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Alt 08.09.2011, 12:26
Annika0211 Annika0211 ist offline
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Registriert seit: 06.02.2008
Beiträge: 882
Standard AW: Chemo bei ProstataCa wird nicht besser

Hallo, Ihr Lieben.
Chica, das ist ja super lieb von dir, aber ich bin kein Engel – nicht mehr und nicht weniger als du auch ;o)
Wir sind 2 Mädels, die in ihren Berichten aus einer wichtigen Phase ihres Lebens ihre Erfahrungen teilen, die sich irgendwie gleichen und doch anders verlaufen sind – aber ich weiß, wie du das meinst und sage DANKE.

Es sind keine alltäglichen Erfahrungen gewesen, die wir machen MUSSTEN, aber das Ungefragte, das plötzlich Geschehene, nicht zu zerstörende Übel hat andere Menschen aus uns gemacht (wenn nicht schon geschehen). Von meinen Freunden gibt es wenige, die mir nachfühlen können.

Anfangs fühlte ich mich zerrissen.
Ich hätte meinen Schmerz am Liebsten so laut rausgeschriehen, dass er allein durch die Lautstärke mindestens 1x um die Welt hätte kreisen müssen. Ich hätte am Liebsten alle versiegten Seen mit meinen Tränen aufgefüllt. Aber ich wollte auch stark sein. Ich musste es auch. Meine Mama war die, deren Lebensglück aufhörte.
Wiegt der Tod des geliebten Partners mehr als der des geliebten Vaters einer Tochter?
Ich habe mich gefragt, wer bedauernswerter ist – Mama oder ich.
Saublöde Frage, wirklich! Man kann es nicht aufwiegen.
Ich habe meinen Freund an meiner Seite – Mama hat ihren Geliebten unwiderbringlicvh verloren.
Ich bin ein junger Mensch, dessen Beziehung schon ein paar Jahre währt, aber erst sehr lang werden soll – Mama hat über 40 Jahre mit ihrem Geliebten leben dürfen.
Mein Mittelpunkt... ja, wo oder was oder wer ist er? Mein Freund.
Mamas Mittelpunkt war Papa. Sie steht jetzt alleine da mit dem großen Haus.
Ich bin daher der Ansicht, dass Ihr Verlust schwerer wiegt als meiner.
Deswegen muss ich stark sein.
Ich weiß nicht, ob ihr verstehen könnt, wie ich das meine...
Meine Mama ist von Anfang an tapferer gewesen als ich. Nach dem schweren Verlust für uns gestehe ich IHR zu, dass sie schwach sein darf, dass sie jammern darf – ich bin da und fange sie auf, wenn ich kann. Ich bin der junge Mensch - ich bin die, die noch nichts „Schlimmes“ durchmachen musste - ich bin diejenige, die noch einiges verkraften kann/muss – ich bin diejenige, die jetzt dran ist, Dinge aushalten zu können, zu müssen...

Sein erster Geburtstag ohne ihn war 7 Tage nach seinem Tod.
Bis dahin war er noch nicht bestattet, aber da wir das für zweitrangig halten, haben wir ganz fest an ihn gedacht. Wir haben geweint, das weiß ich. Aber ich weiß nicht mehr, wie und wo das geschehen ist.
Ich hatte zu dieser Zeit sehr viel um die Ohren, habe mich um den ganzen Schriftkram und die Organisation und meine Mama und mich gekümmert.
Freunde und Verwandte wollten Anteil nehmen, was verständlich ist, aber irgendwann kaum noch auszuhalten ist... immer wieder das Gleiche erzählen, immer wieder daran denken, so frisch nach dem Geschehenen...

Er wäre 77 Jahre alt geworden... gleich im neuen Jahr...
Aber das wollte er wohl nicht mehr. Und ich bin froh, dass er sich nicht gequält hat, nur um diesen Tag erleben zu dürfen/müssen.
Sein 76. Geburtstag war viel schöner – wie wäre es wohl geworden, wenn er zu seinem 77. noch da gewesen wäre... im Hospiz...
Ich überlege mir das gerade... diesen Geburtstag hätte ich sicher nie vergessen können! Was hätte man ihm wünschen sollen? Alles Gute? Gesundheit? Das kommt mir grade so sinnlos, so lächerlich vor... Furchtbar wäre das gewesen, glaube ich.

