Krebs-Kompass Forum  


Zurück   Krebs-Kompass Forum > Spezielle Nutzergruppen > Forum für Hinterbliebene

Antwort
 
Themen-Optionen Ansicht
  #1  
Alt 26.10.2020, 22:28
toastbrot81 toastbrot81 ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 22.08.2020
Beiträge: 16
Standard Mama ist nicht mehr da

Hallo Ihr Lieben,

der Text könnte etwas länger werden.
Ich selbst habe hier im Forum die ganzen Beitrage mit großem Interesse gelesen, haben sie mir doch geholfen zu wissen, was auf mich zu kommt und dass man nicht allein ist. Gerade die langen und ausführlichen Texte haben mir geholfen. Daher auch von mir einen Langen. Ihr müsst es nicht lesen

Meine Mama ist dieses Jahr 62 geworden. Sie hat ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet um Geld reinzubringen. Sie war auch immer für andere da, hat zugehört und geholfen. Ja, sie konnte auch mal zickig und fies werden, aber wer kann das nicht.
Sie hat noch nichtmal die Rente erreicht …. Es ist einfach unfair. Einen so frühen Tod hat sie nicht verdient. Sie sollte doch noch ein paar schöne, ruhige Rentenjahre haben – ohne Sorgen.

Symptome, Diagnose & 1. KH Aufenthalt
Es begann Mitte Juli zu Papas Geburtstag. Ihr fielen Worte nicht mehr ein, ein Gespräch wurde schwierig. 1 Woche später dann war es so schlimm, dass sie kaum ganze Sätze rausbekam. Zudem hatte sie Probleme bei Alltagssachen – vergessen Bügeleisen anzumachen, vergessen wie der Herd funktioniert oder das Handy oder die Fernbedienung. Papa machte sich große Sorgen, sollte mich aber nicht anrufen. Tat er dann doch. Nach langem Überlegen, Reden und hin und her, habe ich sie 25.7 ins Krankenhaus gebracht – sie kam sogar freiwillig mit. Eventuell ein kleiner Schlaganfall oder ein Gerinsel oder so. Ich durfte, weil sie nicht richtig sprechen konnte, immerhin bei dem 1. Teil der Untersuchung dabei sein (eigentlich wegen Corona nicht erlaubt). Dann habe ich 2 Stunden warten müssen während Mama alleine mit weiteren Untersuchungen war. Die Neurologin der Notaufnahme kam zu mir: "Ihre Mutter hat eine Hirnmetastase und ein großes Ödem." Sie fragte, ob sie wiederbeleben dürfen, falls es soweit kommt. Letztendlich hat sie dann aber mit einem anderen Krankenhaus in Dortmund gesprochen und sie sollte ins Klinikum Nord verlegt werden – die würden es operieren. Mama wollte nicht, weder Operation noch Verlegung. Ich sagte zu Mama, dass ich aufpasse, dass nichts gemacht wird, was sie nicht will. Aber ich bat sie wenigstens ein paar Tage ins Klinikum zu gehen für weitere Untersuchungen und Therapievorschläge. Sie willigte dann wiederwillig ein. Mitfahren durfte ich wegen Corona nicht, also bin ich mit ÖPNV hinterher. Sie wurde dort die 1. Nacht auf die Intensiv gelegt. Ich durfte nochmal zu ihr. Hätte ich gewusst, dass ich dann die Tage nicht mehr zu ihr darf, wäre ich länger geblieben und hätte mich anders verabschiedet. Die nächsten Tage wurden noch Untersuchungen gemacht und die Ärzte haben mehrere Gespräche mit meiner Mutter geführt. Ich durfte wegen Corona nicht zu ihr. Mama lehnte jedoch alle Behandlungen ab – weder Operation und/oder Bestrahlung fürs Gehirn noch Chemo für den Lungenkrebs. Noch nicht einmal eine Biopsie. Also theoretisch hätte die Metastase auch nicht vom Lungenkrebs kommen können. Letztendlich aber auch egal. Am Freitag durfte ich dann kurz zu ihr, weil der Sozialdienst sich mit mir getroffen und mich zu ihr gelassen hat. Dann auch nochmal ein kurzes Gespräch mit dem Oberarzt. Es sind 2 Hirnmetastasen – eine in der Nähe des Sprachzentrums und eine am Zentrum des Sprachverstehens. Und das Ödem dazu. Lebenserwartung 3-6 Monate. Der Oberarzt sagte mir, dass sie zwar nicht reden kann, aber bei vollem Verstand ist und er somit auch nicht gegen ihren Willen operieren würde. OK, akzeptiere ich dann auch. Es ist ihre Entscheidung, ihr Körper, ihr Leben. Und wer weiss, wie sie die Therapien verkraften würde. Der Sozialdienst riet mir dann zu Palliativversorgung zu Hause und zeigte mir auch die Option eines Hospizes auf.

