erstaunt wie gut es mir nach so kurzer zeit schon wieder geht und dass ich so aktiv bin. bin eben ein stehauf-fräulein trotzdem müssen die es heut dr.L. sagen dass in die eine drainage noch so viel nach läuft. leider ist der befund noch nicht da also noch länger warten... frühestens heut nachmittag.
was liegt sonst noch an heute? die sozialarbeiterin kommt nochmal wegen reha, meine betreuerin wollte heut vormittag anrufen, die ärztin die meine mutter letztes jahr hier behandelt hat wollte mich besuchen. die habe ich vorhin getroffen. ansonsten chatten, fernsehen und lesen.

später:
es geht mir arg durchwachsen. habe seit heut mittag eine super nette zimmernachbarin bekommen. sie hat heute ihr baby bekommen und es ist so zwiespältig. ich freue mich riesig, ich bin hin und her gerissen aber gleichzeitig zwischen faszination und trauer. aber so ein süßes mädchen ...
naja keine ahnung und die befunde sind immer noch nicht da .
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Geändert von loewi (13.11.2009 um 19:41 Uhr) Grund: ergänzung
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  #56  
Alt 13.11.2009, 19:45
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Standard 8. september 2009

wieder fast ein tag geschafft. nach einer sehr kurzen und unruhigen nacht mit neugeborenem im zimmer bin ich heute total müde. um halb zehn hat der papa sie hoch gebracht und ist dann auch gegangen. gegen halb zwölf haben sie die maus runter gebracht, wollte trinken. dann war sie bei uns bis viertel vor eins unten. als wir wieder alleine waren, da haben wir noch geredet und sind dann doch irgendwann eingeschlafen. als die tür aufging und die maus wieder da war. als ich auf die uhr schaue war es gerade viertel nach zwei . um viertel vor drei ist sie tief und fest in mamas arm eingeschlafen bis heute früh um halb acht. wer nicht geschlafen hat war die mama (sie hatte angst, dass die maus runter fallen könnte) und ich habe auch kaum geschlafen weil ich immer mit den ohren bei den beiden war . naja war wie gesagt eine sehr kurze nacht.
aber es ist einfach, so weh es auch tut, wundervoll. im wahrsten sinne des wortes. es ist einfach ein wunder wenn ein so kleines menschlein geboren wird. und wie klein und weich sie sind. unfassbar. war die letzten 24 stunden hin und her gerissen zwischen wahnsinniger verzweiflung, trauer aber noch viel größerer faszination und zuneigung und wärme. habe heute aber auch in der visite das angesprochen (dabei waren eine junge eigentlich nette ärztin, ein schwuler arzt und mein dr. lux). erstens kann dr. L.vollkommen meine wahnsinnige angst verstehen, bzw. belächelt sie nicht. ist halt eben so, dass es 50:50 ist. und dann habe ich eben gesagt, dass es sehr belastend für mich ist mit neugeborenem wenn ich weiß, ist nichts mehr mit kinderkriegen und mehr (dr. L. wusste wohl dass ich von aron redete) die ärztin meinte nur, ja, sei aber so, es gäbe krankenhäuser wo die patienten dann drei tage auf dem flur liegen und dann müsste man das halt auch in kauf nehmen (so der grobe kontext). das mädel neben mir und ich waren dann etwas sprachlos. hab nur dr.L. angeschaut und von ihm ein kleines lächeln bekommen das mir gezeigt hat, er versteht es wenigstens. das war so wohltuend. so war das dumme geschwätz von der ärztin leichter zu ertragen. und viel wichtiger war, ich habe es gesagt wie es mir geht! dass ich hilfe brauche, denn ich habe auch drum gebeten mit der psychologin von dort mal ein gespräch zu führen. hoffe die kümmern sich drum .
mittags war frau c. da und wir sind gemeinsam nochmal eine runde raus gegangen. es war sehr sehr schön und sie hat mir meine lieblingsblumen (gerbera) mitgebracht. dann habe ich noch ein wenig gechattet und mich mit meiner inzwischen neuen bettnachbarin unterhalten die aber in einer stunde nach hause geht. während die dame im op war, war mama da und sie steht inzwischen genauso unter hochspannung wie ich. kann kaum still sitzen. wir alle zittern vor angst und keiner will es wirklich zugeben. am ehesten kann ich es noch zugeben: vor den ärzten, aber vor allem vor mir! ja, ich habe riesige angst. inzwischen glaube ich nicht mal mehr davor, eine chemo zu kriegen, als vielmehr diese ungewissheit himmel oder hölle! ich liege im bett und ich bin unterwegs und die panik kommt anfallartig (grönemeyer), glaube die kontrolle zu verlieren. gestern abend, ein gutes beispiel dafür, habe ich bei dem diensthabenden arzt in der tür gestanden um zu fragen ob er was aus der patho bekommen hat. ich stand im türrahmen, während er im pc nachsah und ich merkte wie mir schlecht wird, mir der kreislauf wegkippt. einige sekunden mehr und er hätte mich vom boden kratzen können - jeglicher kontrollverlust binnen weniger sekunden. ein einziger blick kann in den nächsten tagen über die weiteren wochen, monate und jahre entscheiden
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  #57  
Alt 13.11.2009, 19:48
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Standard 9. september 2009