Wisst ihr, was ich schrecklich finde?
Sein Todestag jährt sich zum Jahresende das 4. Mal.
Ich denke so oft an ihn, an seine Worte, seine Stimme, sein Gesicht, sein Tun und Handeln, sein Lachen, sehe sein blaues Hemd, was ihm so gut stand, mochte sein liebes Gesicht mit den vielen, vielen Sommersprossen, die ihn ganz braun machten, mochte seine gepflegte Erscheinung, ALLES...

Aber oft habe ich Schwierigkeiten, mir die scharfen Bilder ins Gedächtnis zu holen... alles ist so verblasst, so undeutlich...
Dann schäme ich mich, weil ich mir vorkomme, als würde ich die Erinnerung von mir stoßen... ich weiß ja, dass ich das nicht tue, aber wo sind die Bilder hin???
Ich habe vor Kurzem mit meiner Mama darüber gesprochen – sie sagt, bei ihr ist es genauso. Die Bilder verblassen und die Schmerzen werden irgendwie verarbeitet.

Lass ich es nicht zu, dass ich ihn deutlich sehe, damit der Schmerz nicht wieder hochkommt? Wenn ich den Schmerz dann wieder spüre, wäre ich dann schwach?
Ich könnte mir die Fragen selbst beantworten, aber ich merke, wie ich dann im Widerspruch zu mir selber bin...
Ich muss stark sein – daher darf ich nicht schwach sein.
Schwach werde ich, wenn ich den Schmerz spüre.
Schmerzen zu spüren sind aber kein Zeichen der Schwäche. Sie auszuhalten sind ein Zeichen der Stärke.
Halte ich sie aus, indem ich sie nicht mehr zulasse?
Und warum fühle ich mich dann manchmal schwach und ohnmächtig, leer und ohne Freude?

Nichts kann diesen Schmerz trösten.
Niemand weiß genau, WAS da weh tut – die Erinnerung, das „Was wäre, wenn...“, die Ungerechtigkeit, das „Warum?“...
Ich glaube, erst wenn man den Schmerz beim Namen nennen kann, kann man ihn besser lösen. Aber der Tod eines geliebten Menschen ist ein so unsagbar unvergleichliches Erleben, was man mit Nichts gleichstellen kann.
Immer noch ist der Tod ein sensibles Thema – oft wird das Thema tabuisiert, verschwiegen, umgangen.
Man beschäftigt sich auch erst damit, wenn es eine Bezugsperson zu diesem Thema gibt – so wie wir mit unseren Vätern.
Vorher habe ich mir keine Gedanken darum gemacht. Erst, als es immer ernster um Papa wurde.

Ich habe mich seitdem sehr verändert.
Ich glaube, mit so einer Erfahrung, wie wir sie machen mussten, lebt man anders. Intensiver. Bewusster. Nachdenklicher.
Man hinterfragt zwar nicht alles, aber das, was man hinterfragt, gründet sich aus dem, was man erlebt hat.
Andere Dinge scheinen jetzt wichtiger zu sein und treten in den Vordergrund. Ganz andere wieder werden kopfschüttelnd nach hinten geschoben.
Die persönlichen Werte haben sich bei mir verändert.

Neulich sah ich mit meinem Freund Tatort, bei dem eine Frau ihren Mann beim Sterben begleitet hat. Ich fand das so rührend, so unglaublich liebevoll - einfach so, wie ich es kenne.
Der Mann starb und erst dann war die Frau bereit für den Rest ihres Lebens, für die kommende Verantwortung, für ihr Schicksal.
Ich sagte zu meinem Freund, dass ich hoffe, dass wir uns eines Tages ebenso beim Sterben begleiten können.
Ich wage mir gar nicht vorzustellen, wie das für mich wäre... Dann würde ICH den geliebten PARTNER verlieren.

Ihr Lieben, ich schreibe schon 3 Tage an diesem Text, weil mir die Zeit momentan fehlt und ich mich dann immer wieder neu reinlesen muss.
Jetzt setze ich den Beitrag erstmal frei und schreibe weiter, wenn ich noch was zu berichten habe.

Ich drück euch.
__________________
Alles Liebe.
**********************
Papa, für immer in meinem Herzen - 31.12.2007

Geändert von Annika0211 (08.09.2011 um 12:36 Uhr)
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