Zeit zu Hause
Am darauffolgenden Dienstag (4.8.) kam sie nach Hause, 1 Tag später war dann der Palliativarzt und der Palliativpflegedienst da.
Mama ging es nicht gut, laufen war sehr unsicher, der Rest auch. Der Palliativarzt schrieb einiges auch, u.a. Cortison (Dexa; 3x 4mg). Das nahm sie dann auch. In der Klinik wollte sie keins. Ich glaube zu Hause wusste sie nicht, was sie nimmt. Man sah die Fortschritte .. gehen, reden, schreiben, Dinge selbst erledigen. Nach 1 Woche ging es ihr wieder recht gut. Das war so schön zu sehen, Papa und ich haben uns so gefreut. Klar, ändert nichts an der Prognose aber ihr ging es erstmal wieder gut. Sie war trotzdem zeitweise verwirrt (ohne dass sie es einsah/merke), aber ansonsten ok. Sie konnte endlich wieder telefonieren, was sie so gern machte. Sie sah dann auch, dass sie Kortison genommen hat und hat dann einfach damit aufgehört. Wir haben ihr erklärt, zu was das führt – war ihr egal.
Leider entwickelte sie dann sowas wie eine Psychose. Sie war aggressiv und hatte Verfolgungswahn. Sie wollte den Palliativarzt anzeigen, weil sie dachte, er hätte sie entmündigt und will ihr Geld. Sie sagte auch, sie müsse sich einsperren, weil wir (Papa & ich) sie umbringen wollen. Sie wollte mich anzeigen, weil ich den Arzt wegen nichts angerufen hätte. Sie wusste auch nicht bzw. verdrang, dass ich sie ins Krankenhaus gebracht hab, weil sie nicht reden konnte. Sie sagte, ich hätte das gemacht, weil sie angeblich Schmerzen hätte. Sie sagte, die im krankenhaus haben ihr falsche Medikamente gegeben und daher ging es ihr so schlecht. Sie hat dann auch nicht mehr verstanden, dass es ihr nur wieder gut geht, weil durch das Kortison die Schwellung weggegangen ist. Wir sollten den Palliativdienst abbestellen, denn sie ist ja nicht krank. Körperlich war sie wohl wirklich so fit wie lange nicht mehr. Also gut, hab ich dann abbestellt – Papa und ich also völlig allein mit dem Thema und mit einer (leider) psychisch kranken Frau. Zwischenzeitlich drohte auch der Verlust der Krankenversicherung, weil sie kein Krankengeld beantragen wollte. Lies sich Gott sei Dank abwenden.
Es waren wirklich echt schwierige 2-3 Wochen. Ich hatte teilweise Angst wenn sie anrief, dass sie mich wieder wegen sonst was beschuldigt. Papa wurde teilweise nur angeschrien – aber sie hatte das auch super schnell wieder vergessen. Ich war krankgeschrieben, weil ich einen Nervenzusammenbruch hatte.
Ansonsten hat sie zu Hause ausgemistet, Sachen sortiert und hatte Renovierungspläne. Sie hat mir auch gesagt, wo was ist und wo ihre paar Wertgegenstände sind – für den Fall, dass sie mal nicht mehr da ist („in 10 Jahren oder so“). Im Nachhinein habe ich mal in ihrem Handy geschaut, im Browserverlauf habe ich der Krankheit entsprechende Suchbegriffe gefunden: "starke Kopfschmerzen", "Gedächtnisverlust", "Symptome Lungenkrebs", "bösartiger Gehirntumor", "Gehirnmetastasen" ...Das zeigte mir, dass sie schon unterbewusst wusste, was los war. Leider konnte ich aber eben nie mir ihr darüber reden. Ich hätte ihr doch noch ein paar kleine Wünsche erfüllen können (mal nen Tagesausflug oder was auch immer). Und es tut mir auch weh, dass sie wohl Kopfschmerzen hatte, aber es uns und der Hausärztin nicht sagte. Sie sollte doch nicht leiden....

