Krebs-Kompass-Forum seit 1997  


Zurück   Krebs-Kompass-Forum seit 1997 > Spezielle Nutzergruppen > Forum für Angehörige

Thema geschlossen
 
Themen-Optionen Ansicht
  #1  
Alt 13.12.2016, 09:26
Dream Dream ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 08.11.2016
Beiträge: 100
Standard AW: Lymphdrüsenkrebs mit 81

Hallo ihr beiden!

Es ist leider kein Unsinn, dass ich durch meine Krankheit eingeschränkt bin. Diese Probleme bestanden schon vor dem Krankheitsausbruch meiner Mutter. Meine Mutter hat Angst, dass sie mir eine Last ist, aber es liegt nicht an ihr, auch wenn jetzt etwas viel zusammenkommt. Doch die Ursache liegt bei mir und bestand schon länger, unabhängig von meiner Mutter.

Manchmal muss ich meiner Mutter auch Wünsche abschlagen, weil es mir kräftemäßig zu viel wird. Eigentlich möchte ich das nicht zeigen, da sie dann wieder das Gefühl hat, eine Last zu sein, was nicht zutrifft. Doch muss ich Grenzen setzen, sogar bei ihr. Ich merke auch, dass sie nicht immer das Richtige für sich verlangt, sie hat die Relationen verloren, denkt auf einmal wie ein Kind, geht mehr nach Bauchgefühlen, ist nicht mehr so vernünftig wie vorher. Meine Bedenken bewahrheiten sich, was mir zeigt, dass ich nun mehr anleiten muss. Im Vergleich zur Krankenhausentlassung Ende Oktober ist es nicht mehr so viel besser. Zuerst ging es aufwärts, aber jetzt ist es wieder ähnlich wie nach der Entlassung. E schwankt enorm, auch ihre Temperaturen, zuerst 35 Grad, dann wieder über 37,5 Grad bis 38,3 Grad. Derzeit hat sie kein Fieber mehr. Ich gab ihr die verschriebenen Medikamente, die halfen.

Ehrlich gesagt hab ich das Gefühl, dass der Hausarzt sie nicht mehr großartig betreuen will. Hausbesuche lehnt er auch ab. Er sagte klar, dass sie sterben wird. Man könne nichts mehr machen, nur bei Schmerzen o. ä.

Meine Mutter glaubt immer weniger, dass sie noch 2 Jahre schafft. Trotzdem will sie nicht sofort sterben, sondern sucht doch noch sehr viel Halt im Alltag, sie grübelt eher darüber und ans Regeln ihrer Angelegenheiten, was noch zu erledigen ist. So will sie ihren Kindern unbedingt ein religiöses Buch, das ihr besonders gut gefällt, hinterlassen, jedem ein Exemplar. Als wir eine Nachlieferung für 5 Personen bestellten, zählte sie immer wieder mit den Fingern nach, ob sie auch wirklich niemanden vergessen hat. Sie hat Angst, dass ihr Enkel nicht in den Himmel kommt. Es geht ihr nicht um sich selbst, obwohl sie für einen Augenblick auch Angst bekam, dass es für sie nicht reiche. Ich selbst denke nicht so, aber sie unterlag den Einflüssen von allzu puritanischen Christen mit der üblichen Angst vor der Hölle.

Danke für eure lieben Worte!
Eure Dream
__________________
LG Dream

Geändert von Dream (13.12.2016 um 09:28 Uhr)
  #2  
Alt 13.12.2016, 10:12
Wolle2 Wolle2 ist offline
Gesperrt
 
Registriert seit: 23.10.2016
Ort: Berlin
Beiträge: 365
Standard AW: Lymphdrüsenkrebs mit 81

Liebe Dream.