aber mega gute nachrichten:

alle 30 lymphknoten sind tumorFREIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII

später mehr
so jetzt ist später.
zwischen mama und mir gab es immer so einen gag die letzten wochen und monate: wenn alles geschafft ist, dann essen wir einen krebs, einen richtig schönen lobster! das war nie in anlehnung an den krebs gedacht, sondern wirklich rein als was besonderes.
als ich es heut mama dann erzählt habe, dass alles in ordnung ist, meinte sie spontan ob sie bei ikea einen krebs besorgen soll! plötzlich mussten wir beide gleichzeitig so schallend loslachen, als wir uns gleichzeitig dieser makaberen komik bewusst wurden. aber super idee! naja unterwegs rief sie an und sagte, dass der lobster zu umständlich sei, weil noch im panzer. sie bringt mir garnelen mit vom aldi . auch gut.
naja, garnelen bis zum abendessen im kühlschrank geparkt und dann kam der doc nochmal kurz vorbei (der nette schwule). dem habe ich das dann erzählt, dass mama mir einen krebs besorgen wollte zur feier des tages es aber nun garnelen geworden sind. erst war er musste dann aber auch lachen, er hat also sofort die komik verstanden. und meinte dann

PRIMA DANN HABEN SIE DEN KREBS IM WAHRSTEN SINNE DES WORTES GEGESSEN!


danke dr. f. für diese tolle idee, denn so habe ich es wirklich zu einem ritual gemacht und mir die garnelen einzeln auf einem teller ausgebreitet. und ihr werdet es nicht glauben aber wisst ihr, wieviele garnelen in dieser packung waren:

exakt 30 stück! genausoviele wie lymphknoten! und so habe ich noch einmal wirklich symbolträchtig

DEN KREBS GEGESSEN!
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Mitfreude, nicht Mitleid, macht den Freund aus. (Nietzsche)
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  #58  
Alt 13.11.2009, 19:50
loewi loewi ist offline
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Standard 15. september 2009

so, nun sind wieder einige tage vergangen. tage in denen ich nicht online kommen konnte (und ich glaube wenn ich ehrlich bin auch gar nicht wollte). denn ich merke, dass ich wieder aufpassen muss. ich spüre wieder diese mir verhasste und gleichzeitig vertraute sprachlosigkeit! sie macht mir eine scheiß angst, und gleichzeitig fühle ich in mir drinnen einen solchen trotz, dieser sprachlosigkeit diesmal paroli zu bieten, auch wenn ich "nur" versuche zu schreiben, was mich bewegt. doch auch das ist verdammt schwierig! es ist aber einfach unfassbar schwer in worte zu fassen, wenn man solch eine todesangst gespürt hat. sie lässt sich einfach mit nichts beschreiben außer vielleicht mit grässlich. ich habe immer gesagt, ich habe keine angst zu sterben: das stimmt nicht. wenn es sich so anfühlt, dann habe ich angst! ich habe ja schon früher ängste und auch hin und wieder panik gehabt. das aber hat und hatte eine ganz andere "qualität"... ich weiß noch nicht mal ob diese todesängste und die angst zu sterben das gleiche ist. jedenfalls ist es so, als ob es dir die luft zum atmen nimmt. obwohl fast eine woche seit dem befund vergangen ist, kehren in sehr regelmäßigen abständen diese zustände wieder, auch wenn sie nicht mehr ganz so krass sind. aber sie erwischen mich in allen möglichen alltagssituationen, letztens auch beim einkaufen. schlagartig diese in wellen aufsteigende panik, das gefühl umzufallen und zu sterben...wirklich sterben, nicht wie ich es von den anderen panikanfällen kennen, wo ich weiß, sie erreichen irgendwann ihren höhepunkt und dann wird es besser... diese schien ihren höhepunkt überhaupt nicht zu erreichen... gott sei dank war eine freundin mit mir einkaufen, ich konnt nur noch sagen, anja ich muss hier raus...hab mich dann aber noch angestellt an der kasse um zu bezahlen ... oben in der wohnung angekommen drehte sich nur noch alles, durchfall und weiter dieses gefühl zu sterben...anja kam dann vorbei und hat mir noch geholfen, die schuhe wenigstens auszuziehen. selbst das ging nicht mehr. ich merke gerade, wie schwer es ist, das wirklich in worte zu fassen, all diese gefühle. es wirkt so emotionslos, ich fühle mich so emotionslos, wenn ich davon schreibe. und trotzdem: ich werde meiner sprachlosigkeit diesmal keine chance geben!
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  #59  
Alt 13.11.2009, 19:51
loewi loewi ist offline
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Standard AW: Yes I Can