Am 6.9. schrieb mir dann Papa, dass Mama wieder nicht mehr reden kann. Es wurde die nächsten Tage sehr viel schneller schlimmer als noch im Juli. Am Mittwoch hatte sie wohl schon Kopfschmerzen, Ihr ging es gar nicht gut. Zwischenzeitlich war Ihr bester Freund gestorben. Sie schob es darauf. Ich fragte sie, ob sie nicht mehr wisse, dass sie deswegen schonmal im Krankenhaus war im Sommer. Die schüttelte den Kopf. Sie hatte wirklich Kopfschmerzen. Das sahen wir an den Tabletten. Gegessen hatte sie auch nichts. Laufen ging auch nur ganz ganz schwer. Ich habe mir von der Hausärztin leichte Morphin Tabletten für sie aufschreiben lassen. Den Palliativdienst konnte ich von heut auf morgen nicht wieder reaktivieren – das dauert wohl nach Auskunft des PKD ein paar Tage Vorbereitung. Schlucken ging nun immer schlechter, so dass sie auch die Tabletten nicht mehr schlucken konnte.
Freitagvormittag hab ich dann den Arzt gerufen. Sie wurde wieder ins Krankenhaus gebracht. Sie wollte erst nicht, aber ich und die Sanitäter haben sie überzeugen können. Sie wurde erstmal im Knappschaftskrankenhaus aufgenommen. Hat auch wieder Kortison bekommen (als Infusion). Das wurde aber nach 2 Tagen abgesetzt. Sie wollte kein Kortison mehr, hatte sie mir damals gesagt. Und im Krankenhaus hat sie auch den Zugang immer rausgerissen.
Am Montag rief mich die Ärztin nach der Palliativbesprechung an. Sie sagte, dass sie glauben, dass für Mama ein Hospiz der beste Platz sei. Ich willigte ein. Sah ich eigentlich auch seit Wochen als die beste Lösung, wenn es wieder schlimmer wird.
Am Dienstag durfte ich zu ihr. Sie hat das nicht verstanden, was ich ihr erklärt habe – oder wollte es nicht. Sie hoffte, dass es wieder wird. Leider nein, Mama. Es tat mir so im Herzen weh. Ich wusste, dass sie nach Hause wollte. Aber Mama, zu Hause wäre das nicht gegangen.
Der Sozialdienst des Knappschaftskrankenhauses hat den Eilantrag auf Pflegestufe gestellt und Mama auf die Hospizwartrliste setzen lassen.
Am Mittwoch kam schon der Anruf vom Hospiz. Ich bin in Tränen ausgebrochen. Ich hatte mich so wahnsinnig darüber gefreut. Denn das Krankenhaus hätte sie nicht Wochen behalten können ohne Probleme mit der Krankenversicherung zu bekommen. Sie hätte sonst zur Kurzzeitpflege gemusst. Für Mama, die generell skeptisch ist, wäre das eine Katastrophe gewesen. Wir hatten so viel Glück am Tag der Antragstellung direkt die Zusage schon bekommen zu haben. Wahnsinn.
Da noch ein Corona Abstrich gemacht werden musste, vergingen aber noch 2 Tage.