"Das Problem, worunter ich am meisten leide, bin ich selbst, meine eigene Krankheit, die mich in meiner Handlungsfähigkeit spürbar einschränkt. Aber ich MUSS funktionieren und habe sehr viel zu erledigen, nicht nur in der Betreuung. Die Fristen laufen aus, dann noch finanzielle Probleme. Ich konnte bisher gut allein sein, aber im Moment wünschte ich echt, ich hätte einen verlässlichen Lebenspartner, der mir jetzt helfen würde. Aber da ist einfach niemand. Ich bin ganz allein mit meiner Mutter. Es gibt Verwandte und Helfer von außen bis zu einem gewissen Grad, aber die Hauptlast muss ich alleine tragen. Ich könnte mich echt ohrfeigen, dass ich nicht so funktioniere, wie es sein sollte. Ich bin so wütend auf mich, aber auch das bringt mich nicht ausreichend in Schuss".
Deine Verzweiflung ist verständlich, bringt Dich aber keinen Schritt weiter. Neben den Sorgen mit Deiner Mutter ist auch für Dich Ausgleich und Ruhe nötig. Dass Du Deiner Mutter einige Bitten abschlägst, ist völlig in Ordnung und für Dein eigenes Befinden notwendig. Deine ständige Überlastung führt letztlich dazu, dass ihr beide nicht mehr könnt. Darum achte bitte auf die Grenzen, die Dir deine Gesundheit setzt.

Mit vielen Grüßen.
Wolle2
__________________
  #3  
Alt 13.12.2016, 21:21
lotol lotol ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 10.04.2016
Beiträge: 716
Standard AW: Lymphdrüsenkrebs mit 81

Liebe Dream,

zu allen anderen Schwierigkeiten, die Du/Ihr zu bewältigen habt, kommt aus meiner Sicht vielleicht auch noch hinzu, daß Du mit einer gewissen "Janusköpfigkeit" Deiner Mutter umgehen können mußt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Janus_%28Mythologie%29

Zitat:
Ehrlich gesagt hab ich das Gefühl, dass der Hausarzt sie nicht mehr großartig betreuen will. Hausbesuche lehnt er auch ab. Er sagte klar, dass sie sterben wird. Man könne nichts mehr machen, nur bei Schmerzen o. ä.

Meine Mutter glaubt immer weniger, dass sie noch 2 Jahre schafft.
Hat der Hausarzt Ersteres so klar Deiner Mutter gesagt??
So nach dem Motto:
Da kann man nichts mehr machen...

Denn für mich ist es schwer vorstellbar, daß ein Arzt das tun würde.
Es ist ja schließlich ein qualitativer Unterschied, ob ein Arzt sagt:
Es sieht zwar "düster" aus - aber wir können noch das ... oder auch das ... tun/versuchen.
Meinst Du nicht, daß der Hausarzt die Überweisung Deiner Mutter in die Höhenklinik v.a. deshalb unterstützt, weil er mit seinem "Behandlungs-Latein" "am Ende" ist?
Weshalb Deine Mutter in der Höhenklinik besser "aufgehoben" ist.
Um sich unter permanenter ärztlicher Betreuung/Aufsicht wieder erholen zu können.

Kein Mensch weiß, wie lange Deine Mutter noch leben kann. Auch sie nicht.
Versuch ihr bitte klarzumachen, daß der Aufenthalt in der Höhenklinik dazu geeignet sein kann, sie noch länger "am Leben zu halten".
Dazu muß sie das aber auch wollen bzw. daran glauben, daß dies erfolgreich sein kann.
Denke, Du wirst schon die richtigen Worte finden, Deine Mutter dabei unterstützen zu können.

Denn alles andere wäre "Selbstaufgabe".
Kann man immer noch machen, wenn absolut nichts mehr "greift" und alles nur noch hoffnungslos ist.


Liebe Grüße
lotol
__________________
Krieger haben Narben.
---
1. Therapie (2016): 6 Zyklen R-CHOP (Standard) => CR
Nach ca. 3 Jahren Rezidiv

2. Therapie (2019/2020): 6 Zyklen Obinutuzumab + Bendamustin => CR
Nach ca. 1 Jahr Rezidiv, räumlich begrenzt in der rechten Achsel

3. Therapie (2021): Bestrahlung
  #4  
Alt 14.12.2016, 01:36
Dream Dream ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 08.11.2016
Beiträge: 100
Standard AW: Lymphdrüsenkrebs mit 81

Lieber Wolle2 und lieber lotol

Danke für euer liebes Zusprechen, ihr wisst nicht, wie sehr mir das hilft! Ich hoffe, euch geht es einigermaßen erträglich und den Umständen entsprechend gut!

Meine Mutter wachte wieder schweißgebadet auf, wir mussten alles wechseln, Nachthemd, Bettzeug, alles durchgeschwitzt. Sie wurde dadurch schon auf fast 33 Grad unterkühlt, als wir Fieber gemessen haben. Wenige Stunden davor hatte sie noch fast 38 Grad und war vom Kopf her recht wirr. Mit 33 Grad denkt sie wieder relativ klar. Nun schläft sie weiter.