gerade habe ich meinem alten schulleiter noch eine mail geschrieben die setz ich hier mal rein, bevor ich los muss:

hallo herr w.,
endlich gibt es auch mal wieder gute nachrichten von mir: meine op ist jetzt gute zwei wochen vorbei und vor sechs tagen habe ich den befund bekommen: alle 30 entfernten lymphknoten sind tumorfrei! welch ein gutes gefühl. und trotz der schweren op, habe ich mich sehr gut davon erholt, war von anfang an fast schmerzfrei zur großen verwunderung der ärzte. nachdem mich die narkose diesmal volle zwei tage flachliegen gekostet hat (für mich grausamkeit pur! ich bewegungsliebender mensch), habe ich mich nacher umso schneller wieder berappelt und runde um runde mich über den flur gekämpft. die station ist so angelegt, dass man immer im kreis gehen kann...
in diesen zehn tagen in denen ich diesmal im krankenhaus war, ist es richtig herbst geworden und es macht mich sehr nachdenklich, wenn mir einmal mehr bewusst wird, wie schnell dieses jahr vorbei gegangen ist. doch nun beginnt für mich die allerschönste jahreszeit - mein geliebter herbst und dann der winter.
komisch als ich damals ende januar entlassen wurde und mit der bahn nach hause fuhr, begegnete mir ein schwarm wildgänse, die ersten die wieder von süden kamen. und als ich jetzt im krankenhaus lag, begegneten sie mir wieder. ich liebe wildgänse, finde es immer wieder, jahr für jahr, faszinierend, wie sie sich finden und dann in ihrer formation tausende kilometer zurücklegen. sie wissen intuitiv wann sie sich sammeln, wie sie sich formieren müssen und wenn sie im frühjahr zurückkehren, landen sie wieder auf exakt dersdelben wiese. wie sehr hätte ich gerne eine solche sicherheit zu wissen, dort gehöre ich hin und mit diesen menschen kann ich dort sein. wissen sie was ich meine? doch gerade dieses jahr hat mich gelehrt, dass es niemals im leben eine solche sicherheit im äußeren geben kann. diese kann es nur in mir selber geben. wie gerne hätte ich beten wollen, doch ich konnte es nicht. ich finde und fand es immer schrecklich, sich dann an gott zu wenden, wenn mir meine sicherheit auf grundeis geht. und mir fehlten auch die worte zu beten. doch als ich dann den befund hatte bin ich am nächsten tag in die kapelle der uni (die ich persönlich sehr schön finde) und da ging das beten. danken, dass alles gut gegangen ist, danken, dass es menschen gibt, die mich mit all meinen macken und ängsten in den vergangenen wochen und monaten mit all ihrer geduld getragen haben. danken für mitmenschlichkeit und vieles mehr. auch ihnen möchte ich danken, dass sie immer wieder zeit für wärmende worte finden. wie wichtig solche menschen in einem leben sein können das wissen sie sicherlich am besten. trotzdem danke ich ihnen noch einmal von ganzem herzen.
für heute muss ich erstmal schluss machen. bitte grüßen sie ihre frau unbekannter weise! ich wünsche ihnen nur das beste und melde mich die tage nochmal.
viele liebe grüße
c.s.
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  #60  
Alt 13.11.2009, 19:53
loewi loewi ist offline
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Standard 17. september 2009

...diese verdammte sprachlosigkeit fängt wieder an mich zu zernagen, aufzufressen .
meine betreuerin meinte gestern vielleicht ist auch jetzt eher zeit zum fühlen und nicht zum reden vielleicht hat sie recht...

noch einmal versuche ich es mit thomas´methode, meine gefühle mit farben, formen und gestalten zu beschreiben:

tief atmen, in mich rein fühlen. einatmen, ausatmen. atmen, das mir noch vor wenigen tagen kaum möglich war, vor lauter angst, panik. doch gerade in einer totalen panik ist atmen die einzige therapie.

wenn ich atme, ist es gerade, als brennt alles in mir . ja es fühlt sich an wie feuer. feuer, das mir die luft zum atmen nimmt, sich in meinem körper ausbreitet. ich spüre es bis in meine fingerspitzen. möchte mir die haut vom körper reißen, um dem feuer platz zu machen. und das inferno in mir hat in meiner seele schon großen schaden angerichtet, große flächen einfach verbrannt. diese verbrannten flächen bilden narben. diese narben sind weit schmerzhafter, als die körperlichen, äußerlich sichtbaren. nichts hat mir bisher jemals solche schmerzen bereitet...
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