zeit im Hospiz
Am Freitag, 18.9. wurde sie dann ins Hospiz verlegt. Gott sei dank haben Papa und ich die Vorsorgevollmacht gefunden – zerknittert unterm Schrank. Muss sie in der schwierigen Phase aus Angst wohl dahin getan haben. So konnte ich alles für sie regeln. Ja, ich weiss, sie wollte eigentlich nicht dahin sondern nach Hause. Aber ich glaube sie hat schon auch irgendwie erkannt, dass sie auf Hilfe angewiesen ist.
Am Freitagvormittag war ich dann im Hospiz. Hab es mir angeschaut und mit der stellvertretenden Pflegedienstleitung ein Gespräch geführt. Und habe dann Mama in Empfang genommen. Sie hat leider das kleinste Zimmer dort bekommen, aber sie konnte ja leider eh nicht mehr das Bett verlassen. Sie war scheinbar verwirrt, als sie dahin kam anstatt nach Hause – obwohl wir es ihr erklärt hatten. Sie war die erste Zeit sehr ablehnend, aber da hatte ich den Pflegern bereits vorher bescheid gesagt, dass das wohl passieren wird. Auch habe ich sie sowie der Palliativärztin von dem Kortison Thema erzählt. Verstanden hat es keiner, akzeptiert aber jeder. Jeder sagte mir, dass hier keiner gezwungen wird sondern das kriegt, was er möchte (oder halt nicht). Das einzige, was sie machen „müssen“ ist eben körperliche Pflege.
Papa und ich waren jeden Tag da. Er vormittags, ich nachmittags und am Wochenende andersrum. Anfangs aß sie gar nichts, dann immerhin Süßkram (Kuchen, Torte, diese kleinen Mini Windbeutel). Man merkte, dass im Gehirn schon viel kaputt war. Teilweise war sie leicht kindlich und oft irgendwie anders. Manchmal, als ich das Gefühl hatte, dass sie böse schaut, hab ich sie gefragt, ob sie mir böse ist (war sie ja noch paar Wochen vorher). Sie sagte „nööö“ und schaute mich an wie ich auf solche Ideen komme, sie könne mir böse sein. Ich hab sie auch gefragt, ob sie über Sachen nachdenkt, ob sie sich Sorgen macht oder Änsgte hat, ob sie über Geld nachdenkt (früher hat sie oft über finanzielles sich sorgen gemacht). Sie sagte immer nein. Also entweder sie wollte es von mir fernhalten oder sie war mit der Situation dann doch irgendwie im Reinen.
Sie kam die ersten 1,5 Wochen mit der Dosis des Schmerzpflasters aus dem Krankenhaus aus (25er, also wohl recht gering). Dann hatte sie aber wohl doch stärkere Kopfschmerzen. Die Pfleger hatten Ihr erstmal Schmerztropfen zum Schlucken gegeben, die auch erstmal geholfen haben. Sie haben sich sehr gefreut, dass Mama Hilfe angenommen hat. Dann 2 Tage später hat sie auch einer Morphin Spritze (5mg, also auch wenig) zugestimmt. Das hat mich sehr gewundert und zugleich gefreut. Denn es zeigte, dass sie doch Vertrauen gefasst hat. Nochmal 2 Tage später ging es ihr richtig schlecht. Sie hat nur geschlafen, ein Auge war geschwollen und die Pupille verdreht. Hirndruck scheint wieder zu steigen. So 2-3 Tage später ging es ihr wieder besser. Es folgte eine richtig gute Woche – also den Umständen entsprechend. Sie wurde gebadet (hat es zugelassen) und wollte sogar mit dem Rollstuhl mal in die Wohnküche des Hospizes fahren. Ich war leider nicht dabei, aber Papa erzählte mir freudig davon. Sie hat die ganze Zeit zur Terrassentür rausgeschaut – rausfahren ging wegen Wetter nicht. Das hat mich sehr gefreut. Dann hat sie auch mal mehr gegessen, auch selbstständig. Sie wollte auch wieder TV schauen. Ein paar einzelne Worte gingen auch wieder. Und sie hat noch 1 Satz mir gegenüber sagen können: „Geht es Dir gut?“. Sie war manchmal emotional uns gegenüber. Als ich geweint habe, hat sie meine Tränen weggewischt und mich gestreichelt. Dabei bin ich doch da um sie zu trösten. Sie hat in der Woche sogar nochmal eine Suppe gegessen – sie hatte wochenlang nur Süßes gegessen. Toll. Es ist schon faszinierend zu sehen. Mamas Metastasen waren ja trotzdem da und der Hirndruck auch. Sie war auch weiterhin auf Hilfe angewiesen und war bettlägrig. Aber ansonsten war es eine verhältnismäßig gute Woche.
Tja und dann ging es ihr fast schon schlagartig schlechter. Wieder Schmerzen, wieder mehr Hirndruck. Morphin hat sie wieder zugelassen. Essen ging nicht mehr. Trinken erst noch in ganz kleinen Mengen, die sie aber nicht selbst nehmen konnte. Ab Sonntag hat sie dann fast nur noch geschlafen – pder hatte zumindest die Augen zu. Flüssigkeit haben wir dann durch Pipetten, Schwämmchen, Sprühflaschen etc. noch etwas gegeben. Na ja und Mundpflege halt. Hand konnte sie noch halten, aber sehr schwach. Manchmal hatte sie die Augen offen, manchmal nicht. Das Auge war auch wieder dick. Wenn man sie etwas fragte, kam keine Antwort. Daher wurde ihr auch manchmal auf Verdacht ein Schmerzmittel gespritzt, wenn man Schmerzanzeichen gesehen hat. Pflaster hat sie mittlerweile ein 50er bekommen. Ich dneke schon, dass sie noch einiges mitbekommen hat. Aber sie konnte vermutlich die Fragen nicht mehr verarbeiten. Ich hab Ihr dann teilweise nur vorgelesen, damit sie meine Stimme hört und merkt, dass sie nicht allein ist. Dienstag sagte mir die Pflegerin im Gespräch, dass sie glauben, dass Mama sich auf den Weg macht. Sie hatte auch Rasselatmung.
Am nächsten tag war diese Atmung aber wieder deutlich besser geworden. Der Rest war wie gehabt schlecht. Man kümmerte sich natürlich sehr um sie (zB wegen Mundpflege). Es folgten Tage, an denen Papa und ich sehr lange bei ihr waren und in denen ich mich gefragt habe, wie lange Mama sich noch quälen muss. Am Samstag war ich dann 10 Uhr da. Die Pflegerin nahm mich direkt um mit mir zu reden. Sie sagte, dass es wohl nicht mehr lange dauert. Schluckreflex war nicht mehr da, daher haben sie jetzt auch kein Wasserschwämmchen o.ä. mehr genutzt, da es alles direkt wieder rausgelaufen ist. Nur etwas balsam für die Lippen. Finger hatten schon eine andere Farbe. Unruhig war sie – immer Seufzer. Atmung war ganz ganz schnell mit 20-25sek Atemaussetzer. Sie war auch schon „nicht mehr da“. Wohl der Prozess, wo sich Seele vom Körper löst. Sie hat auf nichts mehr reagiert. Auch auf Schmerzspritzen nicht. Keine Reaktion beim Piekser. Ich bin dann trotzdem 10 Stunden da gewesen. Hab ihre Hand gehalten, hab sie gestreichelt, ihr vorgelesen und ihr immer wieder gesagt, dass sie gehen kann und ich sie loslasse. Die größte Lüge meines Lebens – nein ich war nicht bereit mama gehen zu lassen. Aber sie sollte sich nicht mehr quälen. Die Ärztin war auch nochmal da. Die Morphin Dosis wurde dann abends erhöht und ein leichtes Narkosemittel noch hinzugegeben um ihr den Übergang zu erleichtern (aber nur in geringer Dosis). Nach einigen Gesprächen mit Pflegern und Ärztin war die Vermutung, dass Mama allein gehen wollte und es von mir fernhalten wollte. Also bin ich halb 8 abends gegangen. Habe mit den Pflegern verabredet, dass die Nachtschwester mich dann früh anruft. Das tat sie auch. Mama hat es am Samstagabend (17.10.) 22:40 uhr geschafft. Sie hat den letzten Atemzug gesehen, weil sie nach ihr schauen wollte. Sie ist friedlich eingeschlafen. Ich war dann nochmal 4 Stunden bei Mamas Leiche. Sie sah schön friedlich aus und irgendwie 10 Jahre jünger. Aber sie war so kalt…. ☹