Ich hab die Möbel so umgestellt, dass sie nicht ohne Mühe an die Treppe kommt. Ist zu riskant, wenn sie verwirrt ist. Aber sie verträgt die Umstellungen nicht so leicht. Doch musste es sein. Sie isst weniger als vorher, ihr ist leicht elend wie bei Grippe. Dann diese ständige Erschöpfung. Sie grübelt immer wieder darüber nach, was noch zu erledigen sei, bevor sie sterbe. Auf die Höhenklinik will sie immer noch, aber wir erhalten wohl erst im Januar Bescheid.

Ich setze ihr Grenzen, wenn sie mir zu viel abverlangt. Wir suchen dann neue Lösungen. Sie denkt viel an mich und wie es mir dabei geht. Das Kümmern um mich kann sie nicht ganz ablegen, auch wenn ich sie betreue und pflege. Sie sagt immer wieder: "Und Du?" - Ich muss alles auch für mich machen, wenn sie einen Tee will, muss ich mir auch etwas machen. Sie allein will nicht der einzige Grund sein, erst mit mir zusammen reicht es als Grund, sich Tee zu machen.

Ich muss ihr nichts vormachen, die Ärzte waren so offen vor ihr, sagten ihr klar, dass sie nur noch ein paar Monate zu leben habe und sie zu schwach sei für eine Behandlung. Als ich davon sprach, ihr Immunsystem aufzubauen, sie evtl. wieder hochzupäppeln, widersprachen mir die Ärzte sofort, das habe keinen Sinn. Es wird nur noch palliativ medizinisch versorgt. Da es immerhin 3 Ärzte so offen sagten und ich selbst spüre, wie schlecht es ihr geht, glaube ich diesen Ärzten.

Meine Mutter fühlt ebenfalls, dass sie an dieser Krankheit sterben wird. Die Frage ist nur, wie lange sie noch lebt und wie sie diese Zeit verbringt. Es ist nicht leicht, auch wenn sie keine starken Schmerzen hat und ihr auch nicht unbedingt total elend im Magen ist. Doch ist es wie eine Grippe, dann diese starke Hinfälligkeit. Sie kann kaum noch gehen und ihren Körper alleine bewegen. Das geht nur sehr langsam und mit Hilfe. Am liebsten würde sie gar nicht mehr aufstehen, sagt sie. Aber ich ermutige sie dazu, auch mit der Begründung, dass ich überlastet wäre mit einer vollen Bettlägerigkeit, welche der Hausarzt aber bereits voraussagte als Endstadium. Da es noch nicht ganz so ist, hoffe ich immer noch, dass sie evtl. wieder von der Höhenklinik aufgepäppelt werden könnte für vielleicht 1 Jahr, falls diese wirklich durch die Krankenkasse bewilligt wird.

Unsere letzte Hoffnung ist diese Höhenklinik. Dort wäre das Programm, um sie noch irgendwie aufzubauen und zu regenerieren, auch psychisch. Ich träumte von dieser Höhenklinik, doch spürte ich auch dort in der Höhenklinik den lauernden Tod, der wie die Pest umging. Ein bisschen ähnlich wie Thomas Manns Zauberberg-Roman. Meine Mutter weiß von meinen Träumen, immerhin ist der Tod ausgesperrt, vielleicht auch ein Zeichen, dass wir das weiterhin schaffen und sie ihm für eine Weile von der Schippe springt. Wir reden offen darüber, sie will leben, sie hat keine Todessehnsucht, aber sie ist Realistin und setzt sich damit auseinander in den klaren Momenten. Sie sagt, dass die Diagnose für sie ein Schock war. So leicht ist es doch nicht, sich ins Sterben zu fügen. Es ist nicht dasselbe wie vorher, wenn sie nur theoretisch davon sprach, nicht 90 werden zu wollen. Diese Krankheit ist für sie schon auch eine harte Prüfung, da sie vorher immer so arbeitseifrig war, obwohl sie mit einer gewissen Altersgebrechlichkeit leben lernte. Jetzt auf einmal ist sie zu gar nichts mehr allein in der Lage ohne Hilfe.
__________________
LG Dream

Geändert von Dream (14.12.2016 um 01:41 Uhr)
  #5  
Alt 14.12.2016, 05:21
lotol lotol ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 10.04.2016
Beiträge: 716
Standard AW: Lymphdrüsenkrebs mit 81

Liebe Dream,

Du entwickelst Dich ja auch allmählich zu einer "Nachteule".
Ich verstehe das schon:
So viel "treibt uns um", das nur in der Nacht "störungsfrei" erledigt werden kann.