Wir hatten knappe 3 Monate mit ihr seit der Diagnose. Die 4 Wochen im Hospiz waren sehr intensiv und emotional.
Von der Aggression vorher keine Spur. Daher vermute ich, dasss sie nicht allein von den Metastasen gekommen sind sondern vermutlich auch vom Kortison. Sie suchte unsere Nähe (Hand) und lies es bis auf wenige Ausnahmen zu, dass wir ihre Hand immer gehalten und gestreichelt haben. Es war wahnsinnig emotional. Geweint haben aber immer nur Papa und ich, sie nicht. Die Pfleger und Pflegerinnen im Hospiz waren wahnsinnig nett, einfühlsam und Mama war wunderbar umsorgt. Zu Hause wäre das so selbst mit Pflegedienst nicht möglich gewesen. Sie hatte auch irgendwann Vertrauen und hat sogar auch mal gelacht mit den Pflegerinnen dort. Ich bin dankbar, dass es Hospize gibt und auch, dass die Finanzierung zwischen Krankenkasse und Pflegekassen ausgemacht wird und man als Angehöriger damit nicht zu kämpfen hat, keinen Eigenanteil, den man finanzieren müsste etc. Man kann dann einfach nur da sein und voneinander Abschied nehmen.
Mama wollte nie so jung sterben, aber auch nicht uralt werden. Klar, sie wollte einfach dass es schnell geht und sie nicht leiden muss. Das kommt nun auf die Sichtweise an. Aber 3 Monate ist ja nicht wirklich eine lange Leidenszeit und durch die Metastasen und die Schädigung im Gehirn hat sie vieles auch gar nicht mehr verstanden. Auch ein kleiner Vorteil. Schmerzen hatte sie nicht bzw. wurden, wenn Schmerzanzeichen da waren, schnell gelindert.


Wir konnten uns 3 Monate darauf vorbereiten, dass der Tag kommen wird. Und trotzdem kann man es nicht. Die Zeit vorher konnte man wenigstens Mama sehen, sie riechen, sehen und die warme Hand fühlen. Das alles geht nun nicht mehr.
Die letzte Fahrt mit dem Fahrrad ins Hospiz habe ich "genossen" und bin sehr langsam gefahren – da sletzte Mal Mama sehen-wenn auch als Leiche. Es tat so unfassbar weh.



Mama, vielleicht liest Du das ja.
Ich vermisse Dich schon jetzt und weine unwahrscheinlich viel. Du hast einen so jungen Tod nicht verdient. Aber Deine Krankheit war nunmal da und in Anbetracht dessen hast Du Dich richtig entschieden, dass Du keine Therapien wolltest. Wer weiss, was sonst noch so gekommen wäre … Metastasen in anderen Organen oder in den Knochen. Lungenentzündungen oder sonstwas. Es war ein relativ schnelles Ende, aber ohne großen Qualen. Das tröstet mich etwas, auch wenn ich das Gefühl hatte, Dich irgendwie einfach sterben zu lassen, weil man nichts machen konnte. Ich konnte Dir leider nicht besser helfen. Ich weiss, dass Du es lange nicht wahrhaben wolltest und lange nicht dran geglaubt hast - und vielleicht hast Du im Hospiz auch mal gedacht "wann komm ich hier raus" und "wieso lassen sie mich hier sterben". Vermutlich wusstest du nichts mehr von Deiner Entscheidung mehr. Aber du hattest sie damals bei vollem Bewusstsein gefällt und ich wusste schon immer, dass du keine Chemo o.ä. Wolltest. Mama, bitte verzeih mir, ich konnte dir einfach nicht helfen, die Krankheit war zu böse.
Bitte pass als Schutzengel auf mich auf und sende mir mal ein Zeichen, dass Du gut in der anderen Welt angekommen bist. Danke, dass Du im Leben immer für mich da warst.
__________________
Mama 16.01.1958 - 17.10.2020
Lungenkrebs & Hirnmetastasen, ED 25.07.2020
Mit Zitat antworten
  #2  
Alt 27.10.2020, 16:04
Clea Clea ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 13.01.2017
Beiträge: 533
Standard AW: Mama ist nicht mehr da