Zitat:
Sie wurde dadurch schon auf fast 33 Grad unterkühlt, als wir Fieber gemessen haben. Wenige Stunden davor hatte sie noch fast 38 Grad und war vom Kopf her recht wirr. Mit 33 Grad denkt sie wieder relativ klar. Nun schläft sie weiter.
Ich bitte Dich:
33° C?
Das ist massive Unterkühlung - verglichen mit der menschlichen "Normal-T" von 37° C!

Mein Vater war Kneipp-Anhänger, was ihm höchstwahrscheinlich das Leben "gerettet" hat, als er einmal schwer krank wurde.

Ich lernte diesbzgl. viel von ihm.
Als meine Tochter mal auf eine Party gehen wollte, aber Fieber hatte, sagte ich zu ihr:
Naja - dann "hauen wir halt das Fieber weg", damit Du auf die Party gehen kannst.
Ist anfangs unangenehm, aber funktioniert mit Sicherheit:
Ich verpaß Dir einen kalten Wickel, wodurch das Fieber innerhalb kürzester Zeit abgesenkt werden kann.

Ich erklärte ihr auch, wie das abläuft:
Sie würde dabei nackt in kalte (wassergenässte) Leinentücher eingewickelt.
Und sorgsam zugedeckt, damit sie anschließend das Fieber wegschwitzen kann.

Ich weiß nicht mehr genau, wie alt meine Tochter damals war.
Jedenfalls fing sie auf einmal an, sich zu "zieren".
Ich sagte dann:
Sag mal - hast Du noch alle Sinne beieinander?
Ich bin Dein Vater, und Du bist meine Tochter!
Glaubst Du im Ernst, ich wüßte nicht längst, wie eine nackte Frau aussieht??

Die "Ziererei" war damit beendet, und das Fieber konnte - wie gewünscht - abgesenkt werden.

Ich erzähle Dir das, weil sich dadurch für Euch evtl. eine alternative Möglichkeit aufzeigen könnte, das Fieber Deiner Mutter ggf. ohne Medikamente absenken zu können.
Aber bitte nicht runter bis auf 33° C.
Denn "normalerweise" können Menschen bereits bei "Normal-T" klar denken.

Zitat:
Ich hab die Möbel so umgestellt, dass sie nicht ohne Mühe an die Treppe kommt. Ist zu riskant, wenn sie verwirrt ist. Aber sie verträgt die Umstellungen nicht so leicht. Doch musste es sein. Sie isst weniger als vorher, ihr ist leicht elend wie bei Grippe. Dann diese ständige Erschöpfung. Sie grübelt immer wieder darüber nach, was noch zu erledigen sei, bevor sie sterbe. Auf die Höhenklinik will sie immer noch, aber wir erhalten wohl erst im Januar Bescheid.
Ist gut, was Du da machtest:
Fehlt ja gerade noch, daß Deine Mutter die Treppe herunterstürzt.
Versuch bitte mit allen Mitteln Deine Mutter bis zur Einweisung in die Höhenklinik "über die Runden bringen" zu können.

Woher kommt (rein sachlich) das immer wieder aufflammende Fieber?
Ist doch an sich ein gutes Zeichen, daß sich ihr Körper/ihr Immunsystem "zu wehren" versucht.
Wogegen?

Zitat:
Ich muss ihr nichts vormachen, die Ärzte waren so offen vor ihr, sagten ihr klar, dass sie nur noch ein paar Monate zu leben habe und sie zu schwach sei für eine Behandlung. Als ich davon sprach, ihr Immunsystem aufzubauen, sie evtl. wieder hochzupäppeln, widersprachen mir die Ärzte sofort, das habe keinen Sinn. Es wird nur noch palliativ medizinisch versorgt. Da es immerhin 3 Ärzte so offen sagten und ich selbst spüre, wie schlecht es ihr geht, glaube ich diesen Ärzten.
Genaue Prognosen können Ärzte gar nicht machen!
Sie können zwar sagen:
Eine momentane Behandlung können wir wg. der momentanen Schwäche eines Patienten gar nicht verantworten, weil der uns dabei höchstwahrscheinlich "abkratzen" würde.
Mehr aber auch nicht!