Liebe Yvonne,
schön, dass du zu uns Hinterbliebenen gefunden hast.
Deine Geschichte klingt anfangs ähnlich wie meine,
die Entscheidungen unterscheiden sie dann voneinander.
Wir haben die Metastase operieren und bestrahlen lassen.
Welch eine Verschwendung, im Nachhinein.
Und wir haben es nicht mehr bis ins Hospiz geschafft,
meine Ma hat das Krankenhaus nicht mehr verlassen.
Wir wollten es Zuhause versuchen, die Pflegesachen waren alle da.
Aber es sollte nicht sein.
Die OP hat ihr so sehr zugesetzt und die Bestrahlung hat ihr dann den Rest gegeben.
Es ist gut, dass ihr die Zei tnoch hattet, sie war sehr wertvoll für euch.
Auch, wenn du denkst, sie war zu kurz.
jemanden so jung zu verlieren ist einfach ungerecht.
Viel Kraft für euren weiteren Weg.
__________________
Meine Ma
17.9.1957-19.2.2017, 59 Jahre, Lungenkrebs mit Hirnmetastasen
Mit Zitat antworten
  #3  
Alt 27.10.2020, 17:59
toastbrot81 toastbrot81 ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 22.08.2020
Beiträge: 16
Standard AW: Mama ist nicht mehr da

Im Nachhinein weiss man es ja immer besser. Gibt ja auch Fälle, wo OP und Bestrahlung gut hilft und man dann noch länger als gedacht damit leben kann. Vermutlich hättet ihr euch andersrum gefragt "hätten wir nicht die OP versuchen sollen?". Es ist halt eine schwierige Entscheidung. Keine Ahnung, wie ich das für mich entscheiden würde. Man weiss es vorher ja leider nicht.

Mamas Einstellung kannte ich. Wir sind eine Krebsfamilie. ihre Schwester ist vor ca 20 Jahren schon gestorben - gleiche Krankheit. Sie hat sich operieren lassen, war danach blind. Und ist halt natürlich im Endeffekt auch dran verstorben. Es war 20 Jahre her und es hat sich medizinisch/ technisch einiges getan. Aber Mama hatte das halt nich im Hinterkopf. Genauso wie die anderen Krebsfälle, die trotz Chemo dran verstorben sind. Von daher war mir ihre Entscheidung schon immer klar.
Aber da sie nicht mehr sprechen konnte, weiss ich halt nicht, wie sie in der Hospizzeit darüber gedacht hat. Sie wollte ja nicht sterben. Aber da wäre eine Therapie wohl eh zu spät gewesen.
Krebs ist und bleibt ein Arschloch ... und wenn er dann noch ins Gehirn streut ... Bleibt der Trost, dass Mama es halt schnell und ohne Jahre des Leidens hintersich gebracht hätte. Wenn es nur ein paar Jahre später gekommen wäre und sie noch ein paar schöne Rentenjahre gehabt hätte
__________________
Mama 16.01.1958 - 17.10.2020
Lungenkrebs & Hirnmetastasen, ED 25.07.2020
Mit Zitat antworten
  #4  
Alt 27.10.2020, 20:50
Clea Clea ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 13.01.2017
Beiträge: 533
Standard AW: Mama ist nicht mehr da

Ja, genauso denke ich auch.
Pünktlich, wenn du denkst, jetzt machst du dir nen duften Lenz,
kommt so was und haut dich von den Füßen.
Das ist einfach ungerecht.
__________________
Meine Ma
17.9.1957-19.2.2017, 59 Jahre, Lungenkrebs mit Hirnmetastasen
Mit Zitat antworten
  #5  
Alt 17.11.2020, 23:06
toastbrot81 toastbrot81 ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 22.08.2020
Beiträge: 16
Standard AW: Mama ist nicht mehr da