Ich wage es, zu bezweifeln, daß sie irgendeine definitive Aussage darüber treffen könnten, inwieweit das Immunsystem Deiner Mutter wieder "hochpäppelbar" ist oder nicht.
Dazu müßten sie es nämlich sehr genau kennen.

Was jedoch nicht der Fall ist bzw. gar nicht sein kann:
Denn sie wissen definitiv nicht, was Deine Mutter noch alles aktivieren kann, wenn sie das nur will.

Zitat:
Unsere letzte Hoffnung ist diese Höhenklinik. Dort wäre das Programm, um sie noch irgendwie aufzubauen und zu regenerieren, auch psychisch.
Ob das Eure letzte Hoffnung ist, weiß ich nicht.
Versuch bitte Deiner Mutter klarzumachen, daß sie verpflichtet ist, diese Chance aller Bemühungen, ihr Leben "retten zu können", auch wahrzunehmen.
Sie braucht sich nur darum zu kümmern und um weiter gar nichts!

Sollte ihr doch auch einigermaßen leichtfallen können, sofern sie noch einen "Selbsterhaltungs-Trieb" hat.
Laß bitte nicht "locker", sie darin zu bestärken.

Zitat:
Meine Mutter weiß von meinen Träumen, immerhin ist der Tod ausgesperrt, vielleicht auch ein Zeichen, dass wir das weiterhin schaffen und sie ihm für eine Weile von der Schippe springt. Wir reden offen darüber, sie will leben, sie hat keine Todessehnsucht, aber sie ist Realistin und setzt sich damit auseinander in den klaren Momenten. Sie sagt, dass die Diagnose für sie ein Schock war. So leicht ist es doch nicht, sich ins Sterben zu fügen. Es ist nicht dasselbe wie vorher, wenn sie nur theoretisch davon sprach, nicht 90 werden zu wollen. Diese Krankheit ist für sie schon auch eine harte Prüfung, da sie vorher immer so arbeitseifrig war, obwohl sie mit einer gewissen Altersgebrechlichkeit leben lernte. Jetzt auf einmal ist sie zu gar nichts mehr allein in der Lage ohne Hilfe.
Ja, sicher können Diagnosen ein harter Schock sein.
Insbesonders dann, wenn jemand sich dadurch in seiner ihm zeitlebens gewohnten Arbeits-/Leistungs-Fähigkeit eingeschränkt fühlt.
Das ist aber eine rein körperliche Angelegenheit.

Hat überhaupt nichts damit zu tun, mental den Körper weiterhin "hineinzuprügeln", so gut das halt (unschädlich) für ihn verträglich ist.
Machst Du doch auch nicht anders.

Appellier bitte an Deine Mutter, sich ausnahmslos von allem freizumachen.
Und sich nur auf ihre Erholung zu konzentrieren.
Ist aus meiner Sicht ihre einzige Chance, noch etwas länger weiterleben zu können.
Wie lange, weiß niemand.
Kommt es darauf an?
Oder darauf, überhaupt weiterleben zu können?


Liebe Grüße
lotol
__________________
Krieger haben Narben.
---
1. Therapie (2016): 6 Zyklen R-CHOP (Standard) => CR
Nach ca. 3 Jahren Rezidiv

2. Therapie (2019/2020): 6 Zyklen Obinutuzumab + Bendamustin => CR
Nach ca. 1 Jahr Rezidiv, räumlich begrenzt in der rechten Achsel

3. Therapie (2021): Bestrahlung
  #6  
Alt 14.12.2016, 21:48
Dream Dream ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 08.11.2016
Beiträge: 100
Standard AW: Lymphdrüsenkrebs mit 81

Lieber lotol

Nachdem meine Schwester meine Mutter innigst bat, noch etwas weiterleben zu wollen, wenigstens bis sie in der Höhenklinik ihre regelmäßigen Besuche bei ihr machen kann, meinte meine Mutter kindlich humorig, dass sie ihre Engelsflügel auf den Rückwärtsgang schalten müsse. Danach ging es ihr bald wieder schlechter, das erste Mal, wo sie nicht mehr aufstehen konnte. Ich musste sie mit dem Rollstuhl zur Toilette und ins Bett bringen und sie dabei auch entsprechend hochhieven. Die Trillerpfeife, womit sie mich herbeirufen kann, wollte sie sicherheitshalber umgebunden haben. Beim Üben verwechselte sie immer wieder die Rückseite der Pfeife mit dem Mundstück. Und heute Abend pfiff sie und glaubte, dass ihr Enkel angerufen habe und Hilfe brauche, was aber nicht zutraf, denn ihr Handy war bei mir, ohne Anruf im Anrufprotokoll. Sie hat Fieberhalluzinationen, vielleicht auch Träume, die sie nicht vom Wachzustand unterscheiden kann. Ihre Temperaturen liegen derzeit um die 37.7 Grad. Ich gebe ihr jetzt keine Mittel, da es sonst zu sehr nach unten fällt.

Einerseits habe auch ich öfter gehört, dass mittleres Fieber gut sei gegen Krebs, weil sich der Körper wehrt, aber die rasante Abwärtsspirale in diesem Monat zu einer auf einmal eintretenden Bettlägerigkeit könnte auch auf den nahenden Tod hindeuten. Ihr Körper spielt verrückt.

Noch stimmen nicht alle Kennzeichen des nahenden Todes bei Krebs überein, aber ich achte auf die Signale: http://www.aerztezeitung.de/medizin/...nahen-tod.html

Meine Schwester - eine Altenpflegerin - und die Pflegefrau, die uns täglich vormittags aufsucht, rieten auch zu einer milderen Absenkung des Fiebers, Essigwickel. Aber im Moment schauen wir, wie hoch das Fieber steigt. Solange es noch unter 38 Grad ist, drücke ich es noch nicht runter. Medikamente gebe ich keine mehr.

Auch ich mache meiner Mutter Mut, sag ihr, dass Fieber doch ein Zeichen sei, dass sich ihr Immunsystem wehrt, was gut sei. Das nahm sie mit einem milden Mona-Lisa-Lächeln auf. Aber dass sie sich nicht mehr aufrichten und gehen kann mit Hilfe, ist ein weiterer Rückschritt zu vorher. Nun ist es wie bei einem Querschnittsgelähmten. Zum Glück haben wir einen Rollstuhl, der durch alle Türen passt.

Meine Mutter hatte immer einen sehr starken Muttertrieb und Großmuttertrieb. Ihren Selbsterhaltungstrieb definierte sie immer darüber, ob wir sie noch brauchen. Nur so können wir sie aktivieren, was wir auch tun in ermutigender Form. Ich versuche auch immer wieder, sie auf ihre Selbstregenerierung zu fokussieren und die Sorgen wegen der Familie Gott zu übergeben im Vertrauen, dass Gott für uns sorgt und wir klarkommen. Sie dürfe sich ganz auf sich konzentrieren und sich entspannen. Das sage ich ihr immer wieder, während ich sie beruhigend im Nacken massiere, wenn sie abhustet. Das tut ihr gut, wie ich merke.

Essen kann sie auch nicht mehr normal, nur noch in flüssiger Form. Deshalb mache ich ihr Nahrungsshakes.

Das alles habe ich nie so erlebt. Keine Ahnung, was auf mich zukommt, aber ich versuche, sie über die Runden zu bringen, um sie dann womöglich in die professionellen Hände der Höhenklinik übergeben zu können, die dann hoffentlich noch etwas tun können, um ihren Krebs zu bremsen und ihr noch eine gesicherte Zeit zu geben, denn sie sorgt sich z. B. auch um ihre Inkontinenzeinlagen und alles rund um ihre Grundbedürfnisse. Bei den beruflichen Pflegerinnen fühlt sie sich sicherer, doch der medizinische Rückhalt fehlt einfach. Würde mir an ihrer Stelle auch so gehen, man will dann einfach die Sicherheit der medizinischen Grundversorgung erhalten in einer solchen Notlage, vielleicht auch in einer unrealistischen Erwartung auf Hilfe, obwohl sie die Ärzte ja eigentlich aufgeben und wir selbst klarkommen müssen. Nun hat sie also im Moment nur mich, die ich Tag und Nacht schaue, ohne eine entsprechende Ausbildung dafür, einfach in meiner Liebe zu ihr. Sie muss der Tochter, die eigentlich selbst krank ist, um die sie sich ständig so sorgte, vertrauen, dass sie die Pflege schafft, sie tragen kann trotz Schmerzen. Das ist nicht leicht, sich auf einmal voll auf mich abzustützen und mich körperlich zu belasten, wo sie mich doch eigentlich schonen will, obwohl ich ihr immer wieder sage, dass ich belastbar bin und meine Schmerzen psychosomatisch sind ohne wirkliche körperliche Einschränkung in den Muskeln. Es tut weh, aber ich kann. Das muss ich ihr immer wieder signalisieren.