Liebe Mama,
nun ist es schon 1 Monat her, als Du aufgehört hast zu atmen und Dein Herz aufgehört hat zu schlagen. Da wir uns dieses Jahr vor Deiner Krankheit wegen Corona eh nicht oft gesehen haben, war es erstmal gar nicht so unwirklich. Aber es wird nun langsam immer bewusster, dass ich dich wirklich nicht mehr sehen, reden, berühren, umarmen darf ... nie wieder. Und das nicht wegen Corona sondern weil du einfach nicht mehr hier auf dieser Welt bist.
Immer mal kommt Wut hoch. Nicht auf dich und Deine Entscheidung. Sondern auf diese Arschlochkrankheit. Und auch darauf, dass wir nicht darüber reden konnten. Wo Du reden konntest, hast du alles abgestritten und als du nicht mehr reden konntest, konntest du mir nichts mehr sagen. Ich weiss, dass du mir vermutlich gesagt hättest, ich soll mein Leben leben. Aber ich hätte es einfach gern gehört. Auch hätte ich gern gewusst, was Dir durch den Kopf ging, an was Du gedacht hast, ob ich Dir noch was Gutes hätte tun können. Ich möchte gern wissen, ob ich den Umstämden entsprechrnd alles gut gemacht habe. Ich weiss ja, dass du eigentlich nach Hause wolltest. Oder ob du mir böse warst. Hast Du zwar verneint, aber kann sich ja auch ändern. Und ich würde gern wissen, wieviel Du mitbekommen hast in den letzten Wochen. Aber die scheiss Krankheit hat verhindert, dass du die letzten 5-6 Wochen Deines Lebens reden konntest. So musstest Du alles mit dir selbst ausmachen, weil du dich niemanden anvertrauen kannst. Das tut mir so unendlich weh. Ich hätte dir so gern geholfen. Es blieb soviel unausgesprochen, obwohl man Zeit gehabt hätte. Das tut so weh.

Heute ist auch mein Geburtstag, der 1. Geburtstag ohne Dich. Du hast sonst immer angerufen und jedes jahr den gleichen Scherz gemacht, dass du doch eigentlich früh 6 Uhr morgens anrufen wolltest. Dieses Jahr hast Du nicht angerufen.
Ich feiere ihn eh nie, dieses Jahr erst recht nicht. Hab im Garten gearbeitet und Keller aufgeräumt um mich abzulenken. Hat auch nur für den Moment was gebracht.

Mama, ich hoffe es geht dir da, wo Du jetzt bist, gut. Und ich hoffe, Du schickst mir mal ein kleines Zeichen von Dir (und ich erkenne es auch).
__________________
Mama 16.01.1958 - 17.10.2020
Lungenkrebs & Hirnmetastasen, ED 25.07.2020

Geändert von toastbrot81 (17.11.2020 um 23:08 Uhr)
Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen


Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)
 
Themen-Optionen
Ansicht

Forumregeln
Es ist Ihnen nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Ihre Beiträge zu bearbeiten.

BB-Code ist an.
Smileys sind an.
[IMG] Code ist an.
HTML-Code ist aus.

Gehe zu


Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 05:25 Uhr.


Für die Inhalte der einzelnen Beiträge ist der jeweilige Autor verantwortlich. Mit allgemeinen Fragen, Ergänzungen oder Kommentaren wenden Sie sich bitte an Marcus Oehlrich, bei technischen Kommentaren an den Webmaster. Diese Informationen wurden sorgfältig ausgewählt und werden regelmäßig überarbeitet. Dennoch kann die Richtigkeit der Inhalte keine Gewähr übernommen werden. Insbesondere für Links (Verweise) auf andere Informationsangebote kann keine Haftung übernommen werden. Mit der Nutzung erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen an.
Powered by vBulletin® Version 3.8.7 (Deutsch)
Copyright ©2000 - 2020, vBulletin Solutions, Inc.
Gehostet bei der 1&1 Internet AG
Copyright © 1997-2014 Volker Karl Oehlrich-Gesellschaft e.V.
Impressum: Volker Karl Oehlrich-Gesellschaft e.V. · Eisenacher Str. 8 · 64560 Riedstadt / Postanschrift: Postfach 130435 · 64243 Darmstadt / Vertretungsberechtigter Vorstand: Marcus Oehlrich / Datenschutzerklärung
Spendenkonto: Volker Karl Oehlrich-Gesellschaft e.V. Spendenkonto Nr. 17252500 · Volksbank Darmstadt-Südhessen eG · BLZ 508 900 00 · IBAN DE23 5089 0000 0017 2525 00 · BIC: GENODEF1VBD