Ihre Schwäche und Bettlägerigkeit schockiert sie auch sehr, nun will sie gar nicht mehr auf die Toilette und den Stuhlgang am liebsten verhindern und ebenso das Wasserlassen reduzieren, obwohl ich dagegenrede, sie das brauche, sonst schade ihr dieses Verhindernwollen.
__________________
LG Dream

Geändert von Dream (14.12.2016 um 21:55 Uhr)
  #7  
Alt 15.12.2016, 02:44
lotol lotol ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 10.04.2016
Beiträge: 716
Standard AW: Lymphdrüsenkrebs mit 81

Liebe Dream,

Engelsflügel auf den Rückwärtsgang schalten ist keine Alternative für Deine Mutter.

Versuch bitte, ihr klarzumachen, daß sie am besten die Engelsflügel mental komplett "abschnallt".
Sie hat nämlich noch gar keine.

Zitat:
Einerseits habe auch ich öfter gehört, dass mittleres Fieber gut sei gegen Krebs, weil sich der Körper wehrt, aber die rasante Abwärtsspirale in diesem Monat zu einer auf einmal eintretenden Bettlägerigkeit könnte auch auf den nahenden Tod hindeuten. Ihr Körper spielt verrückt.
Du meinst damit, unsere Körper würden sich mit mittlerem Fieber gegen einen Krebs wehren können?
Sozusagen eine "thermische Behandlung"?
Halte ich für ein Gerücht und kann das aus eigener Erfahrung auch nicht bestätigen:
Ich hatte einen bösartigen Lymphdrüsenkrebs.
Aber keinerlei Fieber während seines rapiden Heranwachsens (geschätzt innerhalb von vielleicht drei bis vier Monaten).
Dabei "spielte" nur mein Lymph-Abwehr-System "verrückt".

Du hast schon recht damit, daß Anzeichen eines nahenden Todes Deiner Mutter nicht ausgeschlossen werden können.
Die Bettlägerigkeit kann aber eben so gut auf die allgemein zunehmende Schwächung zurückführbar sein.
Konkret durch ihr Fieber.

Nachdem ja unklar zu sein scheint, wogegen ihr Körper sich per Fieber wehren will:
Wie war das denn im Zeitraum Krankenhaus-Entlassung bis heute?
War das mit dem Fieber schon immer so oder ist das jetzt zunehmend?

Zitat:
Meine Schwester - eine Altenpflegerin - und die Pflegefrau, die uns täglich vormittags aufsucht, rieten auch zu einer milderen Absenkung des Fiebers, Essigwickel.
Ja, auch Essigwickel sind als fiebersenkend bekannt.
Ist nicht ganz so eine brachiale Methode, wie der w.o. beschriebene Ganzkörper-Wickel, bei dem man wie eine Mumie "eingewickelt" ist.
Völlig hilflos und außer Stande, sich selbst wieder "auswickeln" zu können.
Insofern sind die Essigwickel (nur an den Waden) für Deine Mutter besser geeignet.
Kann man ja auch ggf. problemlos öfter wechseln.

Zitat:
Essen kann sie auch nicht mehr normal, nur noch in flüssiger Form. Deshalb mache ich ihr Nahrungsshakes.
Gut, daß Du von "Flüssig-Aufbaumitteln" sprichst.
Denn dazu fällt mir zweierlei ein, das unsere Mutter meiner Schwester und mir immer verabreichte, wenn wir uns etwas "eingefangen" hatten.

1) Zur Stärkung des Immunsystems:
In einem halbhohen Wasserglas ein (ausgeschlagenes) rohes Ei mit Rotwein verquirlen und dann trinken.
Als Rotwein eher einen "süffigen", z.B. aus Mazedonien, hernehmen.

2) Wenn wir Husten hatten, machte sie immer einen Sud aus kleingehackten Zwiebeln + Zucker + "Bärendreck" (Lakritz-Schnecken (zerkleinert)).
Pro Zwiebel 1 EL Zucker und Bärendreck nach Belieben dazu.
Das ließ sie immer etwas erwärmt zunächst mal "ziehen", bevor sie es uns gab.
War am Ende flüssig wie Hustensaft.

1) und/oder 2) schmeckten uns nicht nur gut, sondern halfen auch immer.

Noch lieber waren wir aber wieder gesund.
War einfach "nervig", krank im Bett liegen zu müssen.
Denn da war unsere Mutter "eisern":
Krank?
Ab in's Bett und auskurieren!

Kannst ja mal googeln.
Dazu findest Du bestimmt auch noch weitere/ähnliche "Rezepte", die dazu geeignet sind, Deiner Mutter natürliche Flüssig-Aufbaumittel für ihr Immunsystem zuzuführen.

Zitat:
Das alles habe ich nie so erlebt. Keine Ahnung, was auf mich zukommt, aber ich versuche, sie über die Runden zu bringen, um sie dann womöglich in die professionellen Hände der Höhenklinik übergeben zu können, die dann hoffentlich noch etwas tun können, um ihren Krebs zu bremsen und ihr noch eine gesicherte Zeit zu geben, denn sie sorgt sich z. B. auch um ihre Inkontinenzeinlagen und alles rund um ihre Grundbedürfnisse.
Inkontinenzeinlagen und weitere Grundbedürfnisse sind alles Angelegenheiten des "Hier und Jetzt" und nicht des Jenseits.

Kein schlechtes Anzeichen, daß sich Deine Mutter darüber Gedanken macht.
Jedenfalls sind es aus meiner Sicht bessere als an Engelsflügel zu denken.
Auch wenn Du nicht weißt, was auf Dich zukommt, versuch bitte, Deine Mutter im Hier und Jetzt halten zu können.
Und versuch auch, sie darin zu bestärken, daß es für sie richtig ist, das zu tun bzw. zu wollen.
So lange es ihr noch möglich ist.

Denn danach werdet ihr unwiderruflich voneinander getrennt sein.
Der Schmerz darüber wird naturgemäß bei Dir verbleiben.
Sprich bitte auch darüber mit ihr; denn ihre (evtl.) Engelsflügel werden Dir in Deinem Schmerz wenig helfen können.
Weil Engelsflügel imaginär sind, während Dein Schmerz real sein wird.


Liebe Grüße
lotol
__________________
Krieger haben Narben.
---
1. Therapie (2016): 6 Zyklen R-CHOP (Standard) => CR
Nach ca. 3 Jahren Rezidiv

2. Therapie (2019/2020): 6 Zyklen Obinutuzumab + Bendamustin => CR
Nach ca. 1 Jahr Rezidiv, räumlich begrenzt in der rechten Achsel

3. Therapie (2021): Bestrahlung
Thema geschlossen

Lesezeichen


Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)
 

Forumregeln
Es ist Ihnen nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Ihre Beiträge zu bearbeiten.

BB-Code ist an.
Smileys sind an.
[IMG] Code ist an.
HTML-Code ist aus.

Gehe zu


Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 05:45 Uhr.


Für die Inhalte der einzelnen Beiträge ist der jeweilige Autor verantwortlich. Mit allgemeinen Fragen, Ergänzungen oder Kommentaren wenden Sie sich bitte an Marcus Oehlrich. Diese Informationen wurden sorgfältig ausgewählt und werden regelmäßig überarbeitet. Dennoch kann die Richtigkeit der Inhalte keine Gewähr übernommen werden. Insbesondere für Links (Verweise) auf andere Informationsangebote kann keine Haftung übernommen werden. Mit der Nutzung erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen an.
Powered by vBulletin® Version 3.8.7 (Deutsch)
Copyright ©2000 - 2024, vBulletin Solutions, Inc.
Gehostet bei der 1&1 Internet AG
Copyright © 1997-2024 Volker Karl Oehlrich-Gesellschaft e.V.
Impressum: Volker Karl Oehlrich-Gesellschaft e.V. · Eisenacher Str. 8 · 64560 Riedstadt / Vertretungsberechtigter Vorstand: Marcus Oehlrich / Datenschutzerklärung
Spendenkonto: Volker Karl Oehlrich-Gesellschaft e.V. · Volksbank Darmstadt Mainz eG · IBAN DE74 5519 0000 0172 5250 16 · BIC: MVBMDE55